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Quick – Zensur in der Grundschule

Schreiben, so lange der Zorn noch raucht. Ein befreundeter Autor, der wie ich als Künstler in Schulen geht, und dort im Gegensatz zu mir – ich mach da Theater – mit Grundschulkindern Bücher schreibt, erzählte mir gerade chattend die Geschichte seines letzten Projektes. Und wie sagt man in Bonn? Nun habe ich einen Hals von hier bis Koblenz! (Ja, auf Bönnsch klingt es besser)
Was also war passiert? Ein kleiner Junge, wie gesagt, Grundschüler, hat eine kleine unheimliche Geschichte geschrieben, in der fast nebenbei zwei Personen Sex haben, und oh Wunder, dabei nackt sind. Beide Worte, „nackt“ und „Sex“ hat der Junge dabei benutzt, und weil der Kollege nichts von Zensur hält, hat er die Geschichte mit ins Buch übernommen. Er sagt, klar, das ist keine gute Geschichte, aber es ist nun mal in dem Kindd vorhanden, also druck ich es auch ab.
Wir arbeiten für das NRW-Landesprojekt Kultur und Schule, und damit folgt er durchaus dem, was wir als Künstler tun sollen. Wir werden vom Land dafür bezahlt, als Künstler in die Schulen zu gehen, künstlerisch und nicht pädagogisch zu denken, und dieses Denken auch den Kindern zu vermitteln. Wenn man also die Grundidee hat, die Schreibergebnisse von Kindern zu einem Buch zu machen, dann müsen auch die dunklen Geschichten, die in Kindern auch zu Hause sind, mitveröffentlicht werden. Alles andere wäre inkonsequent.
Als das Buch dann allerdings der Schulleiterin in die Hände fiel, wurden Kind und Künstler scharf angegriffen, man ging mit einem Edding ans Werk, das Anstößige zu tilgen. Der Junge wurde bloßgestellt.
Ich frage mich, wie gar nicht so selten, was manche Leute sich erlauben und was sie meinen, was man Kindern vorleben soll. Zensur ist furchtbar, das Kind tut mir leid, der Kollege natürlich auch, kein Wunder, dass er kaum noch Motivation fühlt, sein diesjähriges Projekt (glücklicherweise an einer anderen Schule) anzutreten. Offenbar geht es der Schulleiterin nur um die Fassade, die man nach Außen zeigt. Sicherlich hätte sie sich gerne mit einem braven Buch geschmückt, auch wenn sie zum Gelingen des Projektes nichts beigetragen hat – das gab es nicht und so heißt es jetzt „Schadensbegrenzung“ statt einfach mal zuzulassen, dass Kinder auch mal ihre schwierigen Gedanken auf Papier und in die Öffentlichkeit bringen.
Was bringt man mit einer solchen Aktion denn Kindern bei? Dass es besser ist, über „sowas“ nicht zu sprechen? Dass man „sowas“ nicht tut? Aus welchem Mittelalter ist die Frau entlaufen?

Sechs Jahre Grundschule

Tja, jetzt hatten wir in letzter Zeit zwei Plebiszite, und so, wie mich das Ergebnis des ersten erfreut hat, so hat mich das des zweiten geärgert. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum so viele Volksabstimmungen als eine großartige Sache anpreisen, die in Hamburg zeigt ja, dass man mit Panikmache gegen jedes sinnvolle Argument gewinnen kann – von Minarettverboten in der Schweiz ganz abgesehen – wer hat’s erfunden?

Aber eigentlich wollte ich mal kurz auf die Idee der Grundschule eingehen, die sechs Jahre dauern sollte, wenn man in Hamburg nicht lieber einen kräftigen Schritt nach hinten gegangen wäre. Die Grundschule, so, wie ich sie in meiner Arbeit als Theaterpädagoge erlebe, und da mein bester Freund auch noch ein engagierter Grundschullehrer ist, bekomme ich auch hier ein Bild, die Grundschule also ist ein Schonraum im Bildungssystem. Über Jahre arbeiten die Pädagogen hier daran, dass Schüler selbstständig lernen, dass sie Sozialkompetenzen erwerben, dass sie die Grundlagen bekommen, mit denen sie bald durchstarten können. Das Problem ist nur, dass die Kinder nach nur vier Jahren schon aus diesem Paradies in die Schulen geschickt werden, die eher mit der Hölle des guten alten Frontalunterrichts punkten wollen. Die Kinder, die die Grundschule verlassen, müssen viel zu früh Jugendliche werden, weil sie nun in die Welt der Jugendlichen, der Bravo und der schlechten Vampirfilme geraten – und je nach Schule gibt es auch noch viel schlimmere Verhältnisse, an die sich Kinder gewöhnen müssen, die dafür aber eigentlich mindestens zwei Jahre zu jung sind. Überall auf der Welt unterrichtet man die jungen Schüler anders und länger, nur im deutschen Sprachraum macht man so einen Quatsch.

Hier könnte man übrigens auch von der Walddorfschule lernen, die ihre Schüler die ersten sieben Jahre in festen Klassen mit einem Klassenlehrer und ohne das eh meistens sinnfreie Sitzenbleiben unterrichten, in diesen sieben Jahren werden die Kinder vielfach praktisch angeleitet, es wird ein Fundament gelegt, auch wenn das wissenschaftliche Arbeiten noch gar nicht so sehr vorangetrieben wird – die Schüler sind am Anfang der achten Klasse hinter dem Gymnasium zurück, haben aber ein so gutes Fundament, dass sie – ich seh das am Beispiel der örtlichen Walddorfschule in meinem Landkreis – im Abiturschnitt vor den Gymnasien liegen – von den Gesamtschulen reden wir lieber nicht, die sind in der Parallelexistenz mit dem dreigliedrigen Schulsystem eh nicht konkurrenzfähig, da sie eigentlich nur Schüler abbekommen, bei denen es nicht fürs Gymnasium reicht – eigentlich erstaunlich, dass trotzdem noch so viele Gesamtschüler Abitur machen. Ein ähnlich gutes Fundament könnten mit ein bisschen finanziellem Wohlwollen der Schulministerien auch die Grundschule bieten – nicht mit dreißig Schülern und mehr in den Klassen, wer das verantwortet, gehört wegen Veruntreuung der vorhandenen geistigen Potentiale der Schülerschaft aus dem Land gepeitscht. Mit einem solchen Fundament und einer sinnvollen Reform der weiterführenden Schulen wäre auch das Abitur nach zwölf Jahren problemlos möglich und nicht der Hauptgrund, weshalb ich als Nachhilfelehrer immer Überstunden schieben muss.

Leider wird die sechsjährige Grundschule auch bei uns in NRW und wahrscheinlich großflächig in der wüsten Schullandschaft Deutschlands eine Fata Morgana bleiben – sie wäre ein sinnvoller Schritt in Richtung einer besseren Schulsituation.


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