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Viel zu viele Gedanken zu offenen Briefen und Antworten

51 Tatortschreiber haben mitgeregenert und sich über die Netzpolitiker von grün und orange aufgeregt, haben die Debatte über das Urheberrecht aufgenommen, und unter anderem die Piraten aufgefordert, ihre Kulturpolitiker zu fragen. Es gibt inzwischen schon einige Antworten auf den offenen Brief der Tatortschreiber, und die gießen zum größten Teil nur weiteres Öl in die feurige Debatte.
Ein Teil dieser Antworten regt mich auf, und hier mein kleiner Minirant: Lieber CCC, doch, es gibt Kulturpolitiker bei den Piraten. Man fühlt sich schon sehr seltsam, so als Mitglied des AK Kultur in NRW, wenn man gesagt bekommt, dass man nicht existiert. Und die Gruppe 42 meint, es gäbe keine profilierten Kulturpolitiker – richtig, ich weiß nicht ob ihr es wisst, es gibt noch gar keine Politiker bei den Piraten, die als profiliert gelten können. Und wenn jemand wie Andi Popp, Mitgründer der 42er, sich selbst für einen profilierten Piraten in Sachen Urheberrecht hält, und sich Experte nennen lässt – dann ist das nette Selbstüberschätzung. Sein Antrag zum Selbigen fiel ja auch zu Recht mit Pauken und diversen Blechblasinstrumenten durch. So, das sollte reichen.

Also lehne ich mich mal ganz weit aus dem Fenster, und nenne mich mal Kulturpolitiker. Mir wäre eine Erwiderung des gesamten AK Kultur durchaus lieber, aber wir haben verdammt noch mal Wahlkampf, wir arbeiten am Wahlprogramm, da ist nicht dafür auch noch Zeit. Also ein paar Gedanken, die ganz und gar meine sind, als Künstler und Kulturpolitiker. (Während des Schreibens höre ich auf Youtube ein bisschen Element of Crime, finde ich irgendwie passend).

Ich kann das Gefühl verstehen, dass Regener und die Tatortschreiber antreibt. Ein bis zweimal gab es in meiner Vergangenheit die Situation, dass Leute es in Ordnung fanden, sich umsonst in meine Stücke zu setzen. Das ist eine Missachtung meiner Arbeit – so empfand ich das damals, so würde ich es auch heute noch empfinden. Ich persönlich bin davon geprägt. Ja, ich höre Musik schon mal auf Youtube, lade sie aber nur bei iTunes oder ähnlichen Portalen herunter. So was wie Kinox.to kenne ich quasi nur vom Hörensagen. Aber ich bin natürlich in eine moderne Welt hinein gewachsen. Auch ich habe Disketten getauscht, um an neue Spiele zu kommen, auch ich habe mir Musik brennen lassen, als man keine Kassetten mehr aufnahm, und auch heute verirrt sich mein USB-Stick mit Musik schon mal in fremde Hände – und warum? Weil ich andere von meinem Musikgeschmack überzeugen will, oder von meinem Buch- oder Filmgeschmack – da leihe ich DVD aus, und Bücher, ist doch in Ordnung oder? Ich kaufe die Dinger, dann kann ich doch auch über sie verfügen? Und wie oft habe ich die Musik, die ich mal gebrannt bekommen hab, später gekauft, weil ich sie selbst haben wollte.

Das sind jetzt alles keine besonders neuen und aufregenden Sachen, damit sind alle aufgewachsen, die jetzt langsam auf die Vierzig zugehen. Sollte sich die Welt da weitergedreht haben? Natürlich hat sie. Wir stehen alle zusammen vor einem kleinen Dilemma. Alles, was digital abzuspeichern ist, ist heute problemlos verteilbar. Ich schreibe meine Theaterstücke auf dem Computer, und wenn ich meinen Schauspielern die Sachen per .pdf zukommen lasse, ist die Sache schon gelaufen. Wenn das jemand weitergeben will, kann er es tun, ohne dass ich da etwas gegen machen kann. Das ist eine Realität die für Musik, für Filme, für E-Books und Fotografien gilt, und dieser Realität kann sich niemand verschließen. Es gibt nur eine Möglichkeit, wenn man am alten Urheberrecht festhält. Und diese Möglichkeit ist eine polizeistaatliche Überwachung des gesamten Netzes. Und es wundert nicht, dass die Law-and-Order-Politiker der großen Koalition so begeisterte Verfechter des althergebrachten Urheberrechtes sind. Welche Möglichkeiten bieten ACTA, SOPA und die diversen anderen Vertragswerke, gegen die wir zu Recht und mit aller Kraft eintreten? Feuchte Träume für jeden Möchtegernsheriff.

Jetzt frage ich doch mal Herrn Regener und die 51 Tatortautoren: Wollt ihr das? Wollt ihr eine vollständige Überwachung des Netzes? Versteht hier irgendwer nicht, dass eine solche Überwachung auch das Ende der künstlerischen Freiheit ist? Hat für euch die Freiheit der Kunst keinen Wert? Was für Künstler seid ihr?

Ich habe weit genug ins Urheberrecht rein geschaut, dass ich keiner Lebenslüge aufsitze. Vor allem nicht der Lebenslüge, dass das Urheberrecht leicht zu ändern wäre. Dafür müssen wir noch manches dicke Brett bohren.  Dafür müssen wir dafür kämpfen in die Parlamente zu kommen, und das nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.

Ach, wenn wir bei Lebenslügen sind, da wäre noch die mit dem freien Zugang zur Kultur. Ja, das ist so eine Sache. Es gibt in unserer Gesellschaft eine immer größere Menge an Menschen, die am absoluten Existenzminimum leben. Man spricht bei denen so gern von Bildungsfernen, aber das stimmt nicht mehr uneingeschränkt. Viele von denen lassen sich nicht mehr vom Fernsehen verdummen, sondern leben online. Und das beinhaltet Musik, Filme und vieles mehr, was sie sich nicht anders leisten können, als durch fröhliches Saugen. Ich kann daran nichts Böses finden. Leute, die weder Kino noch Theater noch Konzert finanzieren können, was sollen die tun, um nicht an der Kultur völlig vorbei zu segeln? Tatort schauen? Entschuldigung, aber es gibt auch viele Menschen, die von Krimis einfach unterfordert werden. Ja, der Zugang zu Kunst und Kultur ist vielen Menschen finanziell verwehrt. Ja, man muss daran sozial etwas ändern. Nein, wenn sie trotzdem an Kultur teilhaben wollen, dann kann das nicht kriminell sein. Ich weiß nicht, wie ihr das empfindet, aber für mich ist Kultur etwas, was ich wie Luft zum Atmen brauche. Die Vorstellung aus finanziellen Gründen davon ausgeschlossen zu sein, lässt mich kotzen. Und wer meint, dass es in Deutschland freien Zugang zur Kultur gibt, der sitzt einer Lebenslüge auf, und böse Zungen könnten behaupten, diejenigen tun das gern, so muss man nicht den Pöbel in Oper und Schauspielhaus ertragen.

Ich hab keinen Bock, über den Begriff „geistiges Eigentum“ zu reden – der ist als Kampfbegriff von beiden Richtungen verbrannt. Und wenn es ein Grundrecht ist, nun gut, dann muss es auch von allen wie ein solches behandelt werden. Und was bedeutet das? Grundrechte können nicht verkauft werden. Buy-Out-Verträge? (Etwas, was in unserer Idee von Urheberrecht, so vielschichtig es sein mag, einfach nicht mehr vorkommt) Das kann doch nicht sein, oder? Ich bin davon überzeugt, dass vieles schief läuft in dem Umgang mit Urhebern. Die Idee, dass man seine Nutzungsrechte einfach verkaufen kann, die zum Beispiel finde ich falsch.  Meine ganz persönliche Vision ist, dass man Schutzfristen beseitigt, weil sie Urhebern nicht wirklich helfen, sondern dass jeder Urheber an allen kommerziellen Verwertungen mit einem festgelegten Anteil bedacht wird. Kein Abspeisen mit Almosen, sondern Anteile.

Ja, wenn Tauschbörsen damit Geld verdienen, ohne die Urheber zu bedenken, dann ist das kriminell. Wenn allerdings Verwerter es bis heute nicht schaffen, vernünftige Streaming- und Downloadportale zu schaffen, dann ist das auch kriminell, kriminell dumm nämlich. iTunes macht es vor, wenn es bequem ist, Musik zu kaufen, dann bezahlen die Leute auch dafür.

Es gibt noch viele Argumente, von denen weder die Tatortschreiber noch Sven Regener offenbar irgendwas wissen – beispielweise, dass Nutzer von Streamingportalen ausgesprochen oft ins Kino gehen und viele DVDs kaufen – allerdings bezahlen sie nicht fürs erste Schauen, sondern kaufen nur die Sachen, die sie gut finden. Gut für Gutes, schlecht für Mittelmäßiges und Schlechtes.

Aber ich wollte ja als Kulturpolitiker antworten, nicht als Urheberrechtspolitiker. Das können andere eh viel besser. (Schönen Gruß an den profilierten Urheberechtspolitiker Daniel Neumann, deine Antwort würde mich mehr interessieren, als der Kram von CCC und Gruppe 42) Als Kulturpolitiker bin ich ein absoluter Fan von Diversität. Ich finde es total spannend, was passiert, wenn man Menschen los lässt, sie möglichst wenig einengt. Ich möchte eine breite Kultur, eine Kultur, die von vielen Menschen getragen wird. Und da gibt es vieles im Urheberrecht, was da völlig entgegensteht. Zum Beispiel diese vermaledeiten Schutzfristen siebzig Jahre über den Tod hinaus. Siebzig Jahre! Wer hat sich denn den Scheiß einfallen lassen. Und wie behindernd ist es! Wozu führt es?

Zum Beispiel in einem durchaus nicht unpopulären Feld. Stellen wir uns vor, wir machen Kindertheater. Um eine qualitativ gute Vorlage nutzen zu können, suchen wir uns zum Beispiel einen Roman von Astrid Lindgren heraus. Das war eine wirklich tolle Frau, großartige Sachen hat die geschrieben. Wenn es in der Welt der Kultur sinnvoll zugehen würde, würden wir heute einfach machen können. Das Buch vornehmen, eine Dramatisierung erarbeiten, das Stück spielen, Kindern und ihren Eltern viel Freude schenken, und ihnen gleich auch noch was zum Denken geben, denn Frau Lindgren hat ja selten einfach nur Geschichten geschrieben, die haben ja auch noch Hintersinn. Und wenn es jetzt wirklich nötig ist, dass ihre sicher nicht notleidenden Erben beteiligt werden, könnte man auch noch über einen kleinen Anteil an den Einnahmen sprechen – auch wenn die im Amateurtheater eh nicht hoch sind, und selbst solche Gruppen es oft alles andere als einfach haben, in dieser unterfinanzierten Kulturwelt zu überleben. Aber es gibt nun mal Rechteverwerter, und die wollen keinen kleinen Anteil, sondern einen kräftigen, und die schreiben einem auch noch vor, welche Dramatisierung man nutzt, auch wenn es teilweise erbärmlich schlechte sind.

Jetzt ist die Frau tot, so schade es auch ist. Ich habe sie sehr verehrt, würde mit sehr viel Vorsicht an ihre Stoffe gehen, aber ich darf gar nicht so einfach. Wieso? Es kümmert sie nicht mehr. Das Urheberrecht ist an solchen Stellen der Feind der Kunst, und das sicher nicht nur in Bezug auf Amateurtheater, oder den semiprofessionellen Bereich.

Also was ist nun mit den nicht-kommerziellen Tauschbörsen? Ja, die Frage stelle ich mir auch oft. Und ich kann auch nicht so wirklich glauben, dass die gar kein Problem sind – ich sehe es nicht als Problem, wenn ich jemandem Musik, die ich gekauft habe, per USB-Stick zugänglich mache. Ich kann ja auch meine CDs verleihen. Ich finde es auch nicht problematisch, wenn ich sie per Dropbox an Freunde oder Schüler weitergebe – denn Musik ist dazu gemacht, gehört zu werden. Und wenn ich ein paar Leute mehr für die eine oder andere Musik begeistere, werden diese über kurz oder lang mehr Musik kaufen, und natürlich Konzertkarten, DVDs und was sonst noch so geht.

Aber wenn ich Musik für mir völlig Fremde frei gebe, dann gibt es keine Verbindung mehr, kein Gedanken mehr daran, dass diese jetzt meine Musik hören, kein Bewusstsein dafür. Und ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass man mehr Bewusstsein dafür schaffen sollte, dass Studiozeit Geld kostet, dass Filme machen Geld kostet, und dass Menschen von Kunst auch leben können müssen. Dafür zu werben, finde ich eine wichtige Aufgabe – man macht das übrigens nicht durch Abmahnungen und Vorwürfe, nur so als Service, da scheinen viele von auszugehen.

Und die andere Aufgabe liegt bei den Verwertern und Künstlern, die sich selbst vermarkten. Wir brauchen noch mehr, noch viel mehr Ideen, wie man mit Kunst Geld verdient, denn es ist nun mal nicht mehr so einfach möglich – wogegen übrigens auch die große Überwachung nicht viel gegen tun kann, die Sauggemeinschaft ist den Behörden immer ein bis drei Schritte voraus. Wir müssen mit diesen Tatsachen lernen umzugehen. Dass man das Urheberrecht von Vorgestern morgen noch durchsetzen kann, das  … ja, das könnte man denn wohl auch als Lebenslüge bezeichnen.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, alle Achtung, im Hinterkopf leuchtet mir schon länger ein Schild (tl;dr). Ich möchte zum Dialog einladen. Wir müssen miteinander reden und streiten, wir müssen ein besseres, ein der Kultur hilfreiches Urheberecht schaffen. Dafür werden auch Herr Regener und die Tatortschreiber nötig sein. Ein Recht, das Pluralität zulässt, sie sogar fördert. Und wir werden auch weiterhin mit denen streiten müssen, die meinen, dass Kunst keine mehr sei, wenn man dabei auch an das Geld denkt, das man damit verdient, oder dass wir ja ein BGE einführen wollen, und sich Künstler damit dann ja bescheiden können. Solche Trolle gibt es, und nein, die haben keine Ahnung, wie es ist, als Künstler zu leben – diese Kollegen halten sich leider sogar für den Kern der Piratenpartei, und haben genauso wenig gemerkt, dass die Welt sich weitergedreht hat – oder zumindest die Partei – wie die Tatortschreiber.

Urhebertrolle

Es sind ja nur wenige, es sind ja die Trolle, aber es geht mir trotzdem auf den Geist. Ein paar, der werten Piratenkollegen neigen zur vollständigen Verneinung des Urheberrechts und sagen dann so seltsame Sachen, wie: „Kunst, die Geld verdienen will, ist keine Kunst!“ oder „Wir wollen ja das BGE, damit ist dann für die Künstler gesorgt!“  Auf eine solche Mail habe ich heute ein wenig aufgebracht und sehr ausführlich geantwortet (man merkt hier und da, dass es eigentlich ein Mailtext ist):

Achtung Polemik:

Ja, es ist wunderbar, der arme Künstler, der in der Dachstube … ist ja auch richtig, Künstler brauchen keinen Urlaub, sie haben ja schon einen Beruf, der ihnen Spaß macht, das ist allein schon so unfair, da brauchen sie doch nicht auch noch Geld.

Ah, daher weht der Wind, es ist Neid …

Also, klare Ansage an alle: Kreative sind nicht die Deppen der Nation, man kann sie aber schnell dazu machen. Ist total einfach. Warum? Weil sie eh Kunst machen, egal, ob man sie dafür ordentlich bezahlt, oder nicht. Ist total praktisch!

Der ITler – ich geh mal vom Durchschnittspiraten aus 😉 – wird nach den Plänen der Piraten das BGE bekommen, und dazu seinen Lohn, weil er ja arbeiten geht. Der Kreative, sagen wir mal, der Komponist, nur so als Beispiel, verbringt Tag und Nacht an seinem Klavier, dann wieder am PC um seine Noten auch zu setzen, orchestriert, programmiert – diese Arbeiten gehören ja zur Komposition dazu, es ist ja nicht nur der geniale Moment auf dem Klo, wo ihm die besten Ideen kommen und er sie in sein Handy singt. Und was bekommt er für seine Arbeit? das BGE … sollte doch wohl reichen, oder? Hey, der macht das doch freiwillig, oder? Könnte ja auch wie ich armer ITler richtig arbeiten gehen! Der faule Hund, der!

 

Jetzt mal ernsthaft:

Es ist schwierig, einerseits die Kultur fördern zu wollen, und gleichzeitig zu sagen, mehr als das Mindesteinkommen braucht ihr nicht. Weil es natürlich auch neben den ganzen anderen Gründen, warum man es macht, den Grund gibt, dass man auch mal ein paar Euro in der Tasche hat. Das BGE, einer der Gründe dafür, dass ich in die Piratenpartei eingetreten bin, wird eine große Kulturförderung sein, gar keine Frage, denn gerade für Leute, die mit der Kunst anfangen, ist das eine tolle Sache ein brauchbares Einkommen zu haben, und keine Brotjobs annehmen zu müssen, weil es sonst hinten und vorne nicht reicht (ich meine damit noch nicht mal die künstlerischen Brotjobs, die lustigen Musikanten auf dem Dorffest, oder ähnliches, sondern Kellnern und Putzen). Aber gerade die Menschen, die nicht von ihren Auftritten leben, die Autoren und Komponisten, die Menschen, die für die Erschaffung der künstlerischen Welt zuständig sind, jeglicher Möglichkeit zu berauben, irgendwann mehr als das BGE zu verdienen, das ist geradezu grotesk.

Es wird immer Menschen geben, die neben ihrem normalen Job ihre Kunst machen, klar. Es wird immer Menschen geben, die sagen: Hey, ich will mit der Kunst kein Geld verdienen! (ich will lieber das einsame verkannte Genie sein.) Die Kunst ist mein Hobby, nicht mein Beruf!

Das ist völlig in Ordnung. Ich finde solche Menschen oft recht praktisch, die sind nicht sehr teuer, wenn man ihre Hilfe braucht – auf der anderen Seite sind sie oft auch nicht schlechter als viele Profis. Aber ich dachte wir wären eine tolerante Partei.

Es gibt Menschen, deren Ziel es ist, von ihrer künstlerischen Arbeit zu leben. Auch die sind meistens in erster Linie Idealisten. Wer mit der Kunst anfängt, darf sich keine Stundenlöhne ausrechnen – zumindest nicht, wenn er nicht sehr viel Kummer abkann. Ich persönlich kenne keinen Künstler, der auf die Uhr schaut, wenn es drauf ankommt. Und wenn die Probe auf Mitternacht zu geht, dann ist das halt so. Und wenn am Feiertag noch vier Stunden extra geprobt werden, weil das Stück fertig werden muss, weil der Auftritt ansteht, dann ist das halt so, und man kommt da schon irgendwie durch. Wer als Künstler arbeitet, ist Idealist.

Und dann kommen die Fragen der ITler: Und? was machst du so den Tag über? Was arbeitest du so? – und ohne Scheiß, diese dämlichen Fragen hat sich jeder schon anhören dürfen, der kreativ arbeitet.

Man sollte ein paar Sachen nicht vergessen: Der geniale Gitarrist, dessen Lied ich mir irgendwo gerade gezogen habe, der übt jeden Tag mindestens vier Stunden, um so gut sein zu können – der hat keinen Urlaub davon, der übt auch an Weihnachten und Ostern und es gibt garantiert eine Menge Tage, an denen er eigentlich keinen Bock hat, an denen er lieber etwas anderes machen würde, an denen er übt, weil er weiß, dass er üben muss. Jeder, der meint, es ist völlig in Ordnung, sich dieses Lied für lau zu ziehen, hat keinerlei Respekt vor der Arbeit, der Leidenschaft und auch keinen Respekt vor dem Menschen, der da die Gitarre bedient – und da rede ich noch nicht von Respekt vor der Kunst, so optimistisch will ich ja gar nicht sein.

Fazit: Es gibt zwei Scheinargumente, die hier immer wieder vorgebracht werden, die ich einfach nicht akzeptieren kann. 1. „Kunst und Geldverdienen passen nicht zusammen“ – mag ja eine persönliche Meinung sein, ich finde keinen Menschen schrecklich, weil er seine Kunst umsonst betreiben will, aber bitte akzeptiert auch Menschen, die einfach einen künstlerischen Beruf wählen und dann arbeiten gehen. Es muss auch Profis geben, mit reinem Dilettantismus und reiner Liebhaberei entwickelt sich auch nichts weiter. 2. „Wir wollen doch das BGE, das reicht dann doch!“ – Okay, wenn das BGE kommt, dann wird ja auch der Bäcker seine Brötchen für den Materialpreis verkaufen, weil er so Bock hat, um 2 Uhr aufzustehen und zu backen, oder wie? Arbeit ist Arbeit, auch Künstler arbeiten, es mag euch verwundern. Und Arbeit wird doch auch in Zeiten des BGE etwas wert sein, oder? Warum denn ausgerechnet bei den Schöpfern nicht?

 

Dieser Beitrag ist nicht als ein Erschlagen der Diskussion gemeint, es muss diskutiert werden. Es muss auch gefragt werden, wie man Rechte gegeneinander abwiegt und was denn jetzt mit der Frage ist, wie man seine Rechte an Werken nutzen können soll, wenn man sie mit einem Klick herunterladen kann. Alles das müssen wir diskutieren. Aber alle Beiträge die Künstler diskriminieren – und das ist immer dann der Fall, wenn Aussagen wie oben beschrieben getroffen werden – machen die Diskussion nur kaputt, denn wie sollen wir Urheber denn darauf reagieren? Wie reagiert man, wenn einem quasi die Sinnhaftigkeit seines Tuns abgesprochen wird?

Urheberrecht / freie Kunst

Ich bin Pirat, erst seit einer Woche, aber ja, ich bekenne, ich bin Pirat, und ganz prinzipiell bin ich auch der Meinung, in der richtigen Partei zu sein. Wenn man als Kreativer allerdings in die Piratenpartei geht, bekommt man erst mal Gegenwind aus den eigenen Reihen. Also nicht den eigenen Parteireihen, sondern dem kreativen Freundeskreis. „Die wollen uns das Urheberrecht nehmen, die kann man doch nicht unterstützen!“

Nun gibt es wirklich einige Piraten, die der Meinung sind, dass man begründet den Urhebern das Recht auf ihre Urheberschaft – auf das Copyright, auf die Nutzungsrechte – nach zehn Jahren abnehmen darf. Bevor ich in den Kommentaren unendlich getrollt werde, erkläre ich, was gemeint ist. Es gibt da die abstruse Meinung, dass es vollkommen ausreichen würde, wenn die Urheber kreativer Werke nach zehn Jahren kein weiteres Recht auf die exklusive Vermarktung ihrer Werke haben.  Wenn ich im Folgenden nicht immer juristisch richtig mit den Begriffen Urheberschaft und Urheberrecht umgehe, liegt das an meiner fehlenden juristischen Kenntnis, aber ich denke, wer verstehen will, was ich schreibe, der wird das problemlos tun.

Das klingt seltsam, ist es auch. Schreibt man also ein Buch, dann darf man zehn Jahre lang versuchen, damit Geld zu verdienen, danach ist es quasi gemeinfrei, jeder kann es nachdrucken und damit viel Geld verdienen. Man fragt sich berechtigt, wieviel die Verlage diesen Piraten für ihre Meinung bezahlt haben, denn natürlich wären die Verwerter, die jetzt schon oft alles versuchen, Urheber zu übervorteilen, die Nutznießer dieser Idee. Ja, man könnte die Inhalte auch frei tauschen. Aber es gibt eben auch Märkte, wo über viele Jahre Geld mit den Werken gemacht werden kann, und dann freuen sich natürlich die Verwerter. Von der Gefahr, dass viele Verlage Bücher ablehnen würden, um sie dann zehn Jahre später aus der Schublade zu holen, ganz zu schweigen. Man könnte als Autor ja nicht mal mehr Manuskripte zu Verlagen schicken, weil es keine Sicherheit gäbe, dass die Bücher nicht nach Ablauf der Schutzzeit doch noch veröffentlicht würden.

Was hier breit verneint wird, ist die Investition, die der Urheber tätigt. Wenn jemand ein Haus baut, dann wird ihm niemand seine Rechte auf dieses Haus absprechen.  Das Haus, das der Urheber baut, ist ein geistiges. Es steckt Arbeit und Leidenschaft hinein. Er steckt viel Zeit hinein, in der er auch anderweitig Geld verdienen könnte. Also muss diese Investition von Zeit, Kraft und Geld auch bei ihm bleiben.

Ich frage mich immer, was die, die am liebsten gar keinen Schutz der Urheberrechte hätten, machen würden, wenn man sie versklaven würde.  Denn darauf läuft es hinaus. Man bemächtigt sich einfach der Arbeitskraft von anderen. Und mit Künstlern ist das auch noch total praktisch: Die lieben was sie tun. Die müssen weitermachen, die können einfach gar nicht anders. (ich versuch das mal so zu erklären: Ich bin schon aus Konzerten rausgegangen, weil ich eine Idee aufschreiben musste, und jeder Schriftsteller, egal, ob er davon leben kann oder nicht, kennt die Situation, dass man am nächsten Morgen früh raus muss, und trotzdem bis drei Uhr an irgendwas arbeitet, was einem gerade einfach keine Ruhe lässt.) So etwas kann man natürlich sehr schön ausnutzen. Das tun eigentlich schon die Verwerter – ja, es gibt auch Verlage die fair sind, reine Verwerterschelte will ich auch nicht ablassen, aber wenn ein landläufiger Autor von einem Taschenbuch für 6,80 Euro nur fünfzig Cent bekommt – hab ich die Tage gelesen –  dann ist das schon verdammt wenig. Und jeder, der sich aus dem Netz alle möglichen Inhalte saugt und dabei kein schlechtes Gewissen hat, der ist eben auch so ein Blutsauger, der es in Ordnung findet, wenn andere umsonst für ihn arbeiten.

Ist auch so eine Sache, wo man sich dann gerade als Mitglied einer Fortschrittspartei wie den Piraten positionieren möchte. Zurück ins Mittelalter, der Künstler muss sich einen Mäzen suchen? Durch die Urheberrechte hat zumindest ein kleiner Teil der Künstler ein unsubventioniertes Auskommen, ist doch auch mal nett.

Aber es muss wirklich eine Reform der Urheberrechte geben, das sehe ich durchaus auch so. Ich seh den Ansatz nur woanders. Zum Beispiel finde ich es in Ordnung, wenn die Urheberschaft mit dem Leben endet. Man spricht vom Tod ja so gern vom Ender aller Dinge. Ich finde auch Erbschaft so eine Sache.  Wer Geld hat, der profitiert gerade bei uns schon durch eine bessere Ausbildung, muss er dann auch noch nach dem Tode der Eltern deren Vermögen erben? Von daher finde ich auch das Nutzen der Urheberrechte durch die Nachkommen – was man heute auf siebzig Jahre nach dem Tod festgeschrieben hat – für überarbeitenswert.

Vor allem finde ich aber ein typisches Piratenargument sehr wichtig: Um die Breite der künstlerischen Möglichkeiten zu fördern, muss es einfacher werden, zu zitieren, Werke anderer zu verarbeiten, quasi zu remixen – aber eben nicht nur in der Musik. In der Kunst geht es ja häufig um die Verarbeitung anderer Werke, anderer Ideen, und das wird teilweise extrem erschwert. Wenn jemand einen Roman liest, den toll findet, und daraus einen Film, ein Theaterstück oder meinetwegen auch ein interaktives Songprojekt machen will, dann soll er das meiner Meinung nach tun dürfen. Einfach so. Natürlich muss er dranschreiben, worauf es basiert und natürlich muss er auch einen Anteil an seinen Einnahmen abgeben, aber man darf es ihm nicht verweigern – denn das behindert ja die freie Kunst, und die finde ich schon sehr wichtig. (Es sollte allerdings die Möglichkeit geben, dass man auf seine Namensnennung verzichtet. Wenn ich mir vorstelle, dass aus einem Kinderstück von mir jemand einen Pornofilm dreht, dann möchte ich nicht mit meinem Namen drunter stehen.)

Das würde auch bedeuten, dass einem Regisseur niemand verbieten könnte, ein spezielles Stück zu spielen, dass Comickünstler aus Filmen und Romanen Graphic Novels machen könnten, dass also Stoffe oft aus ganz anderen Perspektiven beleuchtet werden. Dass da ganz viele Hürden abgebaut würden, und alle Urheber für diese Vorteile natürlich auch die Kröte schlucken müssten, dass sie plötzlich aus Trivialisierungen ihrer Werke Tantiemen bekämen. Aber zwei Medaillen gibt es ja immer. – Ich weiß übrigens dass es hier noch ein weiteres Problem gibt, nämlich die Frage, wie viel man denn abgeben muss. Darauf habe ich auch noch keine ganz genaue Antwort, im Moment denke ich über feste Anteile an den Einnahmen nach – das wäre wohl am fairsten, wäre aber auch oft schwierig nachzuvollziehen.

Vielleicht wäre das auch eine Möglichkeit, mit der man die wirklich unfaire Verhandlungssituation der Künstler gegenüber den Verwertern verbessern könnte. Wenn man feste Anteile vorschreibt – ja, das ist nicht gerade libertär gedacht – dann kann man auch auf alle Exklusivrechte für Verlage verzichten, auf jegliche Form des Buy-Out-Vertrages. Warum soll ein Buch nicht bei drei Verlagen erscheinen, wenn sie es alle drucken wollen? Man müsste ja sogar klar eine Veräußerung von Verarbeitungsrechten ausschließen – das ist einerseits ein Problem, denn der Künstler bekommt dann keine Vorschüsse mehr, andererseits kann man aber auch nicht mit ein paar wenigen Euronen abgespeist werden, wenn der Verlag oder Publisher dann hinterher jede Menge Kohle macht.

Freie Kunst ja, unbedingt, und bitte viel freier, als sie heute ist, aber bitte nicht die Investitionen des Künstlers einfach enteignen – jeder möchte doch die Früchte seiner Arbeit genießen können. Freie Kunst, freie Künstler, freie Piraten, keine Sklavenhändler!