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Utøya

Auf der einen Seite kann man ja eigentlich nichts sagen, denn was da vorgestern passiert ist,  ist eigentlich unbeschreiblich. Wie kann ein Mensch sich dazu entscheiden, eine solche geradezu perfekt geplante Massenmordaktion zu starten. Eine Bombe in der Hauptstadt hochgehen lassen, damit alle Rettungskräfte dort sind, wenn er eine Insel überfällt und dort annähernd 90 Menschen erschießt. Sich als Polizist verkleidet, alle zusammenruft und dann das Feuer eröffnet. Wie widerlich das ist, kann man kaum in Worte fassen, mir gelingt das heute auf jeden Fall nicht, vielleicht schafft das irgendwann jemand, aber ich finde im Moment überhaupt keine Worte.

Wie kommt es dazu? Welche Ideen treiben einen Menschen dahin: Nun, zwei Sachen werden bisher klar überliefert. Der Mann ist Christ und Nationalist. Und damit kommen zwei Sachen zusammen, die zum Beispiel schon Robert Ley angetrieben haben – für die geschichtlich Uninteressierten, Ley war Reichsarbeiterführer aus pietistisch geprägtem Bereich. Christ und Nationalist, und das sind wohl klar benennbare Auslöser. Als Nationalist und Rechtsextremist hat er einen Grund, warum es ausgerechnet die Teilnehmer eines sozialdemokratischen Ferienlagers sind, die man umbringen muss. Da wachsen freidenkende junge Leute heran, die natürlich gegen alles stehen, woran man als Nazi so glaubt. Als Christ hängt er einer der monotheistischen Religionen an, die immer auch beinhalten, dass es ja nur einen „richtigen“ Gott gibt, und das alle anderen Menschen, die nicht an diesen einen Gott glauben, minderwertig sind – das funktioniert in den anderen monotheistischen Religionen genauso gut, die afghanischen Selbstmordattentäter überprüfen diese Aussagen fast täglich. Nur wenn man glaubt, dass andere Leben minderwertig sind, dann kann man sie ohne größere Skrupel töten. So hat das in den KZs funktioniert, so kann man Flugzeuge in Hochhäuser jagen oder großflächig Städte und Dörfer bombardieren. Und wenn man geplant eine solche Tat begeht, wie dieser Herrenmensch am Freitag, dann muss man sich verdammt sicher sein, dass nur das eigene Weltbild stimmt.

Um das noch ein wenig deutlicher zu machen. In polytheistischen oder gar pantheistischen Religionen gäbe es eine solche Fixierung nicht, weil man ja weiß, dass jeder den einen Gott mehr und den anderen weniger anbetet, dass es keine eindeutige Wahrheit gibt, es viel eher verschiedene Wege gibt, dahin zu kommen, wo man hin will. In unserer Kultur wird auf Menschen herabgeschaut, die quasi Thor bitten, sie im Gewitter zu verschonen, Mars, ihnen Kraft zu geben, oder die große Mutter um Fruchtbarkeit – als wäre es in irgendeiner Weise vernünftiger an einen Gott zu glauben als an viele. Menschengemacht sind sie ja nun alle. Die monotheistischen Religionen haben einen Gott, der den Rest des Pantheons verdrängt hat, der einen Absolutheitsanspruch erhebt, und damit schon für jede Menge ethnischer Säuberungen in den letzten Jahrtausenden gesorgt hat. Der Mörder vom Freitag lebt offenbar mit diesem Absolutheitsgedanken im Hinterkopf, und nicht nur da. Christ und Nationalist. Kreuzzug und Pogrom.

Ich muss zugeben, ich finde die Berichterstattung der bisherigen Tage teilweise sehr suspekt – und zwar sprachlich. Wäre der Täter Nationalist und Moslem gewesen – was die gleiche explosive Mischung ist und zu den gleichen Taten hätte führen können – dann stünde das Wort „Terror“ in jeder Überschrift – wäre es ein Kommunist gewesen, dann natürlich auch. Nun ist es aber ein Rechtsextremist, ein Nationalist und Christ, von mir auch gerne einfach kurz Nazi genannt – ich finde, man kann es auch mit dem Differenzieren übertreiben. Ich zitier mal Wiki: „Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen. Das Ausüben von Terror zur Erreichung politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Ziele nennt man Terrorismus.“ Nun Schrecken wurde verbreitet, das ist mal sicher, politisch und religiös motiviert stimmt auch, also sprecht gefälligst von TERROR! Das macht ihr sonst doch schon, wenn irgendwo in Berlin ein Mercedes brennt.

Auch anderes ist bedenklich. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass der Täter in seinem Facebook-Account stehen hatte, dass er World of Warcraft gut findet. Das also ist bemerkenswert? Wenn er es gespielt hat, mag ja sein, dann war er einer von über zehn Millionen, in Zahlen 10 000 000! Soll das irgendeinen Zusammenhang mit seiner Tat haben? Oh weh, er hat schon Tausende von virtuellen Gegnern umgebracht, für einen solchen Menschen ist es auch kein Problem, sich als Polizist zu verkleiden, eine große Menge Kinder und Jugendliche zusammenzurufen und dann zu erschießen, wer ihm vor die Flinte kommt – machen die ja alle so. Nationalismus und ein fundamentales Verständnis seiner Religion sind irgendwie näher liegende Erklärungen. Weil WoW wirklich nur sehr selten das Weltbild eines Menschen bestimmt, Religion und Ideologie aber immer.

Und noch eins! Amoklauf ist es, wenn jemand ausrastet, wenn jemand sowas macht, wie nun in Norwegen passiert, genau und perfide geplant, dann ist das kein Amoklauf liebe Printmedien, dann ist das ein Terroranschlag oder ein Massaker oder ein geplanter Massenmord, sucht euch was aus, aber wer noch einmal Amoklauf schreibt, dem wird jegliche Beherrschung der deutschen Sprache aberkannt – oder kurz, wer da weiter von Amoklauf schwafeln will, sollte endlich mal seine Fresse halten …. sorry, bin da irgendwie nicht so diplomatisch heute.

Vielleicht – ich weiß, es wird vermutlich nur ein Wunschtraum bleiben – wird dieser Terroranschlag von Utøya nicht zur weiteren Angstmache genutzt; aber die größer werdende Gefahr aus Reihen der nationalistischen und religiösen Rechten sollte endlich auch etwas mehr in die Aufmerksamkeit gerückt werden.

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Rechts und Links – von Gleichmacherei und Ungleichbehandlung

Diese Kommunismusdebatte, die von einer sehr harmlosen Äußerung von Gesine Lötzsch ausgelöst wurde, finde ich extrem anstrengend. Vor allem, weil es immer wieder, unter anderem auch von Spiegel-Autoren, eine sehr problematische Gleichmacherei gibt. Da werden die sicherlich teilweise schrecklichen Missstände in den bisherigen „Kommunismus“-Umsetzungen einfach mit dem Holocaust gleichgesetzt, damit die Shoah einfach so sehr relativiert, dass man durchaus von Geschichtsfälschung sprechen kann.
Damit das mal klar ist: Die kommunistischen Regime der Vergangenheit und Gegenwart haben ihre Feinde weggesperrt, gefoltert und umgebracht, so wie das jede Diktatur macht. So, wie das auch scheinbare Demokratien machen, so, wie das auch die Amerikaner unter George W. Bush sehr schön der Welt vorgelebt haben – das ist schlimm, das ist widerlich. Mir ist jede Bespitzelung zu viel, egal ob von Stasi oder großem Lauschangriff, jedes Todesurteil, jeder Mauertote – aber vieles, was momentan dem Kommunismus vorgeworfen wird, ist in den USA an der Tagesordnung – und in Ungarn wird zensiert und bei uns prostituiert sich die Springerpresse für Frau Merkel und Familie von und zu Guttenberg – vieles, was es da an Unfreiheit im Kommunismus gab, ist auch heute nur leicht verbrämt Alltag. Kommunistische Regime waren bisher größtenteils Diktaturen, und Diktaturen sind etwas Widerwärtiges – was aber gern übersehen wird, Frau Lötzsch hat gar nicht von Diktatur gesprochen, nur von Kommunismus, das sind keine Synonyme.
Und wenn Spiegelautor Fleischhauer folgendes schreibt, verdreht er die demokratischen Werte aufs Äußerste: „Niemand klaren Verstandes käme auf die Idee, am Nationalsozialismus noch irgendetwas Gutes zu sehen, beim Kommunismus, der anderen mörderischen Großideologie des 20. Jahrhunderts, ist das selbstverständlich anders.“ Das Problem besteht in der Formulierung „der anderen mörderischen Großideologie“ – das ist falsch, schlichtweg falsch: Es gibt keine Ideologie, die mit dem Nationalsozialismus auch nur annähernd verglichen und gleichgesetzt werden darf. Und das hat einen ganz einfachen Grund. Jegliche Diktatur bekämpft seine Feinde, was aus der Sicht der Diktatur legitim ist, aus der Sicht der Demokratie natürlich zu verurteilen ist – der Nationalsozialismus hat nicht nur seine Feinde bekämpft, sondern Menschen systematisch vernichtet, weil sie nicht in eine kranke Rassenidee passten. Ein Freund hat das auf die kurze Formulierung gebracht: Man kann Links und Rechts nicht gleichsetzen, weil die Linke keinen eliminatorischen Rassismus vertritt. Wer es doch macht, wertet den Nationalsozialismus auf, verharmlost die Shoah, und disqualifiziert sich damit wirkungsvoll selbst. Übrigens: Die Nazipropaganda hetzte immer gegen Kommunisten und Juden quasi gleichlautend – da Antisemitismus nicht mehr politisch korrekt ist, scheinen sich die konservative Presse und konservative Politiker richtig zu freuen, wenn zumindest die andere über Generationen weitergegebene Prägung ausgelebt werden kann.
Eine kleine Gedankenstütze: sieht man zum Beispiel die DDR und ihr System, da wird man merken, dass außer einem scheinkommunistischen Wirtschaftsordnung – in der natürlich nicht alle gleich waren, sondern Parteimitglieder und Stasimitarbeiter deutlich gleicher waren – hauptsächlich sehr konservative bis nationalistische Gedanken vorherrschten. Und das heute Neonazis in den Räten und Parlamenten sitzen, wo einst die DDR war, ist sicherlich kein Zufall. Das ist schöne FDJ-Tradition – da hat ja auch unsere Kanzlerin ihre Prägungen weg.
Es gibt übrigens eine schöne Tradition, andersherum vorzugehen, rechte Gewalt zu bagatellisieren und linke Gewalt hochzureden. Damit man nichts falsch versteht: Gewalt ist immer Mist. Als ich meinen Wehrdienst verweigert habe, wurde ich zum Pazifisten (ich habe mich da mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt), ich verabscheue Gewalt.
Aber während bei RAF und allen Nachwehen immer von Terror gesprochen wurde, eine Sprachregelung, die ich gar nicht in Frage stellen möchte, wurde bei Brandanschlägen von Nazis nie von Terror gesprochen. Zufall? Warum ist es denn kein Terror, wenn Nazis Menschen durch die Straßen prügeln? Wenn in Amerika Abtreibungsärzte von christlichen Fanatikern gehetzt und erschossen werden, ist das auch Terror, oder? Wenn bei uns Jugendliche krankenhausreif geschlagen werden, weil sie jüdische Wurzeln haben – ist einem Schüler von mir passiert – dann fühle ich mich schon terrorisiert, allein schon von dem Gedanken, dass der Schoß noch fruchtbar ist …


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Nun habt schon endlich Angst!!

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er kommt? – Dann rufen wir Herrn De Maiziere an!! Keine Ahnung, wer da wieder bei diesem alteingesessenen Rassistenspiel zugeschaut hat, aber es ist mal wieder so weit: TERRORISMUSGEFAHR!! (Entschuldigt die Schreierei)

Es ist nicht mehr so weit hin bis Weihnachten, und das macht die Chance für terroristische Anschläge ja bekanntlich größer – zumindest kommen die Warnungen nach meinem Gefühl alle Jahre wieder. Es wird empfohlen, keine Reisewecker mehr in die Koffer zu packen und am besten ist es eh, schön zu Hause zu bleiben und kräftig Angst zu haben. Pflichtschuldig beginnen die Medien auch – quasi Gewehr bei Fuß – die Maschinerie der Angst mal wieder auszupacken. Und alle steigen auf den Zug mit auf – ich habe keine Angst, so! Ich habe ein bisschen Fieber und Antibiotika im Körper, aber keine Angst, haha, ich nicht!

Ähm, doch, ich habe doch ein bisschen Angst, ich habe ein bisschen Angst um unser Land. Mir scheint da ein Zusammenhang erkennbar. Die Umfragewerte für die CDU sind im Keller, da hilft doch so ein bisschen Terrorangst enorm, nicht wahr. Ich mein, es sind bald Landtagswahlen, mit Politik schafft Schwarz-Gelb mit Sicherheit keinen Meinungsumschwung, aber ein hübscher kleiner Terroranschlag würde wahre Wunder bewirken. Merkel und Wulff bei den Trauerreden, sogar Westerwelle darf betroffen sein … wenn die Herrschaften bei Schwarz-Gelb den Film „V wie Vendetta“ gut studiert haben, ist das gar nicht mehr so unvorstellbar.

Naja, die eine oder andere durchreisende Bombe muss jetzt erst mal reichen, und ein Reisewecker in Namibia, oder so. Ich kann nur hoffen, dass die Terroristen, egal ob fanatische Moslems, Hindus oder Christen, keine solche Wahlwerbung veranstalten – stelle man sich mal vor, nicht dass Mappus noch mal gewählt wird.

Dumm eigentlich nur, dass man nicht auf die Idee gekommen ist, im Bezug auf den Castor mit Terror zu drohen, wäre doch für jeden Terroristen ein geniales Ziel gewesen, und vielleicht hätte man ein paar Demonstranten von ihren subversiven Taten abgehalten.

Fazit: Hysterie abschalten, Gehirn einschalten, danke!


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