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Zwischenruf: Öffentliches Sterben

Der Künstler Gregor Schneider – den ich, Kunstbanause, der ich bin, bis heute morgen nicht kannte – will jemanden in einem öffentlichen Raum, zum Beispiel in einem Museum sterben lassen. Also jemanden, der gerade dabei ist, auf natürliche Art und Weise diese Erde zu verlassen. Das habe ich heute morgen in unserer etwas konservativer Zeitung gelesen – und natürlich war gleich ein Kommentar dabei, der aufzeigte, wie geschmacklos das sei.

Nun lässt sich ja über Geschmack streiten. Allerdings hat Schneider vor, wie die gleiche Zeitung das ganz neutral berichtete, das Sterbezimmer ganz so einzurichten, wie der Sterbende das wolle. Außerdem soll es hell und freundlich sein, und es geht darum, das Sterben wieder aus den kalten Krankenhauszimmern herauszuholen, aus den Verstecken, aus der Anonymität.

Als mein Opa lange vor meiner Geburt starb, wurde er noch für Tage aufgebahrt, und das im eigenen Wohnzimmer. Als mein Vater starb, habe ich ihn nicht mehr gesehen – ich war dreizehn und wollte mich nicht konfrontieren lassen …

Schneiders Anliegen ist sinnvoll und gut, dennoch darf man das öffentliche Sterben hinterfragen. Und ob Kunst nicht da aufhört, wo die Wirklichkeit anfängt – auch das kann man hinterfragen. Aber ehrlich gesagt ist mir dieses öffentliche Sterben irgendwie näher und besser verständlich, als das öffentliche Sterben in den täglichen Nachrichten. Man sieht doch als Kind schon Bombeneinschläge und Unfälle, Anschläge und Hinrichtungen, das Fernsehen ist voll davon – und alles in echt – die künstlichen in Film und Serie kommen noch hinzu. Wäre es denn da nicht interessant, mal einen sanften und natürlichen Tod in der Öffentlichkeit zu zeigen? Nur so als Kontrastprogramm … die Kunst braucht die Freiheit dazu … ich würde vermutlich nicht zu einem solchen Happening des Gregor Schneider gehen, aber ich unterstütze ganz klar sein Recht darauf, solches zu tun.