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West Side Story – Spielberg zeigt, wie es geht

What a ride! Okay, West Side Story ist – sorry an alle anderen Komponisten – musikalisch die absolute Veredelung des Genres Musical, im Musiktheater allenfalls noch von Carmen oder Don Giovanni eingefangen. Schlicht, eines der besten Stücke Musiktheater, die es je gegeben hat. Und dann kommt Steven Spielberg daher, ohne Zweifel einer der großen Regisseur*innen der letzten fünfzig Jahre, und macht zum ersten Mal Musiktheater in einer Verfilmung und sucht sich das Meisterwerk heraus – von dem es auch schon eine meisterliche Verfilmung gab, die freaking zehn Oscars abgeräumt hat, in Worten ZEHN, was den originalen Film von 1961 zu einem derhöchstbepreisten Filmen aller Zeiten macht. Wie viel Chuzpe muss man haben, sich da an einer neuen Verfilmung zu versuchen. Andererseits, wenn Spielberg nicht machen kann, was er will, wer dann?

Jetzt kenn ich das Stück einigermaßen … also, nein, ich kenne es in und auswendig, habe es mehrfach auf der Bühne gesehen, kenne den alten Film natürlich, habe vermutlich vier bis sechs verschiedene Aufnahmen auf CD und selbst mal auf einem Konzert die Hymne „Maria“ gesungen. Und dann war die erste Rezension, die ich auf YouTube sah, gar nicht mal überschwänglich. Und ich habe mit mir gerungen. Natürlich wollte ich den Film sehen, aber andererseits, wenn die Verfilmung nichts Neues gebracht hätte, den Stoff nicht getroffen hätte, oder gar die Gesangsleistungen mies gewesen wären, wie sehr hätte es mir das Herz gebrochen?

Auf Twitter bekam ich einen Tritt, dass ich das sehen müsse. Nun, dann habe ich das mal getan. Und ich war begeistert.

Ich halte mich nicht mit einer Inhaltsangabe auf, wer dieses Musical nicht kennt, soll halt die Bildungslücke aufholen. Und wer keine Musicals mag, ja, dann lies das hier halt nicht! Okay, wo fangen wir an?

Damit, dass das Viertel abgerissen werden soll, in dem Jets und Sharks sich so gern prügeln. Wir fangen mit Abrissbirnen an. Und warum ist das so großartig? Weil es den Konflikt zwischen den Jugendlichen noch mal anders unterfüttert. Weil es mehr Politik in die Geschichte bringt, weil das alles weniger beliebig klingt. Und weil es so eine tolle Idee ist, dass die Jets nicht nur wunderschön durch die Häuserschluchten tanzen, sondern mit einem Farbangriff ein Wandgemälde zerstören, dass den Sharks wichtig ist. Auch ein klares Signal: Die Jets sind die Aggressoren – ja, das wissen wir eigentlich schon aus der Musik heraus, aber das kommt bei den Inszenierungen oft gar nicht so genau raus. Schon in dieser ersten Sequenz bekommt die Geschichte viel mehr Tiefe. Hier und in so vielen anderen Momenten bleibt zu konstatieren: Spielberg nimmt das gute, ja teilweise grandiose Ausgangsmaterial und bringt es noch mal auf einen neuen Level.

Und diese Jets um ihren Anführer Riff – großartig Mike Faist! – sind etwas, was im Original auch nicht so richtig heraus kommt: Harte Jungs. Wirklich harte Jungs. Denen steht das Nasenbluten, dass sie sich holen, wenn sie sich mit den Sharks prügeln. Denen glaubt man jederzeit, dass sie auch anderen die Knochen brechen, wenn ihnen das was bringt. Und trotzdem – ja, es ist wirklich ein Musical für die Freunde des Musicals! – brechen sie in Tanz aus und so gut sie tanzen, so elegant sie sich drehen, sie haben immer das animalische und brutale in ihren Bewegungen. Tanz in einem Musicalfilm, und zwar der böse Tanz, der, bei dem Menschen einfach auf der Straßen anfangen zu tanzen, weil halt aus einer unsichtbaren Quelle diese großartige Musik spielt, so ziemlich das künstlichste, was es gibt – und die Übergänge sind so natürlich und es hat einen verrückten Hauch von Realität. Was ich sagen will: Es funktioniert! Es wirkt nie ironisch, oh ja, das ist überhaupt so eine besondere Qualität. Spielberg hat es einfach nicht mehr nötig, auch nur irgendwo dieser feigen Ironie zu fröhnen.

Das bedeutet Melodrama? Nein, aber der Film kratzt hier und da dran. Maria – Rachel Zegler, unfassbar süß und doch kraftvoll und was für eine Sängerin und so hübsch und verdammt, ich bin verliebt – und Tony – Ansel Elgort mit seinem schiefen Lächeln, mit diesem Blick, von dem man nie so ganz weiß, auf welchem Planeten der gerade lebt, und ja, der den Gesang auch wirklich ordentlich hinbekommt – dürfen sich so richtig ineinander verlieben. Wie magisch ist ihr erster Tanz denn bitte? Es gibt die volle Ladung Gefühle, also mit dem deutlich überladenen Vierzigtonner, und wer sich nicht auf Gefühle einlassen möchte oder wer einfach keine hat, sollte es halt lassen.

Ach ja, der Gesang, nur kurz: West Side Story ist dafür geschrieben, von Schauspieler*innen gesungen zu werden. Und selbst wenn man sich prinzipiell in Konzerten gerne daran erfreuen kann, wenn ein Tenor bei „Maria“ diesen unfassbar hohen Ton raushaut, der nicht in den ursprünglichen Noten steht (den da!), der hätte hier nicht hingehört. Was es hier an Gesang gibt, ist gut, musikalisch einwandfrei, aber es ist weder klassisch ausgebildet, noch das typische Belting des Musicals. Stimmen, die mit Reinhard Mey gesprochen, so klingen, als ob da jemand singt. Das ist nicht besonders aufregend, aber auch keine musikalischen Trainwrecks, wie die teilweise bei Cats und Les Miserables zu hören waren, hier muss sich kein Orchester den Singenden anpassen. Es ist völlig unprätentiös einfach gut gesungen.

Nee, das reicht noch nicht. Rita Moreno. Vor einer guten Woche neunzig Jahre alt geworden. War einst die Anita im Klassiker von 1961 – in diesem Film wird Anita von Ariana DeBose gespielt, und die ist auch eine Wucht! – und wie genial, spielt in der Neuauflage Valentina, die puertoricanische Witwe des Doc, der üblicherweise den Laden führt, in dem Tony arbeitet. Ihre Präsens zeigt den jüngeren Darstellenden, wo man so einen Hammer denn herholen kann und sie, die einst einen „Gringo“ heiratete, ist natürlich auch wieder ein Punkt, der die Geschichte wieder so einen bis drei Schritte tiefer macht. Also noch mal: Rita Moreno.

So, jetzt ein kurzer Rundumschlag: Die Ballszene ist quasi die aus dem alten Film, da kannst du ja auch nicht viel besser machen – und dann zaubert Spielberg das erste Aufeinandertreffen von Maria und Tony und es ist zerbrechlich und magisch! „Cool“ als rasante Kampfsequenz! „America“ fängt in der Wohnung von Anita und Maria an und wird zu einer riesigen Ensemblenummer, bei der die Straße zum Schauplatz wird und ein paar Kinder superniedlich die Choreo mittanzen – hier wird wirklich an allen Strippen gezogen. „One Hand, One Heart“ kriegt mich ja immer, es sind so viele gute Melodien, aber dieses schlichte Stückchen Musik verzaubert einfach – und wie clever, das hier in einer zum Museum gemachten Kirche spielen zu lassen. „I feel pretty“ im Warenhaus, in dem Maria putzt mit der ganzen Gegenüberstellung von der weißen Warenhauswelt und den puertoricanischen Arbeiterinnen – so deutlich , aber ohne Zeigefinger. Wir wissen, dass fast alles schon verloren ist, aber Maria darf noch mal glücklich sein und ihr Glück teilen. Und noch ein kleines Highlight: „Gee Officer Krupke“ passiert wirklich im Büro des gerade entnervt herausgelaufenen Officers. So viel stärker, als wenn es nur die Straße wäre.

Ach, und was für eine wunderbare Idee ist es, Anybodys als Rolle größer zu machen? Im Original ist das eine burschikose junge Frau, die auch ein Jet sein will – hier wird die Rolle von Iris Menas gespielt, und they ist selbst nonbinary. Damit bekommt die Rolle viel mehr Ernsthaftigkeit. Natürlich ist es in den 50ern erst recht schwierig für Menschen, die trans sind. Und diese Rolle darf heute einfach nicht mehr comic relief sein, weil auch hier einfach mehr Tiefe möglich ist. Ja, das ist ein Muster.

Und jetzt ganz ohne irgendwas zu spoilern – wenn man ein über sechzig Jahre altes Musical wirklich spoilern kann – muss ich noch etwas zum Schluss sagen. Ich habe oben schon gesagt, wie gut ich das Stück kenne. Und keine Frage, ich liebe das Musical und wer das bisher nicht gemerkt hat, muss das mit dem sinnentnehmenden Lesen noch mal üben. Aber was für mich noch nie funktioniert hat, ist der Schluss. Ja, das große tragische Ende, jada jada jada. Hat mich noch nie wirklich gepackt. Und dann saß ich im Kino und hatte einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Und ich wusste exakt, was kommen musste. Und dann kommt Spielberg halt trotzdem daher und packt ganz tief und drückt zu. Er weiß halt genau, was er tut, und in Sachen Gefühle gibt es vielleicht niemanden, der das wirklich noch besser kann.

Ja, muss ich noch mal sehen und nochmal und so …

Eine Reise in die Kindheit – Super 8

Mich hat es gestern mal wieder ins Kino getrieben, kann nicht umhin das auch zu kommentieren, und ausnahmsweise mach ich das mal wieder in der klassischen Rezensionsform. Ich werde mal wieder ein bisschen bei Media-Mania.de mitarbeiten, wo es schon über fünfhundert Rezensionen aus meiner Feder gibt. Da ich aber sowas lange nicht mehr geschrieben habe, habe ich den Film zum Üben genutzt … 😉

 

Filme können Reisen in die Vergangenheit sein, aber so konsequent, wie Regisseur J.J. Abrams das im Fall von Super 8 getan hat, sieht man es eher selten. 1979 spiel der Film, er verbeugt sich immer wieder vor den Filmen, die Produzent Steven Spielberg in dieser Zeit drehte, und ist dennoch auch ganz schlicht ein gut erzählter und inszenierter Film.

Eine Bande von Jungen will einen Film drehen, der mollige Charles ist hier der Chef, er hat die Ideen und schreibt das Drehbuch, führt Regie, während seine Freunde für Kamera, Schauspiel und Special Effects zuständig sind. Für einen besonderen Nachtdreh an der Bahnstrecke verabreden sie sich mit Alice – weil Charles eine Frau im Film braucht. Joe, der für die Maske in dem Zombiefilm zuständig ist, und der vor wenigen Monaten seine Mutter in einem Unfall verloren hat, findet Alice ein bisschen mehr als nur gut, und mit diesen Vorinformationen geht es in die eigentliche Handlung.  Während die Jugendlichen drehen, wie der Titel schon sagt, auf Super 8, passiert etwas Unglaubliches. Jemand fährt mit seinem Pick-Up einem Güterzug entgegen und bringt ihn zum Entgleisen. Die Jugendlichen überleben wie durch ein Wunder und sie haben etwas aufgenommen, was sie in Schwierigkeiten bringen kann:  Etwas ist aus einem der Waggons geflohen. Und damit fangen die seltsamen Geschehnisse erst an.

Eigentlich dürfte dieser Film nicht funktionieren, weil er die Genres sprengt, und wahrscheinlich funktioniert er gerade dadurch so gut. Da werden Erinnerungen an ET und die unheimlichen Begegnungen dritter Art wach, aber auch an die Goonies und – mal nicht Spielberg – an das Geheimnis eines Sommer (Stand by me).  Das ist Jungenfreundschaft, da ist Vater-Sohn-Konflikt, das ist erste Liebe, aber das ist auch ein ziemlich gruseliges Alienmärchen, das mit viel Suspense daher kommt. Und daneben gibt es viel zu lachen, viele witzige Anspielungen, und gern auch sehr kraftvolle Momente, in denen die Auswirkungen des Aliens viel mehr zu sehen sind, als das Vieh selbst – da fliegen Herde, Motoren und ganz Autos durch die Luft, als ob sie aus Pappe wären. Ein wahres Freudenfest für Destruktionsfans ist auch der Zugunfall, der gefühlte Minuten anhält und so viel Zerstörung anrichtet, wie man es sonst nur von Katastrophenfilmen kennt. Und obwohl so viel passiert, hat man eigentlich nie dieses Gefühl von Effektgewitter, das ja in den letzten Jahren so häufig geworden ist.

Vom ganzen Look wirkt der Film über fast seine gesamte Länge, als ob er auch vor dreißig Jahren gedreht sei, warm sind die Farben, Lensflares und Verfärbungen sind beabsichtigt – aber nicht nur wegen der scheinbaren Materialfehler und der Musik des Jahres 1979 wirkt der Film auf fast schon wunderbare Weise unmodern: Es wird auch eine funktionierende Geschichte erzählt, gerade die Jugendlichen werden so liebevoll beobachtet, sind Menschen aus Fleisch und Blut – und die Darsteller spielen auch mit so viel Hingabe, dass man voll in der Illusion aufgehen kann. Sonderlob an Elle Fanning und Joel Courtney – die haben sich offenbar sauwohl gefühlt und danken es ihrem Regisseur mit vielen wunderschönen Details. Dass J.J. Abrams dann auch hier und da ein bisschen zu viel Zuckerguss einsetzt, ist letztlich ebenfalls eine Hommage an Spielberg, denn der neigt ja auch bis heute zu Herzergreifung und Happy Endings.

Sehenswert, unbedingt sehenswert – und wer 1979 Kind oder Jugendlicher war, wird noch dreimal extra Spaß haben.