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Von der Erschöpfung

Es gibt Tage, da verliert man, und dann gibt es noch Tage, da gewinnen die Anderen … blöder Sportlerspruch … Aber manchmal fühlt man sich eben genauso. Gestern zum Beispiel, gestern war so ein Tag, an dem jegliches Erfolgserlebnis gleich wieder eingestampft wurde. Morgens eine Besprechung, es geht um einen neuen Kurs, den wir im Musicalbereich auf die Beine stellen werden. Im Prinzip alles gut, aber ein Problem kommt da auf uns zu, nein, genauer auf mich. Wir haben uns für das nächste Jahr das Dschungelbuch vorgenommen, die Aufführungstermine liegen im September. Jetzt belagern mich die Kollegen von Musik und Tanz, doch bald mit den Proben loszulegen – ich stecke aber in zwei anderen Produktionen drin und hatte bisher noch nicht mal Zeit, mir das Stück so richtig anzueignen. Ja, der Druck steigt …

Dann musste ich für meine Premiere am Freitag den technischen Aufbau mitbewerkstelligen. Das Licht ist auch wirklich gut geworden, oder besser, exakt so scheußlich, wie wir es wollten, aber mit der Tontechnik funktioniert bei weitem nicht alles so, wie wir uns das vorgestellt haben … okay … immer dieser Schritt vor, der aber immer auch noch einen Schritt zurück, oder doch zumindest auf der Stelle, nach sich zieht.

Auch das Mittagessen wurde zur Arbeitsbesprechung, und hier ging es um Planungen, um Termine für ein Musikprogramm, dass ich plane, für ein neues Weihnachtsstück im nächsten Jahr … Da geht man hin und packt sich noch ein Gewicht auf den Rücken, und dann noch eins und dann noch eins …

Dass dann die normalen Kurse stattfinden, ist fast entspannend – aber ich war natürlich keinen Deut vorbereitet, und da hätte mir ein bisschen Vorbereitung auch wieder ein bisschen Druck herausgenommen – immerhin habe ich zwei gute neue Mädels bei meinen Kleinsten in der Gruppe, immerhin wächst auch die Gruppe der nächstgrößeren … aber dazwischen ist eine Pause, die ich im Copyshop verbringe, weil wir ja noch T-Shirts beflockt haben müssen – und wieder klappt die Technik nicht richtig … da muss ich gleich noch mal dran … supi … und dann war da noch das Programmheft, was ich noch basteln muss … und wann hol ich den ganzen Kram ab?

Dass ich in der letzten Pause dann keine Pause mache, sondern zwei der jungen Damen noch Mathe erkläre, passt doch irgendwie ins Schema. Und dann die Hauptprobe … nein, kein Desaster, aber: bei ein paar der kleineren Rollen kommt irgendwie das Gefühl auf, dass sie die Sache nicht ernstnehmen … und die haben durchaus die Macht, das Stück zu kippen … dann versuche ich gleichzeitig die nicht vollständige Technik zu fahren, kämpfe mit dem Tonmischpult, spreche eine Rolle herein, muss meine eigenen Texte noch machen, suche zwischendurch noch nach Sounds, muss soufflieren – und das in der Woche der Premiere, ich könnte mich gerade mal schwallartig über… lassen wir das … ich bin also völlig überfordert, werde aber garantiert für jeden Fehler unbarmherzig angeklagt … ist doch klar, ich bin der Chef, ich darf keine Fehler machen …

Und dann muss auch noch eine junge Dame, die ich prinzipiell sehr schätze und mag, darauf bestehen, dass sie die falsche Rolle hat, anstatt sich wie eine Schauspielerin zu benehmen und einfach konzentriert ihren Job zu machen – davon eine schwierige Rolle als Chance anzusehen, als Herausforderung, ganz zu schweigen. Und hinterher werden alle sagen: „Hey, die hat sich aber gemacht, so was habe ich von ihr ja noch nie gesehen, tolle Arbeit!“ und ich werde lächeln und verschweigen, dass ich manchmal kurz vor der Aufgabe war … vor ein paar Tagen hatte ich noch keine Angst um das Stück … momentan versuchen aber irgendwie alle, mir doch noch ein bisschen Angst einzujagen … aber ich bin standhaft und bekomme keine Angst … Verzweiflung und Depression liegen mir auch im Moment näher …

Ich frag mich dann, warum ich das mache … ich hoffe, ich kann diese Frage am Samstag wieder beantworten …

Die Qual der Wahl

Wer schon mal hier reingeschaut hat, wird vermutlich bemerkt haben, dass ich Theater mache. Manchmal mach ich auch recht viel Theater, werden manche einwenden, aber hier ist eigentlich nicht der richtige Platz für schlechte Kalauer, deswegen kehre ich zm Thema zurück.

In dieser Woche war es dann zum ersten Mal soweit, dass ich in der Jury eines kleinen Castings saß. Zumindest hatten wir gedacht, dass das Casting für eine Rolle in einer Großproduktion des nächsten Jahres eher klein geraten würde – mit zehn bis fünfzehn Bewerberinnen hatten wir gerechnet, es waren dann über vierzig junge Damen zwischen zehn und dreizehn Jahren.

Jeweils drei Juroren betrieben eine Vorauswahl, am Ende kamen die besten sechs Probandinnen in eine Endrunde und mussten vor zu diesem Zeitpunkt immerhin noch acht Juroren ihr bestes tun.

Ich habe schon häufiger vor schwierigen Entscheidungen gestanden, wie ich welche Rolle besetze. Das macht nie besonders viel Spaß, ist aber notwendig. Hier wurde es noch schwieriger. Aus zwölf, dreizehn Mädchen mussten wir die besten zwei in der Vorrunde heraussuchen. Und erst mal schien das einfach. Das erste Mädchen hatte Charme, war aber zu alt, das nächste war so übernervös, dass man es nicht in eine Hauptrolle besetzen möchte – wenn die schon bei so einem kleinen Casting so nervös ist … – das wiederum nächste Mädchn ist kein bisschen niedlich – ist aber eine Wucht, ein Rohdiamant, nichts für diese Rolle, aber bitte, geh nicht weg, ich kann dich anderen Produktionen brauchen …

Und dann plätschert es so dahin und plötzlich kommt es, das kleine freche Mädchen, dass wir brauchen. Viel zu schnell rattert sie eine gut geschriebene Passage aus einem Mädchen-Buch herunter, setzt jede Pointe richtig, die Jury lacht und kritzelt große Pluszeichen auf ihre Unterlagen. Das Mädchen hat Power, wirkt total sympathisch … toll!

Und es bleibt so gut. Die nächste, ein offenes Kind mit kecker Brille, hat vielleicht nicht ganz so viel Power, aber jede Menge Charme, und wieder werden Pluszeichen gemalt …

Da ist man ganz froh, wenn daraufhin ein bisschen weniger los ist. Wer hat eigentlich gesagt, dass man arg frühreife Texte eher unmelodisch singen soll, es geht um eine Sprechrolle?! Aber es gibt keine wirklichen Enttäuschungen, da ist keine bei, der man sagen will: Mädel, für dich ist die Bühne nichts! – allerdings merkt man in einigen Fällen, dass der Weg dahin lang sein wird.

Und dann kommt ein kleines, zartes, blondes Geschöpf, liest einen Text vor, und die Jury weiß, jetzt gibt es ein Problem. Die Kleine geht zu Herzen, hat viel Potential und … so ein Mist, jetzt haben wir drei Gute!!

Dabei bleibt es dann auch. Drei Mädels, von denen man sagen kann, ja, die wäre es, die aber auch … die folgenden Diskussionen sind hart, alle haben Bauchschmerzen, wir hoffen, dass bei den anderen Jurys weniger gute Mädels waren, aber Irrtum, die haben die gleichen Schwierigkeiten. Na toll, wir schicken nun also mindestens eine Handvoll Mädchen einfach weg, nur weil sie nicht der richtige Typ waren, nicht das letzte Quäntchen Power haben, nicht so richtig gut vorbereitet waren. Alle diese Mädchen sollten dringend auf die Bühne, nur halt in anderen Rollen …

Nun gut, letztlich fällt das zweite gute Mädchen raus, die Kleine von fast zum Schluss ist gesetzt, wir entscheiden uns für das lustigere Geschöpf – das ist alles so nah beieinander. Beide Mädchen haben es dann letztlich nicht geschafft, auch wenn die Kleine letztlich die Nummer drei war, das erste Mädchen, dass nicht berücksichtigt wurde, denn die beiden Gewinnerinnen teilen sich die Hauptrolle. Und da war natürlich die Typfrage fast das Wichtigste – die drei ersten sind alle erst zehn Jahre alt, klein, haben was niedliches. Alle sechs Mädchen, die am Ende da standen, hätten es spielen können, alle sechs waren begabt und werden hoffentlich ihren Weg auf den Brettern gehen. Die Entscheidung fiel demokratisch durch Punktvergabe – was wahrscheinlich für alle Juroren das einfachste war. Hier geht es wirklich um Entscheidungen, die ich nicht unbedingt noch mal treffen möchte. Man merkt ja auch, dass das den Kindern wirklich wichtig ist, dass sie sich über die nächste Runde wirklich freuen, und darüber, dabei zu sein … oder ist das schon im sozialen Gedächtnis, weil man ja aus dem Fernsehen weiß, wie man sich bei der Namensnennung verhalten muss …

Im Prinzip denke ich, dass die Aktion gut war, für das Stück schon ein bisschen die Werbetrommel rührt, uns hoffentlich auch ein paar begabte Mädels mehr in die Theatergruppen spült, aber genauso prinzipiell brauch ich das als Juror nicht mehr wieder …