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Alte Schätzchen I – Amadeus

Ich fang hier eine kleine Serie mit alten Rezensionen an, die ich mal freiwillig für media-mania.de geschrieben habe. Einer Seite, die man immer gern besuchen sollte, wenn man gute Rezensionen sucht. Manche Sachen, die ich gerade im Aufbau des Rezensionsportal geschrieben habe, sind ganz gut und ich möchte sie auch den Lesern meines Blogs an die Hand geben.

 

Acht Oscars, eine beeindruckende Zahl, konnte dieser Film einst auf sich vereinigen. Kein Wunder, geht es doch um einen der größten Musiker, vielleicht den größten aller Zeiten. Auf Basis des berühmten Bühnenstückes von Peter Shaffer schrieben Regisseur Milos Forman und Shaffer selbst das Drehbuch. Sie verzichteten auf große Stars und hatten dafür einen großartigen, aber ungewöhnlichen dritten Hauptdarsteller: Mozarts Musik.

Ein alter Mann bezichtigt sich selbst des Mordes an Wolfgang Amadeus Mozart. Er versucht einen Selbstmord, den beherzte Diener des Irrenhauses allerdings abwenden können. Ein Priester wird gerufen, ein junger Mann, der kein bisschen Musik des alten Mannes kennt, der einst als Antonio Salieri in ganz Europa berühmt war, der Hofkompositeur des Kaisers zu Wien. Und dann erzählt Salieri, erzählt von seiner innigen Liebe zur Musik, und von seinem Erschrecken, dass Gott ausgerechnet einen kleinen frivolen Jungen zu einem musikalischen Genie machte und nicht ihn. Mozart kommt nach Wien, feiert Erfolge, und Salieri erkennt in jedem Stück, das er von Mozart hört, dessen überbordende Qualität, erkennt, um wie viel ihm der junge Salzburger überlegen ist. Er sinnt auf Rache.

Nein, „Amadeus“ ist kein klassisches Biopic, kein einfacher Film über einen Komponisten. „Amadeus“ ist ein Film über den Kampf mit Gott, über Gerechtigkeit und über ein Genie. Und obwohl mit Peter Shaffer und Milos Forman hinter der Kamera absolute Stars zugegen sind, spielen eher unbekannte Schauspieler. F. Murray Abraham ist Salieri, lebt Salieri, Tom Hulce ist Mozart, feiert und leidet Mozart. Und diese beiden tragen den gesamten Film, kaum eine weitere Rolle darf wirklich glänzen, es geht immer um die beiden, und das, obwohl sie gar nicht so häufig zusammentreffen. Die letzten Jahre Mozarts werden gezeigt, er starb sehr jung, es sind die Wiener Jahre. Und Prag, auch ein Mitdarsteller, spielt ein unglaublich echt aussehendes und wunderschönes Wien.

Die großartigen Bilder und die genauso großartige Musik steht einer stark überhöhten Geschichte gegenüber. Aus einer Biographie wurde ein Drama voller Tragik, aber auch eine Komödie mit frivolen und fäkalen Anteilen, allerdings nur am Anfang. Und dazwischen immer wieder grandios inszenierte Opernmomente, Bühnenbilder von unglaublicher Qualität, Musik, die unerreicht bleiben muss. Eigentlich bräuchte man ein Kino für diesen Film. Ein Fest für Cineasten, ein Muss, ein grandioser Film, der zum cineastischen Allgemeinwissen gehört.

zauber geflötet

Ach ja, am letzten Donnerstag war ich nicht nur im Schnee unterwegs, sondern auch in der Oper. Naja, nicht wirklich in der Oper, sondern eher in der Aula der Universität zu Köln, in der man nicht ganz so bequem sitzt, wie im Operngestühl – die Oper zieht nun mal im Moment von Ort zu Ort, weil das eigentliche Gebäude ja in diesem Jahr schon renoviert werden sollte – was allerdings noch gar nicht passiert – ja, mer sin in Kölle.
Nun gut, die Zauberflöte stand nun also auf dem Spielplan – und da sind natürlich die unsterblichen Mozartmelodien, die Bravourarie der Königin der Nacht – vor der vermutlich jede Sängerin fürchterliche Angst hat, weil man es im Zweifel ja immer schon mal besser gehört hat – und da sind die witzigen Einlagen des Papageno, die ziemlich verrückte Märchenhandlung – es ist keine Frage, dass man eine Zauberflöte sehen sollte, so man es kann, und wenn man nur die Augen schließt und die Musik genießt.
Das war dann leider in diesem Fall auch so, ja, ich möchte fast sagen, nötig. Nicht nur, weil die Bühne sinnlos nach vorne ausgeweitet war, was bei der relativ geringen Schräge der Ränge dazu führte, dass man mehr Hinterköpfe sah, als die Handlung auf der Bühne, sondern vor allem, weil die Inszenierung von René Zisterer gleichermaßen einfalls-, wie mutlos ist. In seinem Ursprung ist der Text von Schikaneder natürlich für eine so genannte Maschinenkomödie geschrieben – will heißen, in seiner ursprünglichen Form wird es in der Zauberflöte vermutlich eine Unmenge an Bühnentricks, an Spiel mit der Theatermaschine gegeben haben – es gab also jede Menge zu sehen. Zisterer hatte wenig Maschine zur Verfügung, die Aula der Universität gibt da nicht so viel her, aber er entschied sich auch nicht, jetzt den ganz spröden Weg zu gehen, die minimalistische Variante, die, im Verein mit ein wenig Psychologisierung, ja durchaus auch einen gewissen Charme gehabt hätte – nein, René Zisterers Inszenierung bleibt irgendwo dazwischen stecken, es gibt Versatzstücke aus einer klassischen Richtung, anderes modernisiert – und insgesamt gibt es weder Kopf noch Hinterteil.
Die Königin der Nacht – die musikalisch kein Reinfall war, was mir genügt, so schwer wie die Partie nun mal ist, man kombiniere die Dramatik einer Rachearie mit der Leichtigkeit der Koloratur, na herzlichen Glückwunsch – kommt zu ihrem ersten Auftritt in rauschenden Roben, verliert diesen sehr klassischen Anblick dann aber im Stück; die Schlange ist natürlich der übliche Schlauch, in dem drei Menschen versuchen, Tamino so ungefährlich wie möglich zu bedrohen – eine Lachnummer, aber Tamino sang wenigstens schön; und, das absolute Geht Nicht, Monostatos ist ein „Schuhcreme-Neger“, will heißen, da wird ein weißer Darsteller mit brauner Schminke angemalt – ah, sind wir nicht langsam über diese Form des rassistischen Theaters raus? Da haben nur noch die rotgemalten dicken Lippen gefehlt – wie rückwärtsgewandt ist das denn?
Jetzt mal im Ernst, der Monostatos singt davon, dass er so hässlich schwarz ist – das ist heute nicht mehr so richtig politisch korrekt, aber man kann es ja nicht einfach rauslassen – nun gut, aber entweder, man sucht sich dafür einen Sänger, der schon mit der dafür notwendigen Hautfarbe geboren wurde, oder man nimmt den Text von Schikaneder einfach mal ernst, und gibt dem Kerl ein schönes Blauschwarz zur Gesichtsfarbe, oder Dalmatinertupfen, oder ein Schwarz, dass grünlich schimmert – von Braun ist da nicht die Rede, im ganzen Text nicht, da steht schwarz, darf man gern nachlesen – braun ist da allenfalls die Aufführungspraxis.
Und dann der Rest der Kostüme, der bunteste Mix, und alles eher unspannend – Papageno klassisch gefiedert, Papagena dafür im 20er Jahre Kleidchen, die drei Damen mit viel Ausschnitt im kurzen Kleid, ziemlich modern – Sarastro und seine Priester in … ach, kaum zu beschreiben, vielleicht reicht es einfach zu sagen: da passte nichts zusammen, das hatte alles kein Konzept, außer vielleicht eine Art Rumfort – man kennt das, haben Köche noch viele Reste zu verarbeiten, machen sie auch eine Rumfort-Pfanne, liegt rum, muss fort … ach so, fast vergessen, unser Held Tamino kommt im Pullunder da her – so wird er allerdings nicht Pamina erringen, sondern allenfalls einen Platz in einem langweiligen Büro eines Kleinstadtrathauses.
Das Einzige, was an dieser Inszenierung funktioniert, sind die komischen Momente mit Papageno, die sind gut herausgearbeitet. Nun gut, das ist Handwerk, ansonsten funktionieren die Bilder nur selten, und überraschen kann gar nichts – Note? Fünf minus, knapp an der Sechs vorbei. Die Musik musste es herausreißen.
Natürlich überlegt man, wenn man eine so schlechte Inszenierung sieht, wie man es selbst machen würde. Und eine kurze Zeit lang habe ich wirklich gedacht, dem eher spröden Uniambiente entsprechend, könnte man auch die Inszenierung spröde gestalten, minimalistisch, keine Farben, geradezu expressionistisch geschminkte Darsteller – den totalen Kontrast mit der Musik suchen. Das mag auch ein spannendes Konzept für eine Zauberflöte sein, allein, es wäre mir gerade in Bezug auf die Umgebung einfach als zu hart erschienen, das kann ich mir im klassischen Opernsaal interessanter vorstellen. In diesem Saal, der nicht nur viele Vorlesungen gehört hat, sondern in den Nachkriegsjahren auch Ausweichquartier für Oper, Schauspiel und Orchester war, hätte ich auf Farben und Magie gesetzt, nicht das betulich-charmante 50er Jahre-Design, aus dem die Kostüme für Papageno und die Königin der Nacht stammten, sondern zeitlose Eleganz in edlen Farben, sichtbare Magie, Lichteffekte, Feuerwerk – gerade in der nüchternen Aula einer Universität. Die Handlung der Zauberflöte ist nicht gerade tiefsinnig, da kann es nur von Vorteil sein, wenn man mit einiger Theatermagie die Sache aufpeppt. Hach, was für vergebene Chancen …


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