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Von der Inklusion

Hier in NRW wird in letzter Zeit die Inklusion forciert. Was ist darunter zu verstehen? Man möchte Menschen mit Behinderung mehr in die Gesellschaft integrieren – und weil ja alles mit Kindern anfängt, beginnt man mit der Inklusion in den Schulen. Die Grüne Jugend  fordert sogar eine Abschaffung aller Förderschulen, die noch vor kurzem Sonderschulen hießen.
Kleiner Disclaimer: vermutlich sind die Worte, die ich in diesem Artikel benutze, nicht immer die nach momentanem Sprachgebrauch richtigen. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich nicht so gut Bürokatisch spreche, und deshalb solche Worte erst mit Verzögerung in meinen Hinterkopf tröpfeln, und andererseits hat es auch ein wenig Vorsatz – ich finde, wir euphemisieren uns zu Tode, noch genauer, wir euphemisieren die Betroffenen aus der Gesellschaft heraus.
Ich habe mich umgehört, habe mit Lehrern gesprochen, einer Freundin, die als Heilerziehungspflegerin an einer Förderschule arbeitet. Und der Eindruck, den die Betroffenen aus der Praxis vermitteln, ist bedenklich. Ja, den prinzipiellen guten Willen kann man Rot-Grün ja nicht abreden, aber die Praxis sieht im Moment eher nach Einsparmaßnahme, denn nach einer Verbesserung für die Bildungssituation aus.
Die Idee ist ja nicht total falsch. Integriert man geistig und körperlich Behinderte, dann kann das für beide Seiten Vorteile haben. Die „Normalen“ lernen von klein auf, dass es auch andere Menschen gibt, Schwächere, denen man helfen kann und muss, und die auf der anderen Seite gar nicht mit Mitleid behandelt werden wollen, sondern so wie alle anderen auch. Und die Menschen, die sonst aussortiert werden, sind in der großen Gemeinschaft eingebunden – das wird ihr Selbstvertrauen verbessern, das wird auch ihre spätere Situation verbessern – so kann man zumindest hoffen. Als Theatermacher, der ständig mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, habe ich wenig mit denen zu tun, die auf Förderschulen gehen, aber oft mit den nicht so ganz „Normalen“, denen, die aus den normalen Rastern mehr oder weniger absichtlich herausfallen – und ich weiß, dass es für nicht wenige sehr wichtig ist, im Theater eine Gemeinschaft zu finden, die sie auf- und annimmt.  Ja, man sollte dringend die Menschen durchmischen, es sollte normal sein, auch mit Menschen umzugehen, die ungewöhnlich sind. Inklusion ist ein hehres Ziel – aber was passiert da jetzt eigentlich?
Wie Versuchsballons werden Kinder mit geistigen Behinderungen in die Schulen geschickt – und wenn man dann einen Fall erwähnt, der mir so erzählt wurde: ein autistisches Kind in einer großen Grundschulklasse – man sollte vielleicht wissen, dass selbst Autisten, die in der Welt sehr gut zurechtkommen, ein großes Problem mit Lautstärke haben – dann sagt mir jeder, der sich damit auskennt: „Wer kommt auf so eine hirnverbrannte Idee?“ Selbst in einer Klasse mit nur 15 Kindern wäre ein autistisches Kind wahrscheinlich oft überfordert – und, wie viele Klassen von dieser Größe gibt es so in NRW? (Ich rede hier übrigens von Sachen, von denen ich wenig verstehe, ist mir aber mehrfach bestätigt worden). In einem solchen Fall hat übrigens niemand was davon. Die anderen Kinder werden mit dem autistischen Kind ihre Schwierigkeiten haben, denn das braucht einen nicht unerheblichen Mehraufwand und hat noch einen zusätzlichen Lehrer, der sich um die anderen Kinder nicht kümmert – das kommt bei Achtjährigen nicht gut an, es separiert – und das ist ungefähr das Gegenteil von Inklusion, oder? Die Klasse kommt nicht so richtig voran, das autistische Kind ist ständig in einer Umgebung, mit der es nicht gut klar kommt – was soll das bringen?
Von einem anderen Kind mit einem Syndrom, dass ich mir nicht gemerkt habe, wurde mir erzählt. Und da bringt die Inklusion auch was – aber nur für die „normalen“ Kinder. Deren soziales Lernen ist ausgezeichnet, sie kümmern sich um das schwächere Kind. Aber das behinderte Kind verliert bei der Rechnung ungemein – das bekommt nämlich nur ein paar Stunden Förderung von einer Sonderpädagogin, den Rest der Zeit sitzt es mit den anderen Kindern gemeinsam in der Klasse und lernt einfach mal nichts.  Und dieses Problem ist nur auf eine Art lösbar:
Wie bei eigentlich jeder Reform, die in den letzten Jahrzehnten die Schulen getroffen haben, wird auch durch die Inklusion eher Geld eingespart wo es ausgegeben werden müsste. Man spart an den zugegeben teuren Förderschulen – die aber auch Möglichkeiten bieten, mit denen Kinder trotz ihrer Behinderungen auf die Welt vorbereitet werden. Die technischen Möglichkeiten, die es hier gibt, haben die Regelschulen nicht, man hat auch nicht so viele Betreuer, kein nichtlehrendes Personal, dass sich um die speziellen Probleme kümmert. Wem will man denn diese Aufgaben aufpfropfen? Den Mitschülern, den Lehrern, die eh schon in absurd großen Klassen unterrichten?
Den Idealismus der Grünen Jugend kann ich ja nachvollziehen, aber Förderschulen sind notwendig – einerseits sind sie es eh, weil man Schwerstmehrfachbehinderte kaum in eine Regelschule packen kann, andererseits können diese Schulen gerade geistig Behinderte, Gehörlose und Blinde viel besser auf ihr Leben vorbereiten, als man das so einfach an Regelschulen kann – die Dinger heißen nicht umsonst Förderschulen – diese Förderung funktioniert und hilft ja auch. Auch Inklusion ist eine wichtige Idee. Natürlich sollen Rollstuhlfahrer auch durch ganz normale Schulen rollen, und wenn man die Klassen endlich durch Einsatz von Geld, dass man nicht für die Rettung zockender Banken, sondern für Investitionen in die Zukunft nutzt, auf ein erträgliches Maß verkleinert, dann braucht man auch Kinder nicht aussortieren, weil sie Erziehungsprobleme haben, oder lernbehindert sind. Dann kann man auch Inklusion betreiben – aber bitte nicht auf dem Rücken der behinderten Kinder.
Ich mein, man denke mal nach. Müssen wir uns mit viel Energie um die Inklusion kümmern, wenn wir noch nicht mal eine Integration von Kindern unterschiedlicher Herkunft und elterlicher Vermögensverhältnisse hinbekommen?