Rezension zu „Die Götter müssen sterben“ von Nora Bendzko

Nora Bendzko gehört zu ein paar Autor*innen, die sich unter dem Banner der „Progressiven Phantastik“ versammeln, einem Begriff, den Fantasy- und Science Fiction-Autor James L. Sullivan ins Spiel gebracht hat und der zu mehr phantastischer Literatur führen soll, die inklusiv und divers ist, die den alten Klischees neue Ideen entgegensetzt.

Unter diesem Vorzeichen ist „Die Götter müssen sterben“ als Verlagsdebut von Nora Bendzko nun natürlich unter Beobachtung. Ist ihr Roman progressiv? Und auch noch gut? Schauen wir doch mal rein:

Wir tauchen richtig tief in die Sagen- und Mythenwelt der griechischen Antike ein. Die Heldinnen der Geschichte heißen Areto, Clete und Penthesilea und wir schauen den Amazonen bei ihrem Kampf gegen griechische Helden und die Götter selbst zu. Der Kampf um Troja, die erste Geschichte, die im europäischen Kulturraum aufgeschrieben wurde, das Fundament der europäischen Erzählkunst. Das Sujet ist auf jeden Fall groß gewählt.

Und das Genre ist Dark Fantasy und das bedeutet für Nora Bendzko eine große Palette von Magie, von Sex, von blutiger Gewalt – nein, dieser Roman ist nicht subtil. In seiner Fülle erinnert der vollmundige Stil an einen Michael Moorcock – ja, ich suche mir meine Beispiele immer im klassischeren Bereich der Phantastik, ich bin alt und kenne halt nichts anderes – , nur dass die durch Blut watenden Helden nicht Elric heißen, sondern Clete oder Penthesilea. Und es ist eine Menge Blut.

Areto hat einiges hinter sich, als wir sie kennenlernen. Als sie mit einer Hetäre im Bett erwischt wird, wird sie an einen älteren Mann verheiratet und von ihm zu ehelichem Verkehr gezwungen. Als die Amazonen Athen überfallen, um ihre Prinzessin Antiope zu retten, nutzt Areto die Gelegenheit, bringt ihren Mann um und geht mit den Amazonen mit.

Im Schutz von Königin Penthesilea und ihrer größten Jägerin Clete zieht Areto dann ihren Sohn Phileas auf, bis wir sie wiedersehen. Inzwischen tobt der Krieg um Troja und die Amazonen sind gespalten, ob sie sich beteiligen sollen. Penthesilea sagt ja, ihre Schwester Hippolyte ist allerdings dagegen – sehr zum Verdruss des Kriegsgottes Ares, der der Vater der beiden Königinnen ist – nun, eigentlich ist er auch ihr Großvater und überhaupt ihr einziger männlicher Vorfahre überhaupt. Bei Göttern gibt es wohl keine Inzuchtsprobleme.

Clete ist gerade zur größten Jägerin gekürt worden, und Areto ist ihre liebste Liebhaberin. Aber erst als Artemis erscheint und Areto auserwählt, ihr Auge zu tragen, werden die beiden ein festes Paar.

Bald führen Verwicklungen dazu, dass die Amazonen gen Troja ziehen. Und Areto und Clete müssen viel weiter. Sie müssen in die Unterwelt, und sie müssen heil daraus zurückkommen.

Nora Bendzko nimmt die blutrünstigen und magiestrotzenden griechischen Mythen ziemlich wörtlich. Lässt Götter in verschiedenen Formen ganz real den Sterblichen erscheinen, Amazonen brennen sich wirklich in Mädchenjahren die rechte Brust weg und es gibt hinter jedem Baum Satyrn, Nymphen und eine Flut von Halbgöttern. So liest sich „Die Götter müssen sterben“ selbst manchmal wie ein moderner Mythos und weniger wie der gewohnte psychologische Roman – und ja, in manchem Dialog fehlt mir persönlich die psychologische und emotionale Tiefe.

Genau hier ist der Unterschied zu einem ebenfalls in seiner Zeit sehr politischen Roman, der sich ebenfalls um diese Zeit dreht. Marion Zimmer Bradley erzählte 1987 in „Die Feuer von Troja“ die Geschichte von Königstochter Kassandra, die bei den Amazonen das Kämpfen lernt. Auch hier – und vermutlich zum ersten Mal – wurde der trojanische Krieg aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Aber während MZB eine realistische moderne Geschichte erzählt, in der es durchaus Magie gibt, aber der Realismus und die innere Physik der Geschichte sehr wichtig sind, feiert Bendzko mit Wucht die Kraft der Mythen. Sie lässt kampfgestählte Amazonen miteinander streiten und prügeln, zeigt sie nicht nur im Kampf, sondern auch im Sex hungrig und sinnlich. Bricht weibliche Rollenklischees auf und zerbröselt sie lächelnd. Und das ohne Figuren zu idealisieren. Da gibt es keine nur guten Charaktere und keine nur bösen – auch wenn ein paar Götter nicht wirklich gut dabei wegkommen. Aber die müssen ja auch sterben.

Ja, hier und da wirkt es so, als ob jede Form der Diversität noch irgendwie mit eingebracht werden muss. Körperliche Behinderungen, nichtbinäre Charaktere – hier „Vielselige“genannt, was auf jeden Fall Klasse hat -, Depression, Missbrauch und sehr vieles mehr, ja, das ist manchmal ein bisschen viel. Aber es ist ein Debüt, es soll natürlich ein großer Wurf sein und es ist so ambitioniert, dass diese Ambition eben auch manchmal aus dem Text herausschaut.

Das gilt auch für die vielen Erzählperspektiven, die sogar die von der Göttin Artemis einschließt. Das kann schon mal verwirren und es braucht ein paar Seiten, so richtig in die Geschichte reinzukommen. Auch ein großer Zeitsprung … – ach, ich bin einfach kein großer Fan von langen Prologen. Andererseits ist es nie eine Qual und es gibt so viel zu entdecken, dass man sich hier und da atemlos umschaut, aber nie gelangweilt.

Bewunderswert, wie Bendzko sich radikal in jeden Aspekt wirft. Kampf, ja klar, aber wenn schon, dann auch mit blutigem Gore und der Hässlichkeit des Krieges, Sex, ja auch, aber dann bitte gleich ziemlich explizit und nie verschämt, Magie und Mythik, jede Menge, und nicht von Regelwerk gebändigt, sondern fast psychedelisch bunt und weltumfassend. So kraftstrotzend, wie ihre Amazonen streiten, schreibt Bendzko, so lebenshungrig und nicht von ihrem Ziel abzubringen. Das ist die Qualität dieses Buches, seine Farbigkeit, die vielen Facetten und die Üppigkeit.

„Die Götter müssen sterben“ ist kein Meisterwerk, aber es ist ein radikales Werk. Eine Kampfansage an die etablierte Phantastik, an vertrocknete Tropes und ewig gleiche Sujets. Wie heißt es in „Amadeus“ von Peter Shaffer, all die alten Götter und Helden klängen so erhaben, „als würden sie Marmor scheißen“. Nora Bendzko schafft es, dieses älteste marmorne Sujet der europäischen Kultur gegen den Strich zu bürsten und mit diverser und feministischer Energie aufzuladen. Wütend wie ihre Amazonen, schreit sie dagegen an, dass so viele Menschen von der Kunst und Literatur vergessen werden, dass diverse Stimmen nicht gehört werden, dass auch in der Literatur – wie so oft in der Gesellschaft – die Macht bei alten weißen Männern liegt. Nicht nur die Götter müssen also sterben – oder sich zumindest schwerverletzt auf den Olymp zurückziehen -, sondern auch die alten weißen Männer der Literatur.

Eine Welt bauen …

Ich schreib hier im Blog ja nicht mehr so oft, seit ich wirklich viel schreibe, und ich habe auch noch nicht so viel übers Schreiben geschrieben – ja, schon ein bisschen was, aber nicht dringend hier im Blog. Aber ich habe gerade eine Kurzgeschichte gebastelt, die ich sogar mag und die ein bisschen Fantasy ist. Low Fantasy, vermutlich, es gibt keine Feuerball-schleudernden Magier und Orks habe ich auch noch nicht gefunden, aber sicherlich Fantasy. Und ich habe – war so eine blöde Idee im Halbschlaf – mir gedacht, ich könnte ja einfach mal erzählen, wie ich die Welt gebaut habe. (Allerdings ohne die Geschichte mit hier in den Blog zu packen, weil ich die noch nicht veröffentlichen möchte.)

Wo habe ich angefangen? Ich hatte eine Geschichte, für die ich eine abgeschirmte Gesellschaft brauchte, eine Gemeinschaft, in der ein Außenseiter hereinkommen kann und in der er auf jeden Fall erst mal mit Distanz betrachtet wird. Das Szenario, dass ich mir dafür vorgenommen habe, war eines, dass ich eigentlich mal irgendwann für ein Pen and Paper verwenden wollte. Es gibt ein Dorf, in das der Prota kommt, in das er aufgenommen wird, aber dieses Dort fährt durch die Gegend.

Dabei denke ich nicht an Mortal Engines (da wusste ich noch nichts von, als ich die Grundidee hatte), mein Dorf ist langsam unterwegs, eine Art Schiff auf Land. Gezogen von „Brechern“. Das sind offenbar große Tiere, oder wie es im Text speziell auch heißt: Großtiere. Ich vermute, das sind eine Art Dinos, ich habe es aber nicht genauer spezifiziert. Die Brecher sind vermutlich Sauropoden, ebenfalls in den Gedanken des Protas auftauchende „Schreier“, sind Raubgroßtiere, vielleicht T-Rexes oder sowas.

Wo sind sie unterwegs? Na, in der Weite. Also auf einer fast unendlichen Prärie. Ja, die ist an der US-amerikanischen Prärie angelehnt, und natürlich gibt es zum Beispiel im Lied von Eis und Feuer auch das gräserne Meer, dass ähnlich funktioniert. In einer solchen Umgebung macht es durchaus ein bisschen Sinn, dass Menschen nur überleben können, wenn sie im Verbund unterwegs sind, und was in der Kurzgeschichte, die ich geschrieben habe, nicht klar wird, was aber im Hintergrund drinsteckt. So ein Dorf muss über ein paar Abwehrwaffen verfügen, die Großtiere davon abhalten kann, mal genüsslich das Dorf zu zertrampeln.

Der Luxus der Kurzgeschichte ist, ich muss nicht über Geologie nachdenken und wie eine solche quasi unendliche Prärie entstanden ist. Ich muss auch nicht darüber nachdenken, wo und welche Grenzen es dann doch gibt. Ja, ich halte mich sogar aus der Frage heraus, woraus das Dorf gemacht ist. (Wo zum F. gibt es in dieser Welt die Wälder, um ganze fahrende Dörfer aus Holz zu bauen? Na, vielleicht besteht es auch Dinoknochen und -haut.)

Mein Prota ist angeheuert, um die Jäger*innen des Dorfes zu unterstützen. Und da er nicht an eine der Familien gebunden ist, ist er ein Alleinmann. Ich kam nämlich irgendwo zwischendurch auf die Idee, dass ich hier einfach mal das Matriarchat ausrufe. Die Frauen sind hier die Familie, Männer verlassen ihre Familien im Erwachsenenalter und sind dann Alleinmänner. Sie können aufgenommen werden, unser Prota ist aber nur angeheuert fürs Gesamtdorf und gehört keiner Familie an. Er stammt auf einem anderen Dorf, hat zwischendurch zu einer Männergruppe gehört, die ohne Dorf unterwegs sind. Und es muss irgendwo Plätze geben, wo sich Dörfer zum Handeln treffen, da starten wir.

Das hat sich alles ganz schlicht entwickelt. Mir war durchaus klar, dass das blöd aussehen kann, wenn ich als Mann über ein Matriarchat schreibe, vor allem, wo ich es nicht als unproblematisch darstelle. Denn ich vermute einfach, wenn die Machtstrukturen andersherum aufgebaut wären, wäre sicherlich vieles anders, aber Machtstrukturen sind nun mal Machtstrukturen, und die sind schlicht nie unproblematisch – ups, jetzt habe ich mich als Anarchist geoutet, verdammt. Also habe ich da durchaus ein bisschen Vorsicht walten lassen, aber mir ist auch klar, dass ich dafür aufs Maul kriegen kann. Nun, wenn dem so ist, dann ist das so. Dafür macht man ja Kunst, damit man aufs Maul kriegt.

Aber ich muss zugeben, ich hatte ein bisschen Spaß dabei, zu zeigen, wie die Männer dieser Welt den Kopf senken, wenn eine Frau zu ihnen spricht. Ich habe es hoffentlich nicht übertrieben.

Mein Prota hat neben dem Alleinmann noch ein Attribut. Er stellt sich als Alleinmann und „Denker“ vor. Er hat eine Tätowierung, die ihn als solchen markiert. Es wird auch klar, dass es nicht viele Männer gibt, die da dazugehören, aber offenbar hat er damit das Recht, die Schriftrollen des Dorfes zu lesen, gehört zu einer Gemeinschaft der Wissenden. Und genau deshalb ist er auch froh, dass er aufgenommen wurde. Ein Mann, der lesen und schreiben kann, ist natürlich für manche Dörfer einfach unbequem, habe ich mir so gedacht. (Na ja, habe ich mir gedacht. ich habe halt einfach geschrieben, ist so passiert.)

Was waren also meine Entscheidungen? Ich hätte mir für die gleiche Geschichte ein Bergdorf aussuchen können, oder einen wilden Stamm im Urwald, das fahrende Dorf war schlicht ein Ding, dass es noch nicht soo oft gibt, und ich mochte es, die Welt mit den riesigen Tieren anzudeuten, ohne mich dann wirklich darum zu kümmern. Klar, in einer längeren Geschichte müsste man das ausarbeiten, aber es ist ja nur eine Kurzgeschichte, die zufällig in diesem Universum angesiedelt ist, das ich vermutlich nie wieder anfassen werde.

Und das Matriarchat? Das passte sehr gut in die Geschichte, und ja, ich mag es, Dinge auf den Kopf zu stellen. Da kommt aber noch eine Sache zu: Ich wollte von vornherein die Kurzgeschichte in der Phantastik ansiedeln. Und wenn ich schon mal da bin, dann ist es naheliegend, dass ich nicht zu konventionell schreibe.

Was steckt hinter den Denkern? Wie funktioniert die Ökonomie der Weite? Sind Brecher und Schreier wirklich Dinos? Keine Ahnung. Das finde ich den Vorteil der Kurzgeschichte, mein Weltenbau ist dahingeworfen, aber mehr brauche ich hier auch nicht. Wäre es spannend, die Welt weiter auszubauen? Geht so. Mein Problem mit meinem eigenen Weltenbau ist immer, dass er mir nicht originell genug ist, nicht spannend genug, dass ich mich da tiefer rein begeben möchte.

Gibt es ein tiefergehendes Fazit? Nein, leider nicht. Irgendwann werde ich von hier aus zur Kurzgeschichte verlinken. Aber die ist noch nicht fertig.

Die Kultur des Abbrechens

Habe heute morgen einen Kommentar gelesen, in dem behauptet wurde, es sei in der Welt der Bücher die ominöse Cancel Culture eingetroffen, die nun vor allem ältere Autor*innen dazu brächte, Haare raufend danach zu suchen, was sie denn wohl noch so schreiben können. Vermutlich nur eine neue Art zu sagen, O Tempora o Mores, oder? Oder vielleicht noch mehr? Ein Nachhaken nach ihrer Deutungshoheit, zum Beispiel?

Kurz mal eine Sache klar machen. „Cancel Culture“ ist ein rechter Kampfbegriff mit ungefähr so viel intellektueller Substanz wie der Hufeisen-Theorie und dem „großen Austausch“. Es ist schlicht Quatsch, und auch noch gefährlicher Quatsch. Eben ein rechter Kampfbegriff. Die Idee, die vermittelt werden soll, ist, dass es linke oder grüne oder queere Sprachpolizist*innen gäbe, die jedem vorschrieben, wie zu schreiben sei. Dass es heute nicht mehr möglich sei, ganz normale Dinge zu sagen, ohne dafür gecancelt zu werden. Also quasi zum Schweigen gebracht. Und das ist natürlich ein Ding, das immer von links ausgeht, und andersherum passiert das überhaupt nicht. So die Behauptung.

An dieser Stelle sollte es eigentlich reichen, wenn ich sage: so, jetzt schaut euch um, was passiert wirklich? Und damit ist es dann gegessen, denn wir wissen alle, dass das Unsinn ist. Aber gut, ich fange ganz schnell mit der deutschen Medienszene an:

– eine antidemokratische untergründige Vereinigung von Schauspieler*innen macht eine Videoserie namens … ich habe das schon wieder vergessen. Auf jeden Fall war Jan Josef Liefers deshalb nicht gecancelt, er war in einem Dutzend Talkshows. Und wofür? Dafür, dass er Panik geschürt hat, Dass er Impfgegnern und den rechtsradikalen Querdenkern das Wort geredet hat. Zwei seiner Kollegen – ich habe nicht viel davon gesehen, aber die zwei halt zufällig schon – haben superironisch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, Kinder zu schlagen. So ironisch, dass man die Ironie nicht mehr bemerkt. Gute Schauspieler und so. Tausende Kinder werden zu spüren bekommen, dass da kluge Leute in einem schicken Loft über so was reden. Ironie versendet sich. Wäre Cancel Culture ein Ding, dann wären jetzt 53 Karrieren ein für alle Mal zu Ende. Wir werden sehen.

– ein junger Comedian hat den Künstlernamen Chris Tall gewählt, damit er seine Shows damit eröffnen kann, dass er so was sagt wie „Heute machen wir hier richtig Chris Tall-Nacht“ – und er sagt so was wirklich! Was macht er so für Witze? Hauptsächlich rassistische, ableistische und er liebt Bodyshaming. Der perfekte Comedian für die AfD-Weihnachtsfeier. Ist der gecancelt worden? Warum muss man ihn denn dann auf jedem Sender ständig sehen?

– es gäbe noch eine Menge weiterer Beispiele. Gottschalk redet rassistischen Müll, Nuhr tritt ständig nach unten, agiert wissenschaftsfeindlich – the list goes on and on.

So, jetzt genug davon, wir wissen alle, dass es Cancel Culture nicht gibt, also, zumindest nicht von links.

So, und jetzt schauen wir mal in den Literaturbetrieb. In diese shiny Welt der deutschen Literatur. Oder auch der Belletristik, wie auch immer. Und jetzt zählen alle mal die Autorinnen auf, die sie im Deutschunterricht gelesen haben. Oh, das war eine kurze Auflistung. Türkische Autor*innen? Schwarze Autor*innen? Wie viele Bücher über offen homosexuelle Beziehungen? Helden mit körperlicher oder geistiger Behinderung? Trans Männer und Frauen, egal ob als Figuren oder Autor*innen? Und wie viel davon wird verlegt? Schaut doch mal bei Thalia oder wo auch immer vorbei, wie viel solche Literatur in den Auslagen liegt. (Na ja, oder wartet halt ab, bis mehr Leute geimpft sind, und ihr wieder in Buchläden gehen könnt.)

Da funktioniert Cancel Culture nämlich. In der Literatur, wie in jedem anderen Medium.

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Nicht nur auf der Straße meint man, nicht kritisiert werden zu wollen, wenn man Meinungsfreiheit verlangt, von der es eine ganze Menge gibt. Speziell für Rassisten und Nazis. Genau das gleiche passiert auch in den Medien oder im künstlerischen Betrieb. Nein, vielleicht wird heute niemand mehr dafür gefeiert, dass er eine Vergewaltigung im Schlaf glorifiziert – nun, im NRW-Abitur müssen es aber immer noch alle Schüler*innen lesen -, vielleicht wäre Lolita auch heute nicht mehr so einfach durch ein Lektorat zu bekommen. Egal, was für feine Prosa du schreibst. Ich hoffe, es würde auch keine Filmförderung mehr einem neuen „Jud Süß“ Geld zuschießen. Wir sind in manchen Dingen halt doch ein bisschen reifer geworden. Oder zumindest hofft man das immer.

Zu allen Zeiten aber hat sich die Kunst der Kritik stellen müssen. Das gilt auch für die Literatur. Und wenn ich heute weiße, heteronormative und patriarchale Literatur schreibe, dann werde ich das vermutlich immer noch ohne Probleme veröffentlicht bekommen, wenn ich gut genug schreibe. Da ist nichts gecancelt. Aber eventuell werde ich dafür kritisiert. Und wenn ich melodramatisch über Marginalisierte schriebe, ihr Anderssein postuliere, ohne auch nur einen Hauch von Empathie aufzubringen, ja selbst, wenn ich aus Nachlässigkeit rassistische Dinge schreibe, dann werde ich dafür nicht gecancelt werden, aber ich werde kritisiert werden. Und ja, vielleicht werden der Kritik Menschen zuhören, die nicht im letzten Jahrtausend hängen geblieben sind und vielleicht werde ich wirklich nicht so viel verkaufen. So what? Geschmäcker ändern sich glücklicherweise. Und Kritik gehört dazu.

Aber vielleicht geht es ja auch anders. Vielleicht schreibe ich einfach mal ein paar selbstverständlich diverse Charaktere in mein Buch rein. Vielleicht denke ich mal out of the box und stelle Frauen in den Mittelpunkt, oder queere Menschen? Vielleicht lasse ich dicke oder schwarzhaarige Menschen nicht als lustige Nebencharaktere mitlaufen, sondern nehme sie genauso ernst, wie alle anderen Charaktere auch. Ach ja, ich kann auch mal schauen, wie es ist, arm zu sein, und was daraus resultiert. Einfach mal out of the box. Das einzige Problem dabei könnte sein, dass ihr dafür von den Verlagen und der Branche gecancelt werdet. Passiert häufiger, als man glaubt.

Didaktik running wild

Obiges Bild habe ich mal fröhlich aus Twitter geklaut, sry an den Urheber.

Ich habe das auf Twitter ziemlich rüde kommentiert. Aber schauen wir mal kurz, was da passiert ist. Für den Laien ist das erstmal völlig unverständlich. 5*4 ist doch 20? Was ist denn jetzt daran falsch? Nun, das Lehrende hatte folgendes vor: Da sind vier Hände, sie haben jeweils fünf Finger (nein, eigentlich jeweils vier Finger und zwei Daumen, aber das Fass wollte ich gar nicht aufmachen), also rechnet man vier mal fünf Finger, und das soll dann auch so da stehen. Damit das Kind – wir sind hier in der Grundschule, so zweite Klasse? – sich einen Begriff von der Multiplikation machen kann. Darunter gibt es dann die Additionsaufgabe, die quasi die Multiplikation auseinandernimmt.

Nun sieht das Lehrende es also als falsch an, dass da 5*4 steht. Etwas, was von vielen Pädagog*innen auch vehement verteidigt wurde. Denn es sei ja wichtig, dass die Kinder die Struktur der Multiplikation verstehen würden. Und das ginge ja nur, wenn sie den Zusammenhang zwischen den vier Händen und den fünf Fingern in genau der Reihenfolge schreiben würden. Und hier möchte ich jetzt, hoffentlich unemotional – es geht ja um Mathematik, die weltgewordene Logik – widersprechen. Ich halte das „f“ hinter der Multiplikation für kontraproduktiv und mir zeigt das nur, dass das Lehrende einiges nicht verstanden hat – nicht unbedingt über Mathematik, aber auch.

Erstens sagt der Mathematiker in mir: Das „F“ ist furchtbar, weil es falsch ist. Ich kann nicht an eine richtige Rechnung dran schreiben, dass sie falsch ist. Hierzu kommt der Pädagoge, der sagt: Na ja, so richtig sinnvoll ist das ja nicht, dass man einem Kind einprägt, dass 5*4 nicht 20 ist. Aber schön, dass wir drüber geredet haben. Ein Häkchen und trotzdem die Korrektur über der Aufgabe wäre in jedem Fall die bessere Wahl gewesen.

Zweitens zeigt die Addition, dass das Kind die Aufgabe exakt richtig verstanden hat. Es sind vier Fünfen, die da addiert werden, oder? Das Kind hat also verstanden: Vier Hände, fünf Finger. Warum hat es denn jetzt trotzdem die Zahlen andersherum multipliziert? Da kann es sehr viele Gründe für geben. Zum Beispiel, dass es einen einfachen Zahlendreher gemacht hat, aus dem gleichen Grund, aus dem manche Menschen 57 schreiben, wenn sie 75 meinen. Aber viel wahrscheinlicher finde ich, dass es hier zuerst nach der Ausprägung geschaut hat: Aha, da sind fünf Finger, und die an vier Händen. Also 5*4. Das kann nicht sein? Haha, doch! Wir rechnen nämlich alle anders. Und das auch noch je nach Tagesform. Die Idee, dass wir Gruppen von je fünf Fingern erkennen und diese mit vier multiplizieren, mag naheliegend sein. Aber je nach mathematischer Entwicklung kommen Menschen auf sehr verschiedene Weise auf Lösungen. (Hier sind vielleicht nur aus einer Bequemlichkeit vier linke Hände abgebildet, aber vielleicht auch – und der Gedanke wäre nicht übel – weil bei abwechselnden linken und rechten Händen garantiert ein kleiner Prozentsatz der Kinder auf die Multiplikation 2*10 käme, und vielleicht auch auf 10*2. Aber die wären natürlich auch beide richtig.)

Drittens haben wir ein ganz grundsätzliches Problem, wenn Didaktik nur auf Konformismus abzielt und nicht auf Verständnis. Wie oben ausgeführt, das Kind hat offensichtlich verstanden, was es verstehen soll, die zweite Zeile zeigt das. (Auch wenn eine zweite Zeile 4+4+4+4+4 kein „f“ verdienen würde. Ja, es mag weit hergeholt wirken, aber ja, es gibt Gehirne, die bei dem Bild der vier Hände andersherum zählen: Vier Daumen, vier Zeigefinger usw. Diese Kinder dafür bestrafen, dass sie auf ihre Weise richtig rechnen wäre auch sinnfrei.) Das „f“ hier hat also nur einen Sinn, nämlich Konformismus zu erzwingen. Und das ist in gewisser Weise verständlich. Denn natürlich ist es für alle Lehrenden einfacher, wenn die Lernenden brav das tun, was man ihnen sagt. Aber bei Bildung geht es nicht um die Bequemlichkeit der Lehrenden, sondern darum, den Lernenden grundlegende Fähigkeiten nahezubringen. Altmodisch hätte man Ertüchtigung gesagt, aber das Wort hat seltsame Konnotationen. Bildung für die Lernenden ermöglichen? Und Konformismus darf nice ein Bildungsziel sein, in keinem Fach, und in der Mathematik ist das auch noch fachimmanent.

Denn viertens gibt es ein paar wichtige Dinge in der Mathematik, die mit dem „f“ nicht vereinbar sind. Mathematik ist kein Einstudieren von regelhaften Abläufen, sondern kreatives Problemlösen. Das wusstet ihr nicht? Nun, daran erkennt ihr, wie schlecht euer Matheunterricht war. Und es gibt einen Grundsatz in der Mathematik, dass jeder nachvollziehbare und allgemein richtige Lösungsweg, der zu einem richtigen Ergebnis führt, mit jedem anderen solchen gleichwertig ist. Für die unter euch, die sich an die Mathematik der Mittelstufe zurückerinnern wollen: Habe ich in einem rechtwinkligen Dreieck eine Seite und einen zusätzlichen Winkel gegeben, sagen wir a und α (mit dem rechten Winkel bei C), dann kann ich mir aussuchen, ob ich zuerst mit dem Tangens b oder mit dem Sinus c ausrechnen will, vielleicht will ich auch lieber erst mit dem Innenwinkelsummensatz ß ausrechnen und dann c über den Cosinus von ß. Und habe ich zwei Seiten, will ich dann noch mal trigonometrisch vorgehen, oder nutze ich einfach den Pythagoras für die dritte Seite? Es ist schlicht egal, womit ich löse. Das interessiert niemanden, so lange meine Methode immer anwendbar ist. (Sonst könnte glückliches Raten auch eine Methode sein, ich möchte das nicht propagieren) Viele Schüler sind heute an der Stelle leicht überlastet, wenn es um die Trigonometrie geht. Sie kommen kaum gedanklich damit klar, dass es diverse Wege zum gleichen Ziel gibt. Die Vorstellung, dass es später in der Vektorrechnung unendliche viele Möglichkeiten gibt, die gleiche Gerade durch Vektoren darzustellen sprengt ihnen dann glatt das Hirn. Warum? Weil sie von klein auf gelernt haben, dass es nur einen Weg gibt. Dass Mathematik etwas konformistisches ist.

Und hier merkt man, dass eine sicherlich gut gemeinte Didaktik, die darauf aus ist, den Lernenden die Strukturen der Grundrechenarten begreifbar zu machen, eher dazu führt, dass den eigentlich lernbegierigen jungen Köpfen durch Konformismus die Mathematik verleidet wird. Das gehört zu den Auswüchsen der Didaktik, die den Lernenden alles vereinfachen will. Vereinfachung ist aber kein Vorteil. Gehe ich ins Fitnessstudio und stelle alle Geräte auf zehn Prozent der Gewichte, mit denen ich sonst trainiere, werden die Trainingseffekte nicht nur gering sein, ich werde auch wenig Spaß am Training haben.

Von der Eigenverantwortung

Ja, ein Hohelied der Eigenverantwortung ich singen will! Was ist sie für ein wunderbares Werkzeug dabei, Kindern dabei zu helfen, mit der Welt klar zu kommen. Kleine Kinder fordern das ein: „Ich will selbst!“ Und das ist wirklich wichtig. Gebt Kindern mehr Verantwortung für sich selbst, vertraut ihnen und kommuniziert dieses Vertrauen auch – bitte nicht per Kontrollanrufen a la „Ich wollte dir nur sagen, wie sehr ich dir vertraue, mein Kind!“ Kinder durchschauen den Bluff.

Aber was den meisten Eltern vermutlich klar ist, es gibt Grenzen der Selbstverantwortung und man sollte sie in kleinen Schritten einüben. Natürlich könnte man einem Kind das gesamte Taschengeld eines Jahres in die Hand drücken und ihm sagen: „Bitte, dein Taschengeld, heute in einem Jahr gibt es das nächste.“ Und es gäbe, je nachdem wie gut das eingeübt ist, schon Zwölfjährige, die damit umgehen könnten. Aber die meisten Sechzehnjährigen hätten noch Schwierigkeiten – ja verdammt, es könnte für viele Erwachsene ein echtes Problem sein, wenn sie auf solche Art ihr Einkommen bekämen. Gebe ich einer unvorbereiteten Achtjährigen ihr Jahrestaschengeld, mache ich damit ziemlich sicher nur einen Ramsch- oder Süßigkeitenhändler sehr glücklich und das Kind sehr unglücklich.

Die Grenze der Eigenverantwortung ist nämlich da, wo das Kind selbst überschauen kann, was es tut. Sag einem Sechsjährigen, das mit dem eigenen Meerschweinchen geht in Ordnung, wenn er sich drum kümmert, so ist jedes „Ja klar!“ ziemlich wertlos. Der Sechsjährige schaut halt nicht weiter als bis nächsten Samstag. Der Samstag in anderthalb Jahren, an dem das Vieh immer noch was zu fressen braucht und neue Streu, der existiert einfach nicht.

Also kurz und gut: Eigenverantwortung ist überall da gut, wo ein Mensch überschauen kann, was es bewirkt.

Aber es gibt auch Dinge, bei denen Eigenverantwortung nicht wirklich funktioniert. Das sind meistens Dinge, bei denen es um Konsequenzen geht, die man nicht selbst zu tragen hat. Oder Dinge, deren Probleme sie nicht aus eigener Anschauung verstehen können.

In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es aus heutiger Sicht unfassbar viele Verkehrstote. Mehr als das fünffache der heutigen Zahlen. Das hat ganz sicher mit der Technik zu tun. Kein Sicherheitsgurt, von Airbags ganz zu schweigen, passive Sicherheit war noch nicht so richtig erfunden. Daneben wurden aber Geschwindigkeitsbegrenzungen innerorts erst 1957, die außerorts Anfang der 70er eingeführt. Die Gurtpflicht Anfang der 80er.

Das hat alles sehr viel geholfen. Und warum? Weil Menschen für Risiken blind sind. Und weil sie die Risiken des Autofahrens meistens erst verstehen, wenn es zu spät ist, weil schon etwas passiert ist. Selbst gefährliche Situationen geben so lange sogar den Reiz ab, so lange man jedes Mal unbeschadet überlebt. Fragt mal Extremsportler.

Letztere gefährden sich aber hauptsächlich selbst, und da kommt die zweite Komponente ins Spiel. Geschwindigkeit musste gedrosselt werden, weil meistens nicht nur der Raser stirbt. Übrigens sind über dreitausend Tote in einem durchschnittlichen Jahr immer noch ein Grund, über die Sicherheit im Straßenverkehr nachzudenken. Und vermutlich gäbe es jedes Jahr eine signifikant niedrigere Zahl von Verkehrstoten, wenn man die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 120 Stundenkilometer beschränken würde. Aber ich schweife ab.

Es gibt Dinge, da macht Eigenverantwortung schlicht keinen Sinn. Wenn das Kind einen giftigen Pilz in der Hand hat und da reinbeißen will, sag ich nicht: „Lass das mal, das ist keine gute Idee, aber letztlich ist es deine eigene Verantwortung!“ Stattdessen verhindere ich, notfalls auch mit Zwang, dass es happa happa macht.

Und politisch ist es die gleiche Geschichte. sprechen wir kurz über den Dickhäuter, der den Raum einnimmt:

In einer Pandemie funktioniert Eigenverantwortung nicht. Erstens, weil es wissenschaftsferne Menschen gibt, die Yotube und Telegram glauben, aber niemandem, der Ahnung hat. Auch diese Menschen haben ein Recht darauf, dass man ihr Leben rettet. Selbst wenn sie mit dem Giftpilz da stehen und happa happa machen wollen. Die muss man auch dazu zwingen, eine Maske zu tragen, sich impfen zu lassen und auf Partys zu verzichten. Zu ihrem Schutz und zum Schutz der Gesellschaft.

Zweitens gibt es Menschen, und da gehören sehr viele von uns zu, die die Gefahren nicht überschauen können. Seien wir ehrlich, wie gut verstehen wir die Ansteckungswege? Wie oft denken wir, wir hätten die Masken richtig aufgesetzt, uns an alles gehalten und Hygieneprofis machen uns die Augen auf? Und wie sehr verstehen wir die Wahrscheinlichkeitsrechnung und das exponentielle Wachstum der Chance der Ansteckung mit jedem Kontakt mehr den wir haben? (letzteres kann ich gerne erklären) – Wir sind also fast alle absolute Laien. Wir können es nicht wirklich selbst verstehen. Und deswegen braucht es Experten, die uns sagen, was wir machen müssen, und eine Politik, die das klar und manchmal auch schmerzhaft durchsetzt.

Und drittens gibt es die Menschen, denen andere schlicht egal sind. Zum Beispiel jeder Unternehmer, der seine Mitarbeitenden in Werkshallen und Büros zusammen kommen lässt, dabei keine Luftfilter verbaut hat, nicht auf Maskenpflicht pocht und Tests verweigert. Und natürlich Homeoffice nicht ermöglicht, wenn es eigentlich geht. Ach ja, das gleiche gilt für Verantwortliche für Schulen und Kitas. Aber das Wort Politikversagen ist ja für diese Menschen wie geschaffen.

Eigenverantwortung ist toll, funktioniert aber bei einer Pandemie nicht. Und auch wenn ich manchmal denke – jo, da gibt es wieder einen großen Ausbruch in einer fanatischen Sekte, sind ja selbst schuld – dann reflektiere ich das kurz und hau mir selbst auf die Finger. Denn auch dort gibt es Kinder und Abhängige, die nicht einfach gehen können und die nicht selbst schuld sind, sondern geschützt werden müssen. Und ganz nebenbei, diese Menschen können offenbar nicht rational mit der Situation umgehen.

Ein anderer Punkt, an dem Eigenverantwortung keinen Sinn macht, ist alles, was mit Umwelt und Klima zu tun hat. Hier ein kurzer Blick in die Geschichte.

Ich wohne in einem prinzipiell waldreichen Gebiet, man bekommt hier sehr lebendig mit, wie wenig Eigenverantwortung funktioniert. Hier in der Gegend sah man noch vor zwanzig Jahren kaum Landschaft, weil alles mit hohen dunklen Fichten vollgestellt waren. Ich habe schon vor dreißig Jahren in der Schule gelenrt, dass Fichten hier eigentlich nicht hingehören, dass sie den Boden versauern, und für höhere Temperaturen nicht geeignet sind. Außerdem sind sie Flachwurzler und kippen in Stürmen schneller um. Ach ja, und schon in den 80er Jahren gab es große Probleme mit Borkenkäfern.

Seit über dreißig Jahren haben alle, die da was von verstanden, gesagt, wir müssen die Fichtenwälder so schnell wie möglich in Mischwälder umbauen. Seit spätestens vor ungefähr zwanzig Jahren wussten wir alle, dass sich das Klima erhitzt, und Fichten eine noch miesere Idee waren, als vorher.

In den 2010ern kamen dann Stürme, die riesige Schneisen in die hiesigen Fichten schlugen. Ganze Parzellen verwandelten sich in Mikadospiele. Kranke Bäume, die ein übler Orkan erwischt hat. Und natürlich wurden an vielen Stellen diese Parzellen wieder mit Fichten aufgeforstet. Weil man hat nicht lernt und Fichten den schnellsten Gewinn erwarten lassen.

Und dann kam vor gerade mal zwei Jahren der Borkenkäfer und heute gibt es keine nennenswerten Fichtenparzellen mehr. Das trockene Jahr 2018 und die nicht viel feuchteren Jahre 19 und 20 haben dazu geführt, dass die hiesigen Wälder – oder genauer Holzplantagen – verstorben sind. und das nicht nur so ein bisschen. wenn noch fünf Prozent der Fichten da sind, die hier vor fünf Jahren standen, dann würde mich das wundern. (Also noch da sind und noch Nadeln haben, es stehen eine Menge Skelette herum)

Die Waldbesitzer haben also dreißig Jahre lang nicht reagiert und sich nicht darum gekümmert, ihre Parzellen umzubauen. Sie haben sogar auf die Orkane noch vielfach völlig unsinnig reagiert. Das ist es, was bei Eigenverantwortung heraus kommt. Und wenn ich eh schon so eine lange Geschichte erzähle, kann ich nicht vergessen, dass ein Sprecher der hiesigen Waldbauern letztens in einem Brief an die Zeitung (oder einem Interview?) sich darüber echauffierte, dass es zwar Zuschüsse vom Staat fürs Aufforsten gäbe, die aber zurückgezahlt werden müssten, wenn man nicht die Bäume setzen würde, die der Staat vorgibt. Die Waldbauern haben viel Geld aufgrund ihrer völligen Untätigkeit verloren, aufgrund ihrer Unverantwortlichkeit. Und jetzt ist die Gesellschaft so freundlich, ihnen nicht den Grundbesitz zu enteignen, wie es aufgrund der Unverantwortlichkeit absolut sinnvoll wäre, sondern knüpft nur eine Bedingung an Hilfen, die die Waldbauern definitiv nicht verdient haben. Und dann heult man noch rum, weil man mit dem geschenkten Geld nicht machen kann, was man will.

Hier sieht man wunderbar, dass Eigenverantwortung immer dann völlig nutzlos ist, wo auf der anderen Seite die Gier steht. Wir brauchen übrigens alle ganz dringend mehr Wald. Jeder Baum, der gesetzt wird, ist jetzt wichtig. Das ist eine Mammutaufgabe, die wir keinesfalls den döseligen Waldbesitzern überlassen dürfen.

Klima schützen geht nicht mit Eigenverantwortung. Niemand sieht nämlich, was er mit seinem Verhalten anrichtet. Und das ist ein erster wichtiger Punkt. Zweitens geht es darum, was mit den Menschen der Zukunft ist. Und auch wenn ich vermute, dass die meisten Menschen ihren Kindern Enkeln und sonstigen Nachkommen prinzipiell das Beste wünschen, so sind Konsequenzen, die mich schon allein aus Altersgründen nicht betreffen, jetzt nicht so nah an meinem Leben. Und die Probleme werden natürlich zuerst in den eh schon armen Ländern größer sein, warum sollte man sie hier darum kümmern? Und ich kann allein doch eh nichts ändern mit meinem Verhalten, oder? Genau deswegen hilft Eigenverantwortung nichts, man macht allenfalls Menschen ein schlechtes Gewissen, weil sie kaum eine Chance haben, sich so zu verhalten, dass sie nicht zur Klimaerhitzung beitragen.

Die Menschen der dritten Kategorie, die Menschen, die den größten CO2-Abdruck haben und sich eh nicht um andere Menschen kümmern, kurz die Reichen, haben eh keinen Grund, ihren Verbrauch einzuschränken. Und ein Gewissen haben die auch nicht. Sonst wären sie ja nicht so reich.

Ja, es gibt auch in der Politik Bereiche, in denen Eigenverantwortung eine sinnvolle Sache ist. Eine Drogenpolitik zum Beispiel, die auf Information und Eigenverantwortung basiert, würde durchaus Sinn machen. Und eine empowernde Politik in Sachen Sexwork, die Sexworker*innen schützt und sie ihren Beruf eigenverantwortlich ausüben lässt, das klingt nach einer ganz guten Idee.

Aber Macht und Geld funktioniert nie eigenverantwortlich, da muss kontrolliert werden. Und in Eigenverantwortung zerstören wir die Lebensbereiche unserer Nachfahren, und in Eigenverantwortung bringen wir jede Menge Menschen um. Da braucht es keine Eigenverantwortung mehr, da braucht es verantwortliche Politik.