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Nahost und so …

Eigentlich wollte ich über das Thema überhaupt nicht schreiben, jeder wird dir sagen, es gibt nichts Verrückteres, als Israel und Palästina und den Jahrzehnte  alten Konflikt auch nur mit der Pinzette anzufassen. Aber man kann im Moment nicht wirklich zu dem Thema schweigen, da läuft im Moment so viel schief – also nicht nur in Nahost, da geht es oft und schon lange schief – hier bei uns geht es schief.

Das Israel und Palästina so ein großes Thema sind, entlarvt schon ein bisschen, Syrien sollte uns doch eigentlich mindestens genauso bewegen, oder? Und gibt es in Afrika im Moment keine Kriege mehr, mit denen man sich beschäftigen kann? Da gibt es doch sonst genug davon und da weiß man wenigstens in 95 Prozent der Fälle, wer da eigentlich schuld ist – die alten Kolonialmächte, die Afrika zu dem gemacht haben, was es heute ist. Oh, jetzt habe ich schon gesagt, warum uns das immer ein bisschen weniger beschäftigt.

Aber ich schweife ab. Wenn man mich nach meiner Meinung zum Nahostkonflikt fragt, kann ich darauf eigentlich nur mit dem antworten, was ich letztens noch getweetet hab: Die Kunst in der Außenpolitik ist es, beide Seiten doof finden zu können. Die Geschichte Israels ist eine imperialistische. Israel ist im Schnitt ziemlich militaristisch und die Politik, die israelische Regierungen über Jahrzehnte betrieben hat, finde ich in Teilen kaum zu ertragen. Ich sag nur Siedlungsbau.

Und hätte man in der Vergangenheit ernsthaft mit der PLO zusammengearbeitet, die zwar auch bedenkliche Auswüchse hatte, aber gegen die Hamas wie ein Wohltätigkeitsverein wirkt, sähe es heute anders aus. Aber das Kind ist im Brunnen.

Apropos Kinder. Ein paar israelische Jungs wurden entführt und ermordet. Eine schreckliche Tat. Ein Terroranschlag. Unentschuldbar. Als Revanche wurde ein palästinensischer Junge umgebracht. Die, die das taten, würde ich gerne als israelische Terroristen bezeichnen, ist das okay? Die finde ich genauso widerwärtig.

Also festgehalten, israelische Politik finde ich als Linker oft extrem problematisch. Das ist nichts Besonderes, ich finde auch die Politik von Frau Merkel problematisch, und die von Obama und von Putin und so weiter.

Die andere Seite ist mir durchaus noch unsympathischer. Also nicht die Palästinenser als Ganzes, wäre ja auch Blödsinn. Mir tun die Menschen leid, die da unter der Herrschaft der Hamas leben müssen. Aber die Hamas und alles wofür sie steht, das ist schon ein widerlicher Haufen. Das sind Radikalreligiöse, und wie alle Radikalreligiöse haben die was gegen Homosexuelle, Atheisten, Frauen und überhaupt alle, die sich nicht ihrem imaginären Chef unterordnen. Nun, ich weiß, was die mit mir machen würden, wenn ich zufällig bei denen über die Straße gehen würde, die haben bei mir keine Sympathie. Also nicht einen Hauch.

Ich brauch ja keinen Hehl draus machen, ich wünsche mir die Überwindung von Staaten und Grenzen, ich wünsche mir auch, dass Israelis und Palästinenser ganz normal zusammen in einem Land leben können, wie bei uns Rheinländer und Westfalen. Das müssen aber beide Seiten wollen, und wenn sie das eben nicht wollen, komme ich auf den Anfang zurück, dann finde ich beide Seiten doof.

Aber ganz ehrlich, wenn ich lese, dass in Deutschland wieder Synagogen bedroht werden, dann wird mir schlecht. Wenn sie „den Juden“ herausfordern, wenn ein Mann angegriffen wird, weil er eine Kippa trägt, dann dreht sich mir der Magen um. Da zeigt sich das alte Monster Antisemitismus in all seiner verrotteten Pracht. Wir haben seit Monaten schon gesehen, dass auf den Montagsdemonstrationen gegen „Rothschilds“ gewettert wurde, gegen die „Großfinanz“, die ja nur ein neues Wort für die Vorstellung der Nazis vom „Weltjudentum“ ist. Antisemitismus ist wieder in weiten Teilen der Gesellschaft en vogue. Es kotzt mich an. Und es macht mir Angst.

PS Es hilft übrigens auch nichts, wenn Broder scheinbar seriöslich in der Welt die Situation analysiert und den Antisemitismus en passant nur den in Deutschland lebenden Muslimen zuschiebt. Erstens ist das leider Unsinn, und zweitens finde ich Antiislamismus auch nicht besser als Antisemitismus, Homophobie oder Rassismus.

Keine Sympathie

Manchmal ärgere ich mich. Manchmal ärgere ich mich auch über mich selbst – nämlich dann, wenn ich sympathisiere. Ich bin da gut drin, ich sympathisiere schon lange. Ich war schon sehr früh gegen die Kohlregierung meiner Kindheit eingestellt, und ich fand alles sympathisch, was gegen „das System“ war, ein System, dass ich bis heute noch nicht ganz verstehe, dass ich noch immer in Vielem widerlich finde, und in dem Vieles bekämpft werden muss – da will ich nicht drüber diskutieren, wenn ich heute Morgen wieder mal lese, dass die Deutschen noch nie so reich waren, das Privatvermögen also so groß ist, wie noch nie, dann könnte ich kotzen. (Übrigens nicht aus Neid, Geld ist meiner Meinung nach relativ unspannend, so lange man damit nichts Sinnvolles macht, und um noch ein ganz klein wenig mehr abzuschweifen: Nähme man allen, deren Vermögen über der Millionen-Grenze liegt, zehn Prozent davon weg, dann würden die es kaum spüren, müssten sich auf jeden Fall nicht einschränken, und man könnte sowohl das Gesundheitssystem reparieren, wie das Bildungssystem so schlagkräftig machen, dass wir über PISA nur lachen würden!)

Aber dass ich damals mit Terroristen der RAF sympathisiert habe, das war schon Quatsch. Wie soll man das denn rechtfertigen? Keine Frage, die RAF hat damals die angegriffen, die auch heute noch alles tun, damit Geld weiter die Welt regiert, ich stimme mit den Zielen, so lange es nicht die Chauffeure waren, ja prinzipiell sogar einigermaßen überein – aber der Schluss, dass man gegen diese Leute Waffengewalt einsetzen darf, der ist natürlich völlig blödsinnig, und letztlich begibt man sich damit auf noch niedrigeres Niveau, als der politische Gegner – und niedriges Niveau gefällt mir persönlich gar nicht.

Ich habe dann weiter sympathisiert, mit den Hausbesetzern der Hamburger Hafenstraße – und das finde ich prinzipiell immer noch in Ordnung. Ja, die haben sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert, aber sie waren immer die Schwächeren, und mit den Schwächeren darf man ja wohl sympathisieren – ja, ich weiß, Staatsgewalt und so, aber wenn der Staat sein Gewaltmonopol missbraucht, und das ist damals vielfach geschehen, dann ist diese Form von Widerstand eine, die ich nicht mitmachen würde, aber die ich verstehen kann – und dass ich das als Jugendlicher halt auch cool fand, ach, das find ich schon ziemlich in Ordnung.

Aber es ging ja immer weiter, und irgendwann wurde mir klar, dass man bei einigen Sachen nicht sympathisieren darf, weil es einfach falsch ist. Zum Beispiel das Sympathisieren mit irgendwelchen Selbstmordattentätern. Wenn es um den ewigen Nahost-Konflikt geht, dann habe ich keine Sympathie für israelische Siedler, die sich ungerechtfertigt Boden aneignen, auf Palästinenser schießen, aber ich habe genauso wenig Sympathie für die Milizen, die aus Verstecken Raketen auf Wohngebiete abfeuern, oder sich viel weniger versteckt neben israelischen Soldaten in die Luft sprengen und so viele Menschen wie möglich mitnehmen. Beide Verhaltensweisen find ich unglaublich bescheuert.

Wenn Menschen glauben, dass sie andere Menschen in die Luft sprengen müssen, weil ihr Gott ihnen das sagt, dann halte ich sie für arme Irre – und dann ist mir egal, ob sie Bin Laden heißen oder George W. – beides fundamentalreligiöse Wirrköpfe. Und wenn ich die Hinrichtung Bin Ladens durch die Navy Seals verbrecherisch finde, dann ist das nicht aus Sympathie für Bin Laden, sondern weil ich  einfach rechtsstaatlich denke und meine, dass Verbrecher vor ein Gericht gehören – einem unbewaffneten Mann aus Notwehr zweimal in den Kopf schießen … wie nannte man das noch? – Richtig, Mord.

Ich muss noch mal kurz abschweifen, ich bin ja ein Freund gepflegter kabarettistischer Unterhaltung und stehe als solcher auf Hagen Rether.  Dieser hat schon eine Menge getan, damit die dümmliche Panikmache vor dem Islam als solchem, die ja nichts anderes als politisch korrekt verbrämter Rassismus ist, ein wenig bekämpft wird. Auf Youtube kann man dann sehen: Die heiligen Krieger bei uns vereinnahmen Rether für sich, bitten ihn, Muslim zu werden – ich frage mich dann immer, ob ich lachen oder weinen soll. Und irgendwie bezweifel ich, dass Hagen Rether einem personalen Gott irgendetwas abgewinnen kann.

Ich will sympathisieren, ich muss sympathisieren mit jedem Menschen, weil er Mensch ist. Kein Mensch ist prinzipiell besser oder schlechter als andere. Ich habe keine Angst vor dem Islam, wie ich vor dem Christentum keine Angst habe – aber ich habe manchmal Angst vor religiösem Fanatismus, und da ist mir völlig egal, zu welcher Religion sich derjenige bekennt – in einem Gottesstaat egal welcher Couleur wäre ich sowieso Staatsfeind. Ich sympathisier mit jedem Araber, der Demokratie fordert und dafür auf die Straße geht, aber ich halte jeden, der das nicht für Demokratie sondern für Allah macht, für einen Spinner. Aber wie gesagt, da bin ich gerecht, ich halte jeden für einen Spinner, der seine Religion für so wichtig hält, dass er seine geistige Freiheit an seine Religion verschenkt.

Ich glaube, es ist ein Fehler der Linken, dass man immer sympathisiert. Wenn im Islam Frauen diskriminiert werden, ist das genauso schlimm, wie im Katholizismus, und wenn amerikanische Soldaten in Afghanistan weggesprengt werden, dann mag man vielleicht noch „selbst schuld“ denken, aber die Tat ist feige und furchtbar, und Sympathie ist da falsch. Allzu oft mündet die Sympathie ja dann in den positiven Rassismus, der nicht weniger Rassismus ist, als der negative. Menschen sind nicht weniger Wert, weil ihre Hautfarbe schwarz ist, oder weil sie in den Islam hineingeboren wurden – wer das glaubt, der ist ein Rassist und Verfassungsfeind -, aber sie sind auch nicht mehr wert und sakrosankt, sie sind einfach Menschen.