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Kritik

Ich hasse Kritik, wie alle Regisseure hasse ich Kritik. Beschwert sich jemand, halte ich mir die Ohren zu. Hat jemand bessere Ideen als ich, dann bin ich demjenigen persönlich auf Monate hin sauer. Ich bin Regisseur, ich bin Chef …

So, einmal den Quatsch hingeschrieben, ich befürchte, solche Regisseure gab es mal, gibt es hier und da vielleicht noch, aber ich jetzt persönlich, bin nicht so. Ich finde Kritik richtig gut. Ich finde alles gut, was dem Stück hilft. Und wenn andere bessere Ideen haben als ich, dann setze ich diese Ideen um.

Aber eine Sache ist doof, wenn Kritik schwammig und unkonstruktiv kommt. „Finde ich nicht gut“, ist immer ein Totschlagargument, jedes „Nein“ ohne Begründung ist der Tod aller Kreativität – schon ein „Nein“ mit Begründung kann im falschen Moment furchtbar sein, aber ohne Begründung …

Das Problem ist natürlich auf der einen Seite, dass die unkonstruktive Kritik nicht weiterhilft, schlimm ist das, klar, aber noch viel schlimmer ist das Gefühl, das dabei rumkommt. Man hat ein Gefühl für sein Stück, vielleicht sogar ein kleines bisschen Euphorie, will mit Freude weitermachen, und dann schlägt diese Art von Kritik so richtig in die Magengrube. Denn die transportiert eine Sache: Negative Energie. Und die ist im Allgemeinen immer ein Problem – ich setze sie nur in einem Fall künstlich ein, wenn ein Ensemble zu euphorisch vor einer Vorstellung ist – dann nämlich braucht es ein bisschen negative Energie, um zurück zur Konzentration zu kommen. Im Probenprozess brauch ich negative Energie ungefähr so dringend wie einen Tritt in den Unterleib.

Zwischenruf: Gemeinschaften und negative Energie

Umgangssprachlich formuliert fahre ich gerade einen Hals, aber derbe … Und diese Emotion at was mit dem Thema Gemeinschaften zu tun. Wie jeder Leser meines Blogs weiß, spiele ich WoW und bin auch in einer Gilde, genauer gesagt in einer Multi-MMO-Gilde, also einer Computerspielgilde, die in verschiedenen Spielen ihr Zuhause hat. So eine Gilde hat natürlich auch ein Forum und ein bisschen Bürokratie, zum Beispiel müssen sich Neumitglieder erst mal bewerben und manchmal werden sie auch abgewiesen.

Tja, und alles könnte so schön sein, mit fast allen Mitspielern habe ich ein gutes Verhältnis, man hilft sich gegenseitig, hat gemeinsam Spaß, geht zusammen in Inis oder questet gemeinsam, alles ist gut, oder besser, alles könnte gut sein.

Wenn da nicht ein Typ wäre, der ständig und überall seine Meinung allen aufoktroyieren versuchte. Dieser Mensch (ich vermute, es ist einer), nennen wir ihn der Einfachheit halber mal Ramses, hat zu allem eine Meinung, aber zu nichts eine Meinung, die sich mit gesundem Menschenverstand decken würde. Das ist ja im Prinzip okay, jeder hat ein Recht auf seine Meinung, das ist ein Recht, für das ich vieles geben würde, ja, ich würde auch vieles dafür geben, dass Ramses seine Meinung äußern darf … aber leider äußert Ramses seine Meinung nicht wie normale Menschen, er stellt sie immer als alleine selig machende Wahrheit hin und beschimpft jeden, der eine andere hat – zwar meistens brauchbar versteckt und oft so ein bisschen durch die Blume, aber grundsätzlich lässt er jeden Andersgläubigen schlecht aussehen, macht klar, dass dieser die falsche Einstellung zum Spiel und zur Gilde hat – offenkundig wurde ihm die Wahrheit, oh Herr, zuteil, und mit ihm zu diskutieren ist genauso sinnlos, wie ein Gespräch mit einem Freikirchler über den persönlichen Gottesbegriff. Ramses weiß, dass er Recht hat, wie könnte jemand anders daran kratzen – und dann wird es noch viel schlimmer – ich bin ja erst ein paar Monate dabei, also müsste ich ja wirklich gefälligst die Klappe halten, denn ich weiß ja gar nichts über die Gilde, über die Erfahrungen, die man gemacht hat, blablablabla ….

Nun bin ich ein bisschen älter als Ramses und es gewohnt, Gruppen zu führen – ich weiß, ist ne komische Formulierung, aber als Regisseur bin ich der, der das letzte Wort hat und auch noch der, der auf die Gruppenchemie achtet. Ich weiß also recht viel darüber, wie eine Gruppe funktioniert und wie sie nicht funktioniert. So weiß ich zum Beispiel auch, dass negative Energie ein echtes Problem ist. Und Ramses atmet negative Energie aus. Bei jeder Bewerbung eines eventuellen Neumitglieds, stänkert er herum und sucht Sachen, die sich in Abstimmungen gegen dieses eventuelle Neumitglied verwenden lassen. Und immer dann, wenn jemand sich als unglaublich wichtig aufführt, weckt sich in mir ja was, so ein gewisser Widerspruchsgeist: Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute sich selbst sehr wichtig und ernst nehmen. Und ich kann Unsinn nicht ausstehen. Und, ja, natürlich knallt es im Moment sehr heftig, aber HALLO! Und natürlich nutze ich jedes bisschen Können, was mich mit der Sprache verbindet, um gegen Ramses mobil zu machen. Es gibt nämlich nichts blöderes, als wenn jemand ständig ein bisschen zündelt und mit der Zeit niemand mehr ein Interesse an der Gemeinschaft hat. Dann lieber einmal richtig Benzin drauf und schauen, ob es ein Ende mit Schrecken gibt, oder ein Freudenfeuer, an dem die Gemeinschaft gesundet – und ich tanze gerne um das Feuer.

In der Zwischenzeit, während ich hier schreibe, entwickelt sich so einiges im Forum, es müssen nun endlich Diskurse geführt werden, es gibt wichtige Entscheidungen zu treffen. Und das sehen glücklicherweise sehr viele Leute sehr ähnlich wie ich … vielleicht krieg ich ja auch bald diesen Hals wieder weg.