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Quick – Warum 4 Prozent ideal sind!

Wieder ein Sonntag, an dem die dazugehörige Frage mit vier Prozent für die Piraten beantwortet wird. Und ich freu mich. Nicht weil, ich plötzlich kein Pirat mehr wäre, oder weil ich neuerdings irgendwelche Drogen nähme, sondern weil ich diese Umfragewerte wirklich gut für uns halte.
Also, gibt es da auch Gründe für? Si claro!
Ich freu mich zum Beispiel wie doof auf den Bochumer Bundesparteitag Ende des Monats. im Angesicht von vier Prozent rechne ich mit großer Konzentration und klaren Entscheidungen. Ich mein, okay, Einigkeit können wir nicht, aber wir haben eine Menge guter Anträge – denn nicht jeder will den Mars besiedeln, solche Anträge gibt es natürlich auch, wofür sind wir eine Spaßpartei? – und ich hoffe wirklich auf ein gutes System, dass uns vor allem Anträge, die unstrittig sind, in großer Zahl durchwinken lässt. Es darf aber gerne auch ein paar Knaller geben, wir müssen klar machen, dass wir in der Sozialpolitik einen Unterschied machen, wir müssen klar machen, dass wir weder Freiheit noch Solidarität vergessen haben. Dass wir uns nicht dem Irrationalen beugen, wie das bei der momentanen Regierung so gern gemacht wird … noch jemand Betreuungsgeld?
Aber mal ohne Scheiß, an der Oberfläche streitet man sich um Köpfe, und das heute Marina Weisband mal wieder durch die Presse gejagt wird, ist auch nur ein Beispiel dafür – als ob es irgendeine Frage wäre, ob sie Nummer 1 der NRW-Liste wird, wenn sie antritt, das ist schlicht keine Frage, da braucht man auch nicht drüber reden. Aber die Piraten sind nicht nur Oberfläche, sie bestehen auch aus zig Arbeitskreisen und anderen Gruppierungen, die die ganze Zeit Output haben. inhaltlich wird in dieser Partei vermutlich unverhältnismäßig mehr gearbeitet, als in allen anderen Parteien zusammen! Und ob man es glaubt oder nicht, schlechte Umfragewerte sind keine Sache, die uns vom Arbeiten abhalten, umgekehrt wird da auch Fußbekleidung draus. Im Moment summt es, egal, wo man hinschaut!
Und es gibt noch weitere positive Aspekte. Die Stammtische werden kleiner, wir merken, wer wirklich Pirat ist, oder wer nur Schönwetterpirat ist und die Arbeit sofort einstellt, wenn es mal nicht so gut läuft. Und von den Leuten, die mit möglichst geringem Engagement in den Bundestag kommen wollen, von denen sieht man auch nur noch den Rücken, und das ist keine so schlechte Sache.
Ja, es gibt da eine Art Gesundschrumpfen, und bei ein paar Leuten, die uns in den letzten Monaten verlassen haben, mag ich traurig sein, aus persönlichen Gründen, aber letztlich soll man Reisende nicht aufhalten, und wenn man kein Pirat ist, dann ist das auch in Ordnung.
Also, wir haben vier Prozent, an die Arbeit!

Hierarchien in der Piratenpartei …

… gibt es nicht. So ist das Ideal, mit dem wir durch die Gegend laufen. Und es hat natürlich mit der Realität nichts zu tun. Es ist wirklich nur eine Idee, die man nicht so einfach umsetzen kann. Vielleicht ist die Biologie dagegen – das wäre das einfachste Argument , vielleicht ist es nicht gewollt, aber wahrscheinlicher haben wir Hierarchien, weil wir nicht darüber nachdenken, wie wir sie bekämpfen.

Wir machen uns ja durchaus zu Recht einigermaßen lustig über die Altparteien, bei denen ein kleiner Zirkel sagt, in welche Richtung es geht, und dann geht es auch in die Richtung. Wir wollen über alles ein bisschen mehr streiten, wollen Meinungen an der Basis generieren, in Arbeitskreisen, in denen sich jeder engagieren kann, egal woher er kommt. Und trotzdem entsteht ein komplexes Geflecht von Hierarchien. Es gibt da gewisse Merkmale:

Basis und Amt

Damit hat es angefangen, und es ist noch nicht so lange her, dass Marina Weisband in der Heute-Show erklärte, dass sich die Mitglieder des Bundesvorstandes herunterschlafen müssen, weil die Basis das Sagen hat. Außerhalb der Partei hat man das wahrscheinlich nicht verstanden, aber es gibt da ganz einfache Erklärungen für. Piraten haben ein sehr überdurchschnittliches Misstrauen gegenüber Amtsträgern. Salopp gesagt, halten Piraten die, die sie oft mit großem Vertrauen in Ämter wählen, ab dem nächsten Tag für ziemliche Vollhonks, die irgendwelche Top-Down-Mechanismen anschaffen wollen, und überhaupt alle piratigen Grundsätze schon lange vergessen haben. Das klingt schizophren? Ja, das ist es auch. Aber ich prangere das nicht an, ich stelle es nur fest. Man darf übrigens auch nicht ganz vergessen, dass Ämter eben auch den Fokus auf Personen richten, und man schon mal Leute von Seiten kennenlernt, die einem jetzt auch nicht so gut gefallen.

Mandatsträger

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass hier die gleichen Merkmale zu sehen sind, wie bei Leuten mit Vorstandsamt. Das ist aber nicht so.  Die Nummer mit dem Wählen und hinterher völlig vergessen, warum man sie gewählt hat, klar, die passiert hier auch. Aber das Verhältnis der Partei zu ihren Abgeordneten ist noch mal in einigen Dimensionen schwieriger. Erst mal, das sollte ja klar sein, gibt es für die Abgeordneten richtig Kohle, sie geben auch noch einer gar nicht so kleinen Anzahl an weiteren Piraten Jobs, das gibt ihnen eine gewisse Macht – und so was können Piraten gar nicht ab. Wenn man Leute in ein Parlament schickt, dann sind die ihrer Basis quasi täglich Rechenschaft schuldig. Das ist das Gefühl der Basis, und das wird auch häufig genug angemahnt.
Aber da gibt es keine Frage, wer sich auf die Bühne gestellt hat, um auf die Liste gewählt zu werden, der musste sich eigentlich klar sein, dass genau das passieren würde.  Das gehört dazu, dass wir Piraten sind. Wir sind es geworden, weil wir der Politik misstrauen. Viele von uns haben in den ersten Monaten – ich spreche hier gerade von NRW – immer mal wieder angemahnt, dass wir Vertrauen geben müssen, dass wir den MdLs auch Zeit lassen müssen, Forderungen, zu denen ich stehe. Ich frage mich allerdings immer mal, warum diese Forderung schon mal auch aus der Fraktion selbst kommt – das macht immer misstrauisch, Piraten trauen keinem Politiker, der um Vertrauen bittet.

Fraktionsmitarbeiter

Jetzt wird es kompliziert und undurchsichtig. Das liegt erst mal daran, dass man so schlecht im Kopf halten kann, wer denn jetzt alles in welcher Funktion für die Fraktion arbeitet. Die Fraktionsmitarbeiter sind die Leute, die den ganzen Tag Politik machen dürfen, und auch noch dafür bezahlt werden, und wir haben sie nicht gewählt. Das macht die Basis gern ein bisschen kritisch. Fraktionsmitarbeiter sind nah an den Abgeordneten, und manches, was die Basis so will oder nicht will, könnte sehr direkt in ihre Arbeit eingreifen – also schaut man schon mal skeptisch auf diese Mitarbeiter, wenn sie sich einmischen.

Twitter

Eigentlich wäre die Überschrift besser „Vernetzung“, aber am Beispiel Twitter kann mane s so schön deutlich machen. Jeder Pirat ist irgendwie vernetzt, oder zumindest fast jeder. Man hat ja zumindest seinen Stammtisch, seine Crew, seinen KV, man ist in AKs und AGs aktiv, man lernt auf Parteitagen oder Tagen der politischen Arbeit viele Leute kennen. Man vernetzt sich mit den Social Networks, und merkt auf den Mailinglisten, mit wem man kann, und mit wem weniger. Und hier gibt es sehr deutliche Hierarchien. Es gibt Leute, die auf ihren Stammtischen mitarbeiten, sich auch gerne mal am Infostand in den Regen stellen, die aber sonst nicht so viel Zeit in die Partei stecken können oder wollen. Deren Vernetzung reicht meistens nur sehr kurz. Mehr Vernetzung entsteht über mehr Zeit, die man in die Partei steckt. Das kann bedeuten, dass man nächtelang im Mumble herumsitzt – mit ein bisschen Persönlichkeit und Witz kann man da schon eine Menge erreichen -, das kann bedeuten, dass man inhaltlich in AKs arbeitet, oder auch in den AGs zupackt. Außerdem machen einen noch die Arbeit im LQFB bekannt, und vielleicht hilft hier und da auch das, was ich gerade mache – ich blogge in meinem eigenen Blog, keine Parteisache. Und jetzt komme ich auf die quantifizierbare Ebene: Das ist Twitter. Da sieht man nämlich an der Anzahl der Follower, wie gut Leute vernetzt sind. Das ist auch amtsabhängig, natürlich bedeutet die Wahl in einen Landesvorstand oder auf eine Liste immer auch sofortigen Zuwachs an Twitterfollowern, keine Frage. Aber es gibt Leute, die wie zum Beispiel die oben schon zitierte Marina Weisband, die aufgrund ehemaliger Ämter eine riesige Zuhörerschaft haben, es gibt auch andere, wie Udo Vetter, Macher des Law-Blogs, der auch Basispirat ist, aber mit fast vierzigtausend Followern ein erhebliches Publikum mitbringt. Das gilt dann auch noch für einige Leute, die in den Bundes-AGs sehr aktiv sind, oder die aus anderen Kreisen in die Piratenmannschaft gekommen sind. Es gibt viele Möglichkeiten, viele Follower, und damit auch viele Vernetzungen zu bekommen.
Jetzt darf man übrigens davon ausgehen, dass das sehr oft auch damit zu tun hat, dass man vielleicht nicht nur dummes Zeug erzählt, aber da bin ich mir noch nicht total sicher. Vieles ist erst mal und einfach Engagement.

Und was machen wir jetzt mit den Hierarchiemerkmalen?

Wir machen sie uns – hoffentlich – bewusst. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste, dass man sich selbst bewusst ist, über wie viel oder wie wenig hierarchische Merkmale man verfügt, und sich dann entsprechend verhält. Und damit komme ich zu Marinas Argument zurück. Wir sind angetreten, um den Menschen die Politik wieder erreichbar zu machen, und deswegen ist es an uns, die Hierarchien zu zerstören – auch bei uns selbst. Sie existieren aber trotzdem, und wir können sie nur bekämpfen, in dem wir umso bescheidener werden, je mehr Hierarchiemerkmale auf uns vereinigen. Auch wenn das grausam ist, bedeutet das, dass die Basis jederzeit das Recht hat, die mit mehr Hierarchiemerkmalen zu kritisieren, sich das aber umgekehrt fast verbietet – 1).
Ein Beispiel: Bin ich Amts- oder Mandatsträger und nicht mit der Mitarbeit der Basis zufrieden, dann ist das ja legitim, aber zu fordern, ist die falsche Herangehensweise. Man hat sich da mal irgendwann auf eine Bühne gestellt und sich wählen lassen. Das ist eine Bürde, die sich niemand aufbürden muss, die ist freiwillig. Und wenn ich als Amtsträger das Gefühl habe, dass da etwas nicht funktioniert, ist es verdammt noch mal meine Aufgabe, das Problem zu lösen. Das kann auch bedeuten, dass ich hinter Sachen herlaufen muss, dass kann auch bedeuten, ich muss betteln, das ist nervig und Arbeit – und genau dazu haben sich die gemeldet, die diese Ämter übernehmen, wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder. Aber ich muss mir darüber klar sein, ich kann nichts fordern, ich kann nichts befehlen.  2)

Fazit?

Ja, gibt es. Jedes soll sich darüber klar werden, wie viele, wie starke Hierarchiemerkmale es mit sich herumschleppt. Und dann einfach darauf reagieren, überlegen, was Top-Down wäre, und was deswegen vermieden werden sollte.

 

1)      Noch mal, dass das klar ist, ich spreche von Kritisieren, nicht von sinnlosem Bashen! Wenn die Leute mit den Hierarchiemerkmalen nur mit Scheiße beworfen werden, hilft das gar nichts, darüber sollte sich jeder in der Basis klar sein!

2)      Das bedeutet übrigens NICHT, dass die Basis nicht auch mal Anerkennung zollt, oder besser zollen sollte,  für die armen Irren, die sich diese Posten aufhalsen. Jeder Aufstieg in Ämter, in Vorstände, alles, was man übernimmt, ist erst mal viel mehr (in der Partei unbezahlte) Arbeit!

Piratige Außenwirkung – Müssen wir uns professionalisieren?

Liest man in der Presse, schaut man Fernsehen, dann ist der zweithäufigste Vorwurf, neben  – ich kann diesen Schwachsinn nicht mehr hören! – unserer Programmlosigkeit, die Art wie wir auftreten. Es gibt zwar durchaus ein paar Lieblinge der Medien bei uns, aber es gibt auch einige, die schon mal mit nicht so cleveren Auftritten aufgefallen sind, es gibt viele, die sich offenbar vor Kameras eher unwohl fühlen.

Jetzt versteh ich von Berufs wegen ein bisschen was vom Auftreten und überlege mir, wie man diese Situation verbessern kann, speziell, weil es ja immer mehr werden, die ihre Nase in die eine oder andere Kamera halten,  eine Entwicklung, die prinzipiell zu begrüßen ist. Jetzt ist kaum jemand ein rhetorisches Wunderkind, und trotzdem müssen Reden gehalten werden, auch ist nicht jeder total schlagfertig und souverän und kann sich problemlos der Jauchs und Lanz‘ dieser Welt erwehren.

Die etablierten Parteien begegnen solchen Aufgaben mit Schulungen, da wird in eine brave Kluft gesteckt, und das nicht nur in Sachen Kleidung. Hört man fünf jungen Politikern der Unionsparteien zu, so wird man sich bald kaum noch daran erinnern können, wer wer war und wer was gesagt hat, so einförmig ist das – und bei den anderen Parteien sieht es nicht viel anders aus. Außer vielleicht bei den Linken, da sieht man keine jungen Politiker.

Sollte man auch Piraten schulen? Viele werden jetzt sagen: Nein, lass mal, wir sind einfach wir selbst und die anderen müssen damit klar kommen. Das hat auch viel Gutes für sich, ich sehe allerdings einen großen Nachteil. Wir brauchen viel Personal, das in die Parlamente geht, wir brauchen auch in Zukunft Vorstände und Amtsträger, und ja, wir brauchen auch eine Außendarstellung, und viele werden sich das gar nicht trauen. Und ganz ehrlich, ich möchte nicht nur die Leute, die sich einfach so trauen, ich möchte nicht nur die Leute, die es eh gewohnt sind, vor vielen Leuten zu reden, ich möchte auch die Leute in Ämtern sehen, die viel Qualität mitbringen, sich aber nicht ständig in die erste Reihe stellen. Ich möchte auch gerne gute Leute überreden, sich mit in die erste Reihe zu stellen – es gibt mir eigentlich immer zu viele, die es sich zutrauen, denen es aber sonst keiner zutraut. Zu viele Selbstdarsteller – auch wenn ich diesen Begriff eigentlich nicht gerne so negativ konnotiert haben möchte.

Ich schau mir mal ein paar Beispiele von Piraten in den Medien an.  Aus Lokalpatriotismus fange ich mit Joachim Paul an, der kurz nach seiner Aufstellung zum Spitzenkandidaten der NRW-Liste noch nichts von dieser Rolle wissen wollte. Und dann war er im ganzen Wahlkampf der nicht nur führende Kopf, sondern auch der Sympathieträger, der viel für uns getan hat.

Joachim Paul ist sehr gerne als untypischer Vertreter unserer Partei bezeichnet worden – was ich irgendwie nicht so nachvollziehen konnte und kann, einen typischen Vertreter der Partei findet man nur selten, und fast nie in der ersten Reihe – also wenn ich jetzt an die vielbeschworenen Nerds denke. Typisch für uns sind unsere Werte, aber ein spezielles Auftreten?

Zurück zum Thema: Joachim ist im Fernsehen genauso, wie auf dem Parteitag oder der Sitzung vom Arbeitskreis Bildung. Mit sonorer Stimme und klaren Worten, man merkt ihm große Lebenserfahrung an, und eine Souveränität die offenbar aus Kompetenz erwächst. Kein Wunder, dass er in der Spitzenkandidatenrunde viele sehr gute Noten bekam. Was mir auffällt: Seine Souveränität und Autorität kommt nicht mit der Alphamännchenattitüde daher, die man zum Beispiel bei Siegmar Gabriel studieren kann.  Joachim hat das nicht nötig, der kann poltern, aber dann, wenn er von irgendwas tief bewegt ist, nicht aus Arroganz heraus.

Schauen wir mal weiter, zum Beispiel bei Johannes Ponader, unserem neuen politischen Geschäftsführer im Bund. Den habe ich nun zweimal im Fernsehen erlebt, und auch der ist souverän, wirkt fast buddhistisch ausgeglichen. Bei seinem fast schon legendären Auftritt bei Jauch wirkte er erst mal ähnlich wie andere Piraten als zu defensiv. Erinnert man sich an andere Auftritte in Talkshows zurück, hatte man oft das Gefühl, dass die Piraten gar nicht zu Wort kommen – Talkshow ist Stehgreiftheater und Hühnerhof in einem, es geht darum, wer das große Wort führen darf, man plustert sich auf, hackt die Hierarchie aus, und dabei haben Piraten schon mehrfach nicht gut ausgesehen. Johannes ließ es dabei aber nicht bewenden. Er beantwortete nicht nur Fragen, er mischte sich auch ein, und das im Gegensatz zu den anderen Politikern in der Runde eigentlich kaum polemisch und mit enorm viel Inhalt.

Viel ist über seine Kleidung geschrieben und gesprochen worden, er ist auch angegriffen worden, weil er ALG II bezieht. Beides finde ich zum Kotzen. Was man wo trägt, ist meines Wissens nach Privatsache. Und Johannes wirkte absolut authentisch, man hatte das Gefühl, dass er sich in seinen Klamotten wohl fühlte, und er wirkte einfach nicht so dämlich uniformiert, wie die Anzugträger um ihn herum. Die Sache mit den Sozialleistungen, meine Fresse, soll jeder froh sein, der solche nie in Anspruch nehmen musste. Wenn du dich in der Kunst nicht verbiegen willst, kann das passieren – viele auch durchaus nicht unbekannte Schauspieler sind schon auf dem Arbeitsamt gesehen worden, und für Regisseure und Theaterpädagogen gilt durchaus Ähnliches. Aber Künstlerbashing ist ja nichts Neues – auch in der Piratenpartei übrigens, in mancher Urheberrechtsdebatte wird auf Künstler eingeprügelt wie nichts Gutes. Egal, ich bin froh, dass Johannes im Moment sechzig Stunden die Woche für die Demokratie arbeitet.

Kommen wir zu den ersten Medienstars unserer Partei. Zum Beispiel Christopher Lauer: Dessen Reden im Berliner Abgeordnetenhaus sind vielfach unterhaltsamer als das Wochenprogramm von RTL, auch in Talkshows macht er eine oft rechtgute Figur – allerdings auf andere Art, als die beiden Erstgenannten. Souveränität und Ruhe ist sein Ding nicht. Er ist hibbelig und laut, wirft mit Ironie um sich – er ist schon ein wenig der Klassenclown der Piratenpartei. Aber das auf durch und durch positive Art. Er spielt mit den Klischees, er spielt mit dem politischen Gegner – Kurt Beck wird ihn auf jeden Fall nicht vergessen – und er ist einfach unglaublich schnell. Er irritiert auch, die Lauerfaces sind ja auf ihre Art auch schon legendär. Er grimassiert, egal, ob er gerade im Bild ist, oder nicht, man sieht, was in ihm rumort. Das würde man einem Kollegen der FDP aber schnell aberziehen. Aber auch hier kommt wieder ein Wort ins Hinterköpfchen, das auch bei den anderen beiden durchaus zu passen schien: Er ist er selbst, er ist natürlich.

Zum Schluss Marina Weisband, die Vorgängerin von Johannes Ponader, und über Monate das Gesicht der Partei. Bei Marina hat man oft das Gefühl gehabt, dass sie gerade lernt, ein neues Spiel zu spielen. Sie hat hier und da das Risiko in Kauf genommen, auch mal zu verlieren und hat dabei die Regeln des Talkshow-Geschäftes schnell gelernt, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, sie hätte sich sehr verbogen. Marina ist eine Vordenkerin der Piraten, speziell was die neue piratige Art, Politik zu machen, angeht. Diese Eigenschaft macht sie Schlagfertig und führte dazu, dass sie überall, wo es um das Update ging, das wir dem System angedeihen lassen wollen, sehr weise Worte gesagt hat. Bei konkreten Inhalten war sie oft nicht ganz so stark, aber sie musste von Null auf Tausend, das wird auch nicht so einfach sein.

Da haben wir nun vier Beispiele von Piraten, die sich offenbar gut geschlagen haben, ja, den Zuschauern der Talkshows und Politsendungen teilweise sogar richtig was Neues vorgesetzt haben.

Es gab auch andere Beispiele, das prominenteste wäre Sebastian Nerz, der immer blass blieb, und oft ziemlich stereotyp antwortete – vor allem, weil er ständig dieses Schild vor sich her trug: „Wir haben dazu noch keine Meinung!“ Dieses Schild ist ein fundamentaler Fehler, wir haben zu manchen Themen eher noch viel zu viele Meinungen, die Sachen sind nicht ausdiskutiert.  Insgesamt habe ich bei Sebastian immer das Gefühl, dass er zu sehr wie ein richtiger Politiker sein will, irgendwie in seiner CDU-Vergangenheit gefangen ist, kein piratiges Selbstbild entwickelt hat.

So, was schließen wir denn jetzt daraus? Der positive Aspekt ist doch eigentlich durchgängig, dass Piraten in den Medien so schön normal sind. Einfache Menschen, die einen guten Job machen wollen, eine größere Ehrlichkeit in die Politik bringen. Wie kann man denn Menschen dabei helfen, ehrlich zu sein? Sollten wir Piraten uns schulen, werden wir doch auch mehr Show machen, oder? Und mehr Show heißt doch, weniger Ehrlichkeit, oder?

Fragen über Fragen, aber ja, Show gehört durchaus auch zur Politik dazu. Es gibt keine Politik ohne Medien, man muss, das, was man zu sagen hat – und davon haben wir eine Menge – auch ans Wahlvolk bringen. Das muss aber nicht heißen, weniger Ehrlichkeit. Es wäre geradezu tragisch, wenn das passieren würde. Aber es ist klar, nicht jeder, der gute Sachen denkt und politisch ein wichtiger Mitstreiter sein kann, ist auch Medienprofi und weiß, wie man Reden hält. Aber da kann man schon ansetzen. Denn mit Sprache umzugehen, das kann man lernen, mit Lampenfieber auch, und dann gibt es noch etwas sehr wichtiges: Schauspieler lernen, sich verschiedene Sachen bewusst zu machen, die wissen, was ihre Hände gerade tun, und wie es wirkt, wenn sie den Kopf gerade jetzt heben – Politiker sollten keine Schauspieler sein, einstudierte Gesten sind furchtbar, aber wenn man über seine Wirkung Bescheid weiß, wenn man auch die Körpersprache der anderen zu lesen weiß, dann kann man auch viel einfacher zu dem finden, was jeder in den Medien braucht, ein Selbstbild, eine Persönlichkeit, so ehrlich, wie möglich – aber nicht schutzlos.