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Wie viel muss der Zuschauer verstehen?

Ich versuch gerade nach Kräften einer Schulproduktion zu helfen, einem kleinen von Schülern selbstgeschriebenen Musical mit ABBA-Songs, das schauspielerisch ein wenig gecoacht werden muss. Dabei unterhält man sich natürlich mit den Kollegen über diverse Dinge und dabei kam die Frage auf, was die Zuschauer verstehen müssen, und was nicht.

So eine Frage führt bei mir ja schon mal zu Meditationen – ich hab mir diese Frage noch nie gestellt, obwohl ich nun schon einige Jahre die Position des Autoren und Regisseurs gerne inne hab. Natürlich hab ich eine impulsive Meinung, die ich nicht geäußert habe, weil ich mir im fast gleichen Moment dachte, dass das eine Meditation verdient.

Das eine Extrem: Ich versteh nix!

Es kommt selten vor, aber es passiert. Das Stück beginnt, ich sehe Bilder, ich höre Sprache und frage mich die ganze Zeit, was denn da los sei. Da ist die Inszenierung nur rudimentär mit dem Text verknüpft, der Regisseur hat vor lauter Ideen vergessen, dass er gefälligst eine Geschichte zu erzählen hat, oder zumindest Mini-Dramaturgien ausspielen muss. Inszenatorische Onanie! Find ich ätzend.

Das andere Extrem: Alles wird erklärt!

Bei manchem Klassiker ist es sogar stückimmanent – die ganze Zeit wird jedes Detail herausgeplärrt, auf das der „doofe“  Zuschauer auch wirklich keinen Zusammenhang verpasst, also gar keinen. Deswegen hat es ja oftmals auch Sinn, Klassiker zusammenzustreichen, aber das nur nebenbei. Auch passieren nur Sachen, die angekündigt und reflektiert werden, alles wird erklärt, es gibt kein Geheimnis mehr – auch furchtbar. Das ist einfach kitschig und noch viel schlimmer, es ist langweilig. Die Zuschauer brauchen nicht mitdenken, das ist nur für die ganz hartgesottenen RTL-Zuschauer erträglich, und die gehen nicht ins Theater. Macht man es dem Zuschauer zu leicht, schläft er ein.

Der Mix macht es – natürlich!

Ach  ja, wie so oft in der Kunst, es dürfen einfach nicht die Extreme sein. Es muss Geheimnisse geben, es muss Sachen geben, die man nicht im ersten Moment versteht. Ja, es ist sogar erlaubt, dass man einzelne Details als Zuschauer übersieht, dass man ein paar Sachen gar nicht so einfach verstehen kann. Wie wunderbar, wenn man ein Stück dreimal sehen muss, bis man alles verstanden hat. In einem Stück über Widerstand im dritten Reich gab es mal den legendären Satz „Ich war gerade beim „T“ von Arschloch“ – ein junger Mann war beim Malen von Parolen überrascht worden. Der junge Mann, der diesen Satz sagte, hat den Gag dahinter erst beim dritten Proben nach Erklärung verstanden – und das, obwohl er meistens ein cleveres Bürschchen ist. Natürlich meinte seine Rolle, dass er gerade das „T“ in Hitler geschrieben habe – damit die Leser den Gag auch erklärt bekommen, Entschuldigung, ich will nur mit offenen Karten spielen. Ich persönlich habe mich beim Schreiben des Gags schon mal kräftig amüsiert, ich fand ihn auch im Stück noch recht lustig. Von den gut zweihundert Zuschauern, die das Stück damals gesehen haben, haben da nicht so viele gelacht, nein, das haben nicht viele verstanden, wer denkt auch um so eine Ecke? Aber die, die es nicht verstanden haben, verpassten nichts Wichtiges, und die, die es verstanden haben, hatten einen kleinen Extrakick. Fand ich super, find ich auch heute noch super.

Und das bringt mich zu einer These: Das Wichtige muss einfach zu verstehen sein. Aber je mehr kleine Gags im Hintergrund liegen, je mehr Geheimnisse und gut durchdachte Anspielungen die Zuschauer bereichern, desto besser. Das grundsätzliche Stück sollte da nicht drunter leiden, man kann auch mit Gags an der falschen Stelle und Anspielungen und Zitaten an Stellen, an denen einfach Wichtigeres stehen müsste, ein Stück kaputt machen. Es gibt Momente, in denen die Zuschauer nicht mehr denken dürfen, sondern fühlen müssen.

Also noch mal eindeutig, die Zuschauer müssen nicht alles verstehen. Das Wichtige müssen sie aber verstehen, sonst fühlen sie sich völlig zu Recht betrogen.

Zwei Fragen bleiben:

Muss alles logisch sein?

Klare Antwort: NEIN! Nein, es muss nicht alles logisch sein, aber auch das ist eine zweischneidige Sache. Es gibt eine Bühnenwirklichkeit, der Typ, der zwanzig Zentimeter am Kollegen vorbeigeht, ihn aber nicht sieht, weil es gerade so sein muss, oder die klassische Haushälterin, die immer mal wieder über die Schulter ihre wirkliche Meinung über die Herrschaften in Richtung Publikum laut flüstert – was die Herrschaften natürlich nicht hören. Ich mag es gern auch noch ein bisschen anarchistischer und ironischer, ich hab einen großen Spaß daran, wenn die Rollen in wiederum nicht gerade den emotionalsten Momenten bemerken, dass sie in einem Theaterstück mitspielen, wenn an einer Stelle, an der sie nicht da sein kann, die Gouvernante hereinschaut und um Ordnung bittet, weil das ja nun mal ihr Job ist. So kleine Cracks in der stückimmanenten Logik sollten in Komödien immer erlaubt sein – wie gesagt, nicht an Stellen, die wirklich wichtig für die Handlung sind. Man sollte Logik nicht zu ernst nehmen – die Geschichte schon, die Logik, och nö …

Muss alles durchdacht sein?

Auch nicht. Wie oft passiert es: Man probt eine Szene zum ersten Mal, die Darsteller gehen auf die Bühne und machen etwas, und man sagt: „Das ist gut, machen wir so.“ – Und irgendwann fragt ein Zuschauer, warum hat er denn das so gemacht, warum kam sie von dort, und bietet gerne auch noch eine Interpretationsmöglichkeit an. Und dann steht man da, nickt wissend und denkt sich – ähm, Interpretation, nun, es sah gut aus … Instinkt oder so … manchmal hat Kunst vielleicht einfach was mit Können zu tun, und nicht mit Denken. Und es gibt ja oft auch den Moment, in dem man diesen kleinen unsicheren Schritt geht, von dem man weiß, dass er irgendwie richtig ist, dessen Begründung oft erst deutlich später nachkommt, vielleicht aber auch nie, und der eben trotzdem richtig ist. Es ist eben doch Kunst, und die ist nicht immer plausibel, rational und durchdacht.

Elisabeth – Düsseldorf – Capitol – Derniere

Ja, da war ich – weil ich endlich mal Elisabeth on stage und nicht on DVD erleben wollte, wo man ja nur die Hälfte mitbekommt. Und ja, endlich war es mal wieder ein Erweckungserlebnis, eine Regie die grandios ist, ein Musical, das Schwächen, aber auch große Stärken hat, ein Bilderreigen, der wieder für ein paar Wochen die Begeisterung fürs Theater auf 150 Prozent bringt.

Elisabeth hat keine Schwächen? Oh doch, klar, vor allem musikalische. Leitmotivik mag eine schöne Sache sein, doch so ganz ohne große Variation die immer gleichen Melodien auf Publikum loszulassen, ist manchmal auch anstrengend – zumal die Kernmelodie, Elisabeths „Ich gehör nur mir“ eine überaus kitschige ist, die an Fernsehmusik aus den 80ern erinnert. Überhaupt gibt es eine zu große Menge Balladengeschwafel, einige davon sind auch wirklich ganz gut, aber dann irgendwann in der Menge und im Reprisenreichtum anstrengend. Daneben ist Kaiser Franz-Josef leider eine völlig untheatrale Rolle, ein Waschlappen, der keine Kraft hat, der kein Charisma haben darf, der dann aber eben auch das Publikum nur peripher tangiert.

Aber es gibt ja auch die boshaften Nummern, die tollen Ensembles, die großartige dramaturgische Idee, den Tod als Liebhaber Elisabethens einzubauen – und in diesem Fall auch eine ziemlich coole Sau, die den Lucheni spielt, großartige Leistung. Aber vor allem muss man dankbar sein, dass die ursprüngliche Inszenierung von Harry Kupfer gespielt wurde, düster romantisch, mit vielen witzigen Momenten und Ideen gespickt, mit einer Choreographie, die mich zum Tanzfan macht – natürlich hat das eine starke Künstlichkeit, aber die ist quasi in die Dramaturgie der Stückes ja schon eingebaut und wirkt daher völlig richtig. Das Pferdeballett, dass die (wunderbare) Erzherzogin Sophie mit ihren Truppen aufführt, ist so nah an der Lächerlichkeit, und dennoch schlicht großartig – was für ein schmaler Pfad, wie großartig beschritten! Hier kann man Regie sehen, wie sie sein soll, einfallsreich, dem Stück dienend, und doch anspruchsvoll und sich der Sprache des Theaters virtuos bedienend.

Das Personal an diesem Dernierenabend ist zu einem sehr großen Teil sehr gut – allein, der Tod kann nicht überzeugen – zu weich die Stimme, zu sehr Milchbubi – leider setzen sich überall diese jungen Sänger durch – ich musste mir auch schon mal einen sehr ähnlich mädchenhaften Helden im Starlight Express anschauen – aber so einer wird nie zum Helden, sorry. Elisabeth hingegen, wirklich gut! Und da stört auch ein vergeigter Ton nicht, diese Elisabeth, die auch richtig aussich raus kommen kann, ist wirklich überzeugend.

Was mich als halbwegs klassisch ausgebildeten Sänger ein wenig anstrengt, ist die völlige Hinwendung zum Shouting, einer Gesangsart, in der eben hauptsächlich geschrien wird, kontrolliert zwar, aber doch eben geschrien – da gibt es dann doch einige Momente, in denen der Gesang einfach zu hart wird, nicht mehr gut klingt, eigentlich gar nicht klingt.

Trotz der Kritikpunkte, Elisabeth war ein Erlebnis, ein starker Theaterabend, einer dieser Momente, in denen man wieder wo wirklich weiß, warum man sein Herz an das Theater verloren hat.

„Leck mich am Gral!“ oder „Gott segne ihre Muschi!“ – Spamalot

Warum nur? So will man fragen, warum nur, ist dieses Musical kein Erfolg? Gemeinsam mit einem überschaubar gefüllten Saal hatte ich gestern die Gelegenheit, Monty Python’s Spamalot im heiligen Köln anzuschauen. Und in Sichtweite des Doms geht im Musical Dome so was von die Post ab, dass ich mich zwischendurch kneifen musste – hach, die sind so krank in ihrem Humor, man muss es lieben. Kaum hat der Historiker durchblicken lassen, dass es nun los geht und der Weg nach Britannien offen ist, öffnet sich der Vorhang, und wir sind in Lappland, wo bunt kostümierte Lappen den Plitsch-Platsch-Song singen, Finnland hoch leben lassen, bis endlich der Historiker wieder eingreift und verlauten lässt, dass wirklich England gemeint gewesen sei – woraufhin natürlich alle peinlich berührt die Bühne verlassen, und einem wunderbaren optischen Gag mit ein paar Mönchen selbige überlassen.

An diesem Punkt, keine fünf Minuten waren gespielt, liefen mir schon Tränen das Gesicht runter, Tränen der Verzückung und des Gelächters. Klar, so stark konnte es dann nicht die ganzen drei Stunden, die stark an eine erinnerten, nicht weitergehen, hier und da gibt es ein paar Zeitgeistgags, die eher schwach sind, mal kurz nach Düsseldorf geschossen werden muss auch – wir sind in Köln -, und dennoch, es gibt noch so viele wunderbare Momente voll des englischen Humors, natürlich auch wiederentdeckbare Momente aus dem zu Grunde liegenden Film „Die Ritter der Kokosnuss“ – dass diese Show kein Hit ist, während eine Grütze wie Starlight Express schon seit gefühlten 237 Jahren in Bochum aufgeführt wird, ist peinlich für das deutsche Publikum. Sogar „Saturday Night Fever“ und „We will Rock You!“ liefen besser, und das sind noch nicht mal Musicals – es ist zum Heulen!!

Spamalot ist gute Musik, eine kranke Geschichte und so viel Persiflage auf Musicals, dass besonders die, die sich für das Genre schon ein bisschen länger interessieren, einfach aus dem Lachen nicht mehr rauskommen. Also, wer noch nicht war, der sollte rein, und zwar ganz flott … kann doch nicht angehen … das Ding müsste eigentlich Kult sein …. *grummel*

Quick – Die Hexe und das Mädchen – Vier Tage Workshop

Nun ist es geschafft, das Wochenende des Grauens – nein, ich übertreibe maßlos, aber der Name kam mir im Vorfeld irgendwann in den Sinn. Man muss sich das einfach mal vorstellen – da gibt es eine locker zweistündige Show, eine Revue mit allen möglichen Elementen, und die wird fast vollständig von Amateuren auf die Bühne gestellt – und in der Mitte stehen zwei kleine elfjährige Mädels, die sich die eine der beiden Hauptrollen teilen.
Ich bin Co-Regisseur der ganzen Angelegenheit und das bei 150 Mitwirkenden – und ich bin im speziellen für alle da, die viele Fragen haben, also alle jungen Darsteller, für die Chöre, die sich mit dem Theaterkram ja auch nicht so auskennen, für die Zusammenarbeit mit einer Zirkus-AG … irgendwie hat man nach dem ersten Tag schon das Gefühl, dass man kaum noch reden kann, dass der Kopf brummt, dass man sich manchmal sogar an einen anderen Ort wünscht. Aber andererseits fängt das eine oder andere auf einmal an zu funktionieren, plötzlich sieht man die kleinen Details – ja, es macht auch vieles einfach Spaß. Dass man nebenbei mit dem einen oder anderen plötzlich näherrückt, und natürlich auch da und dort mal von Leuten irgendwie enttäuscht wird – aber insgesamt sieht es wirklich gut aus, über größere Teile wird „Die Hexe und das Mädchen“ eine gelungene Show – vermutlich können wir sehr stolz auf das Endprodukt sein.
Bei anderen Sachen mag der Weg das Ziel sein, im Moment weiß ich, dass nur die Premiere das Ziel ist, nur das Endprodukt zählt.
Als ich gestern abend nach Hause kam, war irgendwie die Batterie total leer, aber langsam und nach dem ich meine Pokerbankroll einigermaßen ruiniert habe – das ist ja immer sehr entspannend – bin ich wieder fast im Lot. Allerdings waren meine niedlichen Grundschüler aus meiner Theater-AG heute ein bisschen erschrocken, da ich deutlich mehr Disziplin eingefordert habe, als ich das sonst mache … war wohl noch ein bisschen angekratzt.

Marie Antoinette – Musical … oder so …

Michael Kunze und Sylvester Levay waren als Texter und Komponist ja schon erfolgreich, als sie noch keine Musicals schrieben, aber man muss ihnen einen großen Verdienst zuschreiben, mit Elisabeth zeigten sie, dass Musicals auch dann erfolgreich sein können, wenn ihre Originalsprache Deutsch ist.

Ich bin vor ein paar Tagen über ihr neuestes Musical gestolpert, und habe mir die CD gekauft, konnte mal wieder einfach nicht dran vorbei. Ich bin seit vielen Jahren schon ein großer Liebhaber des Musiktheaters und meine Wurzeln liegen beim Musical – meine Sammlung an Musical-CDs ist dementsprechend sehr groß – und nun kam also Marie Antoinette dazu.

Und gleich ab damit in den Giftschrank!!

Machen wir mal eine kleine Umleitung: Ich kann nicht sagen, dass ich je ein riesiger Fan der Kunze/Levay-Musicals war, am ehesten noch von Mozart, und natürlich war ich von Elisabeth auch beeindruckt. Sowohl bei Mozert als auch bei Elisabeth gab es einen wirklich cleveren dramaturgischen Clou – bei Elisabeth war es der Tod, der personifiziert eine Liebesaffäre mit der lieben Sisi haben darf – das bedingt zwar, dass ihr Gemahl, der Kaiser, zu einer der schwächsten Musicalrollen aller Zeiten wird – der totale Waschlappen – aber da geht einiges ab, was wirklich interessant ist, da gibt es gute dialogische Songs, eine Menge derben Humors und viele weitere Bosheiten – lustvoll wird mit der Sissi-Seligkeit aufgeräumt – und auch musikalisch steckt da eine Menge drin. Auch, nun ja, wenn ich zugeben muss, es gibt ein paar Stellen, die ich nicht mehr hören kann, und es gibt auch ein paar Texte, die wiederum selbst hart am Kitsch sind.

Bei Mozart gab es auf der Bühne einen kleinen Mozart, das Idealbild Amadé, der mit dem quasi erwachsenen Wolfgang kontrastiert – der Clou kommt zwar bei der Musik – und ich gebe ja gerne zu, ich habe es nicht gesehen – eigentlich gar nicht vor, aber auch hier haben wir wieder tolle Dialoge, die einfach gut in die Musik hineinspielen, hier gibt es Witz und auch mal was schönes.

Danach kam Rebecca, was mich schon deutlich weniger faszinieren konnte – und nun Marie Antoinette – das Grauen, schlechter deutscher Schlager, der sich als Musical tarnt. Nicht nur, dass die Texte von größter dichterischer Schlichtheit sind, die Rollen plärren auch noch die ganze Zeit offen heraus, was sie gerade fühlen, denken, und auch noch, welche Funktion sie im Stück haben und was der kommende Konflikt ist – nichts davon wird irgendwie verschlüsselt, nichts durch die Blume gesagt, meine Güte, ist das platt. Und ich rede nicht von einem oder zwei Ausrutschern, nein, das geht von vorn bis hinten so. Dazu dann die Musik – genauso belanglos. Das ist ein kitschiger uninspirierter Musikbrei, grauenhaft.

Kunze und Levy sind nicht mehr die jüngsten, und vermutlich wollten sie noch so lange ein bisschen Geld zusammen verdienen, wie sie es können – aber wie schade, dass so ein Machwerk in einem Musicaltheater aufgeführt wird, während sich begabtere Texter und Komponisten über ähnliche Möglichkeiten ein Loch in den Bauch freuen würden.