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Caligula / Tollmut Theater / Siegen

Eine Bühne voller Rindenmulch, eine kleine schmächtige Person, die ein Grab formt, während das Publikum noch die Plätze einnimmt – so fängt „Caligula“ an, ein Theaterstück, zu dem ich diese Woche entführt wurde – Danke übrigens! Im kleinen Saal des LYZ in Siegen spielte eine studentische Gruppe mit dem schönen Namen Tollmut Theater, welches man übrigens auch im Internet finden kann: www.tollmut-theater.de

David Penndorf, Regisseur und Mastermind des Projekts, hat Camus‘ Stück überarbeitet, mit Gedichten gepaart, und lässt das Stück von einer talentierten Gruppe spielen, die viel Substanz in das Stück bringt. Die Bühne karg – wie ich es mag – die Kostüme schlicht und nur hier und da etwas aussagend, alles konzentriert sich auf Spiel und Text. Und letzterer ist irgendwie aktuell, es geht um Freiheit, um die eigene und die der anderen, um Herrschaft.

Es geht um den Kaiser Caligula, der als Scheusal von den Historikern überliefert ist, als ein Wahnsinniger. Und dieser Tyrann, dargestellt von Valerie Linke, ist auch das, ein Machtmensch, der mit den Leben der Menschen spielt, aber auch ein Träumer, ein zartes leidendes Wesen, ein unglücklicher Denker, der seine Position ausreizt, zu Dimensionen, die ihn von jeglicher Menschlichkeit befreien.

Neben dieser Figur bleiben alle anderen Figuren klein. Aber das liegt auch an Valerie Linke, die ein wahres Energiebündel, eine Intensität erreicht, von der mancher Profi nur mal irgendwann in der Schauspielschule gehört hat. So sehr muss sie sich zügeln, so sehr erwartet man das Explodieren in fast jedem Moment. Daneben wirkt Valerie Linke auch noch so zerbrechlich und verletzlich, dass sie trotz allen Wahnsinns eine Menge Sympathien bekommt. In der Pause lässt sich Caligual vom Publikum huldigen – hübsche Vermischung von Spiel und Pause übrigens – und diese Huldigungen sind auch der Schauspielerin sicher, die verdient sie.

Auch der lange Applaus am Ende ist verdient. Kluges Theater, literarisches Theater, aber auch berührendes und zu erfühlendes Theater, sinnliches Theater. Das ist richtig gut – auch wenn das Niveau der Hauptdarstellerin von den anderen Schauspielern nicht erreicht werden kann. Natürlich gibt es auch hier und da Leerlauf – und der ist vermutlich auch nötig, denn die nächste sehr dichte Szene kommt ja sicher. Insgesamt ist dieser Caligula ambitioniertes Amateurtheater auf hohem Niveau, und für eine studentische Gruppe sehr angenehm unverkopft.

Ein bisschen zu mosern habe ich auch, allerdings auf dem inzwischen sprichwörtlich hohen Niveau.. Keine Frage, dass die Hauptdarstellerin einen grandiosen Job macht, allerdings gibt es Momente, in denen wichtig ist, dass Caligula nun mal ein Mann ist – und da bekommt die Sache natürlich eine unfreiwillige Komik. Und sie ist nicht die einzige Frau, die einen Mann spielt. Vielleicht sollte David Penndorf da in Zukunft mehr drauf achten – hat man ein vorwiegend weibliches Team, und das auch noch mit einigen wirklich guten Darstellerinnen, dann sollte man doch auch weibliche Themen, Helden in den Mittelpunkt rücken – gerade hier, wo die Namen mit ihren lateinischen Endungen auch noch einen so deutlichen Genus haben, fällt das einfach unangenehm auf.

Die andere Sache ist was für Hobbyhistoriker: Caligula starb im Jahr 42, in Rom gab es also zu diesem Zeitpunkt keine christliche Idee. Dennoch tauchen christliche Symbole auf, dennoch kommen sehr christliche Ideen vor – die Illusion Rom wird davon zerstört, zumindest für Irre wie mich, die auf so etwas achten.

Neue Studiobühne Siegen – „wir schlafen nicht“

Jetzt habe ich fünf Minuten lang überlegt, ob ich ein Wortspiel mit dem Titel des Theaterstücks von Kathrin Röggla bastel, aber irgendwie ist das eher kontraproduktiv. Nun ja, da hat sich eine neue Theatergruppe an der Uni Siegen gebildet und sich für „wir schlafen nicht“ entschieden. Ich hab mir das angeschaut, weil ein Schauspieler aus meinem Ensemble dabei war und nächste Woche noch ist, und, na ja, da muss man ja auch was zu sagen.

Ein weißer, seltsamerweise etwas unheimlicher menschengroßer Duracell-Hase eröffnet das Spiel. Zuschauer strömen herein, Neon leuchtet kalt und unangenehm ins Publikum. Und nun beginnen die Sprachkaskaden, immer drei Darsteller spielen eine Figur, was man anfangs erst erschließen muss, sie reden von Praktika, von Medien-Vergangenheit, von Menschen freisetzen und allem möglichen weiteren Wirtschaftsquark. Dabei mutieren sie nach der Pause zu Zombies, der Hase bringt die IT-ler um, es gibt also ein bisschen was zu sehen, und noch viel mehr zu hören …

Und es ist langweilig. Hey, es gibt gute Momente, und keine Frage, der Star meines Ensembles ist es auch in diesem – also hat sich für mich das Anschauen gelohnt – aber es ist einfach langweilig. Diese vielen Wiederholungen, diese unsinnige Wortkolonne ohne Gefühle, da passiert einfach nichts. Und sämtliche Bösartigkeiten, sämtliche Widersinnigkeiten der Wirtschaftselite bleiben Fakten, die man registriert, über die man nachdenken kann, die aber niemanden bewegt, die nichts wirklich klar stellt. Das ist einfach nur Geschwafel. Und der hoch erhobene Zeigefinger ist auch nur nervig – meine Güte, wie kann man so plakativ politisches Theater machen, das ist so aufgesetzt. Da fühlt sich niemand wirklich in die Typen ein, die nicht mehr schlafen, die Drogen nehmen, um wach zu bleiben, das hätte man doch auch spielen können – gut, es ist eine Amateurgruppe, man gibt sich studentisch intellektuell, aber da kann man doch was rausholen, gut, manche waren von Textmenge und –geschwindigkeit auch einfach überfordert, und so funktionierte das Spiel mit den drei Darstellern, die eine Rolle spielen auch nicht wirklich. Leute, Kunst ist nicht intellektuell sondern sinnlich. So wird das nichts. Nette Ansätze und ein gruseliger Plüschhase reichen einfach nicht für einen guten Theaterabend.