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Warum VDS nur ein Symptom ist

Ich habe es ein bisschen sacken lassen, aber so ganz in Ruhe kann ich das Thema nicht lassen. Die SPD hat am Wochenende mehrheitlich der Vorratsdatenspeicherung (VDS) zugestimmt. Das ist schlecht, denn die VDS ist eine Möglichkeit der Überwachung, die schlicht einen schweren Einbruch in die Privatsphäre bedeutet. Also ist die SPD jetzt das ausgesprochen Böse? Ach je, ich würde da gerne ein bisschen differenzieren.

Also erstens ist das abgrundtief Böse ja prinzipiell die CDU und alles rechts von ihr. Und zwar, weil sie böse Sachen tun, nicht aus Vorurteil. Dazu gehört es, dass die CDU mit ihrer Macht den Druck auf die SPD so erhöht hat, dass man sich dort jeglichen Gedanken an Grundrechte mal wieder aus dem Kopf geschlagen hat. Der Kopf der Schlange sitzt in der CDU-Zentrale, oder da, wo man von der CDU aus denken lässt.

Die SPD versagt mehrfach. Denn obwohl es eine parlamentarische Mehrheit für eine bessere Politik ohne TTIP und VDS gibt, gibt es weder eine solche Regierung, noch auch nur wechselnde Bündnisse. Ein höherer Mindestlohn wäre drin, eine Streichung der Hartz4-Sanktionen und so viel anderes, was eine Mindestanforderung für eine bessere und verantwortungsvollere Politik wäre. Dass die SPD das nicht macht, ist nicht weniger als eine Bankrotterklärung. Und der einzige Schluss daraus kann nur sein, dass das Ziel sein muss, dass die große Koalition keine Mehrheit mehr haben darf. Die SPD interessiert sich einfach nicht genug für Menschen und ihr Wahlprogramm. Und die CDU hat noch nie etwas für Menschen gemacht.

Ist VDS nun der Untergang des Abendlandes? Nein. Aber ein weiterer Schritt zum Polizeistaat. Das Problem ist ja umfassender: Alle daten, die gesammelt werden, sind Macht und geben Macht. Ich für meinen Teil, mag ja Machtstrukturen nicht so sehr. Ich finde, je weniger Herrschaft und Macht es gibt, desto besser geht es uns allen. Durch die Datensammelei und Bespitzelung, die ja viel weiter geht, als nur die Speicherung von Metadaten, um die es bei der VDS geht, sind wir alle verdächtig, können Opfer von Algorithmen werden – und da gibt es bei aller Begeisterung, die ich für Technik empfinde, ja auch ein Problem: Computer sind doof. Selbst wenn die VDS und die ganze andere Bespitzelung, die erlaubter oder unerlaubter Weise passiert, nur für die Verfolgung schwerer Straftaten genutzt würde, würden viele von Algorithmen überführt, Dinge getan zu haben, die sie noch nicht mal geträumt haben. Aber das geht ja noch weiter. Wann immer der Staat und der Kapitalismus Macht in die Hände gespielt bekommt, wird diese Macht unweigerlich  auch missbraucht. Ist quasi ein Naturgesetz. Deswegen geht VDS nicht. Aber vieles andere eben auch nicht. Deswegen muss man Macht überall auf die Finger sehen.

VDS wird die meisten von uns nicht weiter tangieren. Die meisten von uns werden nie bemerken, dass es sie gibt. Aber manche schon und es wird Missbrauch geben. Die Welt geht nicht heute unter, aber der Abgrund kommt näher.

Ach so, ich hätte es fast vergessen: Nein, VDS bringt keine Sicherheit. Dass der Schrei nach VDS laut wurde, nachdem in Frankreich, wo es sie gibt, sehr erfolgreich widerliche Anschläge begangen wurden, ist so unglaublich bescheuert, dass es weh tut. Kein Kabarettist würde sich auf das Niveau herablassen, so eine Geschichte zu konstruieren. Zu unglaubwürdig. Aber unsere Regierung ist halt noch unglaubwürdiger. Die sind eigentlich auch unzurechnungsfähig und speziell die Innenpolitiker von CDU und SPD hätten vermutlich Schwierigkeiten, nicht unter Betreuung gestellt zu werden, wenn ihre Zurechnungsfähigkeit prüfen würde – Paranoia kann schlimme Züge annehmen.

Eine orangene Kleinpartei, deren Mitgliedsausweis ich noch in meinem Portemonnaie herumtrage, hat sich natürlich gehörig empört. Vor allem die Angriffe auf die SPD waren Legion. Und diese Empörung wird natürlich nichts ausrichten. Sie macht die Partei ebenso natürlich auch nicht relevanter, als sie in den letzten zwei Jahren je war. Weil es nun mal nichts bringt, sich zu empören. Es wird auch keine Wählerstimmen bringen. Und warum? Weil es ja keine Alternative gibt. In der ganzen Diskussion gibt es eine Sache, mit der die Regierung durchaus recht hat: Es gibt mehr technische Möglichkeiten der Kommunikation – man ist ja überrascht, dass sie es gemerkt haben – und mit mehr Möglichkeiten der Kommunikation gibt es auch mehr Möglichkeiten, diese kriminell auszunutzen. Natürlich kann man da mit VDS nichts gegen tun, aber man kann den Menschen mehr Sicherheit damit vorgaukeln, und nebenbei auch noch Macht aufbauen, das findet natürlich jede Regierung gut. Die Aufgabe für alle, die VDS gerechtfertigt ablehnen, sollte es sein, Ideen zu entwickeln, wie man denn Kriminalität und meinetwegen auch Terror denn begegnen kann. Dafür braucht es meiner Meinung nach mehr als Empörung, nämlich ein grundsätzliches Hinterfragen unserer Begriffe von Rechtmäßigkeit und Verbrechen, ein grundsätzliches Hinterfragen von Besitz und Wachstum. Relevanz käme nur durch politische Vision. Wie schade, dass ich das nur noch im Konjunktiv schreiben kann.

Quick – Von politischem Mut und seiner Verschwendung

Nun, eigentlich will ich ja nicht mehr über Piraten bloggen, sondern mich auf relevantere Themen stürzen. Aber manchmal geht es eben nicht anders.

Gestern ging der Landesparteitag in meinem Heimatbundesland NRW zu Ende. Und zum ersten Mal, seit der allergrößte Teil der linken Vordenkenden aus der Partei geputscht wurde – solltet ihr euch an dieser Stelle über meine Formulierung aufregen, dann tut mir das nicht leid -, gab es sowas wie politische Risikofreudigkeit, als der LPT einen Antrag annahm, dessen handwerkliche Qualität sicherlich nicht brutal gut war, aber der ein Signal setzen könnte. Piraten laden Kinder zwischen zehn und *hüstel* 16 Jahren dazu ein, einfach auf den Landesparteitagen zu erscheinen und mit ihnen als vollwertige Piraten Politik zu machen. Hätte man jetzt einfach mal feiern können. Ich persönlich habe es gefeiert. Schöne Idee, nicht so schöne Umsetzung, aber die Idee zählt nun mal mehr und ich fühlte einen kleinen Schimmer von dem Gefühl, dass mich mal zum Eintritt in diese Partei bewegt hat.

Und dann explodierte das Netz. Und obwohl ein Parteitag das mit Zweidrittelmehrheit beschlossen hatte, schäumte das Internet hauptsächlich gegen diesen Beschluss, der auf dem LPT wohl mit Begeisterung aufgenommen wurde. Dabei gab es verschiedene Reaktionen, die letztlich ähnlich wirkten.Aus dem linken Bereich wurde einiges kritisiert, hier und da ging der Antrag nicht weit genug, oder wurde als wirkungslos bezeichnet, oder aber, und da war ich ehrlich gesagt ein bisschen viel verärgert, es wurde gefragt, ob man Kindern denn nicht ihre Kindheit gönne. Meine Fresse, ich gönne ja gerne allen alles Mögliche, aber es geht ja nicht um eine Zwangsverpflichtung von Kindern zur Politik, sondern um das Ermöglichen von Mitsprache von denen, denen wir willkürlich jedes Recht auf politische Mitsprache verweigern. Das „Jetzt müssen sich Kinder schon mit Politik beschäftigen“-Argument gab es übrigens schon mal fast genauso … Beim Frauenwahlrecht. Herzlichen Glückwunsch!

Aber viel härter war natürlich das sofortige Anspringen der Hetzer und Bedenkenträger. Die, die grundsätzlich alles, von Asylpolitik bis BGE, was mal von Parteitagen mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, so lautstark bekämpft haben, dass sich niemand mehr getraut hat, diese guten Politikansätze offensiv zu verkaufen. Konservative, die nie zugelassen haben, dass die Piraten wirklich die Politik verkauft haben, die sie verabschiedet haben. Bedenkenträger, die nie politisch genug gedacht haben, um in einer Partei Politik zu machen und es allen anderen auch verderben müssen, weil sie keine Risiken und keine frische Ideen zulassen können. Die mäkeln nicht völlig zu Unrecht am Wortlaut herum, sehen das mögliche Signal nicht, oder nur mit Schrecken, und versuchen mit Mailfluten auf den Listen und mit dem Anrufend es Schiedsgerichtes unbedingt die Mehrheitsentscheidung des Parteitags zu zerstören, wie sie das schon mit einigen anderen Mehrheitsentscheidungen gemacht haben. Das ist normal, Demokratie ertragen sie nicht.

Ja, diese Partei ist kaputt. Und ja, jedes Fünkchen von Politik wird in dieser Partei kaputt gemacht. Und nein, Hoffnung gibt es keine mehr.

Gastbeitrag: Von Zeit und Geld

Das ist ein totales Novum, zum ersten Mal veröffentliche ich hier einen Artikel eines anderen Autoren. Der Autor ist Marcus Müller, genannt Dülla, den man auch auf Twitter unter @MarcusDMueller finden kann. Wir sitzen am gleichen Piratenstammtisch und Marcus denkt erfrischend radikal. Ich hatte ihn gebeten, mal seine Gedanken aufzuschreiben. Jetzt hat er es getan, und ich veröffentliche das gerne und ungefiltert.

Sehr geehrte Energie-, Kommunikations-, Lebens- & Luxusmittel (Versorger / Produzenten), liebe Mitmenschen & Piraten (Politiker),
mir liegt schon länger etwas auf dem Herzen, welches ich hiermit endlich & endgültig loswerden will. Verzeiht mir bitte vorab meine kommunikativ begrenzten Möglichkeiten.

… Wo fange ich nur an? …

Okay, erst mal ein paar paar Worte zu meiner Person:
Ich bin gelernter Elektroinstallateur aus Leidenschaft. Strom, also der direkte Transport von Arbeit, bzw. das durchdachte Verlegen von Leitungen um dadurch einen möglichst großen Nutzen zu erzielen, hat mich schon von klein auf fasziniert.(Ebenso wie Licht & Farben, Sport & Musik & noch viele andere, an dieser Stelle, irrelevante Dinge.) Unabhängig davon, ob ich für meine Leistung eine entsprechende Gegenleistung erhalte. Ich finde es einfach zu wichtig, Dinge zu tun, um die Menschheit (also mein Umfeld & meine eigenen Fähigkeiten) weiter zu entwickeln & zu verbessern, statt NICHTS* zu tun. … Obwohl dies ja gar nicht möglich ist, schließlich ist ständige Produktion von Kohlendioxid ja auch „Arbeit“, genauso wie das Verdauen von Lebensmitteln & die Erzeugung von „Scheiße“! (Verzeiht mir meine Ausdrucksweise) xD

ABER: „Jedem das seine!“ ^^

Es ist mir relativ egal, wer sich mit welchen Statistiken seine Zeit vertreibt, solange man mich damit nicht belästigt. Es gibt da aber eine, die mir gewaltig auf die Nerven geht & die quasi allgegenwärtig ist. Geld. Also die Schuld von anderen. Unausweichlich wird man von fast allen Seiten dazu gezwungen an die verbriefte Schuld zu glauben & damit zu handeln.
Glaubensfreiheit, so wie mal mindestens eine offizielle Alternative? Fehlanzeige!

Einerseits glaube ich nicht an Schuld, schon gar nicht in Briefform & vor allem nicht, wenn diese so willkürlich beziffert wird. Wenn wenigstens jeder den(/die) gleichen Lohn(/Schuld) für seine Lebenszeit gutgeschrieben bekommen würde, könnte ich mich ja noch mit dieser Idee anfreunden, aber ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum z.B. der Kloputzer viel mehr Lebenszeit aufbringen muss, als z.B. ein Bankangestellter, um sich die gleichen Möglichkeiten zu verdienen.  Durchaus Verständlich, wenn sich dieser Geringverdiener als schlechterer Mensch vorkommt, aber ist er es auch? Wer gibt dem Bankangestellten denn das Recht, mehr konsumieren zu dürfen als der Kloputzer, obwohl dieser einen entscheidenden Beitrag zur Hygiene der Gesellschaft leistet, während der andere nur sinnlose Statistik betreibt. Ich begreife einfach nicht, warum ich etwas besseres oder schlechteres sein soll, als jemand anderes. Warum könnte ich einen Stundenlohn von 19€ verlangen, & andere hingegen können froh sein, wenn ihnen jemand 7 gibt. Ich habe mir doch nicht ausgesucht, woran ich Interesse habe & wofür Talent.

(Ich kann durch dieses Wissen dieses Finanzsystem nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren, weshalb ich jeden bitten möchte über eine Alternative zu diskutieren. Ich bin bereit meine Zeit mit euch zu teilen & zu helfen wo ich kann, wenn ihr das überhaupt wollt.)

Andererseits gibt es einfach keinen gemeinsamen Nenner, um die Brüche der vielen verschiedenen Kulturen auf unserem Planeten addieren zu können. Außer die Zeit vielleicht, auch wenn Zeit, wie Geld (bzw. Schuld) auch nur ein Konstrukt unserer Fantasie ist. Was allerdings nicht heißen soll, das solchen Konstrukte nicht auch richtig (&) gut sein können. Organisation ist ja bekanntlich schon wichtig, damit komplexe Arbeiten möglichst effektiv ablaufen können, & das wäre ohne das Konstrukt der Zeit äußerst schwierig. Dazu kommt, dass eine Stunde überall auf dem Planeten auch eine Stunde lang dauert, bzw. eine Stunde auch eine Stunde wert ist, & nicht wie das beim Geld der Fall ist, dass jedes Land andere Preise hat, sogar trotz selber Währung. Zeit wäre eine Möglichkeit einem Produkt einen Wert zu geben. Arbeits-, bzw Lebenszeit ist nämlich immer, überall & für jeden unbezahlbar, womit ich diesen Wert als Tauschmittel eher als geeignet betrachte, als z.B. Geld. Obwohl ich eigentlich denke das wir Menschen überhaupt kein Tauschmittel bräuchten, wenn wir nicht zu dumm zum teilen wären, dennoch könnte ich mich auf den Zeit-Tauschen-Kompromiss zumindest übergangsweise & mit reinem Gewissen einlassen.

Ich danke euch erst mal, dass ich eure Zeit in Anspruch nehmen durfte. Des weiteren würde ich mich sehr freuen, wenn sich möglichst viele dazu durchringen könnten sich mal ernsthaft Gedanken über die Zukunft unseres Wirtschafts- & Finanzsystems zu machen (es sei denn ihr wollt das ALLES* so ungerecht bleibt, dann macht einfach so weiter). 😉

LG, Dülla (Prophet des Lichts)

*NICHTS gibt es nicht! / Wahnvorstellung! / Nie wieder HASS! / NIE WIEDER KRIEG!

*ALLES ist 1 / & du bist ein Teil davon! / sei LIEB(E)! 😉

Breivik … oder: zieht eure Schlüsse!

Ekelerregend sei er, ein Tier, ein Wahnsinniger – das kann man lesen und hören, immer dann, wenn von Anders Breivik die Rede ist. Man solle ihm keine Bühne geben, und gerne auch immer wieder die Frage, ob dieser Mann zurechnungsfähig ist.

Ich bin weder Psychiater noch Psychologe, aber ich bin mir trotzdem verdammt sicher, dass er es ist. Jemand, der nicht zurechnungsfähig ist, wird entweder von starken Trieben oder ernsthaften Störungen zu dem getrieben, was er tut. Breivik nicht, der ist kalt, berechnend und logisch. Und wenn er ernsthafte Störungen hat, dann welche, die verdammt weit verbreitet sind.

Breivik hat Gedanken zu Ende gebracht, die überall vorgedacht werden. Jeder, der von Islamisierung redet, von Überfremdung, jeder, der es in Ordnung findet, dass die Gideons ihre Bibeln verteilen, aber Muslimen das Verteilen von Koranen verbieten will – alle die denken die Gedanken des Anders Breivik, nur eben nicht so weit, nicht zu Ende.

Erforscht man sich ehrlich selbst, dann wird jeder die eigenen Ressentiments erkennen. Es ist mir so gegangen und geht mir immer noch oft so. Was denke ich, wenn mir ein paar lautstarke arabische Jugendliche entgegen kommen? Obwohl ich doch auch mal ein Jugendlicher war, und auch schon mal lautstark. Was erwarte ich, wenn mir schwarze Menschen entgegen kommen, oder asiatische oder was auch immer? Was denke ich bei Homosexuellen? Oder Transsexuellen? Ich belüge mich nicht, ich habe manchmal seltsame Gefühle, Vorurteile – mein Verstand sagt, dass diese Ressentiments Unsinn sind, und ich versuche das auch immer im Vordergrund zu halten.

Wer sich aber diese durch Erziehung und Umwelt eingeimpften Vorurteile nicht bewusst macht, der wird gedanklich natürlich auch dadurch geprägt – und dann muss man diese Vorurteile auch in klare Gedanken fassen. Man muss sich diese Vorurteile irgendwie erhalten und begründen. Und so wachsen diese Ideen, die im Endeffekt zu solchen Begebenheiten wie Utøya führen. Ideen, die auf Begriffen basieren, die leider eben doch nicht überwunden sind. Begriffe wie Ehre, Reinheit und Stolz – wohlgemerkt nicht auf etwas, was man geschafft hat, oder zumindest ermöglicht, sondern auf Dinge, die rein zufällig sind. Viele dieser Begriffe sind religiös geprägt, andere stammen aus Zeiten, in denen sich Nationen fast gewohnheitsmäßig gegenseitig gemetzelt haben. Mit solchen Begriffen kann man ganz großartig klingende Gedankengebäude aufbauen, die nur leider immer darauf basieren, dass manchen Menschen besser sind als andere.

Vielleicht ist das sogar wahr, vielleicht sind sogar manche Menschen besser als andere, zum Beispiel, weil sie sinnvolle Arbeit machen, weil sie helfen und weil sie keinen Gedanken daran verschwenden, möglichst viel Geld zusammen zu kratzen, sondern selbst glücklich zu leben, und möglichst viele andere Menschen auch glücklich zu machen. Aber das kann ins Poesiealbum, auf jeden Fall ist niemand besser als andere, weil er weißer, männlicher oder weiblicher, christlicher oder muslimischer, noch nicht mal weil er atheistischer ist als andere, NIEMAND, KEINER. Ich hoffe, dass ist jetzt deutlich geworden. Und immer, wenn irgendwelche archaischen Gedanken im Hinterkopf etwas anderes behaupten, dann muss man aktiv im Kopf werden, diesen Gedanken dahin verweisen, wo er hin gehört, in den Restmüll – bloß nicht auf den Kompost, da kriegen die nur wieder neue Wurzeln …

Wie also kann man gegen die Breiviks dieser Welt vorgehen? Der Pessimist sagt natürlich: „Gar nicht!“ Doch es passt mir gerade gar nicht Pessimist zu sein – wenn dem so wäre, müsste ich mich heute noch umbringen. Nein, ich bin Optimist, ich träume von der perfekten Welt, und in dieser perfekten Welt, würden alle, ja ALLE, immer und immer wieder an sich arbeiten, nicht auf die kleinsten rassistischen, intoleranten Ideen anzuspringen. Jeder Erwachsene würde es sich zur Aufgabe machen, die nächste Generation von solchen Ideen fern zu halten, statt sie ihr einzuimpfen.

Man hört in diesem eigentlich wunderbaren Haufen, der sich Piratenpartei nennt, immer wieder Einzelstimmen, die sagen, es müssten auch Idioten zu Wort kommen, wir hätten schließlich Meinungsfreiheit, treten offen für sie ein. Ja, das tun wir, Meinungsfreiheit ist richtig wichtig – so lange die Meinungen nicht menschenverachtend sind, da gibt es dann eine Grenze, die überschritten wird. Und da müssen wir hart und konsequent gegen arbeiten. Ja, ich oute mich hier als Nazibeißer. Ich werde nicht die Klappe halten, wenn wie zuletzt eindeutig antisemitische Töne auf der Mailingliste gespuckt zu werden, ich will keinen Rassismus, in welcher Form auch immer. Ich werde da auch gerne mal deutlich, oft auch extrem boshaft, nutze ebenso gerne meine einigermaßen vorhandenen sprachlichen Mittel – und lade alle ein, ebenso zu handeln. Piraten sollten es  sich nicht leisten, sich von solchen Stimmen vom wirklich guten Weg abbringen zu lassen.

Da steckt ja auch der verwesende Hund, den man doch nicht begraben hat – es bringt nichts, in alle Richtungen zu zeigen, während man selbst sich nicht mit aller Konsequenz dran macht, die eigenen bescheuerten Gedanken auszumerzen. Und wenn man dann so einigermaßen mit sich selbst im Reinen ist, ohne in der internen Antiidiotenarbeit nachzulassen, dann muss man erst mal in der eigenen Partei schauen, im eigenen Umfeld, und dann hat man vielleicht auch irgendwann eine Chance, anderen Gruppen und anderen Parteien zu helfen, aus diesen doofen Gedanken herauszukommen. Wenn ich lese, man sollte Breivik keine Bühne geben, dann kann ich das verstehen, glaube aber, dass das kurzsichtig ist. Es geht da nämlich gar nicht drum. Lasst den Mann reden und nutzt die Situation, um die Menschenverachtung seiner Gedanken klar zu machen. Zieht eure Schlüsse, kämpft nicht gegen den Mann, kämpft gegen seine Ideen – nicht durch Verschweigen, sondern durch Gegenrede! Wir müssen einfach alle Fernsehverblödung abwerfen, selber denken und diskutieren, manchmal erregt, manchmal nüchtern, aber wir müssen reden, aufklären und diskutieren – so bekämpft man rechte Idioten, nicht mit Hilfe des Verfassungsschutzes.

Reportage aus der Zukunft

Ich lese im Moment nebenbei mal wieder „Ökotopia“, einen Science Fiction-Roman aus dem Jahre 1978. Dort wird ein Reporter in ein utopisches Land geschickt und schickt seine Reportagen zurück.  Das Buch sollte man mal als Pflichtlektüre einführen, nicht weil alle Ideen des Ernest Callenbach, so heißt der Autor, so großartig sind – einige sind es -, sondern weil man die Möglichkeit bekommt, mal ein paar Sachen anders zu denken. Diese Fähigkeit ist zu wenig ausgeprägt, und das führt dazu, dass manche Menschen sogar der Politik glauben, wenn von „Alternativlosigkeit“ gesprochen wird.

Auf jeden Fall hat mich das Buch inspiriert, in kleinem Rahmen ähnliches zu tun. Ich werde keinen Roman schreiben, aber hin und wieder mal eine Reportage aus der Zukunft. Aus einer Zukunft, wie ich sie mir wünsche, nicht mehr, aber auch nicht weniger …

Achso, ja, ich schreibe so, als ob es in der Zukunft noch Zeitungen gibt. Keine Ahnung, ob Zeitungen sterben, keine Ahnung, ob sie irgendwann im Internet ankommen, aber wir werden sehen.

Noch eine kleine Warnung, erstens,d er Artikel ist lang, zweitens, es handelt sich um eine Vision. Wenn jemand glaubt, dass Visionen zu Arztbesuchen führen sollten, dann soll er sich davon machen!

Zehn Jahre neues Bildungssystem, ein Überblick

Aus der Region.  Was wurde gekämpft, was wurde diskutiert, wie oft wurde der Untergang des Abendlandes vorhergesagt? Vor zehn Jahren wurde das Bildungssystem ermordet oder vergewaltigt, sagten damals die einen, es wurde neu gedacht, sagten die anderen.

Nun hat man sich ja ein wenig an die Neuerungen gewöhnt, viele Kritiker sind verstummt, andere sehen immer noch viele Probleme in der Bildung, verweisen auf Zahlen. Wir wollten uns die Situation mal genauer anschauen.

Der Blick geht erst mal in die Kreisstadt, in der eines der beiden Gymnasien, die beide auf eine große Tradition zurückblickten, geschlossen wurde. Das andere lebt und gedeiht. Und geht man heute in dieses Gymnasium, dann muss man auch einigermaßen genau hinschauen, wenn man die Unterschiede sehen will, die sich ergeben haben.

Es ist lauter als früher, viele Türen stehen offen, Schüler sitzen in Grüppchen auf dem Flur und arbeiten offenbar an anderen Sachen, als ihre Mitschüler.

„Wir mussten vieles umstellen“, sagt die Rektorin Julia N. auf Nachfrage. „Das Kurssystem, dass es früher nur in der Oberstufe gab, hat inzwischen die ganze Schule erreicht. Im Klassenverband gibt es Sportunterricht und die Einführungen in neue Fächer, ansonsten werden Kunst- und Theaterprojekte so geplant, dass es immer ein bis zwei Klassen sind, die das gemeinsam machen. So kommen die Schüler auch mit ihren Gleichaltrigen zusammen, so werden soziale Strukturen geschaffen. Der Fachunterricht ist ganz im Kurssystem verteilt. Und die Kurse sind sehr gemischt – eben je nach Fähigkeit.“ Am Ende von Kurstrimestern treten die Gymnasiasten zu ihren Prüfungen an. „Das ist auch ganz in Ordnung so, meint Schülersprecherin Liane F., „natürlich könnte man die Prüfungen immer machen, aber so haben wir da ein bisschen Struktur drin. Und wir sind immer ganz scharf drauf, dass alle im Kurs ein Ziel erreichen, ist sozusagen Gymnasiastenehre.“

Im Gebäude des geschlossenen Gymnasiums ist nun die Freie Schule – ein wirkliches Experiment noch vor ein paar Jahren, inzwischen aber eigentlich ziemlich gut angenommen. Die Freie Schule sieht ihre Lehrer rein als Ansprechpartner. Von der Einschulung an lernen die Schüler hier was sie wollen, haben große Schätze an Lernmaterialien zur Verfügung und arbeiten frei. Die Lehrer sind für sie da, beantworten Fragen, erzählen Geschichten und regen immer wieder auch Projekte an. So erklärt Rainer B., einer Initiatoren: „Die Projekte sind wirklich wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, einen Film zu drehen, dann macht das erst mal ein Lehrer mit einer Gruppe. Er leitet an und vermittelt die grundlegenden Fähigkeiten. Beim nächsten Mal fangen dann einige der Schüler des ersten Projektes mit einem eigenen Film an, nehmen sich eine Handvoll neue Leute mit ins Boot und der vorher leitende Lehrer ist nur noch so eine Art Supervisor.“

Die Erkenntnis, dass man vieles besonders gut lernt, wenn man es anderen beibringt liegt da zugrunde, und die ist auch sonst im Schulalltag häufig zu sehen. Achtjährige, die Fünf- bis Sechsjährigen mit dem Zahlenraum bis 10 weiterhelfen sind oft die, die selbst noch nicht so fit damit sind, und sich endlich mal das Herz nehmen, ihre Prüfung nachzuholen.

Und wie steht es mit der Motivation? „Naja, die ist natürlich nicht bei jedem Schüler gleich und vor allem auch nicht an jedem Tag. An manchen Tagen passiert in manchem Raum fast gar nichts, aber sehr bald wird es langweilig – und manches Kind müssen wir nachmittags um fünf geradezu herauskehren, weil es sich gerade in der Geschichte festgebissen hat, oder weil der Englischspielkreis einfach kein Ende findet.“ B. lacht, offenbar hat er das Bild gerade vor Augen – doch auf Gegenfrage wird er ernst: Aber kommt jedes Kind mit dieser Form der Schule klar? „Die meisten schon, aber das gilt nicht für alle. Manche Kinder können mit mehr Struktur einfach besser lernen – aber das ist ja auch kein Problem, es geht hier ja nicht um Ideologie, sondern um die Kinder!“ Und die, davon kann man sich hier schnell überzeugen, wirken glücklich und gar nicht chaotisch und rabaukig, wie man das bei der Einführung der Freischule aus manchen Kreisen prophezeite.

Wie sieht das mit den anderen Schulen aus? Auf der Freien Waldorfschule hat sich gar nicht so viel geändert. „Wir haben ja noch nie auf Noten gesetzt, deswegen hat es hier nicht viel geändert, als die Benotung ganz an die Prüfungsbehörde ging.“ Ute S.  ist die Leiterin der hiesigen Waldorfschule, sie fühlt sich bestätigt: „ Wir hatten ja schon das beste Abitur im Kreis, als hier das Zentralabitur eingeführt wurde, für uns war es schon immer normal, dass von außerhalb geprüft wurde.“

Der Gesamtschule kam die neue Struktur auch relativ gut entgegen. „Wir waren schon ziemlich am Schwanken, als wir nicht mehr selbst benoteten. Zensuren sind halt schon eine Möglichkeit, auch Disziplin zu behalten. Aber wir haben schnell begriffen, dass wir mit dem neuen System gut fahren.“ Mittelstufenkoordinator Stefan P.  zieht zufrieden Bilanz. Inzwischen haben die Stufen Acht und Neun jeweils halbjährige Praktika, die dadurch gewonnenen Räume und Lehrerstunden werden sinnvoll genutzt, auch hier wird Freiarbeit inzwischen groß geschrieben, und die Lerngruppen wurden so ein bisschen kleiner. „In den Praktika sind die Schüler oft viel motivierter, fühlen sich erwachsener und mehr ernst genommen. Und den Stoff haben sie mit ihren neugewonnen Kenntnissen und dem erhöhten Selbstvertrauen bisher immer ganz locker aufgeholt. Außerdem sind die nach ienem halben Jahr oft auch ganz froh wieder einfach nur zur Schule gehen zu können.“

Eine klassische Schule mit den alten Strukturen gibt es ja in der Kreisstadt auch noch. Die Freie Christliche Bekenntnisschule mit ihrem Gymnasial- und Realschulzweig. Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren war das die Schule, die am schnellsten wuchs. Heute mag man uns kein Interview geben. Wir sprachen mit der Elternvertreterin Luise H., und die gibt zu, dass es Probleme gibt: „Vor der Prüfungsbehörde war man stolz darauf, dass man gut erzogene Kinder hatte, dass wenigstens auf dieser Schule Disziplin noch etwas galt. Daher hatten wir auch viele Schüler, die gar nicht aus christlichen Elternhäusern stammten. Das ist nicht mehr so. Wir werden auch von der Prüfungsbehörde stark benachteiligt. Unsere Schüler erreichen bei weitem nicht mehr die Werte, die sie vorher in den zentralen Prüfungen erreichten. Ich vermute Politik dahinter.“

Eine besondere Form der schulischen Bildung sollte nun zuletzt auch noch erwähnt werden – nämlich die ohne Schule. Simon T. ist so ein „Schüler“. „Ich habe mir schon das Lesen selbst beigebracht, als ich fünf war. Seitdem habe ich genug Mathe gelernt, um die mittlere Reife angehen zu können, in den Naturwissenschaften bin ich fast auf Abiturniveau!“ Der 13jährige ist nicht unbedingt bescheiden, wenn er von seinen Fähigkeiten spricht. „Englisch kann er ziemlich gut, aber es hapert mit einer zweiten Fremdsprache und mit Politik und Geschichte beschäftigt er sich auch erst, seit er öfter bei seinem Ersatzopa ist.“ Der Ersatzopa ist ein Nachbar, dem Simon hilft, mit der neuen Technologie schrittzuhalten, und der mit ein paar einfachen Fragen bei dem Jungen Interesse geweckt hat. „Man muss ja wissen, wie die Politik funktioniert, sonst kann man ja auch nichts ändern!“ Inzwischen ist Simon da ganz anderer Ansicht, als er es noch vor ein paar Monaten war. Und was ist mit den sozialen Kontakten? „Simon geht in die Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche, und ins Karatetraining. Das ist ein guter Ausgleich, und daher hat er seine Freunde. Auch wenn die auf die verschiedensten Schulen gehen.“ Simons Mutter ist mit ihrem Sohn, und der Bildungswelt offenbar ganz zufrieden. „Wenn ich bedenke, wie viele Stunden ich mich mit manchen Sachen rumgeschlagen habe, da hat Simon es schon viel einfacher.“

Eine Sache bleibt dann doch noch. Vor der großen Reform gab es eine Unmenge an Nachhilfeinstituten, was ist denn aus diesem Markt geworden? Bei der Recherche fanden wir nur noch eines. Leiter Klaus B. : „Klassische Nachhilfe machen wir fast gar nicht mehr. Hier und da für ein paar Gymnasiasten, wenn sie in einem Kurs partout nicht mitkommen, oder wenn sie länger gefehlt haben, dann noch ein paar Schüler von der Bekenntnisschule. Wir haben dafür öfter mit den Homeschoolern zu tun, den Kindern, die gar nicht zu einer Schule gehen – denen können wir dann in Fächern helfen, für die sie kein großes Interesse aufbringen können. Und dann muss halt immer noch ein bisschen gepaukt werden.“ Ansonsten scheint der Markt ausgetrocknet, seit die Prüfungen sich sehr stark geändert haben. B. erinnert sich an die Zeiten ohne Wehmut: „Als das Zentralabitur regierte, traf das Wort Lernbulimie voll zu. Es wurde nur für die nächste Prüfung gelernt. Heute müssen echte Fertigkeiten und Verständnis nachgewiesen werden, mit einem auskotzen von Wissen kommt man da gar nicht mehr weit. Aber das macht auch bei der Nachhilfe viel mehr Spaß!“