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Quick – Von politischem Mut und seiner Verschwendung

Nun, eigentlich will ich ja nicht mehr über Piraten bloggen, sondern mich auf relevantere Themen stürzen. Aber manchmal geht es eben nicht anders.

Gestern ging der Landesparteitag in meinem Heimatbundesland NRW zu Ende. Und zum ersten Mal, seit der allergrößte Teil der linken Vordenkenden aus der Partei geputscht wurde – solltet ihr euch an dieser Stelle über meine Formulierung aufregen, dann tut mir das nicht leid -, gab es sowas wie politische Risikofreudigkeit, als der LPT einen Antrag annahm, dessen handwerkliche Qualität sicherlich nicht brutal gut war, aber der ein Signal setzen könnte. Piraten laden Kinder zwischen zehn und *hüstel* 16 Jahren dazu ein, einfach auf den Landesparteitagen zu erscheinen und mit ihnen als vollwertige Piraten Politik zu machen. Hätte man jetzt einfach mal feiern können. Ich persönlich habe es gefeiert. Schöne Idee, nicht so schöne Umsetzung, aber die Idee zählt nun mal mehr und ich fühlte einen kleinen Schimmer von dem Gefühl, dass mich mal zum Eintritt in diese Partei bewegt hat.

Und dann explodierte das Netz. Und obwohl ein Parteitag das mit Zweidrittelmehrheit beschlossen hatte, schäumte das Internet hauptsächlich gegen diesen Beschluss, der auf dem LPT wohl mit Begeisterung aufgenommen wurde. Dabei gab es verschiedene Reaktionen, die letztlich ähnlich wirkten.Aus dem linken Bereich wurde einiges kritisiert, hier und da ging der Antrag nicht weit genug, oder wurde als wirkungslos bezeichnet, oder aber, und da war ich ehrlich gesagt ein bisschen viel verärgert, es wurde gefragt, ob man Kindern denn nicht ihre Kindheit gönne. Meine Fresse, ich gönne ja gerne allen alles Mögliche, aber es geht ja nicht um eine Zwangsverpflichtung von Kindern zur Politik, sondern um das Ermöglichen von Mitsprache von denen, denen wir willkürlich jedes Recht auf politische Mitsprache verweigern. Das „Jetzt müssen sich Kinder schon mit Politik beschäftigen“-Argument gab es übrigens schon mal fast genauso … Beim Frauenwahlrecht. Herzlichen Glückwunsch!

Aber viel härter war natürlich das sofortige Anspringen der Hetzer und Bedenkenträger. Die, die grundsätzlich alles, von Asylpolitik bis BGE, was mal von Parteitagen mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, so lautstark bekämpft haben, dass sich niemand mehr getraut hat, diese guten Politikansätze offensiv zu verkaufen. Konservative, die nie zugelassen haben, dass die Piraten wirklich die Politik verkauft haben, die sie verabschiedet haben. Bedenkenträger, die nie politisch genug gedacht haben, um in einer Partei Politik zu machen und es allen anderen auch verderben müssen, weil sie keine Risiken und keine frische Ideen zulassen können. Die mäkeln nicht völlig zu Unrecht am Wortlaut herum, sehen das mögliche Signal nicht, oder nur mit Schrecken, und versuchen mit Mailfluten auf den Listen und mit dem Anrufend es Schiedsgerichtes unbedingt die Mehrheitsentscheidung des Parteitags zu zerstören, wie sie das schon mit einigen anderen Mehrheitsentscheidungen gemacht haben. Das ist normal, Demokratie ertragen sie nicht.

Ja, diese Partei ist kaputt. Und ja, jedes Fünkchen von Politik wird in dieser Partei kaputt gemacht. Und nein, Hoffnung gibt es keine mehr.

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Sozialliberal, weißte!?

Ich hätte da mal ein paar kurze Gedanken, und wer meinen Blog kennt, der weiß, dass da jetzt mindestens drei Seiten kommen, mal schauen, ob ich mich beherrschen kann.

Wir haben in NRW auf dem LPT am letzten Wochenende ein Positionspapier angenommen, dass uns als sozialliberal verortet. Ich habe dagegen gestimmt, weil ich nicht glaube, dass wir uns selbst ein solches Label geben sollten. Das ist nicht unser Job, sondern der von Politologen und meinetwegen auch der Presse. Aber Mehrheit ist Mehrheit, auch wenn die Mehrheit für diesen Beschluss keine Satzungsmehrheit ist, Zweidrittel wurden deutlich nicht erreicht. So war meine Wahrnehmung, und ich stand im Moment der Abstimmung so,  dass ich den Saal überblicken konnte. Bisher hat mir gegenüber auch noch niemand bestritten, dass die Mehrheit nicht deutlich war. Ich tippe auf 60:40.

Viele haben diese Abstimmungsniederlage mit Fassung und Humor genommen: „Ach, wir sind jetzt kaisertreu?“ – „Lactosefrei?“ Aber man hörte auch: „Ich bin nicht sozialliberal, ich bin links!“ Finde ich alles okay. Auch wenn ich mich bemüht habe, recht schnell mit den Gags aufzuhören. Die helfen uns auch nicht weiter.

Ich persönlich verbinde mit sozialliberal mein allerfrühestes politisch angehauchtes Denken. NATO-Doppelbeschluss, das Stationieren von Pershing-II-Raketen, das war der sozialliberale Kanzler Schmidt, und das fand ich schon als Kind doof. Der Kanzler, der danach kam, war noch viel blöder, aber sozialliberal haut mich nicht vom Hocker.

Kann ich mit diesem Etikett leben? Jo, kann ich, auch wenn ich vermutlich weiterhin lieber über das links-libertäre Spektrum schwadroniere, das sich in den Reihen der Piraten versammelt. Muss ich sozialliberal am Infostand nutzen? Weil wir ein Positionspapier, dass man eigentlich eh nicht nach außen tragen soll, mit nicht sehr überzeugender Mehrheit angenommen haben? Nee, muss ich nicht, aber ich kann.

Ich kann den Begriff ein bisschen auseinandernehmen, sagen, was ich unter sozialliberal verstehe (und ich trenne absichtlich nicht sozial und liberal, wenn man es nicht zusammen denkt, macht es nämlich eh keinen Sinn). Zum Beispiel so wenig Herrschaft wie möglich. Das beinhaltet eindeutig die Befreiung von der Geldherrschaft, und wir fordern deshalb ein europaweites BGE, damit das erreicht werden kann. Das ist sozialliberal. Freiheit von überbordenden staatlichen Überwachungs- und Sicherheitsnetzen. Freiheit von einem Staat, der sich in meine Angelegenheiten mischt, Freiheit von den Repressionen, die man auch von Staatsseite ertragen muss, weil man arm ist, weil man anders aussieht, als der Schnitt, oder weil man anders liebt.

Staat ist für mich nicht unwichtig, aber er soll ermöglichen, nicht unterdrücken. Die Erfahrung aus Faschismus und Totalitarismus müssen uns klar machen, dass man staatlichen Strukturen eben nicht zu viel Macht und Informationen geben darf. Gerade Verwaltung und Militär haben mit ihrer Befehl und Gehorsam-Denke schon immer einen guten Nährboden für Faschismus geboten, deswegen müssen wir da einfach äußerst sensibel sein.

Keine Frage, der Staat braucht Geld, weil er Sachen ermöglichen muss, Infrastruktur und soziale Teilhabe, aber er braucht keine Macht, die über das allernötigste herausgeht – so sehe ich sozialliberal, und damit kann ich dann auch gut leben.

Wir müssen uns auch klar werden, was mit sozialliberal politisch noch verknüpft ist. Wir sind nicht staatsgläubig und halten Menschen für wichtiger als Gesetze. Denn das ist sowohl sozial als auch liberal, richtig? (Dieses Wort „sozial“ sagt natürlich nicht viel aus, spätestens seit die „Sozial“demokraten es so pervertiert haben. „Sozial ist, was Arbeit schafft!“ und „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen!“, das sind Sprüche, die auch Nazis unterschreiben würden, „Arbeit macht frei“ ist da auch nicht so wahnsinnig weit von entfernt – hey, es gibt auch in der SPD gute Leute, aber mit „sozial“, wie ich es gerne verstehen möchte, hat diese Partei nichts zu tun.)

„Sozialliberal“ kann vieles heißen und kann sicherlich auch mit sehr unterschiedlichen Dingen gefüllt werden. Ich möchte den Begriff, wenn ich ihn denn schon verwenden muss, gerne mit den piratigen Inhalten füllen. Mit Inklusion und Barrierefreiheit, mit einer zumindest angestrebten Vorurteilslosigkeit und einem Verzicht auf Schubladen – richtig, das ist auch ein Grund, weshalb ich Label nicht mag! (OMG, er hat Label gesagt!) –, mit Plattformneutralität. Und dann müssen wir uns auch klar sein, dass es Feinde gibt, die gegen unsere Einstellungen sind, gegen unsere Inhalte und gegen unsere Partei. Diese Feinde sind alle, die eine Ungleichheit postulieren, die manche Menschen besser als andere sehen, also Rassisten, Sexisten, Homohasser und alles, was es sonst noch an Supremacy-Spinnern gibt. Wir bekämpfen diese Feinde. Wir unterstützen alle, die mit uns gegen diese Leute kämpfen. (Disclaimer: Ich rufe hier nicht dazu auf, die AG Waffenrecht soll als bewaffneter Arm der Partei Nazis einfach abschießen, ich neige nicht zu so drastischen Mitteln, Feindschaft muss nicht Gewalt einschließen, oder halt erst, wenn es nötig wird.)  Wenn wir nicht beliebig sein wollen, müssen wir wehrhaft sein, müssen wir klar dafür einstehen, sonst sind wir genauso sozialliberal wie die Grünen und die FDP, und wer will das schon? Wir haben eine Menge Gründe, alle zu verhindern, die totalitäre und faschistische Ziele verfolgen. Wer daran herumdeuteln will, kann sich das Schildchen mit dem „sozialliberal“ gleich wieder abreißen, denn gegen die Verhinderer von Freiheit und Solidarität muss alles sein, was liberal, sozial oder sozialliberal ist.

Lasst uns staatskritisch sein, lasst uns neue Lösungen suchen und die mit den Fragen sein. Lasst uns für Menschen und deren Freiheit kämpfen, und gegen alle, die diese Freiheit ausnutzen, um ihre Menschenfeindlichkeit gassi zu führen. Lasst uns Solidarität mit Freiheit verknüpfen, lasst uns gegen Diskriminierung arbeiten und für die Diskriminierten, lasst uns endlich wieder Piraten sein, ob mit oder ohne Label.

Plakate?!

Weil wir ja das mit der Politik machen wollen, streiten wir Piraten uns im Moment über Plakate, einerseits über Plakatentwürfe, die leider annähernd alle von Spaßvorschlägen getoppt wurden, die über Twitter verbreitet wurden – „EU? Cool“ oder „NSA? Blöd!“ – die Dinger sind wenigstens plakativ, was ja für Plakate von Vorteil sein soll -, andererseits streiten wir uns speziell in NRW, ob wir überhaupt plakatieren sollen, und diese Frage finde ich jetzt spannender.

Es wird die sehr gut klingende Idee verbreitet, dass wir keine Plakate mehr machen sollen, sondern die alten, von denen wir ja noch sehr viele haben, in einer lustigen Aktion, die dann auch medial spannend sein soll, verschrotten. Tenor: wir machen den Quatsch mit den Plakaten nicht mehr mit. Das gefällt bestimmt allen, so sagt man, dass bringt uns in die Medien, so sagt man, damit sparen wir Ressourcen, auch so sagt man.

Ja, die Idee klingt erst mal gut. Würden wir einen wohlorganisierten Event mit Sternfahrt hinbekommen, eine Nummer, wo wir in allen Kreisstädten auf dem flachen Land bis hin zu den großen Städten und Metropolen in jeder Fußgängerzone am gleichen Tag auftauchen, mit lustigen Plakatkunstwerken für Furore sorgen und danach auch noch mit großer Anzeigenkampagne feiern würden, dass wir keine Plakate mehr aufhängen, dann wäre das eventuell sogar eine Sache, über die man nachdenken könnte. Ja, ich habe das jetzt kommende Aber glaub ich ganz ordentlich aufgebaut:

Aber das wird so nicht passieren. Die Sternfahrt wird sich über zwei Wochen hinziehen, die Hälfte der Kommunen hat keinen Bock, streiten sich lieber gerade drüber, ob sie einen KV einrichten wollen, oder doch nicht, haben keine Aktiven, die so etwas planen und machen können, und der Rest findet es doof, weil es Topdown entschieden wurde. Konzertante Aktionen brauchen einen Dirigenten, der die Fäden in der Hand hält, gegen einen so starken Anarchen hat die Partei immer was.

Würden wir damit in die Presse kommen, vereinzelt ja, keine Frage, es gibt immer Kommunen in denen halt gerade gar nicht los ist und Redakteure, die uns nicht total doof finden. Aber würden wir den Effekt der Plakate damit aufwiegen können? Ich befürchte, das geht nicht.

Jetzt höre ich Menschen sagen: Äh, die Plakate will doch eh niemand, alle finden die doof, noch niemand hat eine Partei nur wegen der Plakate gewählt und so weiter und so fort. Jo, ich wohne in einem Kreis, wo alle paar Jahre Bodo Löttgen von den Plakaten der CDU grinst, ich müsste das auch nicht haben. Plakate haben einen Nervwerbeeffekt – von dem zum Beispiel Marken wie Seitenbacher profitieren – und wer hätte noch nicht gerne den Sprecher der Seitenbacher Werbung erwürgt? Das heißt, sie machen bekannt, setzen sich in den Hirnen irgendwie fest, und wenn es gut läuft, dann erschaffen sie zusätzlich noch ein bisschen Stimmung.

Clevere und freche Plakate, auf denen meinetwegen auch nur die Worte „NSA? Dooof!!1elf!“ stehen, können eine Grundstimmung aufnehmen. Merke, Plakate sind fürn Bauch, nicht für den Verstand. Deswegen war die Niedersachsenkampagne, die uns erklärte, wie blöd Plakate sind, auch so erschreckend unerfolgreich. Niemand hat sie auf Anhieb verstanden. Das war die vielleicht cleverste Plakataktion, die jemals in der politischen Welt versucht wurde, und genau deshalb totaler Unsinn. Die CDU plakatiert ihr „Weiter so!“ dagegen und wir haben schon verloren.

Die Message, wir machen den Zirkus mit den Plakaten nicht mehr mit, ist genauso clever und gefällt uns natürlich, wir sind so kluk. Aber womit soll die Message transportiert werden? Mit keinen Plakaten? Die Hauptwahrnehmung wird sein, dass wir auf dem Wahlzettel zum ersten Mal erscheinen. Ach, die Piraten gibt es noch? Haben aber keine Kohle mehr für Plakate, naja, die haben es wohl hinter sich.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie viel Kohle was kostet. Aber ich bin mir sicher, dass wir irgendeine Art von Präsens zeigen müssen. Keine normalen Plakate? Okay, aber dann brauchen wir die großen, die Wesselmänner, und die in ordentlicher Anzahl. Pro zwanzigtausend Einwohner einen oder anderthalb? Drunter geht es nicht, schaffen wir das? Oder wir schalten Anzeigen, natürlich viel in Social Medias, Google Anzeigen und so, aber auch in den Anzeigenblättchen, die zwar umsonst in die Haushalte flattern, deren Anzeigen aber schweineteuer sind. Alte Plakate mit neuen Aufklebern recyclen, das Recyclen dabei aktiv bewerben, das erscheint mir auch noch eine brauchbare Alternative. Bindet aber letztlich mindestens ebenso viele Manpower-Ressourcen, wie das normale Plakatieren.

Wir brauchen das alles nicht? Gut, dann lasst uns das mit der Politik lassen, ohne Werbung gibt es auch keine Stimmen. Wir müssen jetzt alles Geld nehmen, was wir noch haben, und es in einen guten und kreativen Wahlkampf stecken. Denn wenn wir es dieses Mal nicht schaffen – und ich spreche hier nicht von  Europa, für uns hier in NRW ist die Kommunalwahl vielfach wichtiger – dann wird uns bald der Unterbau fehlen, dann werden wir eine Eintagsfliege der Politik sein und eine Randnotiz in der politischen Geschichte.

Am Tage der Erinnerung …

… an die Opfer des Holocaust darf man sich ruhig fragen, ob wir gelernt haben? Wissen wir es heute wirklich besser? Ist die Ablehnung der Denkweisen der Nazis heute so umfassend, wie wir uns das gerne vormachen und vormachen lassen?
Mit Betroffenheit sehen wir, dass eine gar nicht so kleine Gruppe in Deutschland Zuwanderung als das größte politische Problem sieht. Angestachelt wird dies durch rassistische Kampagnen, die den alten nie ausgeräumten Hass gegen Sinti und Roma anstacheln – denn das ist gemeint, wenn sie „Bulgaren“ oder „Rumänen“ sagen. Die Nazis haben Sinti und Roma in die KZs verschleppt und umgebracht. Wir gedenken der Opfer.
Mit Beklemmung sehen wir, dass wir keine Geheimnisse mehr haben. Informationen werden erhoben, die Niemanden was angehen, unser Menschenrecht auf Intimsphäre wird mit Füßen getreten. Als die Nazis den Staat an sich rissen, war die GeStaPo das wichtigste Mittel, um eine sichere Herrschaft zu etablieren. Sie nutzten Informationen aus, um Menschen gefügig zu machen, nutzten alte Informationen – Stichwort „Rosa Listen“ – aus, um Homosexuelle zu verfolgen und zu ermorden.  Politische Gegner, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, wurden kaltgestellt, und wenn das nicht reichte, ermordet. Wir gedenken der Opfer.
Mit Unverständnis sehen wir die Bilder der Gewalt gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz, aber auch in Frankfurt oder Hamburg. Eine Atmosphäre der Gewalt wird erzeugt, man muss befürchten, bei friedlichen Demonstrationen mit Wasserwerfern Bekanntschaft zu machen, oder auch mit Tränengas. Man kann sich nicht sicher sein, ob man nicht in einem Kessel landet oder von Polizisten mit dem Schlagstock angegriffen wird. Die Nazis nutzten für ähnliche Zwecke erst SA, dann SS und Polizei. Wer politisch aufbegehrte, wurde verprügelt und konnte sich seines Lebens nicht mehr sicher sein. Wir suchen eine Atmosphäre der Freiheit.
Mit Erschrecken sehen wir die zig Morde, die Nazis in den letzten Jahren begangen haben. Morde und Hetzjagden, die von der Polizei nicht verhindert werden, brutale Anschläge gegen Leib und Leben, bei denen „Fremdenfeindliche Hintergründe nicht ausgeschlossen werden können“. Das Relativieren, das Aufrechnen von zersplitterten Schaufensterscheiben mit Toten, die wegen der falschen Hautfarbe ihr Leben verloren. Bevor die Nazis an die Macht kamen, von Konservativen an die Macht gebracht wurden, wurden sie auch verharmlost, ihre Verbrechen mit dem halb geschlossenen rechten Auge übersehen. Am Ende davon stand Ausschwitz, waren Millionen Juden industriell ermordet. Wehret den Anfängen.
Erinnerung schmerzt. Aber sie ist so nötig. Der Kampf gegen Faschismus ist nicht vorbei, der gegen Rassismus und Nationalismus muss immer im eigenen Kopf anfangen. Auch das ist schmerzhaft, aber nötig. Wir müssen aus der Geschichte lernen, wir wollen nicht, dass diese Geschichte sich wiederholt.

Wie segeln wir weiter? – Piratige Kommunikation III

Okay, Kommunikation untereinander ist abgehakt, die mit der Presse teilweise auch, also jetzt zu der Kommunikation mit den Wählern. Denn im Gegensatz zu anderen Parteien, wollen wir ja, dass möglichst viele Menschen bei der Politik irgendwie mitmachen, und natürlich wollen wir auch gewählt werden, auch wenn wir uns manchmal sehr viel Mühe geben, genau das nicht zu erreichen.

Also wäre es ja eigentlich so eine Art Hauptaugenmerk, dass auf diesen letzten Part der Kommunikation zu richten wäre. Es gibt auch immer wieder gute Ansätze, aber dann machen wir doch wieder das mit den Fähnchen – und verlieren natürlich gegen das Kapital der Altparteien, dass dank des Kapitals in der Materialschlacht immer besser abschneiden muss.

Jetzt gibt es viele Forderungen einfach das mit den Plakaten zu lassen, da das zu viel Zeit und Kraft bindet, speziell da, wo wir nicht viele Aktive haben. Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Plakate bemerkt wurden, denn sie waren oftmals nicht wirklich gut. Sie waren nett, aber nicht neu, irgendwie zu brav, halt alles, was ich auch an anderer Stelle über unsere Kommunikation gerne sage. Wir haben da einfach ein Konsensproblem. Mit Konsenssprüchen wird die CDU gewählt, nicht wir. Es ist einfach nicht gut, was allen gefällt und meistens ist das am besten, was den Bedenkenträgern nicht gefällt. Was wäre denn, wenn wir auf Plakate verzichteten? Auf der einen Seite wäre es sehr sympathisch, dass wir uns dem Irrsinn verweigern, aber wer registriert das Fehlen und sagt daraufhin: Gut, alles klar, die Piraten plakatieren nicht, ich wähl die jetzt? Die meisten werden eher denken, guck mal, die Piraten plakatieren schon gar nicht mehr, die haben aufgegeben.

Also das Plakatieren aufzugeben, nee, das ist für mich keine Alternative. Vor allem auch, weil wir, wie wir fast täglich sehen, sehr viele sehr kreative Menschen in unseren Reihen haben, die ganz oft viel bessere Motive erschaffen, als wir die jetzt plakatiert haben. Da ist einfach viel mehr drin. Wir würden da großes Potential verschenken.

Nein, wir werden nicht ganz um den klassischen Wahlkampf herum kommen, auch wenn mir die Streumittel, also Feuerzeuge und Kulis ein wenig zu langweilig erscheinen. Es gibt doch so viele Möglichkeiten, vielleicht auch welche, die ein bisschen mehr Originalität versprühen, als Kulis und Feuerzeuge. Wir werden plakatieren müssen, wir werden flyern und Infostände mit Piratensäbeln machen, ja, das gehört alles dazu. Was mir allerdings fehlt, sind die etwas frecheren Aktionen, der Guerillawahlkampf, der organisiert wird – ja, wir haben irgendwann die Sache mit den aufgerissenen Umschlägen gemacht und damit versucht, den Bürgern nahe zu bringen, wie wir aufgerissene Email-Umschläge finden, aber das war dann eben Eigenengagement. Warum kommen solche Sachen nicht aus den Wahlkampfzentralen? Und natürlich geht auch das noch nicht weit genug.

In Fußgängerzonen müssen Menschen von NSA-Agenten auf die Unterwäsche ausgezogen und durchsucht werden. So was macht deutlich, erzeugt Emotionen, regt zum Nachdenken an. Drastisch und klar müssen wir werden. Erinnern wir uns an die performativen Ideen früherer Generationen und nutzen wir gleich noch den Vorteil, dass wir diese Sachen dann auch noch festhalten können, sie selbst mit Bild und Ton verbreiten.

Eigentlich müssten wir es so viel einfacher haben, als alle oppositionellen Kräfte vor uns. Wir haben das Internet und wir können es sogar nutzen, wir sind sogar die einzige Partei, die es begreift. Aber wir begreifen nicht alles. Zum Beispiel neigen wir dazu, ewig lange Diskussionen als Podcasts oder Youtube-Videos hochzuladen. Das ist nett, das ist super für die Total-Interessierten, aber schlicht furchtbar für die Uneingeweihten. Da müssen wir dringend was dran ändern. Kurze, gern auch mal sympathische und witzige Sachen müssen die Social Networks überschwemmen.  Gute Blogtexte auch, und gerne auch deutlich kürzer, als ich hier schon wieder vor mich hin schreibe. Aber daran hapert es auch zu oft. Viele unserer Blogs gehen sehr viel zu viel in die Tiefe, erschöpfen sich in Details, statt erst für alle eine vernünftige Verständnisebene klar zu machen.

Das muss man sich mal vorstellen, wir sind die Partei, die eigentlich sofort gemerkt hat, dass es total hilfreich wäre, wenn die Menschen allgemein besser gebildet wären, wir sind die Partei der Aufklärung – und dann kriegen wir es wirklich nur vereinzelt hin, unsere Themen und Ideen zu erklären. Da haben wir dringenden Verbesserungsbedarf. Wir müssen es sein, die erklären, wie Politik funktioniert. Wir dürfen nicht einfach mitmachen, wir haben versprochen, dass wir Politik anders machen. Die Idee des Hacks – sind wir nicht auch eine Partei der Hacker? – ist dabei die entscheidende: Wir gehen in die Institutionen, wir lernen, was es über Politik zu lernen gibt, und dann geben wir es in gut aufbereiteten Häppchen weiter. Wir hacken das System! Leider ist das viel zu selten unser erstes Anliegen, leider ziehen wir das nicht durch.

Ich habe irgendwie nirgends gesehen, dass jemand bloggt, wie er in einen Landtag einzieht, wie das auch einfach persönlich ist. Ich habe als jemand, der schon zweimal in der Fraktion zu Besuch war, als jemand, der mit der NRW-Landtagsfraktion ja auch durch einige Leute Kontakt hat, keinen wirklichen Überblick, wie es da so abläuft, wer jetzt genau was macht, womit ich mich wohin wenden kann. Ja, ich weiß, ich kann das alles irgendwo nachlesen, wenn ich mich durch Seiten von Wikis und anderen Sachen wühle, ich kann auch einfach – aber das ist eben das Privileg dessen, der einige Leute persönlich kennt – jemanden fragen, der sich in der Fraktion auskennt. Aber ich hatte gehofft, dass ich so was einfach, wie in der verdammten Sendung mit der Maus, mal vernünftig erklärt bekommen hätte. Ohne eine kiloschwere Holschuld, einfach so, weil das unsere Idee von Politik ist. Wir sind Piraten, wir machen das! (So wäre es zumindest schön.)

Jetzt sage ich die ganze Zeit „bloggen“, ohne zu erklären, was den Unterschied ausmacht. Warum finden wir die etablierte Politik so widerlich? Weil sie unpersönliches Politsprechtheater machen, weil Politiker nur noch Abziehbilder sind, weil sie nur heiße Luft absondern, weil sie nicht mehr zu packen sind. Wir müssen einfach mit dem Selbstbewusstsein in die Politik gehen, dass wir angreifbar sind, uns auch angreifbar machen. In dem wir direkt kommunizieren und diesen ganzen Phrasenscheiß lassen. Wir brauchen Wörterbuch Deutsch-Politik, Politik-Deutsch. Und wir brauchen eben die subjektive Form, das Bloggen. Das spricht Menschen einfach mehr an, als dieser ganze offiziös-klingende Kram. Leute sollten dabei so schreiben, wie sie sprechen, so, wie sie auch möchten, dass mit ihnen gesprochen wird – und ja, ich weiß, alles, was man in der Schule zu dem Thema lernt, ist in dieser Hinsicht kontraproduktiv. Und wann gibt es eigentlich mal Grundkurse Sprachstil in der Schule? Sie wären so verdammt nötig – ich schweife ab. Ist der Vorteil beim Bloggen, da darf ich das. Bin ja ich, der hier schreibt.

Im zweiten Teil habe ich geschrieben, dass unsere Kommunikation mit der Presse gar nicht so groß sein sollte – das ist richtig und wichtig. Mit den Wählern, mit unseren Sympathisanten, da sollten wir aber jederzeit reden, kommunizieren, texten. Denn wenn das läuft, dann, so zeigt die Erfahrung, kommt auch das Interesse der Presse wieder. Wisst ihr nämlich, was die auch nicht so richtig abkönnen? Ignoriert werden!