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Von der Höflichkeit auf Mailinglisten

Es geht um Umgang, um Höflichkeit, um Ehrlichkeit. Ich streite mich im Moment ein bisschen mit meinem fleißigsten Kommentator Mideg, weil er den einen oder anderen Umgangston auf der NRW-Aktiven, also der Mailingliste der Piratenpartei-NRW für bedenklich hält. Er fühlt sich nicht wohl, wo jemand Pissnelke genannt wird – keine Sorge, es war weder er noch ich, es ging nur um einen Islamophoben, also diese weichgespülte Naziversion, die nicht mehr antisemitisch ist, dafür aber Sarrazin und Broder huldigt und deren Brandstiftergedanken lauscht. Ich halte den auch für eine Pissnelke, ich halte ihn auch für einen Idioten – und interessanterweise will dieser Typ auch noch für die Piraten kandidieren, was vermutlich aber jede Piratenversammlung zu verhindern wissen wird – es sei denn, die Piraten sind plötzlich eine ganz andere Partei, als die, die ich kennengelernt habe. Es gingen ein paar Mails in den letzten Tagen über die NRW-Aktive, die nicht höflich waren, und wo Leuten sehr konkret vorgeschlagen wurde, dass sie bei uns nicht das Geringste zu suchen haben. Und das war teilweise auch mit kleinen Entgleisungen unterfüttert, wovon die Pissnelke ein schönes Beispiel gibt. Das ließ mich ein bisschen über Höflichkeit nachdenken:
Ich habe vor ein paar Tagen mal getwittert: “ Höflichkeit nutzt man hauptsächlich, wenn man dem anderen nicht vertraut.“ Höflichkeit ist immer auch Verstellung. Jetzt will ich mich aber gar nicht verstellen, ich will Politik machen. In einem vertrauten Bereich bin ich weniger höflich, mecker auch mal unschön rum und lass meine Laune auch spürbar werden. Ja, das ist manchmal für andere nervig, und ja, ich finde es auch nicht gut, wenn ich von jemandem blöd angemacht werde. Aber es geht um Politik, es geht um Streit, es geht nicht ums Kaffeekränzchen bei Tante Inge, wo alle sich gegenseitig vorheucheln, wie lieb sie sich haben.
Wenn dann jemand einen Islamophoben eine Pissnelke nennt, bekommt er dafür zwar auf der einen Seite ein paar mahnende Worte, er möge seine Sprache beherrschen, aber auch einige Zustimmungsmails, weil dieser Islamophobe nun mal eine Pissnelke ist. Und ich glaube, das ist auch in Ordnung so.
Wir sind die Partei, die sich mehr Ehrlichkeit auf die Fahne geschrieben hat. Ehrlichkeit hat mit Höflichkeit wenig zu tun, die ist letztlich kaum etwas anderes als eine Lüge. Schaut man es sich genau an, dann ist die Höflichkeit doch nur ein Schild, mit dem ich mir Leute weghalte, mit denen ich nichts zu tun haben will. Leute, gegenüber denen ich wirklich höflich bin, denen vertraue ich nicht, und meistens mag ich sie auch nicht. Gegenüber Leuten, die ich mag und denen ich vertraue, gibt es keinen Grund, mich zu verstellen. Und wenn ich angepisst bin, dann zeig ich das auch, und wenn ich jemanden für eine Pissnelke halte, warum soll ich das denn dann nicht auch sagen.
In den etablierten Parteien nennt man sich „Freunde“ oder „Genossen“, wahrscheinlich auch noch „Kameraden“, und was ist das für eine widerliche Heuchelei. Ich muss nicht mit meinen Mitpiraten befreundet sein, ich kann den einen oder anderen auch für ein arrogantes Arsch oder einen Spinner halten, es geht hauptsächlich darum, mit ihnen um einen richtigen Kurs zu streiten, um gute Lösungen, um gute Ideen. (Es hindert mich übrigens auch nicht daran, dass ich einige Piraten total sympathisch finde und dass ich gerne zu unseren Stammtischen fahre)
Aber wichtig ist, dass ich meinen Mitpiraten vertraue, dass ich mich nicht gezwungen fühle, eine künstliche Höflichkeit an den Tag zu legen – wir wollen ja auch keinen Krawattenzwang, keine Uniformierung, keine Quoten, Höflichkeit ist genauso ein behinderndes Netz, was einen von ernsthafter Arbeit nur abhält.
Und wenn jemand ständig kübelweise Beleidigungen auf die Mailingliste erbricht, dann werde ich diesen natürlich nicht mehr ernst nehmen, keine Frage, wenn jemand immer höflich und verbindlich scheint, und trotzdem ein Arschloch ist, dann ist er viel schwieriger zu identifizieren. Von daher wird mir der Umgangston auf unseren Mailinglisten, so nervig er manchmal ist, von Satz zu Satz, den ich schreibe, irgendwie sympathischer. Meine Partei ist nicht höflich? Ist okay. Wäre sie nicht ehrlich, wäre sie nicht mehr meine Partei.