Blog-Archive

Der WDR kuscht vor den Unaufgeklärten

Same Procedure as last year … Traditionell überträgt der WDR nicht nur den klassischen Büttenwahnsinn, sondern auch die Stunksitzung, Teil der intelligenten Form des Karnevals – sollte es intelligentes Leben im Karneval geben, wovon ich als Einwohner der Karnevalsdiaspora nicht so ganz überzeugt bin. Im letzten Jahr hat der WDR eine Passage aus der Stunksitzung rausgeschnitten, in denen zwei, die sich ganzjährig in alberne Gewänder werfen, Kardinal Meisner und Papst Benedikt XVI., als „frisch vermählte Schwuchteln“ karikiert wurden. Warum? Na, weil sich die Katholiken aufgeregt hatten. Hatten sie sich zu Recht aufgeregt? Nein, da ist ja nichts Schlimmes bei. Da werden zwei ältere Herren, deren sexuelle Ausrichtung nicht bekannt ist, in die Nähe der Homosexualität gerückt – und da an der ja nichts Schlimmes ist, ist da keinerlei Beleidigung bei. Nun gut, es sei denn sie sind homosexuell und möchten mit einem anderen Wort als dem politisch nicht wirklich korrekten „Schwuchtel“ bezeichnet werden. Das würde ich gelten lassen.

Auch in diesem Jahr haben die Stunker eine Szene eingebaut, mit der sie die öffentlichkeitswirksame Schelte der Katholiken und anderer religiöser Verbände routiniert provoziert haben – und wieder ist der WDR brav und zensiert: Dieses Mal gibt es eine Hommage an Monthy Python und ein Jesus-Darsteller fährt fröhlich mit dem Kreuz über der Schulter auf dem Segway über die Bühne.  (Hier der Link zum Bild: http://www.stunksitzung.de/fotos/2012/1/1/segway/b10.jpg)

Sieht hübsch aus, ist in Ordnung, aber es tut mir ja ein bisschen leid, sieht nach einer eher billigen Provokation aus. Das Schöne daran ist, dass die Fundamentalisten auf solche Kleinigkeiten immer reinfallen. Man möchte ja nicht auf die jährliche kostenlose Werbung verzichten.

Was mir aber unglaublich sauer aufstößt, ist weder die Provokation der Stunker – warum auch – noch die vermutlich einkalkulierte Reaktion der Kirchenvertreter und des unaufgeklärten Volkes. Ich krieg meinen klassischen dicken Hals, wenn ich lese, dass der WDR seine Ausstrahlung zensiert. Da könnte ich glatt mal kotzen. Haben die sie noch alle? Sind die noch im Mittelalter? Ich dachte immer, um beim WDR in entscheidender Stellung zu sein, müsste man ein intelligenter aufgeklärter Mensch sein. Da intelligente aufgeklärte Menschen die künstlerische Freiheit höher schätzen müssten, als die Bedenken von Kleingeistern, muss man eindeutig schließen, nein, beim WDR gibt es keine Entscheider, die aufgeklärt und intelligent sind.

Selbst wenn historisch bewiesen wäre, dass es Jesus gegeben hat, selbst wenn er ein toller Hecht war, warum darf er nicht dargestellt werden, wie er fröhlich auf einem Segway durch die Gegend fährt? Die Inszenierung, so viel kann man aus dem Bild herauslesen, markiert das Ganze doch als Klamauk. Historische Figuren anders zu zeichnen, zu überzeichnen, das sind doch ganz normale künstlerische Vorgehensweisen – warum darf man das mit Napoleon und Caesar, aber nicht mit Jesus? Soll das wirklich heißen, dass Jahrhunderte nach der Zeit der Aufklärung, Menschen, die daran glauben, dass Leute mal über Wasser gegangen sind, Stimmen aus Dornbüschen gehört oder von einer sprechenden Schlange mit Äpfeln gefüttert wurden, haben in Deutschland die Meinungshoheit, ja, die Macht, etwas zu zensieren? Ist das euer Ernst, WDR-Entscheider? Oder feiert ihr schon seit Wochen Karneval und die Nummer ist mit Kölsch-Delirium erklärbar?

Quick – Der Papst ist fertig

Herr Ratzinger ist nun wieder auf dem Weg nach Rom. Und wir fragen uns, was er nun gemacht hat? Ob er irgendetwas Neues erzählt hat? – Nein. Ob er eine Lösung für irgendein Problem hat? – Nein. Oder ob er sich wenigstens menschenfreundlich gezeigt hat? – Noch nicht mal das.
Der hochintelligente Fundamentaltheologe hat sich als nett lächelnder alter Herr gezeigt, und mit seinem dünnen Stimmchen erzählt, dass sich die deutschen Katholiken weniger beschweren sollen, sie dürfen aber gefälligst mehr beten.
Er hat sich mit ein paar Opfern seiner Hirtenschar getroffen, hat aber nichts gesagt oder getan, was zukünftige Opfer verhindert, er verharmlost die Geschehnisse, weil ja schließlich überall schwarze Schafe seien – eventuelle Systemimmanenz wird ausgeschlossen. Ist ja klar, wenn man sein Leben lang unter schwerem Sexualdruck steht, weil man weder mit sich selbst noch mit anderen zum Vollzug schreiten kann, ist das ja sicherlich kein Grund dafür, dass reihenweise Hirten ihre Schafe von hinten … ach, was red ich.
Er hat im Bundestag gesagt, dass die Gesetze der katholischen Kirche letztlich wichtiger sind, als die demokratisch beschlossenen – ja, er hat es gut verklausuliert, aber wer ihn verstehen will, der kann -, er hat weiterhin ausgesagt, dass die katholische Kirche und der christliche Glaube ein Bollwerk gegen die Mächte des muselmanischen Bösen sind. Er hat gesagt, ohne die Kirche sei Europa kulturlos. Er hat gesagt, Menschen müssen sich an ihre Natur halten, nehmt dies, ihr Homos! Und alles das sagt er ganz vorsichtig und schön intellektuell verbämt, damit keiner darauf kommt, dass dieser Papst antidemokratisch und mit einem pervers-leibfeindlichen Weltbild gesegnet ist. Und alle so: „Yeah!“ – Ich könnte mich in einem armdicken Strahl … ach lassen wir das.
Aber wieso die gesamte Medienlandschaft dermaßen „papstbesoffen“ vor dem alten Mann gekuscht ist, ist mir jetzt mal echt nicht klar. Wer hat denn da schon wieder für bezahlt?
Achso, da war noch die Sache mit der Ökumene … ja … da hatten sich einige was von erwartet … die Protestanten haben ganz vorsichtig so eine große Pforte ganz langsam aufgedrückt, und als sie gerade um die Ecke schauen wollten, hat der Papst ihnen ebendiese gesamte Pforte mit aller vatikanischen Macht in die Fresse gehauen. Woraufhin die Protestanten noch nicht viel gesagt haben, weil sie immer noch die andere Wange hinhalten.
Also was war jetzt das Resultat dieses Besuchs? Richtig … nichts …

Die Papstrede, ein paar Gedanken …

Ich schau mir doch mal die Rede an, die il Papa da gestern im Bundestag gehalten hat. Soll ja sehr philosophisch und intellektuell sein, wollen mal sehen, wieviel ich davon verstehe. Bin ja nur ein unintellektueller Künstler … ja, Achtung Polemik … ich weiß das auch selbst 😉

Als erstes fällt mir diese kleine Passage auf:

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Äh, Moment? Hab ich das jetzt falsch verstanden, oder der Herr Ratzinger? Ich dachte er könnte nur deshalb vor dem Bundestag sprechen, weil er als Staatsoberhaupt des Vatikan vorbei kommt? Also doch als Glaubensoberhaupt? Was kommt denn als nächstes? Der Obermormone oder –scientologe? Okay … schauen wir mal weiter …

Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.

Äh, schon … ja … Politiker sollen also Erfolg suchen, sich aber auch ans Gesetz halten. Gut, so viel Philosophie war das jetzt noch nicht, bis hierhin nur Allgemeinplätze – allerdings ist die Passage mit dem Recht schon wieder so eine Sache, wenn man bedenkt, wie oft die Kirche schon verhindert, dass ihre päderastischen Hirten zur Verantwortung gezogen wurden. Recht und Gesetz ist halt eher was für Politiker als für Kleriker, richtig?

Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte.

Richtig, es gibt diverse Beispiele dafür. Herr Ratzinger spielt vermutlich auf die Nazizeit an, nicht auf die Hexenverfolgung, aber er hat natürlich Recht.

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was Recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?

Mit Ethik Herr Professor Ratzinger, ganz einfach, wir sind nämlich vernunftbegabt. Allerdings mit den Entitäten Gut und Böse herumzuspielen, ist jetzt wenig philosophisch, so eine ungenaue Denkart. Die Kategorien könnten auch ein bisschen weniger aufgeladen sein, zum Beispiel „ethisch richtig“ und „ethisch falsch“. Einfaches Beispiel: Wenn ein homosexuelles Paar extrem viel Spaß im Bett hat ist das ethisch richtig, wenn man Kinder befummelt und vergewaltigt, seine Macht zur eigenen Befriedigung nutzt, dann ist das ethisch falsch.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Moment, da versteh ich schon wieder was nicht, „Mehrheitsprinzip nicht ausreicht“? Also die Fälle, in denen Demokratie doof ist?

Dann zitiert Herr Ratzinger Origenes, kommt darauf, dass man „gottlose“ Gesetze nicht befolgen sollte.

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident.

Das „Gesetz der Wahrheit“ … gibt es nur eine? Ach, Herr Ratzinger, bitte, wir wissen doch, dass es Millionen verschiedene Wahrheiten gibt, jeder hat seine. Ich versuche mal, ihre hochphilosophische Rede hier zu übersetzen: Sie als Demokraten können ja alles Mögliche beschließen, aber es gibt ein wahres Gesetz, an dass sie sich besser halten würden.

Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden. Wie erkennt man, was Recht ist?

Nur, indem man dem wahren Gesetz folgt, richtig, Herr Ratzinger? Gut, man könnte einfach auch nachdenken, aber damit würde man ihre Anbeter in den Reihen der CDU/CSU auch überfordern, richtig?

In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.

Ja, da kommt es: Das wahre Gesetz ist natürlich das, was der Herr Ratzinger in Rom ex cathedra verkündet, und, na, den kleinen Seitenhieb auf den Islam verstanden? Ja, da gibt es ein religiöses Gesetz und es ist genauso hinterwäldlerisch, wie das, was der Herr Ratzinger so verkündet. Ist ja auch nicht so, als ob die Kirche sich irgendwann in die Gesetze der Menschen gemischt hätte … *hüstel* … über Jahrhunderte hat Rom die Gesetze diktiert, und neben dem weltlichen Gericht die Inquisition auf die Menschen losgelassen, eine Abteilung, die Herr Ratzinger gut kennt, war er doch lange genug der Chef ebendieser Abteilung.

In den nächsten Absätzen, die ich hier mal unterschlage, schlägt Herr Ratzinger eine Brücke von vorchristlichen Philosophen über spätrömisches und mittelalterliches Recht hin zu Aufklärung und unserem Grundgesetz. Er erwähnt dabei nicht, dass die Aufklärung den Vatikan noch nicht erreicht hat. Bagatellen … Herr Ratzinger vergisst, vermutlich seinem hohen Alter geschuldet, die Inquisition, die antisemitischen Gesetze des christlichen Mittelalters, und die vielen anderen direkten Einmischungen der Kirche in die weltlichen Gesetze und erzählt ein Märchen davon, dass die die Kirche sich schon immer auf die Seite der Philosophie gestellt hätte, dass es ein weltliches Gesetz geben müsste, dass quasi säkular ist. Recht fantasievoll.

Dann wird es mir natürlich zu hoch, habe keine Lust mir da einiges an Background anzulesen. Interessant ist der Schluss, den Herr Ratzinger zieht:

Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.

Über viele Umwege ist der alte Herr also dazu gekommen, dass Ethik und Religion quasi das gleiche ist, und dass man sie nicht mit Vernunft fassen kann. Das stimmt nicht. Die Ethik fußt auf wenige Axiome, quasi wie die Mathematik, und die Religion darauf, dass man an sprechende Schlangen und Leute glauben muss, die über Wasser laufen und von den Toten auferstehen – na, merkste was?

Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Ah, wie scheinen dem Kern näher zu kommen. Versuchen wir noch mal eine kleine Übersetzung: Da, wo man die Vernunft in den Mittelpunkt stellt und andere Strömungen, zum Beispiel mittelalterliche Moralvorstellungen, an den Rand, da wird man kulturlos, da ich ja als Papst die „wahre“ Kultur verkörpere. Und weil in anderen Ländern fundamentalistische geglaubt wird, werden die Ungläubigen kulturlos untergehen. Noch konkreter: Rüstet euch zum Kreuzzug, die Muselmanen kommen. Ja, ich vereinfache, aber was glaubt ihr, soll mit dieser Rede gemacht werden?

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Ach so, und dazu sollen wir uns in die katholische Enge begeben? Ich geh dann doch lieber spazieren, da krieg ich echte frische Luft und muss mein Gehirn nicht abgeben.

Dann kommt das Lob an die Grünen, wie süß, und die sind ja auch drauf reingefallen, wie man hört. Herr Ratzinger kommt nämlich über die richtige Einsicht, dass Ökologie nicht unwichtig ist – immerhin, seine Kollegen aus dem evangelikalen Bereich berufen sich auf „Macht euch die Erde untertan“ und sind eh davon überzeugt, dass das Ende der Welt so nahe bevor steht, dass es sich nicht mehr lohnt, die Umwelt zu schützen, gut, so dumm ist Herr Ratzinger nicht – zu der etwas seltsamen weiteren Einsicht, dass es eine Ökologie der Menschen geben muss:

Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Na, hört doch mal, was er sagt! Der Mensch muss seine Natur achten, Ratzingers Anhänger auf kreuz.net sagen das gleiche, nur ein wenig undiplomatischer, da heißt es dann: „Verreckt, ihr gottverdammten Homos!“ Ja, der Ratzinger ist ein Intellektueller, der kann seine Phobien viel differenzierter ausdrücken und ein ganzes Parlament klatscht.

Ich springe jetzt etwas großzügiger, meine Aufmerksamkeit schwindet und ich habe auch noch anderes zu tun.

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Euphemismus ick hör dir trapsen … ach nein, das ist einfach gelogen. Die unantastbare Würde des Menschen hat die Kirche noch nie interessiert. Das sagt ein Papst, der Exorzisten ausbilden lässt! Der lieber Menschen millionenfach an AIDS krepieren lässt, als dass sie sich ein Tütchen über den … ach, komm, das ist einfach widerlich.

Diese Rede hat nicht viel versöhnliches, eher einiges verführerisches. Man kann auf die Dialektik des Herrn Professors reinfallen, man kann es aber auch lassen. Also lassen wir es doch einfach.

Demokratie … oder wie man das nennt …

In den letzten Tagen geht ein piratiges Gespenst durch Deutschland, und das geht gut um und erfreut mein Herz, ich sage meinen Dank! Als Blogger muss ich ja quasi die Piraten sympathisch finden, würden meine Theaterstücke irgendwo verlegt, müsste ich mir ernsthaft überlegen, wie gut ich die Ideen der Piraten zum Urheberschutz finde, aber da bisher kein Verlag clever genug war, meine Visionen zu verstehen … hüstel … es würde vermutlich genauer treffen, wenn ich sagen würde, dass meine Stücke zu populär für die Verlage sind, aber ich schweife ab.

Was wollte ich denn eigentlich? Ach ja, ich wollte über Demokratie sprechen, denn dieses Wort wird im Moment mal wieder etwas wichtiger, vor allem, weil die Piraten mit Transparenz ankommen, einem Wert, den die etablierten Parteien schon vor längerer Zeit in den Wind geschossen haben. Und Transparenz könnte ja was mit Demokratie zu tun haben.

Mit der Demokratie liegt im Moment vieles im Argen, manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir überhaupt in einem demokratischen Staat leben. Und das aus diversen Gründen. Es gibt Symptome, dass Demokratie gar nicht mehr ernstgenommen wird. Und das nicht nur, weil die etablierten Parteien versuchen, den Erfolg der Piraten klein zu reden, oder weil ein absoluter Herrscher und Religionsfürst im Bundestag sprechen darf – ich finde es nicht gut, wenn ein Antidemokrat im Bundestag reden darf, tut mir leid.

Aber mal von den aktuellen Sachen abgesehen: Wir werden doch viel mehr von einer Geldelite regiert, als von Politikern. Warum schreiben denn Frau Merkel und Herr Sarkozy ihre Beschlüsse von Bankenverbänden ab? Warum wird ein System immer wieder mit Milliarden unterstützt, dass viel verrotteter, korrupter und bankrotter ist, als Ende der Achtziger der Staatssozialismus – nein, ich war kein Fan davon und bin es heute noch viel weniger – irgendwie sein konnte. Warum wird eine demokratische Partei als Paria behandelt, von Parteien, die mit Schill paktierten und mit Wilders und Haider sympathisierten und sympathisieren? Kurz warum gibt es jede Menge Denkverbote, Lobbywirtschaft und warum eine Presselandschaft, die weitflächig der politischen Klasse andauernd zu tollen Schlagzeilen und Kampagnen verhilft? Das alles hat mit Demokratie nur noch sehr wenig zu tun.

Man fragt sich, wann die Politiker begonnen haben, sich gar nicht mehr den Menschen verpflichtet zu fühlen, sondern nur noch der Wirtschaft. Kann mir da jemand den Stichtag nennen? Aber müssen wir uns wundern? Jetzt mal ernsthaft, wo wird denn überhaupt Demokratie gepflegt? Welche Einrichtungen sind denn demokratisch? Wundern wir uns wirklich darüber, dass wir von Marionetten der Reichen regiert werden, wenn das doch auch im Alltag üblich ist? Wer das Geld hat, dem hat man zu gehorchen, die Wirtschaft ist so hierarchisch, und größtenteils auch patriarchalisch, wie sie es schon seit Hunderten von Jahren war. Mitbestimmung mündete zum größten Teil in neue Hierarchien, und die Gewerkschaften heute nicken nur immer brav ab, dass wir ein Billiglohnland werden müssen, damit auf jeden Fall einige wenige immer reicher und wir anderen immer ärmer werden – das scheint so in Ordnung zu sein, dagegen wehrt sich doch keiner mehr ernsthaft.

Wenn wir Demokratie ernst nehmen würden, dann würden wir sie schon in der Schule lernen, und nicht im Frontalunterricht versauern, wenn wir Demokratie ernst nehmen würden, dann würden Arbeiter und Angestellte an ihrer Arbeit verdienen, und nicht Aktienbesitzer und Hedgefonds, wenn wir Demokratie ernst nehmen würden, dann würden wir keinen Kotau vor den Religionen machen, vor dem Geld und vor den Medien. Aber wir tun das nicht, Demokratie ist eine genauso unerreichte Utopie, wie der Kommunismus, wie ihn sich Marx und Engels gedacht haben. Und ganz nebenbei, Demokratie, Volksherrschaft, hat ja unbedingt damit zu tun, dass Menschen frei sind. Und da hapert es ja, wo sind wir denn frei? Ja, wir dürfen manchmal, aber auch nicht immer, unsere Meinung sagen, und wir dürfen alle paar Jahre ein Kreuzchen machen, aber Freiheit? Das würde bedeuten, wir wären zum Beispiel frei von Geld – und dann meint die FDP eine freiheitliche Partei zu sein, ich würde ja lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Und jetzt muss ich natürlich zu den Piraten zurückkehren, denn die scheinen zumindest teilweise die Demokratieidee etwas ernster zu nehmen. Und sie nutzen das Internet, und die Ideen, die das Internet, das über Jahre quasi ein rechtsfreier Raum war, und dem man offenkundig nicht so einfach Herr wird, gebiert auch neue Ideen, die zum allergrößten Teil ganz viel mit Freiheit zu tun haben. Wie wäre es denn, wenn man einfach mitreden könnte in der Politik? Wenn es ein System gäbe, in dem jedes Argument von allen, die sich dafür interessieren, gehört werden würde und sich jeder seine Meinung mal ganz unabhängig von BILD, SPIEGEL und den anderen Vormeinern bilden könnte. Wie schön ist es, das wir Blogger heute einfach schreiben können, was uns gefällt und was wir meinen, und oft genug eine Gegenmeinung zum Ausdruck bringen, eine Gegenmeinung gegen das Medienmonopol. Von daher war es auch klar, dass sich unter den Twitterern und Bloggern eine solche Partei wie die Piraten bilden konnte. Das sind ja quasi die einzigen, die noch von der vorgegebenen Meinungsnorm abweichen. Diese Qualität muss jetzt einfach größere Kreise schlagen, mehr Menschen müssen die aufklärerische Kraft des Internets zu spüren kriegen – oh, ich merke gerade, wie optimistisch ich bin, muss wohl einen naiven Tag haben. Aber mal ernsthaft, wenn die Internetaffinen, die Gamer und Nerds, die Blogger und Twitterer, die Forenuser und meinetwegen auch die –trolle, eine gemeinsame Bewegung schaffen, wo sie das, was sie täglich im Internet erfahren, nämlich Selbstverantwortlichkeit und Transparenz, auch ins Real Life bringen, dann würde das eine echte Revolution geben, eine so große wie sie seit 68 nicht mehr gegeben hat. Also ich bin auf die Zukunft gespannt. Ich bin optimistisch … Optimismus kann die Welt verändern, und die Welt hätte es verdammt nötig!