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Wir sind keine Volkspartei!

„Wir müssen Politik wieder zum Menschen hin denken!“ formulierte heute jemand auf Twitter, und meine erste Reaktion war ein instinktives „Richtig!“ Und dann ging es mir auf, ich bin da gerade auf einen Spruch reingefallen, der genauso auch von der Groko kommen könnte. Das soll kein Angriff auf die Twitterquelle sein, aus der das kam, aber ich finde die Formulierung relativ nichtssagend. Es klingt für mich nach Volkspartei, nach einer Formulierung aus der Reihe „Ich wasch dich, mach dich aber nicht nass“. Es ist ein Allgemeinplätzchen, dass ich einfach nicht backen möchte.
Sind wir eine Partei für alle Menschen? Nun, wir wollen die Welt besser machen, haben dafür gute Ideen, und es würde allen besser gehen, wenn unsere Ideen sich durchsetzen würden – weil dann andere Prioritäten gesetzt würden, weil es mehr Freiheit gäbe – aber ein klares Nein, wir sind keine Partei für Alle.
Wir können keine Volkspartei sein, so lange Mehrheiten Rassismus für ein sinnvolles Konzept halten und man mit „Kinder statt Inder“ und „Wer betrügt, fliegt!“ Stimmen erwerben kann. Wir können keine Volkspartei sein, so lange weniger als zwanzig Prozent der Menschen Überwachung für ein Problem halten und mit unsäglichen Sprüchen wie „Ich habe nichts zu verbergen“ ihre Freiheit freiwillig zu Markte tragen. Wir können keine Volkspartei sein, so lange Inklusion nicht gesamtgesellschaftlich gesehen wird, sondern nur als eine Möglichkeit, Förderschulen zu schließen und im Bildungshaushalt ein paar Prozent einzusparen.
Für eine Mehrheit der deutschen kann man uns einfach als unwählbar darstellen, weil wir gegen die VDS sind und damit Mafia und Kinderschänder unterstützen. Die Mehrheit hasst unsere Ideen zu einer guten und sinnvollen Drogenpolitik und merken nicht, dass es die Prohibition ist, die wirklich das organisierte Verbrechen unterstützt. Man hasst uns, weil wir den Menschen die Möglichkeiten nehmen wollen, dass sie auf die Armen hinunterschauen können. Sie hassen uns, weil wir Ideen haben, die ihre Privilegien für andere Menschen öffnen und damit abschaffen wollen.
Ja, in einer Welt, in der unsere bessere Bildungspolitik schon ein paar Jahre gefruchtet hat, in der man nicht mehr so leicht auf Verschwörungstheorien, Rassismus und Sexismus hereinfällt, in der könnten wir irgendwann eine Volkspartei sein. Aber heute suchen wir nicht nach Mehrheiten, wir suchen nach den Menschen, die mit uns eine bessere Welt ermöglichen wollen. Und wenn das die magischen fünf Prozent wären, wäre das ja schon mal ein Riesengewinn.
Wir sollten uns das klar machen, wir sollten nicht nach Gefallen heischen, nach Akzeptanz von denen, die den Status Quo verteidigen. Wir sollten die, die sich den Status Quo nicht mehr gefallen lassen wollen, mit unseren Themen und Argumenten überzeugen. Unsere Ideen, unser Programm ist gut. Es ist das Beste in diesem Land. Das sollten wir offensiv nach draußen tragen. Jeder von uns.

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Ein Flaggenrant oder Warum machen wir es nicht einfach mit ner Entscheidung?

Ja, es geht um Piraten, wer sich dafür nicht interessiert, lest doch einen anderen Beitrag, stehen genug hier rum. So, ich wollte mich ja nicht zu diesen verdammten Flaggen äußern, wegen denen ein paar Leute den 25. Innerparteilichen totalen Krieg vom Zaune brechen, aber ich finde da etwas sehr schön zu analysierendes.

Wir haben offenkundig ein Problem mit kontroversen Entscheidungen. Das ist nichts Neues. Wir machen seit einiger Zeit immer wieder die Sache mit den Konsensanträgen, die dann leider total schwammig werden und weshalb manches in unseren Programmen fast so schwurbelig und nichtssagend klingt, als ob die CDU es geschrieben hätte – es erreicht fast nie ein so tiefes Niveau, aber es geht in die Richtung.

Konsens ist kacke, wir brauchen mehr klare Ansagen im Programm und da dürfen wir uns dann auch drum streiten, ist ja Demokratie und so. Wir haben das ja schon hinbekommen. Wir haben in Offenbach die Sache mit dem BGE ins Programm genommen, und die Zweidrittelmehrheit war knapp. Aber die Erfahrungen, die wir danach gemacht haben, haben uns klein gemacht und entscheidungsscheuend. Die Erfahrung ist nämlich, dass diese klare Entscheidung von den uns nicht gewogenen Medien zerrissen wurde. Und vor allem, dass die lautstarke Minderheit, die in dieser Partei mit dem BGE nichts anfangen kann, nicht damit umgehen kann, demokratisch unterlegen zu sein. Spricht man sich genauso klar wie dieser Parteitag für das BGE aus, findet man garantiert Piraten, die einen dafür als weltfremd und so weiter angreifen. Leute, da ist die Tür. Wenn ihr damit nicht leben könnt, in einer Partei zu sein, die mehrheitlich in dieser Sache anders denkt als ihr, dann haut einfach ab, verpisst euch, ihr könnt keine Demokratie, verpisst euch!

Hätten wir offensiv mit dem BGE Wahlkampf gemacht, wir wären nicht bei 2,2 Prozent gelandet. Da war viel mehr drin. Wir haben die Chance vertan, unser gar nicht so unpolitische Vorstand hat einen guten Wahlkampf in dieser Richtung verhindert. Keine Blumen fand ich in dieser Hinsicht völlig in Ordnung.

Aber zurück zu den Entscheidungen. Immer, wenn wir Programm abstimmen, fehlen mir die Alternativen, da kommen nur ganz selten wirklich alternative Anträge, die fragen, wollt ihr es so, oder lieber so. Da werden lieber Anträge gezimmert, mit denen alle Fachpolitiker irgendwie leben können – und schon sind wir im Schwammkopfland der Schwurbelität. Ich möchte da gerne von weg.

Und was hat das jetzt mit diesen Flaggen zu tun? Also mit Antifa und der anderen, der anarchistischen? Nun, es gab jede Menge Heulerei auf Twitter – speziell übrigens von ehemaligen Piraten, die es scheinbar nicht auf die Kette kriegen, die Partei, die sie verlassen haben, auch in Ruhe zu lassen – wenn ihr was zu meckern habt, dann kommt zurück, dann tut was dagegen oder haltet einfach die Klappe. Ich brauche echt keine ehemaligen oder inaktiven Piraten mehr, die zu Hause am Stream sitzen und sagen, wie es alles besser wäre. Das kann man mal machen, aber irgendwann geht es denen, die in der täglichen Arbeit dieser Partei stehen gepflegt auf den Senkel. Ich schweife ab.

Es gab auch Aufgeregte vor Ort, die sich auch in einer Mehrheit sahen, so wie ich das mitbekommen habe. Mit mir sprach wieder keiner drüber, vermutlich, weil ich ein langhaariger Bombenleger bin, bei dem man eh vermutet, dass er auf „linksextremer“ Linie wäre – by the way, wer immer noch nicht weiß, wieso man NIE, in Worten NIEEEE von „Linksextremen“ sprechen sollte, der darf jetzt diesen Podcast hören, in dem ThoroughT und ich lang und breit erklärt haben, dass es Extremismus nicht gibt. Wer das weiterhin unreflektiert weiter benutzt, wird von mir nicht mehr ernst genommen, also zumindest nicht als politisch denkender Mensch.

Nun also, warum hat diese unglaubliche Mehrheit der Flaggenverabscheuer denn nichts gegen diese Flaggen getan? Seid ihr keine Piraten? Wisst ihr nicht, wie man beide Arme hebt? Macht es mehr Spaß, sich hier dort und überall aufzuregen, als das Problem anzugehen? Denkt doch verdammt noch eins politisch! Ich sehe ein Problem, ich versuche es zu beheben, gerne auch mit einer Mehrheit!

Das ist nicht passiert, es gab niemanden, der seine Fingerchen in die Höhe reckte, einen Geschäftsordnungsantrag stellte, diese Flaggen doch bitte abzuhängen und dann eine Gegenrede anzuhören und dann das Votum zu bekommen. Warum? Warum kann das nicht einfach von der Mehrheit des höchsten Parteigremiums entschieden werden und dann ist es gut? Dafür gibt es doch Mehrheiten, damit sie entscheiden.

Ja, man könnte jetzt argumentieren, dass man die Versammlung nicht aufhalten wollte, aber sorry, das reicht mir nicht. Mir kommt das feige vor, ich habe das Gefühl, man traute der Mehrheit nicht, man wollte nicht Minderheit sein und akzeptieren, dass sich die meisten Piraten an diesen Flaggen nicht stören.

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft solche Probleme ausfechten, statt sie auf Twitter zu vertagen, statt sie schwelen zu lassen, oder sie zu Richtungsentscheiden hochzustilisieren. Lasst uns entscheiden, scheut die eventuelle Niederlage bitte nicht so sehr, dass ihr nichts mehr beantragt.

Ach, übrigens, außerhalb unserer Filterbubble interessieren die beiden Stücke Stoff keine Sau. Dafür probt die Staatsgewalt in Hamburg, ob sie wieder genug Angst verbreiten kann, damit die Bürger endlich mal die Fresse halten. Da ist unsere Aufregung viel eher gefragt. Da werden unsere Rechte mit Füßen getreten, da dampft die Ausscheidung, da müssen wir was dran tun!

Ein #aufschrei geht durchs Netz

Inzwischen wird es jeder gemerkt haben, seit ein paar Taqgen gibt es das Hashtag #aufschrei auf Twitter und plötzlich diskutiert Deutschland in allen Medien über Sexismus. Das könnte gut sein, verläuft sich aber wohl, und ich glaube, es wird nicht viel Wirkung haben, also über diese Tage hinaus, und ich würde mich freuen, wenn ich mich hier irre.

Was kam zuerst? Da waren diese Tweets, die sehr kurz Szenen berichteten, in denen Frauen und Mädchen sexuell belästigt, sexistisch beleidigt und vieles mehr wurden. Da vermischte sich auch einiges. Ich hätte es jetzt gut gefunden, wenn man den Hashtag für alle möglichen Formen der Diskriminierung benutzt hätte, weil jede Diskriminierung einen #aufschrei wert ist. Aber gut, es blieb bei Sexismus gegen Frauen – das ist völlig legitim.

Die Flut der Beispiele, die manche empfindsame Seele zum Heulen brachte, empfand ich auch als schmerzhaft. Als heterosexueller Mann überlegt man ja gleich, wie oft man selbst irgendwas gesagt hat, irgendjemanden so behandelt hat. Bei vielen Sachen konnte ich das mit einem klaren Nein beantworten. Mir liegt es fern, Frauen anzusabbern oder meine Finger nicht bei mir zu behalten – ich bin da auch glücklicherweise eher schüchtern. Aber der Blick ins Dekolleté, upps, ertappt. Und die sexistischen Sprüche, ja, ich kenn die auch.

So betroffen die Fallbeispiele von sexuellem Missbrauch, von Handgreiflichkeiten und von entstehender Panik machten, es tauchten auch viele Beispiele auf, die von mies gelaufener Kommunikation erzählten. Von Sprüchen, die unterirdisch waren, aber eigentlich sogar als Kompliment gemeint. Die hätte man jetzt einfach abhaken können, und beim Mitlesen der #aufschrei-Timeline habe ich die auch abgehakt, nur wenige Beispiele waren dabei, in denen ich schon mit dem Kopf geschüttelt habe. Sprüche, die je nach Kontext nicht wirklich sexistisch waren. Da muss man wahrscheinlich auch bedenken, dass es nur in einer idealen Welt einen Flirt gibt, der nicht auch, wenn falsch verstanden, irgendwas Sexistisches an sich hat.

Aber gerade diese Beispiele führten dann ganz logisch zu einem Problem. Natürlich fühlten sich da viele Männer angegriffen. Und deren doofe Sprüche, die dann kamen, führten natürlich zu einem ziemlichen Flamewar. Und genau dieser war natürlich unglaublich wenig konstruktiv. Hier hätte wirklich die Prämisse sein müssen: Don’t feed the troll! Denn wohin führte das? Die Frauen, von den Sabotageaktionen und dummen Sprüchen erst recht verletzt, schlugen bald auf eigentlich alle Männer ein und taten damit leider das, woran meiner Meinung nach der Feminismus oftmals krankt. Sie zogen die Zäune noch mal viel höher, „wir und ihr!“, Männer immer Täter, Frauen immer Opfer – und ich bin echt nicht auf der Seite der Maskulisten, aber das ist absolut kontraproduktiv. Ja, jedes soll sagen, wenn es sich diskriminiert fühlt. Und niemand darf jemandem absprechen, dass es sich diskriminiert fühlt – Frauen sollten das nicht bei Männern, und Männer erst recht nicht bei Frauen. Und diese Wertung ist ganz klar dem Männerprivileg geschuldet, und jeder, der dieses Privileg abstreitet, ist leider zu dumm um aus dem Bus zu gucken.  Entschuldigt die verbale Gewalt.

Was lernen wir daraus? Wir alle sollten ertragen lernen, dass andere uns dafür kritisieren, dass wir gegen sie Gewalt einsetzen. Denn niemand, das auch nur ein winziges Mindestmaß an Selbstreflexion hat, kann abstreiten, dass es manchmal andere diskriminiert. Wenn das auch meistens aus doofen alten Denkmustern heraus passiert und nur selten wirklich bewusst. Ja, die #aufschrei-Timeline hat vermutlich jedem Mann weh getan. Aber das muss man ertragen, da muss man sich selbst überprüfen und seine Schlüsse ziehen. Auf den Opfern sexualisierter Gewalt weiter herum zu trampeln ist die falsche Reaktion. Es bringt aber nichts, dass Frau deswegen alle Männer verdammt und selbst gewalttätig wird. Es ist nicht unmöglich, dass jemand schlecht behandelt wird, weil er Mann ist, oder weiß, es ist nur einfach strukturell sehr viel seltener und jeder weiße Mann sollte sich dieses Privilegs klar sein und was dafür tun, dass er es nicht ausnutzt.

Was ich aber gar nicht nachvollziehen kann, ist, dass die Menschen, die meinen, dass sie ein besonders hohes Maß an Awareness haben, also sich besonders bewusst sind, dass sie immer in der Gefahr sind, Leute zu diskriminieren, keine Skrupel haben, denen, die diese Awareness nicht haben, gleich das Lebensrecht abzusprechen, oder zumindest das Twitterrecht, das Recht, sich zu engagieren oder das Recht ihre Meinung zu sagen, auch wenn sie Bullshit reden. Man kann Leuten aber nicht dadurch zu Awareness verhelfen, indem man ihnen sagt, was für dumme Arschlöcher sie doch sind. Geht nicht. Wirklich nicht!

Wir sollten nicht mit #aufschrei aufhören, wir sollten darüber nicht streiten, wir sollten es ertragen – denn Spaß hat daran doch keiner, oder? – und daraus lernen.

Hierarchien in der Piratenpartei …

… gibt es nicht. So ist das Ideal, mit dem wir durch die Gegend laufen. Und es hat natürlich mit der Realität nichts zu tun. Es ist wirklich nur eine Idee, die man nicht so einfach umsetzen kann. Vielleicht ist die Biologie dagegen – das wäre das einfachste Argument , vielleicht ist es nicht gewollt, aber wahrscheinlicher haben wir Hierarchien, weil wir nicht darüber nachdenken, wie wir sie bekämpfen.

Wir machen uns ja durchaus zu Recht einigermaßen lustig über die Altparteien, bei denen ein kleiner Zirkel sagt, in welche Richtung es geht, und dann geht es auch in die Richtung. Wir wollen über alles ein bisschen mehr streiten, wollen Meinungen an der Basis generieren, in Arbeitskreisen, in denen sich jeder engagieren kann, egal woher er kommt. Und trotzdem entsteht ein komplexes Geflecht von Hierarchien. Es gibt da gewisse Merkmale:

Basis und Amt

Damit hat es angefangen, und es ist noch nicht so lange her, dass Marina Weisband in der Heute-Show erklärte, dass sich die Mitglieder des Bundesvorstandes herunterschlafen müssen, weil die Basis das Sagen hat. Außerhalb der Partei hat man das wahrscheinlich nicht verstanden, aber es gibt da ganz einfache Erklärungen für. Piraten haben ein sehr überdurchschnittliches Misstrauen gegenüber Amtsträgern. Salopp gesagt, halten Piraten die, die sie oft mit großem Vertrauen in Ämter wählen, ab dem nächsten Tag für ziemliche Vollhonks, die irgendwelche Top-Down-Mechanismen anschaffen wollen, und überhaupt alle piratigen Grundsätze schon lange vergessen haben. Das klingt schizophren? Ja, das ist es auch. Aber ich prangere das nicht an, ich stelle es nur fest. Man darf übrigens auch nicht ganz vergessen, dass Ämter eben auch den Fokus auf Personen richten, und man schon mal Leute von Seiten kennenlernt, die einem jetzt auch nicht so gut gefallen.

Mandatsträger

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass hier die gleichen Merkmale zu sehen sind, wie bei Leuten mit Vorstandsamt. Das ist aber nicht so.  Die Nummer mit dem Wählen und hinterher völlig vergessen, warum man sie gewählt hat, klar, die passiert hier auch. Aber das Verhältnis der Partei zu ihren Abgeordneten ist noch mal in einigen Dimensionen schwieriger. Erst mal, das sollte ja klar sein, gibt es für die Abgeordneten richtig Kohle, sie geben auch noch einer gar nicht so kleinen Anzahl an weiteren Piraten Jobs, das gibt ihnen eine gewisse Macht – und so was können Piraten gar nicht ab. Wenn man Leute in ein Parlament schickt, dann sind die ihrer Basis quasi täglich Rechenschaft schuldig. Das ist das Gefühl der Basis, und das wird auch häufig genug angemahnt.
Aber da gibt es keine Frage, wer sich auf die Bühne gestellt hat, um auf die Liste gewählt zu werden, der musste sich eigentlich klar sein, dass genau das passieren würde.  Das gehört dazu, dass wir Piraten sind. Wir sind es geworden, weil wir der Politik misstrauen. Viele von uns haben in den ersten Monaten – ich spreche hier gerade von NRW – immer mal wieder angemahnt, dass wir Vertrauen geben müssen, dass wir den MdLs auch Zeit lassen müssen, Forderungen, zu denen ich stehe. Ich frage mich allerdings immer mal, warum diese Forderung schon mal auch aus der Fraktion selbst kommt – das macht immer misstrauisch, Piraten trauen keinem Politiker, der um Vertrauen bittet.

Fraktionsmitarbeiter

Jetzt wird es kompliziert und undurchsichtig. Das liegt erst mal daran, dass man so schlecht im Kopf halten kann, wer denn jetzt alles in welcher Funktion für die Fraktion arbeitet. Die Fraktionsmitarbeiter sind die Leute, die den ganzen Tag Politik machen dürfen, und auch noch dafür bezahlt werden, und wir haben sie nicht gewählt. Das macht die Basis gern ein bisschen kritisch. Fraktionsmitarbeiter sind nah an den Abgeordneten, und manches, was die Basis so will oder nicht will, könnte sehr direkt in ihre Arbeit eingreifen – also schaut man schon mal skeptisch auf diese Mitarbeiter, wenn sie sich einmischen.

Twitter

Eigentlich wäre die Überschrift besser „Vernetzung“, aber am Beispiel Twitter kann mane s so schön deutlich machen. Jeder Pirat ist irgendwie vernetzt, oder zumindest fast jeder. Man hat ja zumindest seinen Stammtisch, seine Crew, seinen KV, man ist in AKs und AGs aktiv, man lernt auf Parteitagen oder Tagen der politischen Arbeit viele Leute kennen. Man vernetzt sich mit den Social Networks, und merkt auf den Mailinglisten, mit wem man kann, und mit wem weniger. Und hier gibt es sehr deutliche Hierarchien. Es gibt Leute, die auf ihren Stammtischen mitarbeiten, sich auch gerne mal am Infostand in den Regen stellen, die aber sonst nicht so viel Zeit in die Partei stecken können oder wollen. Deren Vernetzung reicht meistens nur sehr kurz. Mehr Vernetzung entsteht über mehr Zeit, die man in die Partei steckt. Das kann bedeuten, dass man nächtelang im Mumble herumsitzt – mit ein bisschen Persönlichkeit und Witz kann man da schon eine Menge erreichen -, das kann bedeuten, dass man inhaltlich in AKs arbeitet, oder auch in den AGs zupackt. Außerdem machen einen noch die Arbeit im LQFB bekannt, und vielleicht hilft hier und da auch das, was ich gerade mache – ich blogge in meinem eigenen Blog, keine Parteisache. Und jetzt komme ich auf die quantifizierbare Ebene: Das ist Twitter. Da sieht man nämlich an der Anzahl der Follower, wie gut Leute vernetzt sind. Das ist auch amtsabhängig, natürlich bedeutet die Wahl in einen Landesvorstand oder auf eine Liste immer auch sofortigen Zuwachs an Twitterfollowern, keine Frage. Aber es gibt Leute, die wie zum Beispiel die oben schon zitierte Marina Weisband, die aufgrund ehemaliger Ämter eine riesige Zuhörerschaft haben, es gibt auch andere, wie Udo Vetter, Macher des Law-Blogs, der auch Basispirat ist, aber mit fast vierzigtausend Followern ein erhebliches Publikum mitbringt. Das gilt dann auch noch für einige Leute, die in den Bundes-AGs sehr aktiv sind, oder die aus anderen Kreisen in die Piratenmannschaft gekommen sind. Es gibt viele Möglichkeiten, viele Follower, und damit auch viele Vernetzungen zu bekommen.
Jetzt darf man übrigens davon ausgehen, dass das sehr oft auch damit zu tun hat, dass man vielleicht nicht nur dummes Zeug erzählt, aber da bin ich mir noch nicht total sicher. Vieles ist erst mal und einfach Engagement.

Und was machen wir jetzt mit den Hierarchiemerkmalen?

Wir machen sie uns – hoffentlich – bewusst. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste, dass man sich selbst bewusst ist, über wie viel oder wie wenig hierarchische Merkmale man verfügt, und sich dann entsprechend verhält. Und damit komme ich zu Marinas Argument zurück. Wir sind angetreten, um den Menschen die Politik wieder erreichbar zu machen, und deswegen ist es an uns, die Hierarchien zu zerstören – auch bei uns selbst. Sie existieren aber trotzdem, und wir können sie nur bekämpfen, in dem wir umso bescheidener werden, je mehr Hierarchiemerkmale auf uns vereinigen. Auch wenn das grausam ist, bedeutet das, dass die Basis jederzeit das Recht hat, die mit mehr Hierarchiemerkmalen zu kritisieren, sich das aber umgekehrt fast verbietet – 1).
Ein Beispiel: Bin ich Amts- oder Mandatsträger und nicht mit der Mitarbeit der Basis zufrieden, dann ist das ja legitim, aber zu fordern, ist die falsche Herangehensweise. Man hat sich da mal irgendwann auf eine Bühne gestellt und sich wählen lassen. Das ist eine Bürde, die sich niemand aufbürden muss, die ist freiwillig. Und wenn ich als Amtsträger das Gefühl habe, dass da etwas nicht funktioniert, ist es verdammt noch mal meine Aufgabe, das Problem zu lösen. Das kann auch bedeuten, dass ich hinter Sachen herlaufen muss, dass kann auch bedeuten, ich muss betteln, das ist nervig und Arbeit – und genau dazu haben sich die gemeldet, die diese Ämter übernehmen, wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder. Aber ich muss mir darüber klar sein, ich kann nichts fordern, ich kann nichts befehlen.  2)

Fazit?

Ja, gibt es. Jedes soll sich darüber klar werden, wie viele, wie starke Hierarchiemerkmale es mit sich herumschleppt. Und dann einfach darauf reagieren, überlegen, was Top-Down wäre, und was deswegen vermieden werden sollte.

 

1)      Noch mal, dass das klar ist, ich spreche von Kritisieren, nicht von sinnlosem Bashen! Wenn die Leute mit den Hierarchiemerkmalen nur mit Scheiße beworfen werden, hilft das gar nichts, darüber sollte sich jeder in der Basis klar sein!

2)      Das bedeutet übrigens NICHT, dass die Basis nicht auch mal Anerkennung zollt, oder besser zollen sollte,  für die armen Irren, die sich diese Posten aufhalsen. Jeder Aufstieg in Ämter, in Vorstände, alles, was man übernimmt, ist erst mal viel mehr (in der Partei unbezahlte) Arbeit!

Quick – Flauschcon, Wirkungen, seltsame Diskussionen

Am Wochenende war die Flauschcon, und nur böse Zungen dürfen behaupten, dass ich nicht dabei war, weil ich lieber an meinem Geburtstag im Phantasialand war – nein, werde ich mal Ernst. Ich konnte nicht, und das hatte eher psychologische Gründe, und es war auch besser, dass ich nicht da war.
Bedauern tu ich das aber trotzdem, denn zumindest am Samstag, an dem ich fast den ganzen Tag des Stream aus Bielefeld auf den Ohren hatte, habe ich eine Menge davon mitbekommen, und ich hätte mich gefreut, bei den wirklich guten Gesprächen dabei zu sein. Und die Presse heute hat das auch bestätigt. Die ersten positiven Nachrichten über Piratenereignisse seit gefühlten Monaten.
Die Flauschcon sollte ursprünglich mal ein kleines Treffen werden, auf dem Piraten über die Kultur innerhalb der Partei sprechen wollten, über Bällebad und Ponys, über 42 und Danke für den Fisch! Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich aus der Organisation ausgeklinkt, weil ich schon wusste, dass ich nicht dabei sein würde, und weil ich einfach ein bisschen überfordert war. Da war aber immerhin schon klar, dass es nicht wenige Piraten sein würden, sondern eine ganz brauchbare Masse, und es wurde auch schon klarer, dass es in eine andere Schlagrichtung gehen würde.
Der Hauptgrund der Flauschcon war dann die innerparteiliche Kommunikation – so kam es zumindest immer mal rüber. Ich glaube – nein, ich habe noch nicht allzu sehr in die Materialien geschaut, und ich weiß auch nicht, ob es einen Mitschnitt vom Sonntag gibt, da kümmer ich mich noch drum – es ging um den eigentlichen Kern piratiger Politik. Denn der ist ja die Plattformneutralität – ganz nerdig bleibe ich dabei, Plattformneutralität ist 42!
Was hat Plattformneutralität nun mit der Flauschcon zu tun? Nun, es ging darum, wie wir Politik so ändern, so selbst betreiben können, dass möglichst viele Zugang bekommen. Es ging darum, dass unsere Kommunikation nicht mehr so toxisch ist, dass Leute, die ohne das sprichwörtliche dicke Fell herumlaufen, irgendwie den Spaß an Politik nicht verlieren. Wir erzählen immer einen von Upgrade fürs System, wir plappern von Transparenz, und wenn man dann seine Nase auch nur zwei Tage lang auf eine der aktiveren Mailinglisten herausstreckt, dann weiß man, dass da eine Menge Angstbeißer herumgeistern, dass Leute mobben und trollen, dass die Atmosphäre dort oft so wenig ansprechend ist, dass man die Politik gleich wieder dran geben will. Und die Atmosphäre kann auf Twitter noch schlimmer sein, weil das nun mal ein noch schnelleres Medium ist, mit noch abgehackteren Meinungsäußerungen.
Und wie man mit solchen Sachen klar kommt, dafür gab es nun also das Flauschcon, von dem ich noch von keinem der Anwesenden eine negative Reaktion gehört habe. Klingt doch nach einem positiven Fazit. Aber dazu kommt es nicht wirklich. Weil im Nachklapp genau das passierte, was das Problem ist. Leute, die keinerlei Ahnung hatten, was da passiert war, die nur, weil sie allergisch auf den auch auf der Con diskutierten, und teilweise abgelehnten, „Flausch“-Begriff reagierten. Da wurde von Zeitverschwendung gesprochen, von Unsinn, davon, dass man so was nicht brauche.
Ich empfinde das, wie ehrenwert die Gründe sein mögen, als arrogant. Ich hätte diese Frage auch gerne irgendwie geklärt. Wie kommt man darauf, dass ein Barcamp, auf dem es darum geht, wie man Politik machen sollte, als „unnütz“ herunterzuspielen, ja darauf einzutreten?
Ich äußere ja nur meine kleine Sicht der Dinge, ich habe bisher immer das Gefühl gehabt, dass wir nicht wegen unserer durchaus sinnvollen und vor allem vorhandenen Inhalte gewählt werden, sondern weil wir versprechen, einiges anders zu machen. Und dann ist es also Zeitverschwendung, genau darüber nachzudenken? Kann mir das mal jemand erklären?