Im Großen wie im Kleinen – Klima und Fluten

Seit gut vierzig Jahren kündigen Wissenschaftler sehr ernsthaft an, dass wir in Sachen Klima mehr als nur Probleme bekommen, wenn wir nichts tun. Seit Jahrzehnten fordern Umweltschützer und Progressive, dass nun endlich mal was gegen die Klimaerhitzung gemacht werden muss, weil wir sonst schlicht gesprochen am Arsch sind.

Und wenn dann so eine kleine Flutkatastrophe passiert, wie wir sie gerade in NRW und Rheinlandpfalz erlebt haben, wie sie gerade auch die Alpen und die sächsische Schweiz trifft, dann können wir sehen, wie die Politik im Kleinen genauso unfähig hinter der Katastrophe herläuft, wie sie es im Großen bei der Klimaerhitzung schon lange tut.

Disclaimer: Wenn ich von der Katastrophe gerade als „klein“ spreche, dann will ich damit keinesfalls kleinreden, was sie für die Betroffenen bedeutet. Mein Beilied ist denen sicher, die Angehörige verloren haben und ich will mir gar nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn das eigene Haus weggeschwemmt wird. Das „klein“ bezieht sich auf den Unterschied zur Klimaerhitzung, die eine Katastrophe auf nicht abzusehende Zeit und von globalem Ausmaß ist.

Ab dem 10. Juli wurde nun also sehr ernsthaft vor den Regenfällen gewarnt, die da am 14. kommen sollten. Und die Meteorologen haben das sehr klar gesagt: Da kommt extrem viel Wasser runter, das wird eine gefährliche Nummer, da herrscht Lebensgefahr. Am 10.! Es waren also vier Tage Vorlauf. Genug Zeit, in der eine funktionierende Verwaltung hätte sagen können: Okay, welche Bundesländer sind vermutlich am Stärksten betroffen? NRW, RLP und Vielleicht Baden-Würtemberg. Nun, dann bilden wir doch schnellstmöglich einen länderübergreifenden Krisenstab, bereiten vorsichtshalber in allen Regionen, die potentiell betroffen sein könnten, Evakuierungsmöglichkeiten vor, bitten Nachbarbundesländer um eine Einsatzreserve und geben den eigenen Kräften höchste Alarmbereitschaft. Am Tag des vorher bekannten Unglücks sind wir dann gut vorbereitet, ab 80 Liter pro Quadratmeter wird die Bevölkerung in besonders gefährdeten Gebieten aufgefordert, sich wenn möglich in andere Gebiete zu begeben, ab 150 wird großflächig evakuiert. Vielleicht wird es nicht so schlimm, aber in sichere Bereiche Evakuierte ertrinken halt viel seltener.

Die Realität? Es gab am 14. noch nicht mal landesweite Krisenstäbe. Man hat einfach die Gemeinden allein gelassen, man hat sie absaufen lassen und das wörtlich. Ein bis zwei Tage später fuhren riesige Konvois von Einsatzfahrzeugen über die Autobahnen, warum waren die nicht schon am 14. unterwegs? Man hat sehenden Auges die Katastrophe auf sich zukommen lassen, hat es der Bevölkerung nur halbherzig kommuniziert und hat nichts dagegen getan. Dann, als schon zig Leute ertrunken oder in zerstörten Häusern umgekommen waren, war der Schrecken groß und man hat letztlich nur noch versucht, zu retten, was noch zu retten ist.

Ach ja, vorher hat man den Katastrophenschutz in Grund und Boden gespart – was auch bei einer Pandemie, die inzwischen ja auch niemand mehr ernst nimmt, auch schon ein Problem war. Wir hatten so lange einen funktioneirenden Katastrophenschutz, wie wir Angst vor der Sowjetunion hatten, tja, und danach gab es ja keine Katastrophen mehr, richtig?

So wiederholt sich dann, was im Großen so brutal an die Wand gefahren wurde. (Übrigens von der gesamten Politik, da haben SPD, FDP und Grüne auch kräftig dran mitgebaut.) Wir wissen seit vierzig Jahren, dass wir unsere Emissionen radikal herunterfahren müssen. Es ist aber schlicht nicht passiert. Es war noch nicht mal irgendwo ein echter politischer Wille spürbar.

Dass die Politik dann die immer häufiger werdenden Extremwetterereignisse nicht ernst nehmen und die Bevölkerung nicht vor den Katastrophen schützen, ist dann auch nur folgerichtig.

Wenn man sich übrigens die Kommunikation von NRW-Trump Armin Laschet anschaut, sieht man auch, dass er genauso weiter machen wird. Er spricht von einem „Jahrhunderthochwasser“. Meine Fresse, ich bin jetzt Mitte Vierzig, ich habe mindestens schon acht bis zehn Jahrhunderthochwasser miterlebt. Und nebenbei noch ein paar Jahrhundertsommer und -dürren. Wenn man die Vorsilbe aber vor eine Katastrophe packt, ist damit gemeint: So etwas kommt nur einmal in einem Jahrhundert vor, sonst macht das keinen Sinn. Laschet sagt damit: Ja, das war jetzt Pech, einen Zusammenhang mit der Klimaerhitzung sehe ich gar nicht erst und mit mir wird es auch keine bessere Klimapolitik geben. Und er lügt natürlich auch frech, wenn er davon spricht: „Als noch die Sonne schien, und niemand erahnte, dass etwas passieren konnte…“ – Die Landesregierung war gewarnt. Sie hat halt nur nicht gehandelt. Katastrophenschutz obliegt den Kreisen und Gemeinden, die seit Jahrzehnten von Ländern und Bund in Sachen Finanzierung missbraucht und ausgesaugt wurden. Da ist man ja wirklich schnell und gut raus aus der Verantwortung. Tja, warum haben die Kommunen halt nicht gehandelt? Weil sie es finanziell nicht können und weil so katastrophale Regenmengen wie am 14. ja auch gar keine lokale Sache ist, sondern zumindest eine regionale. Wenn es halt nur Politiker*innen gäbe, die dafür die Verantwortung hätten, was?

Wir gehen sehenden Auges in die Katastrophe. Mit einem Weiter so wird nichts besser. Wir brauchen jetzt Tatkraft und Entscheidungen. Und keine Wissenschaftsfeindlichkeit und bräsig-arrogante Witze hinter dem Rücken des Bundespräsidenten.

Der Trafikant von Robert Seethaler – Rezension

In NRW gibt es neue Deutschlektüren für die Oberstufe und sie sind ausnahmsweise mal nicht zweihundert Jahre alt. Na, da schau ich mir die doch mal an.

Den Anfang macht Der Trafikant von Robert Seethaler, ein Roman aus dem Jahr 2012. Er spielt allerdings rund um das Jahr 1938 in Wien – und Österreich bringt uns dann auch schon mal dem Titel näher, denn eine Trafik ist das, was auf Hochdeutsch ein Kiosk ist, ein Zeitungs- und Raucherbedarfladen.

Franz hatte bisher ein gutes Leben, da seine Mutter die Geliebte des reichsten Mannes im Salzkammergut war. Der wurde aber gerade vom Blitz erschlagen und jetzt braucht Franz einen Job. So schickt ihn die Frau Mama nach Wien zu ihrem alten Freund Otto Trsnjek, der als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg eine Trafik führt. Dort soll Franz der Lehrbub werden.

In Wien angekommen, macht Franz unter anderem die Bekanntschaft von Siegmund Freud, der, inzwischen schon über achtzig Jahre alt, immer noch in Wien praktiziert, und der ein Kunde der Trafik ist. Und er ist nicht der einzige Jude, der Stammkunde bei Otto Trnsjek ist, was kurz vor der Annektion Österreichs durch das deutsche Nazireich so ein Problem für sich ist.

Aber Franz sucht erst mal nach einem Mädchen, weil der Herr Professor Freud ihm dazu geraten hat. Und so findet er die junge Tchechin Anezka, die ihm das eine oder andere Mal das Herz brechen wird.

Wie schon in der Inhaltsangabe zu merken ist – weil ich mich etwas der Sprache des Romans angepasst habe, was ich den Schüler*innen in ihren Klausuren nicht empfehlen würde – klingt dieser Roman von 2012 eher wie ein Roman von 1920 und dann auch noch recht österreichisch. Titel und Umständlichkeiten und hier und da ein bisschen Schmäh, Der Trafikant atmet eine kaiserzeitliche Gemütlichkeit, die dann mit der verrohten Sprache der Nazis kollidiert, wenn das gerade passt. Das hat durchaus Charme, aber einen eher nostalgischen.

Dabei ist Franz eine dieser Figuren, wie man sie in der deutschsprachigen Literatur gerne mal trifft. Naiv und gutherzig und im Notfall sogar ein bisschen pfiffig. Gemischt mit der Sprache, in der ja sogar Anezkas böhmischer Akzent auftaucht, klingt da durchaus der brave Soldat Schwejk durch. Und natürlich bringt der unbedarfte Franz auch hier und da Freud mal auf eine andere Idee. Auch so ein Trope, dass nicht gerade neu ist. Ist das eigentlich schon mal als Forrest-Gump-Trope bezeichnet worden? Ich schweife ab.

Dabei ist Franz natürlich schon sympathisch und natürlich leiden Lesende mit ihm mit. Und freuen sich hier und da, wenn er zum Beispiel dann auch mal eine richtig schöne Nacht mit Anezka verbringt. Aber natürlich ist er auch eifersüchtig und denkt in sehr schmalen Bahnen.

Die eigentlich interessanteren Figuren bleiben leider immer am Rand. Die Mutter zum Beispiel, die moralisch interessante Entscheidungen getroffen hat, um alleinerziehend den Sohn ins Leben zu bringen. Oder der einbeinige Trafikant, der den Nazinachbarn zuerst noch aufrecht zur Sau macht und dann immer kleiner wird, weil die Gewalt immer näher kommt. Oder Anezka, die nebenbei in der Kleinkunst unterwegs ist. Die sind schon spannender als Franz, der sicherlich Coming-of-Age-mäßig noch viel lernen muss, aber ziemlich eindimensional bleibt.

Zu der Behäbigkeit der Erzählung und dem stark nostalgischem Einschlag passt irgendwie ein unkritischer Umgang mit kolonialer Sprache – mit einem völlig unmotivierten Nutzen des N-Wortes – und eine sehr männliche Erzählhaltung. Ja, die Mutter und Anezka und auch Freuds Tochter Anna sind Figuren, die auftauchen und hin und wieder für Franz wichtig sind, aber letztlich lebt Franz in einer sehr männlichen Welt und aktiv werden hier nur Männer.

Das Ende ist übrigens sehr offen. Eigentlich ja schon ein wichtiges literarisches Mittel. Aber es wirkt in diesem Fall schlicht bemüht. Geben wir der Sache noch ein bisschen mehr Geheimnis. Aber hier wäre es viel eher wichtig gewesen, zu zeigen, was Franz noch zu erdulden hatte. Hier fehlt ein bisschen die Wahrheit, der sich Schriftsteller*innen eigentlich verbunden fühlen sollten.

Der Trafikant ist ein gut geschriebener, aber sehr altmodischer Roman, die Auseinandersetzung mit dem übernehmenden Faschismus ist da, aber auch da gibt es nichts Neues zu sagen. Ein Roman von 2012, der genau so auch schon 1960 hätte geschrieben werden können, und da schon altmodisch gewesen wäre. Und die Leidenschaft dafür, in fiktiven Texten historische Persönlichkeiten auftauchen zu lassen, ist mir recht fern. Klar, wenn Freud die Hauptfigur wäre, aber hier ist Freud der Mentor, der leider keine wirklich neue Dimension bringt, sondern eigentlich nur Dinge sagt, die jeder andere Mentor auch sagen könnte – bis auf die schmückende Kleinigkeit, dass Franz irgendwann seine Träume aufschreibt und an die Tür der Trafik klebt. Ja, nett. Traumdeutung und so, haben wir verstanden.

Noch ein Wort zu der Wahl dieses Romans als Schullektüre. So gut ich es finde, dass nicht mehr die Marquis von O. gelesen wird, deren Moral, dass Frau einfach ihren Vergewaltiger heiraten kann, mehr als fragwürdig ist – ich weiß auch, dass ich da verkürzt habe -, so sehr habe ich das Gefühl, dass hier eine Chance verpasst wurde. Ich meine, wenn man einen modernen Roman als Lektüre aussucht, warum dann einen so altmodischen und nostalgischen? Die Schüler*innen können vermutlich mit der ganzen Betulichkeit wenig anfangen, verstehen Anspielungen seltener und müssen erst mal Siegmund Freud googlen. Hätte man da nichts finden können, was eine zeitgemäße Sprache spricht, vielleicht sogar mal von einer Frau geschrieben? Oder war es so wichtig, irgendwas mit Nazis zu finden, was aber trotzdem nicht weh tut? (Immerhin werden hier nicht die Taten von KZ-Wärter*innen relativiert wie beim Vorleser, man muss ja auch mal für die Kleinigkeiten dankbar sein.) Tja, schade …

Rezension zu „Die Götter müssen sterben“ von Nora Bendzko

Nora Bendzko gehört zu ein paar Autor*innen, die sich unter dem Banner der „Progressiven Phantastik“ versammeln, einem Begriff, den Fantasy- und Science Fiction-Autor James L. Sullivan ins Spiel gebracht hat und der zu mehr phantastischer Literatur führen soll, die inklusiv und divers ist, die den alten Klischees neue Ideen entgegensetzt.

Unter diesem Vorzeichen ist „Die Götter müssen sterben“ als Verlagsdebut von Nora Bendzko nun natürlich unter Beobachtung. Ist ihr Roman progressiv? Und auch noch gut? Schauen wir doch mal rein:

Wir tauchen richtig tief in die Sagen- und Mythenwelt der griechischen Antike ein. Die Heldinnen der Geschichte heißen Areto, Clete und Penthesilea und wir schauen den Amazonen bei ihrem Kampf gegen griechische Helden und die Götter selbst zu. Der Kampf um Troja, die erste Geschichte, die im europäischen Kulturraum aufgeschrieben wurde, das Fundament der europäischen Erzählkunst. Das Sujet ist auf jeden Fall groß gewählt.

Und das Genre ist Dark Fantasy und das bedeutet für Nora Bendzko eine große Palette von Magie, von Sex, von blutiger Gewalt – nein, dieser Roman ist nicht subtil. In seiner Fülle erinnert der vollmundige Stil an einen Michael Moorcock – ja, ich suche mir meine Beispiele immer im klassischeren Bereich der Phantastik, ich bin alt und kenne halt nichts anderes – , nur dass die durch Blut watenden Helden nicht Elric heißen, sondern Clete oder Penthesilea. Und es ist eine Menge Blut.

Areto hat einiges hinter sich, als wir sie kennenlernen. Als sie mit einer Hetäre im Bett erwischt wird, wird sie an einen älteren Mann verheiratet und von ihm zu ehelichem Verkehr gezwungen. Als die Amazonen Athen überfallen, um ihre Prinzessin Antiope zu retten, nutzt Areto die Gelegenheit, bringt ihren Mann um und geht mit den Amazonen mit.

Im Schutz von Königin Penthesilea und ihrer größten Jägerin Clete zieht Areto dann ihren Sohn Phileas auf, bis wir sie wiedersehen. Inzwischen tobt der Krieg um Troja und die Amazonen sind gespalten, ob sie sich beteiligen sollen. Penthesilea sagt ja, ihre Schwester Hippolyte ist allerdings dagegen – sehr zum Verdruss des Kriegsgottes Ares, der der Vater der beiden Königinnen ist – nun, eigentlich ist er auch ihr Großvater und überhaupt ihr einziger männlicher Vorfahre überhaupt. Bei Göttern gibt es wohl keine Inzuchtsprobleme.

Clete ist gerade zur größten Jägerin gekürt worden, und Areto ist ihre liebste Liebhaberin. Aber erst als Artemis erscheint und Areto auserwählt, ihr Auge zu tragen, werden die beiden ein festes Paar.

Bald führen Verwicklungen dazu, dass die Amazonen gen Troja ziehen. Und Areto und Clete müssen viel weiter. Sie müssen in die Unterwelt, und sie müssen heil daraus zurückkommen.

Nora Bendzko nimmt die blutrünstigen und magiestrotzenden griechischen Mythen ziemlich wörtlich. Lässt Götter in verschiedenen Formen ganz real den Sterblichen erscheinen, Amazonen brennen sich wirklich in Mädchenjahren die rechte Brust weg und es gibt hinter jedem Baum Satyrn, Nymphen und eine Flut von Halbgöttern. So liest sich „Die Götter müssen sterben“ selbst manchmal wie ein moderner Mythos und weniger wie der gewohnte psychologische Roman – und ja, in manchem Dialog fehlt mir persönlich die psychologische und emotionale Tiefe.

Genau hier ist der Unterschied zu einem ebenfalls in seiner Zeit sehr politischen Roman, der sich ebenfalls um diese Zeit dreht. Marion Zimmer Bradley erzählte 1987 in „Die Feuer von Troja“ die Geschichte von Königstochter Kassandra, die bei den Amazonen das Kämpfen lernt. Auch hier – und vermutlich zum ersten Mal – wurde der trojanische Krieg aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Aber während MZB eine realistische moderne Geschichte erzählt, in der es durchaus Magie gibt, aber der Realismus und die innere Physik der Geschichte sehr wichtig sind, feiert Bendzko mit Wucht die Kraft der Mythen. Sie lässt kampfgestählte Amazonen miteinander streiten und prügeln, zeigt sie nicht nur im Kampf, sondern auch im Sex hungrig und sinnlich. Bricht weibliche Rollenklischees auf und zerbröselt sie lächelnd. Und das ohne Figuren zu idealisieren. Da gibt es keine nur guten Charaktere und keine nur bösen – auch wenn ein paar Götter nicht wirklich gut dabei wegkommen. Aber die müssen ja auch sterben.

Ja, hier und da wirkt es so, als ob jede Form der Diversität noch irgendwie mit eingebracht werden muss. Körperliche Behinderungen, nichtbinäre Charaktere – hier „Vielselige“genannt, was auf jeden Fall Klasse hat -, Depression, Missbrauch und sehr vieles mehr, ja, das ist manchmal ein bisschen viel. Aber es ist ein Debüt, es soll natürlich ein großer Wurf sein und es ist so ambitioniert, dass diese Ambition eben auch manchmal aus dem Text herausschaut.

Das gilt auch für die vielen Erzählperspektiven, die sogar die von der Göttin Artemis einschließt. Das kann schon mal verwirren und es braucht ein paar Seiten, so richtig in die Geschichte reinzukommen. Auch ein großer Zeitsprung … – ach, ich bin einfach kein großer Fan von langen Prologen. Andererseits ist es nie eine Qual und es gibt so viel zu entdecken, dass man sich hier und da atemlos umschaut, aber nie gelangweilt.

Bewunderswert, wie Bendzko sich radikal in jeden Aspekt wirft. Kampf, ja klar, aber wenn schon, dann auch mit blutigem Gore und der Hässlichkeit des Krieges, Sex, ja auch, aber dann bitte gleich ziemlich explizit und nie verschämt, Magie und Mythik, jede Menge, und nicht von Regelwerk gebändigt, sondern fast psychedelisch bunt und weltumfassend. So kraftstrotzend, wie ihre Amazonen streiten, schreibt Bendzko, so lebenshungrig und nicht von ihrem Ziel abzubringen. Das ist die Qualität dieses Buches, seine Farbigkeit, die vielen Facetten und die Üppigkeit.

„Die Götter müssen sterben“ ist kein Meisterwerk, aber es ist ein radikales Werk. Eine Kampfansage an die etablierte Phantastik, an vertrocknete Tropes und ewig gleiche Sujets. Wie heißt es in „Amadeus“ von Peter Shaffer, all die alten Götter und Helden klängen so erhaben, „als würden sie Marmor scheißen“. Nora Bendzko schafft es, dieses älteste marmorne Sujet der europäischen Kultur gegen den Strich zu bürsten und mit diverser und feministischer Energie aufzuladen. Wütend wie ihre Amazonen, schreit sie dagegen an, dass so viele Menschen von der Kunst und Literatur vergessen werden, dass diverse Stimmen nicht gehört werden, dass auch in der Literatur – wie so oft in der Gesellschaft – die Macht bei alten weißen Männern liegt. Nicht nur die Götter müssen also sterben – oder sich zumindest schwerverletzt auf den Olymp zurückziehen -, sondern auch die alten weißen Männer der Literatur.

Eine Welt bauen …

Ich schreib hier im Blog ja nicht mehr so oft, seit ich wirklich viel schreibe, und ich habe auch noch nicht so viel übers Schreiben geschrieben – ja, schon ein bisschen was, aber nicht dringend hier im Blog. Aber ich habe gerade eine Kurzgeschichte gebastelt, die ich sogar mag und die ein bisschen Fantasy ist. Low Fantasy, vermutlich, es gibt keine Feuerball-schleudernden Magier und Orks habe ich auch noch nicht gefunden, aber sicherlich Fantasy. Und ich habe – war so eine blöde Idee im Halbschlaf – mir gedacht, ich könnte ja einfach mal erzählen, wie ich die Welt gebaut habe. (Allerdings ohne die Geschichte mit hier in den Blog zu packen, weil ich die noch nicht veröffentlichen möchte.)

Wo habe ich angefangen? Ich hatte eine Geschichte, für die ich eine abgeschirmte Gesellschaft brauchte, eine Gemeinschaft, in der ein Außenseiter hereinkommen kann und in der er auf jeden Fall erst mal mit Distanz betrachtet wird. Das Szenario, dass ich mir dafür vorgenommen habe, war eines, dass ich eigentlich mal irgendwann für ein Pen and Paper verwenden wollte. Es gibt ein Dorf, in das der Prota kommt, in das er aufgenommen wird, aber dieses Dort fährt durch die Gegend.

Dabei denke ich nicht an Mortal Engines (da wusste ich noch nichts von, als ich die Grundidee hatte), mein Dorf ist langsam unterwegs, eine Art Schiff auf Land. Gezogen von „Brechern“. Das sind offenbar große Tiere, oder wie es im Text speziell auch heißt: Großtiere. Ich vermute, das sind eine Art Dinos, ich habe es aber nicht genauer spezifiziert. Die Brecher sind vermutlich Sauropoden, ebenfalls in den Gedanken des Protas auftauchende „Schreier“, sind Raubgroßtiere, vielleicht T-Rexes oder sowas.

Wo sind sie unterwegs? Na, in der Weite. Also auf einer fast unendlichen Prärie. Ja, die ist an der US-amerikanischen Prärie angelehnt, und natürlich gibt es zum Beispiel im Lied von Eis und Feuer auch das gräserne Meer, dass ähnlich funktioniert. In einer solchen Umgebung macht es durchaus ein bisschen Sinn, dass Menschen nur überleben können, wenn sie im Verbund unterwegs sind, und was in der Kurzgeschichte, die ich geschrieben habe, nicht klar wird, was aber im Hintergrund drinsteckt. So ein Dorf muss über ein paar Abwehrwaffen verfügen, die Großtiere davon abhalten kann, mal genüsslich das Dorf zu zertrampeln.

Der Luxus der Kurzgeschichte ist, ich muss nicht über Geologie nachdenken und wie eine solche quasi unendliche Prärie entstanden ist. Ich muss auch nicht darüber nachdenken, wo und welche Grenzen es dann doch gibt. Ja, ich halte mich sogar aus der Frage heraus, woraus das Dorf gemacht ist. (Wo zum F. gibt es in dieser Welt die Wälder, um ganze fahrende Dörfer aus Holz zu bauen? Na, vielleicht besteht es auch Dinoknochen und -haut.)

Mein Prota ist angeheuert, um die Jäger*innen des Dorfes zu unterstützen. Und da er nicht an eine der Familien gebunden ist, ist er ein Alleinmann. Ich kam nämlich irgendwo zwischendurch auf die Idee, dass ich hier einfach mal das Matriarchat ausrufe. Die Frauen sind hier die Familie, Männer verlassen ihre Familien im Erwachsenenalter und sind dann Alleinmänner. Sie können aufgenommen werden, unser Prota ist aber nur angeheuert fürs Gesamtdorf und gehört keiner Familie an. Er stammt auf einem anderen Dorf, hat zwischendurch zu einer Männergruppe gehört, die ohne Dorf unterwegs sind. Und es muss irgendwo Plätze geben, wo sich Dörfer zum Handeln treffen, da starten wir.

Das hat sich alles ganz schlicht entwickelt. Mir war durchaus klar, dass das blöd aussehen kann, wenn ich als Mann über ein Matriarchat schreibe, vor allem, wo ich es nicht als unproblematisch darstelle. Denn ich vermute einfach, wenn die Machtstrukturen andersherum aufgebaut wären, wäre sicherlich vieles anders, aber Machtstrukturen sind nun mal Machtstrukturen, und die sind schlicht nie unproblematisch – ups, jetzt habe ich mich als Anarchist geoutet, verdammt. Also habe ich da durchaus ein bisschen Vorsicht walten lassen, aber mir ist auch klar, dass ich dafür aufs Maul kriegen kann. Nun, wenn dem so ist, dann ist das so. Dafür macht man ja Kunst, damit man aufs Maul kriegt.

Aber ich muss zugeben, ich hatte ein bisschen Spaß dabei, zu zeigen, wie die Männer dieser Welt den Kopf senken, wenn eine Frau zu ihnen spricht. Ich habe es hoffentlich nicht übertrieben.

Mein Prota hat neben dem Alleinmann noch ein Attribut. Er stellt sich als Alleinmann und „Denker“ vor. Er hat eine Tätowierung, die ihn als solchen markiert. Es wird auch klar, dass es nicht viele Männer gibt, die da dazugehören, aber offenbar hat er damit das Recht, die Schriftrollen des Dorfes zu lesen, gehört zu einer Gemeinschaft der Wissenden. Und genau deshalb ist er auch froh, dass er aufgenommen wurde. Ein Mann, der lesen und schreiben kann, ist natürlich für manche Dörfer einfach unbequem, habe ich mir so gedacht. (Na ja, habe ich mir gedacht. ich habe halt einfach geschrieben, ist so passiert.)

Was waren also meine Entscheidungen? Ich hätte mir für die gleiche Geschichte ein Bergdorf aussuchen können, oder einen wilden Stamm im Urwald, das fahrende Dorf war schlicht ein Ding, dass es noch nicht soo oft gibt, und ich mochte es, die Welt mit den riesigen Tieren anzudeuten, ohne mich dann wirklich darum zu kümmern. Klar, in einer längeren Geschichte müsste man das ausarbeiten, aber es ist ja nur eine Kurzgeschichte, die zufällig in diesem Universum angesiedelt ist, das ich vermutlich nie wieder anfassen werde.

Und das Matriarchat? Das passte sehr gut in die Geschichte, und ja, ich mag es, Dinge auf den Kopf zu stellen. Da kommt aber noch eine Sache zu: Ich wollte von vornherein die Kurzgeschichte in der Phantastik ansiedeln. Und wenn ich schon mal da bin, dann ist es naheliegend, dass ich nicht zu konventionell schreibe.

Was steckt hinter den Denkern? Wie funktioniert die Ökonomie der Weite? Sind Brecher und Schreier wirklich Dinos? Keine Ahnung. Das finde ich den Vorteil der Kurzgeschichte, mein Weltenbau ist dahingeworfen, aber mehr brauche ich hier auch nicht. Wäre es spannend, die Welt weiter auszubauen? Geht so. Mein Problem mit meinem eigenen Weltenbau ist immer, dass er mir nicht originell genug ist, nicht spannend genug, dass ich mich da tiefer rein begeben möchte.

Gibt es ein tiefergehendes Fazit? Nein, leider nicht. Irgendwann werde ich von hier aus zur Kurzgeschichte verlinken. Aber die ist noch nicht fertig.

Die Kultur des Abbrechens

Habe heute morgen einen Kommentar gelesen, in dem behauptet wurde, es sei in der Welt der Bücher die ominöse Cancel Culture eingetroffen, die nun vor allem ältere Autor*innen dazu brächte, Haare raufend danach zu suchen, was sie denn wohl noch so schreiben können. Vermutlich nur eine neue Art zu sagen, O Tempora o Mores, oder? Oder vielleicht noch mehr? Ein Nachhaken nach ihrer Deutungshoheit, zum Beispiel?

Kurz mal eine Sache klar machen. „Cancel Culture“ ist ein rechter Kampfbegriff mit ungefähr so viel intellektueller Substanz wie der Hufeisen-Theorie und dem „großen Austausch“. Es ist schlicht Quatsch, und auch noch gefährlicher Quatsch. Eben ein rechter Kampfbegriff. Die Idee, die vermittelt werden soll, ist, dass es linke oder grüne oder queere Sprachpolizist*innen gäbe, die jedem vorschrieben, wie zu schreiben sei. Dass es heute nicht mehr möglich sei, ganz normale Dinge zu sagen, ohne dafür gecancelt zu werden. Also quasi zum Schweigen gebracht. Und das ist natürlich ein Ding, das immer von links ausgeht, und andersherum passiert das überhaupt nicht. So die Behauptung.

An dieser Stelle sollte es eigentlich reichen, wenn ich sage: so, jetzt schaut euch um, was passiert wirklich? Und damit ist es dann gegessen, denn wir wissen alle, dass das Unsinn ist. Aber gut, ich fange ganz schnell mit der deutschen Medienszene an:

– eine antidemokratische untergründige Vereinigung von Schauspieler*innen macht eine Videoserie namens … ich habe das schon wieder vergessen. Auf jeden Fall war Jan Josef Liefers deshalb nicht gecancelt, er war in einem Dutzend Talkshows. Und wofür? Dafür, dass er Panik geschürt hat, Dass er Impfgegnern und den rechtsradikalen Querdenkern das Wort geredet hat. Zwei seiner Kollegen – ich habe nicht viel davon gesehen, aber die zwei halt zufällig schon – haben superironisch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, Kinder zu schlagen. So ironisch, dass man die Ironie nicht mehr bemerkt. Gute Schauspieler und so. Tausende Kinder werden zu spüren bekommen, dass da kluge Leute in einem schicken Loft über so was reden. Ironie versendet sich. Wäre Cancel Culture ein Ding, dann wären jetzt 53 Karrieren ein für alle Mal zu Ende. Wir werden sehen.

– ein junger Comedian hat den Künstlernamen Chris Tall gewählt, damit er seine Shows damit eröffnen kann, dass er so was sagt wie „Heute machen wir hier richtig Chris Tall-Nacht“ – und er sagt so was wirklich! Was macht er so für Witze? Hauptsächlich rassistische, ableistische und er liebt Bodyshaming. Der perfekte Comedian für die AfD-Weihnachtsfeier. Ist der gecancelt worden? Warum muss man ihn denn dann auf jedem Sender ständig sehen?

– es gäbe noch eine Menge weiterer Beispiele. Gottschalk redet rassistischen Müll, Nuhr tritt ständig nach unten, agiert wissenschaftsfeindlich – the list goes on and on.

So, jetzt genug davon, wir wissen alle, dass es Cancel Culture nicht gibt, also, zumindest nicht von links.

So, und jetzt schauen wir mal in den Literaturbetrieb. In diese shiny Welt der deutschen Literatur. Oder auch der Belletristik, wie auch immer. Und jetzt zählen alle mal die Autorinnen auf, die sie im Deutschunterricht gelesen haben. Oh, das war eine kurze Auflistung. Türkische Autor*innen? Schwarze Autor*innen? Wie viele Bücher über offen homosexuelle Beziehungen? Helden mit körperlicher oder geistiger Behinderung? Trans Männer und Frauen, egal ob als Figuren oder Autor*innen? Und wie viel davon wird verlegt? Schaut doch mal bei Thalia oder wo auch immer vorbei, wie viel solche Literatur in den Auslagen liegt. (Na ja, oder wartet halt ab, bis mehr Leute geimpft sind, und ihr wieder in Buchläden gehen könnt.)

Da funktioniert Cancel Culture nämlich. In der Literatur, wie in jedem anderen Medium.

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Nicht nur auf der Straße meint man, nicht kritisiert werden zu wollen, wenn man Meinungsfreiheit verlangt, von der es eine ganze Menge gibt. Speziell für Rassisten und Nazis. Genau das gleiche passiert auch in den Medien oder im künstlerischen Betrieb. Nein, vielleicht wird heute niemand mehr dafür gefeiert, dass er eine Vergewaltigung im Schlaf glorifiziert – nun, im NRW-Abitur müssen es aber immer noch alle Schüler*innen lesen -, vielleicht wäre Lolita auch heute nicht mehr so einfach durch ein Lektorat zu bekommen. Egal, was für feine Prosa du schreibst. Ich hoffe, es würde auch keine Filmförderung mehr einem neuen „Jud Süß“ Geld zuschießen. Wir sind in manchen Dingen halt doch ein bisschen reifer geworden. Oder zumindest hofft man das immer.

Zu allen Zeiten aber hat sich die Kunst der Kritik stellen müssen. Das gilt auch für die Literatur. Und wenn ich heute weiße, heteronormative und patriarchale Literatur schreibe, dann werde ich das vermutlich immer noch ohne Probleme veröffentlicht bekommen, wenn ich gut genug schreibe. Da ist nichts gecancelt. Aber eventuell werde ich dafür kritisiert. Und wenn ich melodramatisch über Marginalisierte schriebe, ihr Anderssein postuliere, ohne auch nur einen Hauch von Empathie aufzubringen, ja selbst, wenn ich aus Nachlässigkeit rassistische Dinge schreibe, dann werde ich dafür nicht gecancelt werden, aber ich werde kritisiert werden. Und ja, vielleicht werden der Kritik Menschen zuhören, die nicht im letzten Jahrtausend hängen geblieben sind und vielleicht werde ich wirklich nicht so viel verkaufen. So what? Geschmäcker ändern sich glücklicherweise. Und Kritik gehört dazu.

Aber vielleicht geht es ja auch anders. Vielleicht schreibe ich einfach mal ein paar selbstverständlich diverse Charaktere in mein Buch rein. Vielleicht denke ich mal out of the box und stelle Frauen in den Mittelpunkt, oder queere Menschen? Vielleicht lasse ich dicke oder schwarzhaarige Menschen nicht als lustige Nebencharaktere mitlaufen, sondern nehme sie genauso ernst, wie alle anderen Charaktere auch. Ach ja, ich kann auch mal schauen, wie es ist, arm zu sein, und was daraus resultiert. Einfach mal out of the box. Das einzige Problem dabei könnte sein, dass ihr dafür von den Verlagen und der Branche gecancelt werdet. Passiert häufiger, als man glaubt.