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Piratiges Wahlverhalten anhand der Schatzmeisterwahl NRW-LPT 2012.3

So, vom Parteitag zurück, und eigentlich würde ich jetzt gerne eine Runde D3 spielen und nicht bloggen, aber wenn es gerade im Kopf ist, was soll ich machen. Aus Piratensicht gab es heute ein paar logische und voraussehbare Entscheidungen, Sven Sladek war für mich eh der Favorit auf den ersten Vorsitzenden, Christina Herlitzschka genauso auf den Stellvertreter, und das Carsten Trojahn wiedergewählt wurde, daran zweifelte auch vermutlich niemand außer seinem verlorenen Widersacher, der vermutlich auch ein Hauptgrund dafür war, dass Trojahn mit etabliertem Ergebnis gewählt wurde.

Einzig die Sache mit dem Schatzmeister, die lief so gar nicht ab, wie man das vermutet hatte. Vorausgeschickt: Mit den letzten Schatzmeistern hatte die Partei großes Pech. Die Finanzen sind, so man denen glauben kann, die davon berichteten, ein absolutes Chaos und viel Arbeit, die aufzuarbeiten ist. Der verzogenen und an diesem Wochenende auch abwesenden Schatzmeisterin wurde im Herbst ein Finanzteam an die Seite gestellt, das hat nur dafür sorgen können, dass die Geschäfte irgendwie weiterliefen, aber Rechnungs- und Kassenprüfer haben trotzdem nichts prüfen können, dementsprechend wurde die bisherige Schatzmeisterin auch nicht entlastet – damit ist sie allerdings nicht die erste im Landesverband.

Aus dem Finanzteam trat nun Lukas Pieper an, um der neue Schatzmeister zu werden. Und im Vorfeld hätte man speziell in den prominenteren Kreisen der Piraten jeden fragen können, der Lukas wird neuer Schatzmeister, das war völlig klar. Auf der Wiki-Kandidatenseite überschlugen sich die Unterstützer, um bei ihm zu unterschreiben, und da waren viele prominente Namen bei, Abgeordnete, bisheriger Vorstand.

Wir hier, am oberbergischen Stammtisch hatten mit Ruth Mechenbier eine eigene Kandidatin, und da ich ihr den Job nicht nur zutraute, sondern mir auch kaum jemand besseren vorstellen konnte, stieß mir die mehrfache piratenmediale Protegierung für Lukas Pieper auf. Der junge Mann mag gut sein, aber er ist im Gegensatz zu seinen Gegenkandidaten kein Fachmann, kein Buchhalter, und ich mochte einfach nicht, wie alle so sicher waren, dass er gewinnen würde, und wie massiv für ihn von prominenter Stelle Wahlkampf gemacht wurde.

Daneben wusste ich, dass Ruth dem Vorstand und dem Finanzteam mehrfach ihre Hilfe angeboten hatte, auch mit den Kassenprüfern gesprochen hatte, um zu schauen, was auf sie zukäme, und dass sie vom Vorstand trotz langjähriger Berufserfahrung als Buchhalterin und der Zusicherung von Zeit und Engagement abgelehnt worden war. Das wirkte irgendwie wie Protektionismus, ich kann einfach nicht verstehen, wie jemand mit ihrer Kompetenz abgelehnt werden kann, wenn der Karren so tief im Dreck steckt. Für mich sieht das ganz so aus, als ob da Strukturen geschaffen werden sollten, und eine Konkurrentin um den Posten sollte gar nicht zu viel Einblick bekommen.

Deswegen spielte ich in diesem Spiel auch eine kleine Rolle, ich war nämlich einer von zwei Fragern beim Kandidatengrillen. Die erste Fragerin war Simone Brand, Mitglied des Landtages, und damit große Piratenprominenz. Und die stellte eine Frage, die keine war, hätte sie ein Schild hoch gehalten mit „Wählt Lukas!“, wäre diese Form der Unterstützung kaum offensichtlicher gewesen.

Ich fragte dann einfach mal, ob er es sich als Nicht-Fachmann zutraue, und ob es sinnvoll sei, wenn jemand aus dem Team, das nun mal nicht viel vorzuweisen hatte, nun die Verantwortung übernimmt. Die Fragen bekamen hörbaren Applaus, die Antworten waren okay, halfen aber wohl auch nicht.

Neben Ruth hatte sich auch eine weitere Buchhalterin um den Job beworben, Stephanie Nöther, und die hatte sich sehr gut präsentiert, frisch und kompetent, und man merkte, dass sie viel Zustimmung bekam.

Dann kam das Approval Voting, und die #20Piraten wurden noch mal aktiviert, man konnte nicht auf Twitter schauen,  ohne Unterstützung für Lukas zu lesen. Aber ich sprach mit diversen Leuten, und da hörte man schon: „Na, ich hätte den Lukas ja auch gewählt, aber nach DER Frage von Simone ist das hinfällig!“

Meine Entscheidung war eh klar, ich machte zwei von fünf Kreuzchen, und ich war mir nicht im Klaren, was passieren würde. Den Tweet vom lieben Schwarzbart, dass Lukas alternativlos sei, beantwortete ich aber noch satirisch: „@schwarzbart … alternativlos … ja, Frau Merkel …“

Offenbar sah die Versammlung auch nicht ein, dass irgendwer alternativlos sei – außer vielleicht Carsten Trojahn –, Stephanie Nöther wurde mit Zweidrittelmehrheit gewählt, Lukas Pieper scheiterte an den fünfzig Prozent, die man mindestens an Zustimmung braucht, und lag auch gar nicht so weit vor Ruth, die glücklicherweise auch nicht allzu geknickt erschien – letztlich ist das ja gar nicht so schlecht, im Herbst werden wir hier hoffentlich ein Piratenbüro wählen, und dann wäre sie für die Büro- und/oder Finanzpiratin frei, man muss ja auch mal an den eigenen Stammtisch denken. 😉

Verwunderung, Ärger, Fassungslosigkeit, im Twitter kamen nach dieser Wahl viele Stimmen, die etwas aus der Fassung geraten waren. Und die kamen im Besonderen wieder aus Abgeordnetenkreisen. Es wurde immer wieder gesagt, wie wichtig Lukas doch gewesen sei, damit die Finanzen wenigstens irgendwie weitergelaufen seien, warum man denn eine Piratin, die gerade erst neu in der Partei sei, eine solche Aufgabe übertrage.

Die Analyse ist aber einfach. Es gibt meiner Meinung nach vier Gründe: Erstens, der bisherige Vorstand stand ziemlich angeschlagen da, als die Finanzen auf den Tisch kamen. So mancher sagte, dass eigentlich auch Michele Marsching als erster Vorsitzender nicht einfach entlastet hätte werden sollen, da er doch in seiner Position für letztlich für alles im Vorstand verantwortlich sei, da hilft dann auch keine Einzelabstimmung bei der Entlastung des Vorstands. Diese Situation machte natürlich einen Kandidaten, der bisher schon in dem Chaos gearbeitet hat, nicht besonders glaubwürdig.

Zweitens, es wird nicht so viel ausgemacht haben, ist Lukas kein guter Selbstdarsteller – und das ist halt immer ein Problem, wenn sich jemand zur Wahl stellt.

Drittens ist Lukas kein Fachmann, sondern wie sein Twitterprofil sagt, angehender Ingenieur. Alle anderen Kandidaten hatten einfach mehr Fachwissen in die Waagschale zu werfen, und Kompetenz geht dann auch vor Mitgliedsnummer, warum sollte man Stephanie oder Ruth nicht vertrauen, nur weil sie erst in diesem Jahr eingetreten sind?

Viertens, und das ist wahrscheinlich der wichtigste Grund, wurde Lukas nicht mal von der Hälfte der anwesenden Piraten gewählt, weil Piraten die etablierten Prozesse ablehnen, die hier im Vorfeld abliefen. Alles, was man an Argumenten für Lukas hörte, ging in die Richtung, dass nur er dem Landesverband helfen könnte – aber niemand ist so wichtig. Es gab auch das Argument, dass nur er sich mit der neuen Software auskenne – was dann nicht so stimmte, und bitte, wer da wirklich Fachmensch ist, der wird sich doch innerhalb sehr überschaubarer Zeit in jedes Buchhaltungsprogramm der Welt einarbeiten. Was waren das auch für Scheinargumente. Das Gefühl war einfach, da wird ein Kandidat von der Parteiprominenz aufgebaut, und wir dürfen nicht mitreden – und wenn Piraten auf irgendwas allergisch reagieren, dann auf solchen Unsinn. Die Frage von Simone Brand war dann so durchsichtig, dass Gelächter im Saal aufkam. Diese Frage wirkte vielleicht auf einige als Unterstützung der Fraktion, aber ich glaube, sie ist auch von wirklich vielen als Arroganz wahrgenommen worden – die ich Simone nicht vorwerfen will, aber es war auf jeden Fall ein unglücklicher Auftritt.

Taktischer Aufbau von Kandidaten ist damit hoffentlich in nächster Zeit erst mal aus den Köpfen. Und jeder, der heute verwirrt und enttäuscht fragte, warum denn dieses Wahlergebnis zustande kam, der mag sich selbst fragen, was er denn selbst dazu beigetragen hat. Ich bin mir sicher, dass es diese vier Gründe waren, und jeder weiß selbst, ob er dazu beigetragen hat oder nicht.

Disclaimer: Aus diesem Blogpost wird vermutlich ersichtlich, dass ich bei Lukas kein Kreuzchen gemacht habe. Das hatte aber, bis auf den fachlichen Grund, nichts mit ihm persönlich zu tun. Ja, ich persönlich zog es vor, dass jemand von außen kommt, und den ganzen, Entschuldigung, Scheiß unvorbelastet und kompetent angeht. Das ist keine persönliche Ablehnung von Lukas, und meine Fragen auch kein persönlicher Angriff. Aus meiner Sicht war es nur das Beste, was ich für die Partei tun konnte. Die dritte Frage, warum man nämlich Ruth nicht hat helfen lassen, als sie ihre Hilfe anbot, habe ich weggelassen …