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Kultursubventionen / ein piratiger Blick

Vor ein paar Monaten hatte ich hier (https://hollarius.wordpress.com/2011/06/30/die-kultur-und-das-liebe-subventionierte-geld/) schon mal über Kultursubventionen geschrieben, aus einer Diskussion heraus, aus meiner persönlichen Sicht als Künstler heraus. Jetzt bin ich seit ein paar Wochen bei den Piraten und finde in der für Neupiraten sehr verwirrenden Takelage aus Pads, Wiki, diversen Seiten, Forum und Mailinglisten zu dem Thema eher Unpräzises. Alle sollen irgendwie an Kultur teilnehmen können, freier Eintritt in Museen wird gefordert – aber das ist alles sehr ungefähr. Es ist ja auch ein Nischenthema, und außerdem ein Lokalthema, was die Bundespartei natürlich nicht so sehr interessiert. Aber auch Lokalpolitik muss ja besetzt werden, ist im Moment ja auch der einzige Punkt, an dem wir ansetzen können, schließlich ist Berlin nicht nur ein Bundesland, sondern auch eine Stadt mit viel Kultur, wo das Thema wichtig ist.

Es gibt eigentlich zwei Blicke auf die Kultur, wenn man mit den Augen des Piraten sieht. Einerseits ist der freie Zugang natürlich von basaler Wichtigkeit. Freier Zugang ist das, was die Piraten zusammenhält. Also sollte es auch freien Zugang zu Theater und Oper, zu Museen und Konzertsälen geben, oder?

Andererseits soll sich der Staat ja nicht in alles einmischen, und dass jede Karte in der Oper mit durchschnittlich zweihundert Euro vom  Staat gesponsert wird, ist für mich persönlich, der ich zwei bis dreimal im Jahr die eine oder andere Oper besuche, eine tolle Sache,  aber eigentlich kaum zu rechtfertigen.  Warum wird eine Einrichtung, die nur von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft besucht wird, so hoch subventioniert?

Alles umsonst, das ist eine hübsche Idee, aber auch nicht zu bezahlen. Die Städte sind eh mehr oder weniger pleite. Ein Streichen der Subventionen würde aber in die andere Richtung gehen, angloamerikanische Verhältnisse sind nicht die, die wir suchen. Dort ist die Hochkultur eine absolute Mangelware, und/oder von Mäzenen nicht nur bezahlt, sondern auch gesteuert. Also schauen wir mal etwas genauer an, was heute bezahlt wird.

Da gibt es sehr unterschiedliche Konzepte.  Die größte Ausgabe der großen Städte geht an Opern und Schauspielhäuser. Hier sind viele Menschen angestellt, hier werden Stars eingekauft, die für wenige Tage eingeflogen werden.  Relativ gesehen, werden Eintrittskarten fürs Museum sogar noch mehr subventioniert. Da wird auch sehr viel sehr gute Arbeit geleistet, da gibt es immer wieder sehr neue Inszenierungen, da gibt es Orchester auf höchstem Niveau, Künstler, die unglaublich intelligente und provokante Werke schaffen – es gibt aber auch viel Mittelmaß, man findet sogar recht häufig Mist, der gut bezahlt wird. Der festangestellte Künstler neigt zum Stillstand. Noch problematischer ist es allerdings, dass es erstens quasi eine Vollkasko gibt, dass es geradezu egal ist, was man macht, und wie viel Publikum man erreicht, und auf der anderen Seite steckt da ja auch eine Denkart hinter, die mit Kunstförderung gar nichts zu tun hat: Es geht hier eindeutig auch um Gallionsfiguren, um Aushängeschilder, in deren Rettung sich Politiker ihre eigenen Denkmäler bauen.

Auch in der freien Szene gibt es eine Menge Subventionen, die auf verschiedenste Art ausgeschüttet werden – im Vergleich aber zu den Aushängeschildern, geht hier nur relativ wenig Geld hin. Das bewirkt trotzdem recht viel. Warum? Naja, weil es immer eine anteilige Finanzierung ist. Man stößt Projekte mit Geld an, man finanziert sie nicht vollständig. Oftmals heißt erfolgreiche Kulturförderung auch vor allem das Bereitstellen von Räumen, sowohl für die künstlerische Arbeit, als auch für Auftritte.

Soweit grob gesehen der Ist-Zustand. Wie kann man denn nun den freien Zugang damit kombinieren, dass eine Vollsubvention der Kunst nicht nur finanziell utopisch ist, sondern auch noch, ähnlich wie die Konzepte für eine Kulturflatrate,  daran kranken würden, dass es so schwierig zu entscheiden ist, was denn Kultur ist, und wer denn nun subventioniert werden muss.

Es gibt zwei wichtige Ansätze:

Erstens der freie Zugang dazu, Kunst betreiben zu können. Jeder soll die Möglichkeit haben, selbst tätig zu werden. Deswegen sollten Subventionen mehr in die Breite gehen, als in die Leuchttürme der Hochkultur.  Ein Instrument zu lernen, ist schon ein kleiner Luxus, auch andere kulturpädagogische Angebote müssen meistens recht teuer sein, weil die Kulturpädagogen – unter denen ich jetzt mal die Klavierlehrer, Kunst- und Theaterpädagogen und alle anderen subsummiere, die anderen Menschen etwas beibringen, dass ihnen ermöglicht, an der Schaffung von Kultur teilzunehmen. Hier sollte investiert werden, und natürlich braucht diese Kunst von unten auch Proben- und Aufführungsräume.  Hier einen freien Zugang zu schaffen, wäre ein Ideal. Wenigstens ernsthaft die zu unterstützen, die es sich nicht selbst finanzieren können, wäre das erste kleine Ziel. (Habe letztens selbst mit einer H4-Mutter gesprochen, die sagte, dass es einfach nicht drin wäre, ihrem Sohn Gitarrenunterricht zu bezahlen. Die H4-Gutscheine eines Jahres würden für zwei Monate reichen. Der Junge übt stundenlang ohne Unterricht – eine Schande, wo so viele, die es sich leisten können, nur unter Druck ihr Instrument anfassen …)

Aber nicht nur freier Unterricht wäre anzustreben, sondern eben auch eine Unterstützung von freien Gruppen. Probenräume und Aufführungsorte müssen für örtliche Gruppen kostenlos sein, die Amateure, die Liebhaber müssen unterstützt werden. Es braucht Möglichkeiten für junge Bands, sich vor Publikum zu zeigen, und je professioneller Bühne und Technik dafür ist, desto mehr kann der Nachwuchs davon profitieren. Subventionen, die Projekte anschieben, die der halbprofessionellen und professionellen lokalen Szene helfen, auf eigenen Beinen zu stehen, sind viel besser, als das Einkaufen von fremdem Mittelmaß. Etabliert sich eine starke lokale Szene, dann wird das Interesse an guten fremden Kräften auch von selbst wachsen. Auch Veranstalter können auf einem solchen Fundament gut aufbauen und die Szene wiederum bereichern.

Zweitens sollen die hochsubventionierten Häuser, die Museen und Opern, die Konzertsäle immer auch eine Bringschuld haben. Wenn es darum geht, wie die Subventionen weiterfließen, muss jedes dieser Häuser zeigen, wie man sich darum bemüht, einen Zugang zu schaffen. Und dabei geht es nicht darum, dass man seinen Abonnenten irgendwelche Rabatte gewährt, es geht darum, dass Kulturferne an die Kultur herangebracht werden. Das können Kooperationen mit Stadtteilprojekten sein, dass können freie öffentliche Generalproben sein, für die Karten in Schulen verteilt werden. Das können Kunstprojekte sein, in die Menschen aus den – ich sags mal provokant – Slums eingebunden werden. Die Theater haben Dramaturgen, die Museen Kuratoren,  und denen wird vieles einfallen, ebensolche Projekte anzukurbeln, die Menschen an die Kultur heranbringen. Man muss sie nur dazu zwingen, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen. Es geht nicht darum, in die künstlerische Freiheit einzugreifen, es geht auch nicht darum, pädagogische Arbeit den Künstlern aufzuzwingen. Aber wenn diese Häuser viele Millionen im Jahr verschlingen, dann sollen sie sich auch darum kümmern, dass sie das nicht nur für einen winzigen Teil der Gesellschaft tun. Es geht hier darum, dass Menschen an die Hand genommen werden müssen – die glauben nämlich, RTL2 würde ihnen reichen, sie wissen es nicht besser, es hat ihnen noch keiner gezeigt. Wenn die Opernhäuser und Stadttheater das nicht leisten können, die Orchester und Ensembles, dann sind die Subventionen offenkundig falsch angelegt.

Mehr Subventionen in den künstlerischen Breitensport, mehr Öffnung der subventionierten Kulturtempel, das wären doch schon mal zwei schöne piratige Forderungen, oder?

Die Kultur und das liebe (subventionierte) Geld

Manchmal wird es ja auch auf Feiern ernst, sowas hatten wir letztens, und es wurde diskutiert, dass es richtig Spaß machte. Worum ging es? Um die Subventionierung der Kultur. Anlass genug, sich mal wirklich Gedanken darüber zu machen.

Vorweg: Ich bekomme Subventionen für meine Kunst. Wenn ich mit meinen Theaterkursen auf die Bühne gehe, dann bezahl ich keine Miete, ja, manchmal ist sogar noch in bisschen Budget da, mit dem meine Projekte unterstützt werden. Inszeniere ich für unser Kulturhaus ein Stück – im Mai wird es Woyzeck sein, ich freu mich schon – dann bekomm ich eine kleine Gage, egal, ob das Geld eingespielt wird, oder nicht. Außerdem mach ich Schulprojekte, die vom Land gefördert werden – letztlich ist auch das Kultursubvention, auch wenn man hier von einem gewissen Bildungsauftrag sprechen könnte. Ich profitier also von Subventionen, keine Frage.

Ich vermute allerdings, dass ich auch dann Kultur machen würde, wenn ich in einem System groß geworden wäre, wie man es aus den USA und England kennt – dort gibt es quasi keine Subventionen, Kultur muss Geld einfahren, oder untergehen. Das hat gute und schlechte Auswirkungen. Schlecht ist zum Beispiel die Versorgungslage. Natürlich gibt es in New York alles, aber ebenso natürlich in anderen großen Städten sehr wenig. Das wird allerdings teilweise aufgefangen – Mäzene und Sponsoren machen es möglich. Allerdings mischen die sich teils dann auch in die Programmgestaltung ein. Ein Schelm, der glaubt, dass sich die Politik bei uns in die Programmgestaltung einmischen würde … also zumindest nicht offiziell.

Unter dem ökonomischen Druck, dem die Theater, Orchester und alle möglichen anderen Einrichtungen ohne Subventionen ausgesetzt sind, gibt es zwei Reaktionen: Sicherheitsdenken, dass die Kreativität killt und schlecht für die Kultur ist, und teilweise wahnsinniger Erfindungsgeist, das Arbeiten mit geringem Budget, mit allerlei Einschränkungen fördert ja auch die Kreativität. Hier passieren großartige Momente, große Qualität wird erreicht. Aber es bringt die Avantgarde um – und da ist das Problem. Ein genialer Regisseur wie Robert Wilson arbeitet schon seit vielen Jahren kaum noch in seinem Heimatland, weil seine fantastischen Inszenierungen viele Zuschauer völlig überfordern.  Es ist ganz sicher so, dass man schon eine Menge Offenheit und/oder Theatererfahrung mitbringen muss, um mit seinen Werken etwas anfangen zu können – als Anschauungsmaterial bette ich mal etwas ein:

Jetzt hab ich ja schon über Avantgarde geschrieben, und wie sinnvoll oder nicht sinnvoll sie ist, aber gerade unter dem Geldaspekt muss man noch mal schauen: Kultur entwickelt sich weiter, und wenn jemand behauptet, ihn interessieren diese Weiterentwicklungen nicht, dann muss derjenige sich fragen lassen, ob er keinerlei Kultur in Anspruch nimmt? Keine Fernsehserien und –filme? Keine Kinofilme? Keine Musik? Keine Computerspiele? Keine Bücher? Selbst wer nicht in die Museen, Theater und Konzerte geht, die gesponsert werden, würde sich doch auf Dauer beschweren, wenn die Kultur da stehen bliebe, wo sie einmal ist – die Macher der nicht subventionierten Kunst werden von der Avantgarde inspiriert, die Kultur entwickelt sich insgesamt gemeinsam weiter, und es muss ganz sicher immer künstlerische Labore geben, in denen wirklich Neues aus der Taufe gehoben wird – sonst stagnieren wir und geben der Non-Kultur, wie sie das Fernsehen schon in breiter Front überrannt hat, immer mehr Raum. Und diese künstlerischen Labore zu subventionieren, finde ich auch sinnvoll und gut. Wenn man es mit dem Sport vergleicht, geht es hier um den absoluten Spitzensport, der aber leider einfach verdammt schwierig zu finanzieren ist – gerade im Theater, in der Oper, sind unglaublich viele Menschen an der Herstellung beteiligt, die sollen ja nicht verhungern, und dann ist es natürlich teuer.

Auch an anderer Stelle sind Subventionen absolut notwendig und richtig – und das ist der künstlerische Breitensport. Das sind die von öffentlicher Hand bereitgestellten Proben- und Aufführungs- und Ausstellungsorte, das sind die Unterstützungen für die Künstler, die mit Amateuren, oft auch mit Kindern und Jugendlichen Projekte machen, die nicht perfekt und großartig sind, aber wichtig und engagiert. Das sind die Hilfen für Künstler, die aus einer Region heraus Kunst machen. Das sind die Unterstützungen für die freien Szenen der Städte,  für die künstlerischen Oasen, in denen Städte zu leben beginnen, Kulturzentren, Kulturschulen …

Ich hab natürlich nicht zufällig ein Herz für diese Szene, gehöre ich doch selbst zu denen, die nicht der Hochkultur angehören, sondern mit jungen Menschen, mit Amateuren und Semiprofis so viel Theater machen, wie sie irgend können. Ich spreche übrigens da von den Zuschüssen, die immer als erste gekürzt werden – lange bevor man ans Sinfonieorchester oder das Museum denkt, denkt man in Reihen der „Sparfüchse“ der Politik – die Anführungszeichen beziehen sich übrigens hauptsächlich auf „Füchse“ – an die freie Szene, an die kleinen Theater, denen man die letzten Mittelchen kürzt – denn die sind ja keine Aushängeschilder der Kommunen. Sie sollten es übrigens sein. Punkt.

Aber auch ich bin dafür, Subventionen zu kürzen, aber sicher das. Es gibt nämlich gerade da, wo die Mittelklasse zu Hause ist, jede Menge Sparmöglichkeiten. Es gibt eine Beamtenmentalität an vielen öffentlichen Häusern, manche Produktionen sind ungeheuer aufwändig, ohne dass es künstlerische Gründe gibt, da wird viel vorgetäuscht, was keine wirkliche Substanz hat. Da werden Stücke quasi durch optische Opulenz überfrachtet, anstatt sich um das Stück selbst zu kümmern, da gibt es wirklich schlicht und einfach Verschwendung. Und es gibt viel zu viele Künstler, die sich für Avantgarde halten, ohne auch nur einen Hauch Originalität zu versprühen, ohne künstlerischen Wurf, ohne das notwendige handwerkliche Können.

Ich habe in den letzten Jahren mehr als eine Handvoll Opern in der Kölner Oper gesehen – und außer der Regie von „Samson et Delilah“ von Tilman Knabe habe ich noch keine gesehen, die ich wirklich gut fand. Ein paar waren ganz ordentlich, handwerklich gut gemacht, aber unspannend – und es gab auch ein paar Ausreißer, die annähernd unterirdisch waren. Allen voran, man kann das in meinem Blog von vor einem halben Jahr lesen, die Zauberflöte, die sogar mit rassistischem Blackface-Monostathos daher kam. Da frage ich mich, wofür Opernkarten mit sehr viel Geld subventioniert werden? Und das ist Köln, da gibt es ja noch ganz andere Häuser. Übrigens, weil es hier gerade so schön reinpasst – die Wagnerfestspiele in Bayreuth gehören zu den am stärksten subventionier testen Veranstaltungen der bundesdeutschen Kultur, ein Großteil der Karten wird für Prominente reserviert, und die Normalverbraucher müssen Jahre auf Karten warten – die dann auch noch recht teuer sind – hier ist jede Steuermillion verpulvert und es ist eigentlich ein Skandal, dass man das mit sich machen lässt.

Ich weiß nicht, ob jede größere Stadt eine eigene Oper und ein eigenes Schauspielhaus brauchen, aber ich denke schon, dass man auch und gerade die Einrichtungen der Hochkultur daran messen können muss, wie viele Menschen sie erreichen. Avantgarde sollte vor allem im Bereich der Kunst- und Musikhochschulen, der Schauspiel- und Filmschulen gefördert und finanziert werden – und sich ansonsten auch der Konkurrenz stellen. Ansonsten gehören die Subventionen, so sie machbar sind, in die Breite.  Da sind sie einfach wirkungsvoller. Aber man sollte sich auch keine Illusionen machen, dann sterben Orchester und Ensembles, Museen schließen – zumindest alle, die ihre Hausaufgaben nicht sehr gut machen.