Blog-Archive

Fukushima und der Wahlkampf

Tagelang war man fast sprachlos, hat die Bilder gesehen, hat gesehen, wie Siedlungen einfach weggespült wurden, hat gesehen, was für ein Leid über Japan hereingebrochen ist. Und dann, sehr schnell, wurde klar, dass der Welt ein weiterer Atom-GAU bevorsteht. Gedanken an 86 wurden bei mir wach, Tschernobyl, die Erkenntnis, dass es nicht nur auf beiden Seiten des damals noch vor sich hin bibbernden kalten  Krieges genug Potential an Atomraketen gab, um die Erde mehrfach zu zerstören – ja, viele davon gibt es auch heute, aber damals erschienen sie irgendwie realer -, sondern dass auch die zivil genutzte Atomkraft ein schrecklicher Irrweg ist. Strahlung ist so wenig greifbar, sie kommt einfach kalt und unsichtbar daher und bringt uns um – so ist sie, die Strahlung.

86, als in Tschernobyl ein Atomkraftwerk in die Kernschmelze überging, da war ich elf. Ich hatte keine große Angst – ich war zu dem Zeitpunkt ziemlich rational geprägt – ich dachte über Halbwertszeiten und Strahlung nach, darüber, dass man kaum etwas wirklich gegen Strahlung machen kann – und rational, wie ich war, wurde ich sofort zum Atomkraftgegner.  Ein logisch denkender Mensch, der auch noch ein ethisches Grundgerüst hat und nicht ‚Nach mir die Sintflut!‘  denkt, der kann Atomkraft gar nicht befürworten, das geht gar nicht. Die Logik sagt nun mal, entweder ist etwas in seinen Folgen beherrschbar und ungefährlich – dann kann man das machen – oder es ist eben dieses nicht – und dann darf man es auch nicht machen. Tertium non datur.

Nun ist das verheerende Erdbeben in Japan noch keine Woche her, und die Heuchelei bei uns treibt Blüten,  wie man sie nur selten sehen und hören musste. Die Regierung mag momentan denken: ‚Hätten die Japaner doch kein Atomkraftwerk an so exponierter Stelle gebaut!‘  der GAU in Japan ist für eine Regierung die gerade beschlossen hat, dass es total sinnvoll ist, Atomkraftwerke möglichst lange in Betrieb zu halten, damit die Energieunternehmen möglichst viel verdienen, natürlich auch ein GAU. Die mediale Reaktion, speziell von der Regierung und den ihr nahestehenden Journalisten ist mehrfach heuchlerisch und offenbart einen guten Teil Panik. Die erste Reaktion war, dass man auf dem Rücken der Opfer von Japan keinen Wahlkampf machen dürfte  – und das ist prinzipiell gar nicht mal so falsch. Wenn es denn nicht so verlogen wäre. Hätte man das ernst gemeint, dann hätten sich die Parteien einigen sollen, die Landtagswahlen um ein paar Monate, halt so lange wie es rechtlich geht, zu verschieben. Denn es stimmt ja, Wahlkampf sollte nicht mit Katastrophen gemacht werden. Das Problem ist nur, es gab zu diesem Zeitpunkt aus den Reihen der Opposition nur Fassungslosigkeit gegenüber dem Leid der Japaner, und relativ verhaltene Hinweise darauf, dass die Situation zeigt, dass es richtig war, aus der Atomkraft aussteigen zu wollen, – kurz man sagte das, was man schon seit vielen Jahren sagt, nämlich „Nein“ zur Atomkraft. Da hatte noch gar kein Wahlkampf begonnen – allenfalls schwang ein „Siehste!“ mit – , aber die Panik der Regierungsparteien schrie natürlich sofort danach, dass es unredlich und unmoralisch wäre, jetzt mit Fukushima Wahlkampf zu betreiben.

Was aber gleichzeitig geschah, war ein großer Anstieg des Gebrauchs folgendes Wortes bei Twiter: „#abschalten“ – und da spätestens seit Dr. zu Googleberg die Macht des Internets der Regierung so gar nicht mehr schmeckt, wurde reagiert – und wer begann sofort Wahlkampf mit dem Thema Atom zu machen, wer schrieb sich Fukushima auf die Fahnen? Die Regierung. Auf einmal klingen Frau Mekrel und Herr Westerwelle wie altgediente Anti-AKW-Helden, die schon in Brokdorf und Wackersdorf im Strahl der Wasserwerfer standen – die jüngeren Leser mögen die beiden Ortsnamen googeln. Was natürlich bei allen, die schon mehr als fünf Tage gegen Atomkraft sind, latente Aggressionen hervorrufen könnte. Manchmal findet Verlogenheit einfach kein Maß mehr. Dieses Stadium erreichte dann endgültig S21-Provinzfürst Mappus, der sich vom Atomkraft-Saulus zum Anti-AKW-Paulus wandeln wollte, was aber dann hoffentlich auch der letzte Wähler nicht glauben wird.

Ich kann verstehen, dass man bei Schwarz-Gelb panisch geworden ist. Man stelle sich vor, dass man so einen schönen Deal eingefädelt hat, die Bevölkerung sogar noch einigermaßen besänftigt bekommt – auch wenn natürlich schon vor Fukushima die Anti-AKW-Bewegung wieder erstarkte -, und dann passiert 25 Jahre nach der letzten absoluten Katastrophe auf einmal eine neue – und irgendwie klingt die quasi 100-prozentige-Sicherheit, von der immer wieder gesprochen wurde, gar nicht mehr so sicher – hey, es war nicht in Indien oder in Brasilien, sondern in Japan, einem Land, das technisch nicht hinter uns zurückliegt. Das muss sich schon blöd anfühlen – und peinlich … so würde es auf jeden Fall für die meisten sein. Die Machtmenschen in der Politik denken da offenkundig anders, denen ist ja nichts mehr peinlich, sie rudern so schnell zurück, dass man gar nicht gucken kann, finden ihre festen Grundsätze von gestern heute fast so unsinnig, wie sie wirklich sind.

Man kann nur hoffen, dass sich das Wahlkampf von den panischen Rückruderaktionen nicht einlullen lässt. Alles, was man heute weiß, wusste man vor einer Woche auch schon – und da hat die Regierung nicht im Traum daran gedacht, irgendwelche Atomkraftwerke zu schließen – man träumt ja in manchen Teilen der Regierungsparteien doch immer noch von Neubauten. Alles, was Schwarz-Gelb gerade macht, entsteht aus Angstreflexen. Wenn man diese Regierung weiter machen lässt, dann werden die Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen, wenn die Wahlen vorbei sind – da mache man sich mal keine Illusionen.


Flattr this

Nun habt schon endlich Angst!!

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er kommt? – Dann rufen wir Herrn De Maiziere an!! Keine Ahnung, wer da wieder bei diesem alteingesessenen Rassistenspiel zugeschaut hat, aber es ist mal wieder so weit: TERRORISMUSGEFAHR!! (Entschuldigt die Schreierei)

Es ist nicht mehr so weit hin bis Weihnachten, und das macht die Chance für terroristische Anschläge ja bekanntlich größer – zumindest kommen die Warnungen nach meinem Gefühl alle Jahre wieder. Es wird empfohlen, keine Reisewecker mehr in die Koffer zu packen und am besten ist es eh, schön zu Hause zu bleiben und kräftig Angst zu haben. Pflichtschuldig beginnen die Medien auch – quasi Gewehr bei Fuß – die Maschinerie der Angst mal wieder auszupacken. Und alle steigen auf den Zug mit auf – ich habe keine Angst, so! Ich habe ein bisschen Fieber und Antibiotika im Körper, aber keine Angst, haha, ich nicht!

Ähm, doch, ich habe doch ein bisschen Angst, ich habe ein bisschen Angst um unser Land. Mir scheint da ein Zusammenhang erkennbar. Die Umfragewerte für die CDU sind im Keller, da hilft doch so ein bisschen Terrorangst enorm, nicht wahr. Ich mein, es sind bald Landtagswahlen, mit Politik schafft Schwarz-Gelb mit Sicherheit keinen Meinungsumschwung, aber ein hübscher kleiner Terroranschlag würde wahre Wunder bewirken. Merkel und Wulff bei den Trauerreden, sogar Westerwelle darf betroffen sein … wenn die Herrschaften bei Schwarz-Gelb den Film „V wie Vendetta“ gut studiert haben, ist das gar nicht mehr so unvorstellbar.

Naja, die eine oder andere durchreisende Bombe muss jetzt erst mal reichen, und ein Reisewecker in Namibia, oder so. Ich kann nur hoffen, dass die Terroristen, egal ob fanatische Moslems, Hindus oder Christen, keine solche Wahlwerbung veranstalten – stelle man sich mal vor, nicht dass Mappus noch mal gewählt wird.

Dumm eigentlich nur, dass man nicht auf die Idee gekommen ist, im Bezug auf den Castor mit Terror zu drohen, wäre doch für jeden Terroristen ein geniales Ziel gewesen, und vielleicht hätte man ein paar Demonstranten von ihren subversiven Taten abgehalten.

Fazit: Hysterie abschalten, Gehirn einschalten, danke!


Flattr this

Quick – Radikalbahnhof

Ich hab da eben was gelesen, was mich einigermaßen angefressen hat … es geht um folgenden Blog: http://todamax.kicks-ass.net/blog/2010/krieg-in-stuttgart/
Jetzt interessiert mich kein Bahnhof in Stuttgart, das ist weit weg, betrifft mich nicht, auch wenn es sicherlich viele gute Gründe dafür und dagegen gibt. Aber ich bin betroffen, wenn das Grundrecht auf Demonstration mit Füßen getreten wird, wenn Kinder und alte Menschen mit der gleichen Gewalt angegangen werden, die man sich mal gegen widerwärtige Aufmärsche von Neonazis des Öfteren wünschen würde – und die mich an Wackersdorf oder Hamburger Hafenstraße erinnert. Das, was in dem oben gelinkten Blog steht, ist mindestens zweifach bedrückend – denn der erste Reflex sollte bei jedem denkenden Menschen sein: „Halloho! Habt Ihr sie noch alle? Keinen Krankenwagen? Herr Polizist, was ist Ihr Job? Zu riskieren, das ein Mann stirbt?“ – Und ich, der ich selten um Worte verlegen bin, hab keine Ahnung, wie ich ausdrücken kann, was ich am liebsten mit diesen Polizisten und diesem Menschen an der 112 machen würde. Und ohne heute deutlich sensibler zu sein als sonst, hatte ich sofort Tränen in den Augen, als ich mir das Video auf der Seite angesehen habe – da wird höchst bürokratisch Körperverletzung angeordnet, und alle stehen machtlos vor diesem verdammten LKW – zum Kotzen, ehrlich. Wenn ich einer der Pressefotografen gewesen wäre, hätte ich wahrscheilich kein Foto mitgebracht, sondern wäre dabei gescheitert, den Polizisten aus seinem Wasserwerfer zu zerren.
Andererseits bedrückt mich aber auch die Radikalisierung des Blogschreibers – nicht, weil ich ihn nicht verstehen könnte. Wenn ich das live miterlebt hätte, wäre ich in dem Moment und wahrscheinlich auch noch ne Woche später vermutlich ebenso radikal gewesen. Aber so gern ich radikal in der Kunst bin, so sehr halte ich Radikalität in der Politik für kontraproduktiv. Es führt ja doch immer nur zu der Gewaltspirale, in der nun mal Gewalt Gegengewalt erzeugt. Ich glaube nicht, dass eigene Gewalt irgendwas bewirken kann, ich glaube man muss aufrüsten, aber innerlich. Die Proteste in Stuttgart waren friedlich, die moralische Überlegenheit war hier ganz eindeutig auf der Seite der Demonstranten – und, ja, ich weiß, dass das weder Trommelfelle noch Augen wiederbringt – und nun sieht alle Welt, dass die Politik und die Polizei deutlich überreagiert haben, der schwarze Peter ist bei Mappus – und ich kann nur stark hoffen, dass man in BW daraus lernt und diesen Idioten nicht wiederwählt. In diesem Sinne hoffe ich, das auch weiterhin die Proteste friedlich bleiben. Und ich hoffe, dass alle Polizisten, die da die Hilfe verweigert haben, ihre Dienstmarke abgeben müssen – die haben nämlich offenbar ein paar Sachen über ihre Pflichten nicht verstanden. Wer so handelt, darf kein Polizist in diesem Staaate sein.
In diesem Sinne muss man sich jetzt zu Wort melden, den Polizeieinsatz deutlich verurteilen – aber Gegengewalt bringt uns nicht weiter.


Flattr this