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Kultur und Schule – die Basisworkshops

Da ich ja in diesem Jahr zum ersten Mal ein „Kultur und Schule“-Projekt mache – in der Grundschule, in der ich schon seit anderthalb Jahren als Schauspiellehrer arbeite – musste ich die letzten beiden Tag nach Neuss ins Rheinische Landestheater, um dort das Grundsätzliche zu lernen, was man so über die Projekte wissen muss. Wenn ich ehrlich sein soll, ich hatte vorher ein unbehagliches Gefühl. Das einzige Mal, dass ich vorher mit irgendwelchen Institutionen zu tun hatte, die Theaterpädagogen ausbilden, war ich auf große Arroganz getroffen, hatte selbst dann sicherlich auch etwas arrogant reagiert – es war kein gutes Gespräch. (um es zu erklären: alles, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hatte, war völlig uninteressant für die Person gegenüber, das Curriculum, dass diese mir auf der anderen Seite verkündete, war für mich völlig uninteressant, weil ich das alles schon in der einen oder anderen Weise gemacht hatte)

Nun befürchtete ich zwei Sachen – erstens, dass man mir Sachen erzählen würde, die gegen meine tiefen Überzeugungen verstoßen (meine Leser haben hier ja schon einiges über meine Gedanken und Ideen zum Thema Theater und Theaterpädagogik lesen können), zweitens, dass ich als Autodidakt unter den gelernten Schauspielern und Theaterpädagogen mit ähnlicher Arroganz behandelt würde, wie damals. Und dann wurden diese beiden Tage zu zweien der besten, die ich seit langer Zeit hatte.

Da ich die beiden Seminare in der falschen Reihenfolge bestritt, war gestern erst mal Basisworkshop II dran. Mit einem recht simplen Trick schaffte es die eine Hälfte des Dozententeams uns sehr schnell mit dem größeren Teil der Gesellschaft sehr schnell in Kontakt zu bringen, und man war auch gleich im Fachsimpeln, erzählte mit dieser typischen Mischung aus Frust („… ich hab da diesen Jungen, der die ganze Zeit …“) und Lust („… und dann wacht die auf einmal auf, wird richtig selbstbewusst …“) aus dem Alltag der Theaterverrückten – und sehr schnell war man ziemlich warm mit dem größten Teil der Truppe. Thematisch ging es hauptsächlich darum, wie man mit Störungen umgeht – ganz sicher ein Thema, zu dem ich noch viel lernen kann – und ich brauche keinen Kommentar, der mich darin bestätigt – und da war es dann die andere Hälfte des Gespannes, die uns wirklich weiterhelfen konnte, uns einige Prinzipien an die Hand gab.

Aber neben einigen wirklich interessanten Gedanken waren es vor allem zwei Zeiten, an die ich mich von gestern noch einige Zeit erinnern werde. Das Mittagessen, bei dem so viel erzählt und geblödelt wurde, das man das Gefühl hatte, man wäre unter alten Freunden – so viel zu lachen hatte ich seit Wochen nicht mehr, und ich lache oft – aber dieses Mittagessen wurde noch getoppt. Zum Abschluss haben wir Spiele und Übungen aus unserem Unterrichtsalltag mit den Kollegen gespielt. Es gab dabei etwa drei eher ernste Theaterspiele und –übungen, der Rest führte extrem ausdauernd zu seeeehr guter Laune. Mörderspiele, Huddeliihuddelli, Schnickschnackschnuck-Evolution und jede Menge seltsamer Sachen mehr, die müde aber absolut glücklich machten. Und aus den angepeilten 45 wurden gut 90 Minuten wilder Spiele, jedem fiel noch etwas ein, so viel Energie habe ich selten gefühlt. Natürlich ist zu befürchten, dass diese Spiele mit den Schülern dann nicht so einfach und gut funktionieren – alle Beteiligten haben mit aller Kraft mitgemacht, haben sich sofort auch in die seltsamsten Ideen gefügt. Aber gut, wenn so eine Gesellschaft nicht locker und offen für alles ist, welche dann? (allerdings unterhielt ich mich heute Morgen mit den Dozenten und die meinten, so sei es absolut nicht jedes Mal, es wäre eine außergewöhnliche Einheit gewesen)

Und heute Morgen dachte ich dann, gut, gestern war wohl ein Glücksfall, die Dozenten meinten ja schon, dass es heute nicht ganz so lebendig zugehen würde – und als ich dann die Gruppe sah, hatte ich wirklich wieder so ein bisschen Angst, dass es kein so intensiver Tag werden würde – und dann wurde es kaum weniger spannend und intensiv. Natürlich musste einiges an bürokratischem Kram geklärt werden, das ist klar, und das war vielleicht nicht besonders spannend, aber nötig. Aber wir wurden eben auch wieder in die Position versetzt, die sonst unsere Schüler einnehmen und da wurde schon das eine oder andere Auge geöffnet – nebenbei waren wir so kreativ und selbstbewusst, dass wir ein wenig die Dozentin an die Grenzen ihrer Geduld brachten, hat schon auch Spaß gemacht. Aber wichtig war einfach zu sehen, wie viele Gefühle geweckt werden, was man in der Lehrsituation öfter vergisst.

Und dann ging es um ein paar Sachen, die ich einfach nur unterschreiben wollte: Schüler müssen wahr und ernst genommen werden, man muss sich für Menschen und ihre Gefühle interessieren. Man muss ehrlich in seinen Gefühlen sein – ja, alles richtig, Manche Sachen habe ich sehr ähnlich in meinen Überlegungen zur Theaterpädagogik hier im Blog sehr ähnlich geschrieben – yeah, hat mir das gut getan. Volle Bestätigung! Davon hätte ich gern noch mehr gehabt, also noch mehr Tage, noch mehr vertiefende Diskussionen, mehr von dieser Energie.

Bei Facebook wurde nun eine Gruppe gegründet, wo man mit den Kollegen in Kontakt bleiben kann. Und ich war gestern wirklich so euphorisiert, dass ich, der ich mich dem immer verweigert habe, nun bei Facebook angemeldet bin. Na, das sagt doch alles …


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Kriegsgeneration

Als wir da saßen, am Donnerstag nach dem Kino bei dem Schnellrestaurant mit dem B und dem K, und über Frauen und Essen sprachen, da wurde es plötzlich aus diversen Gründen philosophisch. Es fiel uns etwas auf. Vielleicht zum ersten Mal in deutscher Geschichte wächst nun eine Generation in Deutschland auf, die fast gar keinen Kontakt mit dem Krieg mehr hat. Heutige Großeltern sind zumeist im Krieg geboren, haben ihn als Kinder und Jugendliche noch so halb mitbekommen, viele sind aber schon nach dem Krieg geboren. Außer ein paar armen Menschen, die heute nach Afghanistan geschickt werden, um sich dort unbeliebt zu machen, gibt es keine Kriegsteilnehmer mehr, mit denen heutige Kinder sprechen können.

Was für ein Segen, der letzte Krieg in Deutschland liegt über sechzig Jahre zurück – wir sollten springen und tanzen und überhaupt nur jubilieren. Wenn nicht … offenbar ist der Krieg lang genug zurück, wenn ohne Not deutsche Soldaten eben nach Afghanistan geschickt werden, in einen Bürgerkrieg, in ein Land, in dem niemand darauf gewartet hat, dass deutsche Soldaten kommen und Menschen bombardieren, die Brennstoff haben wollen, oder Autofahrer erschießen, die nicht früh genug anhalten. Das wäre vor zwanzig oder dreißig Jahren noch nicht möglich gewesen, weil da noch viel mehr Menschen lebten, die laut und deutlich sagten: ‚Krieg ist Scheiße! Ich weiß es, ich war dabei!‘

Ich denke aber auch, dass es sich auswirken wird. Meine Oma sprach täglich vom Krieg und der Vertreibung, sprach täglich von der Angst. Mein Opa sprach nicht, er trank. Beides hat mich geprägt, ich wusste schon früh, dass ich Krieg verabscheute, dass Pazifismus die einzige Möglichkeit war, eine eigene Meinung zum Thema zu entwickeln. Man kann versuchen, diese Erfahrungen eine Generation weiterzugeben, aber heute wird man wahrscheinlich pädagogisch sinnvolle Altersstufen dafür finden – ich war noch nicht in der Schule, als ich alles Mögliche über den Krieg hörte, ob das zu früh war, darüber hat niemand nachgedacht. Und weil es so früh war, hat es mich geprägt. Mit der Zeit habe ich die doppelte Erfahrung meiner Großeltern verstanden. Sie waren Kinder, als der Erste Weltkrieg begann, zwei oder drei Jahre alt. Sie waren noch nicht in der Schule, als sie das erste Mal fliehen mussten. Sie waren Erwachsene mitten im normalen Erwerbsleben, hatten ein Kind, als der Zweite Weltkrieg begann, und ihre ganze Welt zerstört wurde – der Erste Weltkrieg gab ihnen kindliche Traumata, der Zweite nahm ihnen alles.

Wir dürfen das nicht vergessen und wir müssen es auch weiter erzählen, immer wieder!

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Die Idee der Sicherheit in der Theaterpädagogik

Sicherheit ist in der heutigen Erziehung ja eh ein Thema, das sehr verschieden gesehen wird. So natürlich auch in der Theaterpädagogik. In einer Zeit, in der Eltern sehr oft überfürsorglich sind, Kindern keinerlei Selbstverantwortung lassen und damit also alle Selbständigkeit vernichten, muss man dieses Thema sehr ernst betrachten:

Es geht um verschiedene Interessen: Natürlich sollen den Heranwachsenden kein Schaden zugefügt werden. Körperlich ist das selbstverständlich und jedem einsichtig, psychisch ist das schon wieder eine andere Sache, man weiß einfach nicht, was schadet und was nützt, oder zumindest weiß man es nur ungefähr. Die Schüler sollen etwas lernen, auf jeden Fall viel über das Schauspielen, über das Geschichtenerzählen – im besseren Fall auch noch ganz viel über sich selbst und das Leben. Und Lernen heißt auch immer ein Risiko eingehen. Schauspielerei arbeitet mit den psychischen Bestandteilen eines Menschen, die Risiken sind da größer, als der blaue Fleck beim Fußball, das sollte jeder Theaterpädagoge immer im Hinterkopf haben – aber dennoch müssen die Risiken eingegangen werden. Grundvoraussetzung dafür, dass die Schüler über den eigenen Schatten springen und die Risiken eingehen, ist ein großes Vertrauen zum Pädagogen, das Wissen darum, dass man nicht allein gelassen wird – und das ist nebenbei ein Grund, weshalb die Distanz zwischen Lehrer und Schüler hier zwar da sein muss, aber nicht so groß sein kann, wie in anderen solchen Verhältnissen. Jetzt ist es immer eine Frage, wie man das Vertrauen von Schülern gewinnt, wahrscheinlich gibt es hunderte Geheimlehren, die von Lehrer zu Lehrer weitergegeben werden, aber letztlich bin ich bisher nur auf eine Möglichkeit gekommen – Wohlwollen und Ehrlichkeit.

Das Wohlwollen ist für mich einfach, kaum überschreitet jemand die Grenze in meine Gruppen hinein, hat er meine Sympathie, von dieser Regel gab es in den letzten sechs Jahren eigentlich keine Ausnahme – manchmal gehen mir Menschen fürchterlich auf den Geist, aber ich mag sie trotzdem und versuche, sie ein bisschen auf einen besseren Weg zu bringen, ihnen die richtige Einstellung nahe zu legen. Im Prinzip frage ich mich halt bei jedem neuen Darsteller, was man mit ihm wohl machen kann, wohin man ihn stellt, was er zeigen kann – das impliziert ein sofortiges Interesse an dem Menschen, und irgendwie geht ja auch kein Interesse ohne Wohlwollen – das verbindet sich also recht problemlos.

Ehrlichkeit ist der andere Teil – ich verabscheue pädagogische Lügen, ich spiel niemandem etwas vor, wenn ich nicht gut drauf bin, lasse ich das natürlich an niemandem aus, aber ich spiel auch nicht heile Welt vor, noch nicht mal Sechsjährigen. Wie sollen die denn lernen, welche Stimmungen Menschen haben, wenn die durch eine Zuckerwattewelt gehen? Stimmungen sind ja sogar ein wichtiges Thema, etwas, das man beherrschen muss, wenn man die Bühne betritt – und hier kommt dann das Seltsame: Ich kann natürlich die Stimmung spielen, die ich spielen will, so viel Schauspieler bin ich, aber ich bin auch ziemlich idealistisch in dieser Hinsicht: Ich finde Schauspielen im normalen Leben unredlich, ja unethisch. Jemandem Gefühle zeigen, die man nicht hat, ist eine Kunst, aber die sollte man sich für die Bühne vorbehalten (wer das nicht kann, hat nichts auf der Bühne verloren, klar, aber wer es kann, der sollte es nicht im normalen Leben ausnutzen, denn das ist letztlich immer Betrug). Also bin ich ehrlich, in meinen Stimmungen, in meiner Wortwahl. Mieses ist nie „gut“ und schon gar nicht „toll“, eher schon „das ist es noch nicht“, Fragwürdiges muss auch wirklich hinterfragt werden und wenn ich sage: „Sieht doch schon nach Theater aus!“, dann sehe ich in zufrieden grinsende Gesichter, weil alle wissen, dass ich das auch ernst meine.

Wenn man sich ernsthaft und wohlwollend für Kinder und Jugendliche interessiert und ihnen nichts vormacht, dann vertrauen sie einem auch. Dieses Vertrauen ist wichtiger, als jede scheinbare Sicherheit oder plumpe Freundlichkeit. Scheinbare Sicherheit ist zum Beispiel die Gebetsmühle „Du schaffst das schon!“ – nein, vielleicht schaffst du es, vielleicht schaffst du es nicht, ein Scheitern wäre aber nie schlimm. Das einzige, was schlimm wäre, ist ein spanungsloses Irgendwie-Durchwursteln – und deshalb sollte man Schüler nie in ein überbordendes Selbstvertrauen reden, sondern vielmehr auf ein gutes Selbstbewusstsein hin arbeiten, und nein, die Begriffe sind alles andere als synonym. Selbstvertrauen kann auch hohl sein und leer, und strotzt ein Kind vor diesem falschen Selbstvertrauen, ist es schon grob fahrlässig, es auf die Bühne zu schicken – denn der Fall ist dann umso härter. Selbstbewusstsein ist das Zauberwort, und zwar im Wortsinne, denn Schauspielen kann nur jemand, der sich über sich selbst bewusst ist, der sich kennt, Stärken und Schwächen bei sich selbst benennen kann. Und ich versuche, meine jungen Darsteller genau dahin zu bekommen. Aber hier beißt sich das Kätzchen ja auch schon ins verlängerte Rückgrat, denn ein solches Selbstbewusstsein ist nur durch Ehrlichkeit und wiederum Wohlwollen zu erreichen.

Sucht man hier ein Fazit, dann muss es die Bereitschaft zum Risiko sein, die man seinen Darstellern mitgeben muss – dazu gehört übrigens auch, dass man mit seinen Projekten Risiken eingeht, also auch mal Sachen inszeniert, die vielleicht eigentlich den einen Schritt zu schwer für die Gruppe scheinen, zu anspruchsvoll, zu gewagt, zu verrückt – denn genau da fängt die Kunst ja an. Und zu der Bereitschaft zum Risiko ist natürlich die Bereitschaft zum Auffangen verbunden – denn man arbeitet ja mit Kindern und Jugendlichen, und manchmal riskieren die halt doch mal mehr, als sie sollten, und dann muss man da sein, ein breites Kreuz haben und für die Verunfallten da sein.

Einstellungen, Einstellungen

Weil ich in letzter Zeit mehrfach darüber nachgedacht hab, was eigentlich der richtige Zugang, die richtige Einstellung zum Theater ist, ja sein muss, möchte ich hier mal wieder ein wenig meine Gedanken sammeln und sie zur Begutachtung frei geben.

Naja, als erstes muss ich mal festlegen, dass Theater ein Kunst ist, und wie alle Künste nicht von einem praktischen Sinn erfüllt. Genauso wenig, wie es wirklich einen Grund gibt, aus einem Stein eine Statue zu hauen, genauso wenig gibt es einen, eine Bühne zu betreten – außer für die wenigen, die damit ihr Geld verdienen können, aber wie viele sind das schon. Wenn es also eigentlich keinen Sinn dafür gibt – und wahrlich, man wird oft genug darauf hingewiesen, dass es keinen Sinn dafür gibt, zumindest in den Augen derer, die die Vernunft gepachtet haben und fragen, ob man denn nicht lieber was machen will, was ein bisschen sicherer ist … Danke, nein! – wenn es nun also keinen Sinn dafür gibt, dann muss man mal ein bisschen bohren, warum macht man das denn?

Man macht Kunst, weil es da eine Art Magie gibt – ja, ich weiß, wie esoterisch das klingt -, eine Verbindung zwischen Künstler und dem Empfänger dieser Kunst, die eine man in der Wirtschaft eine Win-Win-Situation nennt. Der Künstler gibt seine Energie, seine Phantasie, und durchaus auch sein Handwerk und seine harte Arbeit in die Kunst, und bekommt die süße Belohnung Applaus – und oft noch süßere Sachen, Tränen zum Beispiel, wenn er sie anrührt, echtes lautes Lachen ist auch toll, wenn man merkt, wie sehr die Zuschauer (ja, ich gehe jetzt natürlich vom Theater aus) am Geschehen auf der Bühne teilnehmen, wenn man sie wirklich erreicht, ist das besser als jeder, manchmal auch höfliche Applaus -, der Zuschauer, -hörer, der Leser oder Betrachter bekommt ebenfalls etwas, nämlich jede Menge Anregungen, Gefühle, Gedanken – „wer sich Carmen angeschaut hat, geht als Torrero aus der Oper!“ (keine Sorge, gilt nur für Männer) – ja, ganz besondere Stimmungen, die eben kaum anders als in der Kunst zu erreichen sind. Dafür bezahlt man üblicherweise auch gern seinen Eintritt, seine Tonträger oder gar das Bild, das man erwirbt – oder sollte man vielleicht sagen „bezahlte“, da hier das Internet in eine andere Richtung verweist? Wer weiß, wie lange es noch finanzierbar ist, Kunst zu machen, aber das ist ein anderes Thema.

Also sollte jeder, der gefühlsmäßig zu erreichen ist, verstanden haben, dass es genügend Gründe gibt, Kunst zu machen und das bisschen Magie zu erreichen, das wir in unserer Welt noch haben. Sind wir d’accor? (ich habe keine Ahnung, was der französische Ausdruck heißt und ob er richtig geschrieben ist, aber Insider werden jetzt hoffentlich ein bisschen lachen – dafür macht man das halt …)

Jetzt ist es ja so, dass ich diese Kunst, die man Schauspielen nennt, unterrichte – und man sagt mir nach, dass ich das zumeist auch mit rudimentärem Erfolg mache. Und dazu habe ich natürlich auch eine Einstellung – jaha, ich hab das Thema nicht vergessen, ich komme ihm auch immer näher. Ich möchte etwas erreichen mit meinem Unterricht – und eben nicht nur, dass ich mein Benzin bezahlen kann, auch wenn das ein netter Nebeneffekt ist (an dem Tag, an dem das nicht mehr Nebeneffekt ist, hör ich auf!) – ich möchte, dass meine Schüler ihr Handwerk erlernen, logisch, ich möchte, dass sie selbstbewusster werden, dass sie ein Gespür fürs Auftreten, für Sprache, fürs Publikum entwickeln, ja, ich bin vermessen genug, ich möchte, dass meine Schüler die Faszination, Kunst zu machen, verstehen und selbst fasziniert werden. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass ebendiese Schüler auch dann auf die Bühne gehören, wenn mir gerade nichts einzufallen mag, dass ich mich durch sehr frustrierende Momente durcharbeiten muss – zum Beispiel durch den Moment, in dem sie das, was sie machen sollen, gerade total doof finden – „hey, wir sind die Typen mit der Torte im Gesicht“, heißt es so schön in „Fame“, das trifft auf mich immer zweimal zu, denn mein erstes Publikum sind meine Schüler, das zweite das Publikum – keine Ahnung wem es zu verdanken ist, dass irgendwann eigentlich immer der Punkt kommt, an dem sie das dann doch wieder gut finden, irgendwie weiß ich es dann meistens ja doch irgendwie besser: Lehrerkrankheit.

Und es ist meine feste Überzeugung, dass ich sogar schon mit meinen Grundschülern einen künstlerischen Ansatz verfolge, kein Niedlichkeitsfanal, wie es so überaus üblich ist, kein Märchenkitsch – bei mir spielen Kinder Kinder, keine Fabelwesen, keine Tiere, einfach Kinder, die etwas erleben. Und dabei dürfen die Gefühle auch schon mal schwierig sein, nicht alle sind immer gut, schon lange nicht im Theater – und wie sollen aus Kindern und Jugendlichen denn begeisterte Theatergänger werden, wenn sie in simplen Kitsch gedrängt werden, wenn sie selbst auf der Bühne stehen?

So ist es fast logisch, welche Einstellung ich meinen Schülern mitgeben will, damit die auf der Bühne das beste hinbekommen: Man muss das eigene Ego schön zurück nehmen, mit allen anderen gut zusammen arbeiten, sich selbst nicht wichtig, die Kunst selbst aber umso wichtiger nehmen.

Ich hab keine wichtige Rolle bei einem Stück?

Egal, Hauptsache ich habe eine, und dann werde ich versuchen in dieser Rolle alles zu bringen, was ich kann, werde versuchen, etwas besonderes aus dieser Rolle zu machen, ohne andere an die Wand zu spielen. Nebenrollen, oder in der Übersetzung der Oscar-Kategorie, unterstützende Rollen sind absolut wichtig für jedes Stück – das kann sich so steigern, dass es manchmal ein einziger Satz Text ist, für den Schauspieler einen Sonderapplaus bekommen – dann haben sie was richtig gemacht.

Ich fühle mich übergangen?

Hm, blödes Gefühl, und der Tipp jetzt mal bei sich selbst zu schauen, warum das wohl so gekommen ist, ist immer schwer durchzuführen – aber so ist das nun mal in der Schauspielerei, gerade Schauspieler brauchen so viel Selbstbewusstsein im Wortsinne, sie müssen sich über ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein – und Rollenverteilung hängt oft an Typen, an Äußerlichkeiten – und manchmal glaubt so ein Regisseur einfach, er wüsste es besser, weil das nun mal sein Job ist und weil er die Verantwortung übernimmt, weil er etwas sieht, was man als Schauspieler noch nicht gesehen hat.

Ich langweile mich und ich find das blöd, was ich da machen muss!

Ja, Schauspielerei ist wie Krankenhaus, man wartet lange und es tut weh – nicht von mir, trotzdem richtig. Ich kenn solche Proben, man fährt – ist mir exakt so passiert, lockere fünfzig Kilometer, um zumindest eine zeitlang bei einem Probenworkshop dabei sein zu können, kommt quasi pünktlich zum Mittagessen, macht noch eine halbe Stunde Pause mit, probt dann den Teil der eigenen Rolle, den man schon kann und fährt dann wieder fünfzig Kilometer zurück im Wissen, dass dieses Benzin nicht nötig gewesen wäre – aber durchaus auch mit dem Gefühl, mehr vom Stück gesehen zu haben, sich besser auszukennen – nur die eigenen Sachen, ach ja, das darf man nicht so ernst nehmen, niemand kann nach der Anwesenheit von Amateurschauspielern planen, die sind eh nicht da, wenn man sie braucht. Da braucht man ein dickes Fell, auf beiden Seiten. Ach ja, ich find das auch manchmal blöd, was ich machen muss, in fact, ich muss mir manchmal sogar anhören, dass meine Schauspieler alles doof finden, was sie machen sollen, gehört leider auch zu meinem Job, boah find ich das doof – das Leben ist doch auch echt doof, oder?

Aber ich bin doch wichtig … oder?

Ja, bist du, wirklich, jeder Schauspieler ist sauwichtig, egal, ob er dreißig Seiten Text speichern muss, oder nen Baum spielt, jeder ist wichtig. Aber nie wichtiger als das Stück, nie wichtiger als das Publikum, denn jeder, der sich das anschauen will, der hat ein Recht darauf, dass du dein Bestes gibst, egal, ob er dein Freund ist, oder ob er sich nicht kennt, jeder hat ein Recht, dass du ihn anrührst, ihn begeisterst, denn das ist dein Job – und ich verspreche dir, machst du deinen Job gut, dann wird dir der Zuschauer alles an Anerkennung und sogar Liebe schenken, was er hat – und mehr kannst du nun mal nicht verlangen!

Nun, was ist denn, wenn meine Schüler das nicht wollen, nicht so viel Energie in die Sache stecken wollen, nicht so viel Engagement, nicht so viel von ihrer eigenen Persönlichkeit? Nun, Reisende, so heißt es, soll man nicht aufhalten, wer eine solche Einstellung nicht zustande bekommt, gehört auf keine Bühne, und auch wenn ich immer bereit bin, die kleinen Faulheiten, die kleinen Bequemlichkeiten zu entschuldigen, es sind ja nur Kinder und Jugendliche, man darf da nicht zu hart sein – ich bin der letzte, der das ist -, so ist es meine Pflicht immer wieder in diese Richtung zu schieben, das Theater muss nun mal wie jede Kunst ernst genommen werden, und wenn man diese Einstellung ablehnt, sich selbst wichtiger nimmt, so muss ich auch offen sagen, dass man noch viele andere Hobbys haben kann, es muss nicht Theater oder Musical sein – allerdings werden diese Leute wahrscheinlich auch beim Handball oder Aquarellkurs unangenehm auffallen, beim Erlernen eines Instrumentes sowieso, und eigentlich immer und überall.