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Pressearbeit: Stil und Professionalisierung

Da ich im Moment nicht arbeiten kann, habe ich mir überlegt, meine prinzipiell vorhandenen Fähigkeiten bei den Piraten einzubringen. Bin also seit ein paar Wochen bei der AG ÖA, also der Arbeitsgemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit, der NRW-AG, die sich um Pressearbeit kümmert. Als Blogger, ehemaliger freier Journalist und als Kulturmacher habe ich viele Pressemitteilungen geschrieben, noch mehr zu Artikeln verarbeitet, und schreiben kann ich prinzipiell ja – also habe ich etwas einzubringen.

Inzwischen habe ich auch an einigen PMs der Piraten mitgearbeitet, und das hat Spaß gemacht, also meistens. Ich muss auch zugeben, ich hatte diebischen Spaß daran, die Diskussionen zu lesen, als in unserer PM zu den monoedukativen Bestrebungen von Frau Löhrmann „bemerkenswert sexistisch“ zu lesen war. Eine Formulierung, die ich ersonnen hatte, die von manchen sehr unterstützt wurde, die anderen aufgestoßen ist. Ich mag es, zu polarisieren, und ich halte die Polemik, die natürlich da mit drin steckt, für ein absolut legitimes politisches Mittel.

Aber es gibt Sachen, die ich nicht mag, die ich auch durchaus für falsch halte. Und da ist die fehlende Provokation, die bei vielen unserer Pressemitteilungen auffällt, das erste Beispiel. Man muss sich fragen, was man mit Pressemitteilungen erreichen will. In einem Blogbeitrag finde ich es wichtig, mich zu positionieren, auf der anderen Seite aber gerne auch der Gegenseite mit Respekt und einer ausgestreckten Hand zu begegnen. Da heißt es abwägen. In einer Pressemitteilung sollte ich das nicht tun. Es geht darum aufzufallen, aus dem Wust der PMs, die täglich eintreffen, herauszustechen. Klare Worte sind da wichtig. Prägnante Formulierungen und auf gar keinen Fall einen verwechselbaren langweiligen Stil.

Leider wirken manche PMs unserer Partei recht schematisch. Das oberste Gesetz dabei sind die Zitate! Die Technik dabei ist folgende: ein bis zwei Autoren schreiben einen Grundtext, und bauen an häufig gleichen Stellen Zitate ein, die niemand so gesagt hat. Dann wird fieberhaft ein LaVo, ein Abgeordneter oder ein AK-Koordinator gesucht, der diese Zitate autorisiert. Weil Zitate ja so wichtig sind. Das sind sie auch, wenn ich als Journalist einen Artikel schreibe, habe ich an meinem zweiten Tag in der Lokalredaktion gelernt, in der ich mein Praktikum gemacht habe. Zitate würzen jeden Artikel.

Jetzt sind Pressemitteilungen keine Artikel, und an der Stelle stimmt was mit unserer Arbeitsweise nicht. Um mir das etwas genauer anzuschauen, habe ich mal rumgeschaut, wie lösen die Etablierten denn sowas? Und deren Pressemitteilungen sehen ganz anders aus. Es gibt eine kurze Einleitung, und die sagt im Prinzip nur, wer spricht, denn dann kommt das Zitat. Also zwei bis drei Absätze nur Zitat einer Politiknase. Meistens Vorsitzende, gerne auch Minister und so was. Jetzt habe ich ein ethisches Grundproblem, das mit meiner Neigung zu Offenheit und Ehrlichkeit zusammen hängt. Ich finde es übel, wenn Zitate von anderen geschrieben werden. Da schreiben die Pressereferenten so schicke kleine Äußerungen, und die sind dann von Özdemir, Seehofer oder Westerwelle – also offiziell. Ja, ich weiß, die Politiker haben weder die Zeit noch (zumindest meistens) die Sprachgewalt, ihre Pressemitteilungen selbst zu schreiben, und ja, es klänge irgendwie doof, wenn da stände: „Pressereferent XY sagte“

Aber das soll machen, wer will, ist ja auch in Ordnung, irgendwie. Dass wir diese (Un-)Art übernommen haben, finde ich dementsprechend. Also allenfalls irgendwie in Ordnung. Die Frage ist natürlich, wie wir es besser machen könnten. Die Mischung aus Artikelelementen und Zitaten in unseren Pressemitteilungen liegt daran, dass wir einerseits eben nicht immer nur eine Nase in den Vordergrund schieben wollen, aber andererseits auch nicht auf Zitate verzichten wollen, die es den Journalisten einfacher macht, ihre Artikel zu schreiben. Das Problem besteht hauptsächlich darin, dass die Artikelelemente einfach zu einer gewissen Neutralität verführen, und das zu gepflegter Langeweile verführt.

Ich finde den Kompromiss faul. Ich finde, wir sollten uns entscheiden. Also entweder so vorgehen, wie die Etablierten es tun, womit wir es der Presse einfacher machen – und ich war lange genug Journalist, dass ich den Charme dieser Lösung sehe – oder mit der Idee ernst machen, dass wir für Köpfchen stehen, und nicht so sehr für Köpfe. Und dann gibt es nur noch einen gerne pointierten und manchmal aggressiven Text, der im Namen der Bundes- oder Landespartei veröffentlicht wird – für untergeordnete Strukturen gilt das natürlich genauso. Ja, es könnte ein bisschen dauern, bis die Journalisten lernen, mit solchen PMs zu arbeiten, aber diese Lösung wäre konsequent. Nebenbei: Für die Fraktionen wäre diese Lösung nur mit Einschränkungen zu empfehlen, hier hat es durchaus Sinn, wenn einzelne Köpfe promotet werden, Themen zugeordnet werden.

Und ja, die Journalisten werden damit erst mal Probleme haben, als Sprecher meines Stammtisches habe ich bisher sehr gerne so gearbeitet, und die wenigen Pressemitteilungen, die überhaupt beachtet wurden, wurden dann als meine Äußerungen begriffen. Aber das heißt ja nicht, dass Journalisten es nicht lernen können, vielleicht sogar in Gummersbach.

Wenn es aber in der Weise weitergehen soll, wie bisher, dann sollte wenn irgend möglich, der Zitatgeber vorher gefragt werden, seine Zitate vorher selbst formulieren, und der Rest dann darum gestrickt – ist sicherlich auch eine qualitative Verbesserung. Warum? Weil es Kreativität fordert, mit den vorgegebenen Zitaten zu arbeiten, und jedes bisschen Kreativität macht Texte besser.

Die Fraktion hat ja nun bald festangestellte Pressereferenten, die dann wahrscheinlich wieder andere Ideen haben. Da wir es mit einer gewissen Trennung von Partei und Fraktion ja durchaus ernst nehmen, ist das auch richtig so. Wir müssen sicherlich auch in den Parteistrukturen darüber nachdenken, ob es da in Zukunft bezahlte Stellen geben soll, eine gibt es im Bund, und darüber müssen wir auch im Land nachdenken – so wir es irgendwie bezahlen können. Allerdings ist das vor allem für die Koordination wirklich wichtig, für die Erreichbarkeit. Ein Pressesprecher wird den ganzen Tag über angerufen, welcher Arbeitgeber lässt seinen Arbeitnehmer das nebenbei erledigen? PMs schreiben, das funktioniert erstaunlich schnell und gut auch über die ehrenamtliche Schiene. Jemand schickt einen PAD-Link über die Liste, nach wenigen Minuten haben sich da zwei bis drei Piraten versammelt und dann wird schnell was gebastelt, und da ist die Uhrzeit fast egal bei.

Die Professionalisierung, die zum Beispiel besagt, dass nur noch Piraten mit Fachkenntnissen Pressearbeit machen dürfen, wird von Gefion Thürmer gefordert, der ehemaligen Beisitzerin im Bundesvorstand, die unter anderem für Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Sie vergleicht das mit der Verwaltung, wo man ja auch am liebsten Fachleute hat. Stimmt, ich bin auch für eine Buchhalterin als Schatzmeisterin und werde nächste Woche auf dem LPT dafür werben, aber Pressearbeit ist sehr viel mehr inhaltlich, da möchte ich nicht auf einen offenen Zugang verzichten. Es geht hier um Basisdemokratie, da nehme ich lieber in Kauf, dass Leute an PMs mitschreiben, die mal einen Bock schießen, als dass sich ein Klübchen zusammen stellt, dass dann über die Außendarstellung alleine entscheidet, ohne dafür legitimiert zu sein, ohne die Möglichkeit für jeden, dazuzukommen. Wir sollten uns wenigstens die Möglichkeit erhalten zu dilettieren, wir wollen doch nicht zu etablierten Politikern werden, und wir sollten damokratisch bleiben, so demokratisch wie möglich.

Servicegruppen, Intransparenz und wir zerfleischen uns wieder

EDIT: Es stimmt nicht alles, offenbar sind meine Informationen unzureichend. Viele Schlussfolgerungen stimmen trotzdem. Man kann sich genauere Informationen über die Links holen, die in Gefions Kommentar zum Blog stehen.

Inzwischen sollten es die meisten gemerkt haben, wenn man in eine Partei geht, um etwas zu erreichen und zu ändern, dann sollte man zu uns kommen, zu den Piraten – ABER …

Wir hindern uns mal wieder selbst. Alles wie gehabt. Dieses Mal geht es um Servicegruppen, die eine totale Neuerung darstellen. Die grundsätzliche Arbeit auf Bundesebene funktionierte bisher über AGs, also Arbeitsgemeinschaften – und da arbeitet man halt mit, wenn man mag, oder auch nicht. Das natürlich transparent, wie man das kennt. Meistens über offene Mailingliste und Pads, auch übers Wiki und per Mumble – je nach Geschmack, unsere Kommunikationsformen sind weit verzweigt, zum Ärger für viele Neulinge wie Altpiraten – ein wenig Ordnung wäre da wünschenswert. Aber wir wollen vieles, ja eigentlich ales anders machen, da bleibt Ordnung fast notwendigerweise auf der Strecke.

AGs sind auf Bundesebene in der programmatischen Arbeit hier und da recht produktiv, an anderen Stellen eher nicht. Vor allem dann, wenn es einzelne Extrempositionen gibt, deren Inhaber dann die Liste trollen, wo sie nur können, oder dann, wenn die Koordinatoren gerne auch mal ihr eigenes Süppchen kochen und die Lsite moderieren, ohne dass das wirklich nötig wäre. Auf einen Konsens kommt keine AG und deswegen kommen die Anträge dann doch meistens von Einzelpersonen oder aus kleineren Gruppen, die einfach eine größere Chance haben, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Nun gibt es auch unprogrammatische AGs, die AGs, die bei uns in NRW auch so heißen würden – Gruppen, die programmatische Arbeit machen, nennen wir auf Landesebene zur besseren Unterscheidung AK. Und diese AGs, die zum Beispiel Technik betreuen, Pressearbeit machen, recherchieren und ähnliches, werden nun in SGs umgewandelt. Und das von oben nach unten, also durch den Bundesvorstand und speziell durch Gefion Thürmer, die für die Servicegruppen zuständig ist.

Und das hat wieder mal Grabenkämpfe angeregt, die sich gewaschen haben. Das ist auch nicht so einfach. Bisher waren die AGs unabhängig, die diverse Arbeiten übernommen haben.  Diese Unabhängigkeit gilt für die SGs nicht, die sind direkt dem Bundesvorstand untergeordnet. Aber was bei programmatischen AGs natürlich entgegen allem stehen würde, was die Piratenpartei ausmacht, das ist bei den Servicegruppen und ihren Aufgaben deutlich besser nachvollziehbar. Eine Gruppe, die die Website managet, sollte nicht entscheiden können, was sie auf dieser Präsenz veröffentlicht – schließlich hat die AG keine andere Legitimation als die aus sich selbst heraus. Hier könnte eine Gruppe eine AG kapern und damit treiben, was sie will – wenn sich vorher nicht der Shitstorm des Todes +5 sich erheben würde. Letztlich ist es aber eine ganz normale Sache, dass es hier eine gewisse Koordination geben muss, die sicherlich bei den SGs durch den BuVo gegeben ist.

Die Einführung der SGs ist also durchaus kein falscher Schritt, allein, die Frage, wie man eine solche Einführung gestaltet, sollte man sich allerdings besser überlegen, als es nun geschehen ist. Die meines Wissens erste AG, die zu einer SG wurde, war die, die sich um Presseangelegenheiten kümmert. Die AG wurde aufgelöst, nach demokratischem Votum, das aber von manchen angezweifelt wird. Dann wurde die SG gegründet und gleich wurde auch noch ein Aufnahmestopp verhängt – ja, das macht Vertrauen in neue Strukturen, oder? Und als ob das noch nicht unclever genug gewesen wäre, man machte auch noch die Mailingliste nicht öffentlich. Und das, obwohl die Intransparenzallergie der Piraten allgemein bekannt ist. Und ganz nebenbei hat noch niemand, der nicht dazugehört, so richtig verstanden, warum diese Liste nicht öffentlich ist.

Als letztes Problem bei der Einführung besteht noch, dass Gefion, die ja nun mal die Sache managet,  nicht einfach mal Klartext spricht, es gut erklärt, sondern es viel mehr aussitzt – Politik 1.01, und wir wollten doch mal mindestens auf den 2.0-Standard.

Klar muss sein, eine ähnliche Struktur wie bei den SGs darf es nicht für die programmatischen AGs geben, programmatische Arbeit kommt von der Basis, oder gar nicht. Hier darf es keine Gruppen geben, die vom BuVo Weisungen empfangen. Aber es muss auch klar sein, dass wir langsam aber sicher zu einer ernstzunehmenden Partei werden wollen, zu einer Partei, bei der grundlegende Sachen auch funktionieren müssen – und das geht nicht, wenn AGs ohne Legitimation und Struktur vor sich hin wursteln – ich gehe davon aus, dass das im Moment eher nicht so ist, allerdings sehe ich da eine mehr oder weniger inaktive AG in NRW auf die wir prinzipiell angewiesen sind. Ich bin bei der Mailingliste angemeldet, und bekomme keine Mails von dieser Liste – und das wohl nicht, weil es da auch irgendwelche Probleme gibt, sondern weil einfach nichts passiert. Ich geh jetzt mal davon aus, dass das auf Bundesebene nicht so schnell passiert, aber die Gefahr besteht halt. Die SGs oder ähnliche Strukturen muss es geben, und da darf es auch Kontrolle durch den BuVo geben. Schließlich wählen wir die Vorstände, damit die die Strukturen verwalten. Das sollten sie auch dürfen.

Andererseits wollen einige Vorstände wiedergewählt werden, da gehört auch Gefion zu – und ganz ehrlich, sollte sie bis zum BPT ihre Informationspolitik nicht gründlich überarbeiten, dann glaube ich da überhaupt nicht dran.