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Quick – Beeindruckend

Ja, ich bin beeindruckt, ich bin sogar fast begeistert – es ist in diesem Zusammenhang ein unpassendes Wort – aber ich was da in Norwegen passiert ist, nachdem ein christlich und rechts motivierter Kreuzritter mehr als siebzig Menschen ermordet hat, ist schon beeindruckend. Während man bei uns nach Vorratsdatenspeicherung und Klarnamenpflicht geschrien hat, sagen in Norwegen König und Ministerpräsident: Jetzt erst recht eine offene Gesellschaft. Wir ziehen jetzt erst recht eine Gesellschaft durch, bei der Breivik und all den anderen Anti-Islam-Nazis und Das-wird-man-ja-wohl-sagen-dürfen- Stammtischfaschisten nur schlecht werden kann, durch – wir sind so frei.
Ich find das großartig, beeindruckend und bewunderungswürdig. Es geht hier um Freiheit, und das sollten wir uns alle im Gedächtnis halten. Freiheit, die ja immer noch die Freiheit der Andersdenkenden und -glaubenden ist, wird bei uns Mangelware und die, die Freiheit bei uns im Namen tragen, sind es, die sie beerdigen wollen. Freiheit kann man nur mit Verständnis und einem klaren Eintreten für die wirklichen Werte erreichen – und das wird uns in Norwegen gerade vorgelebt. Ich bin beeindruckt.

Quick – Die Breivik-Keule

Matthias Matussek hat bei Spiegel Online den Einsatz der Breivik-Keule verdammt und gegeißelt. Er gibt sich größte Mühe, vermeidet seltsamerweise aber den Begriff Hexenjagd, bevorzugt Sympathisantenjagd – nun gut, ich hätte jetzt gar nicht unbedingt etwas dagegen, wenn Sympathsanten Breiviks gejagt würden, ich fände sogar große Kaliber gar nicht so unangebracht.
Matthias Matussek meint, der Anschlag von Oslo wird von der Linken – jetzt nicht die Partei, nein, Blogger, Kommentatoren usw. – instrumentalisiert. Und dann wird er geradezu poetisch, das Christentum sei eine Religion der Liebe, das könnte nichts mit Breivik zu tun haben, ja, christlicher Terrorismus sei unvorstellbar. Lieber Matthias Matussek, es ist sehr schön, dass Sie ihren Kinderglauben noch haben – allerdings sollte jemand, der die Augen vor der Wirklichkeit so sehr verschließt, eigentlich eher nicht irgendwo publizieren.
Das Christentum hat eine Geschichte der Gewalt. Andersdenkende wurden immer, durch alle Jahrhunderte hindurch, verfolgt und umgebracht. Kreuzzüge und Hexenjagden sind da ein wunderbares Beispiel für – aber christlich motivierte Terristen haben auch noch vor gar nicht allzu langer Zeit ihre Kollegen aus einer anderen Konfession in Nordirland weggebombt. So ist das nun mal mit dem Christentum.
Wer mal wissen will, wie zum Beispiel fundamentale Katholiken drauf sind, der kann ja mal bei kreuz.net vorbeischauen. Die Homophobie dort nimmt Ausmaße an, die im Tonfall sehr an den Nazijargon erinnert. Und ich weiß nicht mehr, wer das letztens richtig erkannt hat – deswegen kann ich es nicht mit Namensnennung zitieren, bitte um Entschuldigung – wenn man sich die Texte der Islamkritiker, der Broders und Sarrazins anschaut, der kann sich ja mal den Spaß machen und „Islamisierung“ durch „Verjudung“ ersetzen, die Texte klingen plötzlich ein bisschen älter, irgendwie aus dem Geschichtsunterricht bekannt – „Islamisierung“ klingt halt nur ein bisschen moderner, und schon haben wir uns täuschen lassen – gemeint ist aber das Gleiche.
Was ich mich frage, meint Matussek wirklich, das seine Auseinandersortierung irgendwie logisch klingt? Wenn ein muslimischer geistiger Tiefflieger und Fundamentalist ein Flugzeug in einen Turm fliegt, entspringt das doch natürlich dem gleichen Geisteszustand, wie wenn ein christlicher geistiger Tiefflieger und Fundamentalist zig Menschen in einem Ferienlager erschießt, wo soll da der Unterschied sein? In der christlichen Menschenliebe? Hallo? Ist da irgendwer zu Hause?
Für mich klingt das ein bisschen nach Rückzugsgefecht. Der Punkt ist doch einfach der: Islam und Christentum haben beide jede Menge Mordopfer zu verantworten. Beide Religionen haben auch viele Millionen friedliche Anhänger, denen man nicht nachsagen kann, dass sie aus ihrer Religion heraus irgendetwas Schlimmes tun. Wenn plötzlich nicht islamische Rechte sondern christliche Rechte Terror verbreiten, dann muss sich die islamophobe Rechte, die sich in den letzten Jahren leider in unseren Medien austoben kann, natürlich leicht betroffen fühlen. Ist auch so ein bisschen widerlich, wenn man sein klammheimliches Verständnis nicht öffentlich machen kann – als ich 12 war und die RAF irgendwie cool fand, ging mir das ähnlich. So geht es jetzt dem Herrn Matussek schon wieder, wie es vermutlich auch ihm nach Fukushima ging, wie es auf jeden Fall weiten konservativen Kreisen erging – die Realität muss bekämpft werden, man muss dem politischen Gegner vorwerfen, er würde eine schlimme Sache instrumentalisieren. Dass dieser die Situation einfach nur analysiert, auf die IDee kommt so ein Matussek natürlich nicht.

Quick – Keine Inkarnation des Bösen

Nein, Anders B. Breivik ist keine Inkarnation des Bösen, er ist auch nicht wahnsinnig – es mag sein, dass er ein Problem mit Gefühlen hat und anz sicher auch einen gewissen Narzissmus, aber ich glaube kaum, dass diese leichten psychischen Störungen bei ihm ausgeprägter sind, als bei Millionen anderen.

Breivik ist von seinem Weltbild getrieben, er ist nicht der erste und wird sicherlich auch nicht der letzte sein, der aufgeputscht von rechten Brandstiftern – die er ja auch in seinem Manifest nennt – zu ähnlichen Schlüssen gelangt ist und gelangen wird. Wenn er geistig krank ist, dann hat er die gleiche geistige Krankheit wie jeder islamistische Terrorist, denn da ist das Weltbild nur um Nuancen verschieden – gut, statt fundamental-christlich sind die halt fundamental-islamisch – das tut sich nichts.

Auch bei uns kann ein solcher Anschlag täglich passieren, auch bei uns kann jemand die Broders und Sarrazins, die Bildzeitung irgendwann ernst nehmen, und die Rüttgers und Kochs, die mit ausländerfeindlichen Parolen Wahlkampf machten. Auch bei uns kann jemand den Papst und Kardinal Meißner plötzlich ernst nehmen – wem auch immer es zu danken sei, normalerweise macht das ja keiner. Und wenn dann junge Christen, frisch evangelikalisiert und in Besitz der absoluten Wahrheit, beginnen, das Wort Gottes mit Molotowcocktails und Baseballschlägern, mit Bomben und Gewehren zu predigen, kann das genauso bei uns in Deutschland passieren, wie in Norwegen. Und dann kann man noch so oft von Einzeltätern sprechen oder die Mär vom Amoklauf auspacken – so lange menschenfeindliche Weltbilder mit innewohnender Absolutwahrheit verharmlost werden, werden immer wieder Menschen unschuldig sterben.

Breivink ist keine Inkarnation des Bösen, wenn sich in ihm etwas inkarniert, dann der paneuropäische Rassismus. Aber Inkarnation heißt doch Wiedergeburt – nein, das ist Unsinn, der paneuropäische Rassismus muss nicht wiedergeboren werden, der war niemals weg. Der zeigte sein hässliches Gesicht in Rostock und Solingen, der marschierte auch in Afghanistan ein. Der Rassismus wird aus Angst geboren, und seit vielen Jahren werden wir über die Angst regiert. Zehn Jahre 9/11 bedeutet zehn Jahre Panikmache und medialer Islamhass – und was ist der anderes, als verbrämter Rassismus. Wer braucht denn da eine Inkarnation?