Wenn ich schon „Deutsch-Iraner“ …

… lese, kommt es mir beinahe hoch. Ja, David S. war Deutsch-Iraner, hatte beide Pässe. Und jetzt überlegen wir mal, was das mit seiner Tat zu tun hat. Und überlegen noch mal, und, richtig, wir kommen auf: NICHTS!

Die immer wieder gebrachte Betonung der Nationalitäten des Jungen, der da so schrecklich um sich geschossen hat, ist rassistischer Dreck. Hätte er Seppl Gruber geheißen, seine Nationalität wäre kaum erwähnenswert gewesen, oder? Hätte auch keiner erwähnt.

Warum also bei David S.? Weil da eine wilde Assoziationskette entsteht. Weil der Iran ja irgendwie verbunden ist mit Islamismus und überhaupt erstmal fremd, richtig? Hm, ich hatte auch einen Deutsch-Iraner in der Klasse, war der Sohn meines persischen Kinderarztes. Was Integrierteres könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Die Deutsch-Iraner sind selbst vor Islamisten geflohen, oder stammen von Eltern ab, die das getan haben. So ähnlich wie die Syrer heute … Meine Fresse, die haben ihren Sohn David genannt, islamistisch klingt das nicht gerade, oder?

Und nach allem, was man bisher mitbekommen hat, war auch David S. echt integriert. Ich mein, wenn man sich anschaut, was er gemacht hat, dann kommt mir das ein bisschen überintegriert vor. Ich mein, er hat am fünften Jahrestag des Nazi-Terroranschlages von Anders Breivik hauptsächlich auf Jugendliche geschossen, die auch dunkle Haare und etwas dunkleren Teint hatten, als das der durchschnittliche AfD-Wähler hat. Überhaupt ist solch ein Shooting als erweiterter Selbstmord eine Entwicklung der westlichen Welt, und keine persische Sitte.

Und jetzt nennen wir den Jungen mal so, wie es sich gehört: Einen Münchener! Einen gebürtigen Bayern! Und jetzt darf sich das gemütliche Bayern mal fragen, warum Kinder in diesem Bayern zu Massenmördern heranwachsen. Vielleicht einfach mal überlegen, dass es an unserer völlig verkorksten Gesellschaft liegt, am Leistungsprinzip, am Gierprinzip, am Konsumprinzip. Daran, dass wir jungen Menschen jegliches Selbstbewusstsein abtrainieren, jedes Denken und Analysieren auch. „Deutsch-Iraner“, dass ich nicht lache, ein Kind der bundesdeutschen Normgesellschaft!

#neinheißtnein

 

Gestern ist diese Verschärfung des Sexualstrafrechts beschlossen worden. Hab nicht alles verstanden, bin kein Jurist. Ich befürchte aber, dass das gestern ein Bärendienst war. Ich mein, klar, ein „Nein“ sollte genügen, dass klar wird, dass mensch keinen Sex will. Aber war das nicht prinzipiell schon vorher so? Wenn sich mensch über ein „Nein“ hinweg setzt, und sich das Opfer dann aus welchem Grund auch immer nicht wehrt, ist das nicht üblicherweise irgendwas mit Einschüchterung oder Nötigung? Weiß das jemand? Bringt das neue Gesetz da irgendwas? So weit ich die Juristen verstehe, die ich bisher gelesen habe, nicht wirklich.

Ich erinnere mich an eine solche Situation – entschuldigt, wenn ich hier eine eigene Geschichte beisteuere, ich weiß, das eigene Geschichten oft keine guten Beispiele sind -, und ich befürchte, dass so etwas in Beziehungen häufig vorkommt. Gegen Ende einer Beziehung – wenn man sich so etwas antut, hat das wohl meistens damit zu tun, dass die Beziehung nicht mehr sehr tragfähig ist -, hatte ich eines Tages Gründe, keinen Sex zu wollen. Meine damalige Freundin wollte aber unbedingt und körperlich war ich durchaus bereit. Wir stritten und sie stellte mich irgendwann vor die Wahl, Sex jetzt oder Beendigung der Beziehung jetzt. Ich entschied mich für Sex, ich war dann auch nicht wirklich zärtlich und es hat uns beiden sicherlich nicht gut getan. Ich habe mich damals genötigt gefühlt. Ich denke auch, dass man da juristisch von Nötigung sprechen könnte. Aber erstens, wie hätte ich da juristisch irgendwie vorgehen können, ohne natürlich die Beziehung, die ich unbedingt erhalten wollte, zu verlassen? Und wie hätte ich zweitens bei der Polizei oder vor Gericht glaubhaft machen können, dass ich zum Sex genötigt wurde? Hatte ich einen Beweis? Natürlich nicht. (Mal von solchen Kleinigkeiten wie meiner deutlichen körperlichen Überlegenheit zu schweigen. Natürlich hätte ich einfach weggehen können.Mein Nein hätte einfach Nein heißen können. Aber darum geht es ja auch nicht immer, richtig?)

Letztlich liegt das Problem eher nicht bei den bisherigen Gesetzen.Das Problem liegt vielmehr bei der Gesellschaft, bei der Justiz. Das Problem liegt bei Menschen, die das Model Gina-Lisa Lohfink von vornherein als Schlampe abstempeln und ihr gar nicht zutrauen, dass sie irgendeinen Sex NICHT will. Das Problem liegt zu oft in Abhängigkeiten und Beziehungen, die mensch erhalten will. Denn die Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen gehen doch meistens nicht vom Fremden aus. Und natürlich liegt das Problem auch bei schlecht ausgebildeten Polizisten, die suggestive Fragen stellen, und vielen anderen Dingen, die bei Polizei und Gericht schief gehen. Und, ich weiß, dass das manche nicht lesen wollen, das Problem geht auch von Menschen aus, die anderen mit Anzeigen und erfundenen Geschichten schaden wollen – denn die gehen leider viel problemloser zur Polizei, als die wirklichen Opfer.

Natürlich müssen eine Menge Dinge verboten sein. Gefühlt waren die allerdings auch schon verboten. Die Sphäre des Strafrechts ist aber nur ganz am Rande eine, die uns bei den wirklichen Problemen weiterhelfen wird. Denn für die Politik ist diese hektische Gesetzesänderung, die zumindest in Sachen der Straftaten aus der Gruppe heraus wohl Gefahr laufen wird, von Karlsruhe wieder einkassiert zu werden, doch nur ein Alibi. Denn für die Politik ist das Problem jetzt erledigt, dabei ist eine Änderung des Gesetzes halt doch immer nur das herumdoktorn an Symptomen.

Die Gesellschaft muss sich ändern. Die Erziehung sollte klar sagen, dass sich Menschen wie Menschen verhalten sollen und nicht wie Arschlöcher. „Dein Sex ist dein Sex“ sollte die Maxime für jeden Menschen sein, denn daraus schießt sich logisch, dass jedes Menschlein andere zwar dazu auffordern kann, ihren Sex mit ihm zu teilen, dass mensch es aber nicht erzwingen darf. Schließlich ist deren Sex auch deren Sex. Und ein Nein selbstverständlich ein Nein. Aber dazu müsste man über Sex reden. Und keine Angst davor haben. Und wir müssten auch überall sonst Menschen achten und würdig behandeln. Wenn es allgemein richtig ist, dass das gierigste Mensch das beste und erfolgreichste ist, wie soll mensch denn da verstehen, dass es im Bereich des Sex anders sein soll?

Was ich mir fürs Gaming wünsche …

Ich bin Spieler, also Gamer. Ist mein Hobby. Ich spiele gerne ein paar Computerspiele, meist welche, die man gegeneinander spielt. Im Moment League of Legends, World of Tanks und hin und wieder Heroes of the Storm und Hearthstone. Dabei bin ich recht zufrieden damit, irgendwo in der Spielerschaft mit zu schwimmen. Aber ganz klar, ich spiele kompetitiv, ich will gewinnen, und hier und da eine Liga aufzusteigen find ich supi. (Dass ich nicht mehr für weit vorne tauge, ist mir klar. Ich bin über vierzig, die Reflexe waren mal besser und in Sachen Multitasking bin ich auch nicht so gut, dass ich noch ein Meister meines Spiels werde.)

Aber ich spiele besonders gerne mit anderen Menschen zusammen. Und ich bin eigentlich nicht besonders wählerisch. Ich war Mitglied mehrerer WoW-Gilden, immer einer, der den Laden zusammen hielt. Ich spiele seit Jahren LoL mit ein paar Menschen, die sich mal zusammengeschlossen haben, weil sie in einer marginalen Partei waren, oder Leute kannten, die in dieser Partei waren. Und ich glaube, ich bin meistens sehr umgänglich. Aber in Heroes habe ich keine Gemeinschaft gefunden, in der ich länger im Team spielen konnte, und in World of Tanks sieht es echt düster aus. Warum?

Weil die Gemeinschaft der Gamer echt durchsetzt von menschenfeindlicher Scheiße ist. Schon in League of Legends musst du dir im Teamspeak immer wieder anhören, dass der gegnerische Champion, zufällig ein weiblicher, eine Fo… ist. Und ähnlicher sexistischer Scheiß. Ja, kein Wunder. Mann ist ja unter sich. Aber das hört ja nicht mal auf, wenn Mitspielerinnen dabei sind. Ich frage da nicht danach, ob sich diese stolzen Mannsbilder – ja, wir reden hier von Menschen, die wie ich, mit virtuellen Figuren durch die Gegend hüpfen, nicht von Menschen, die mit Speer und Saufeder auf die Wildschweinjagd gehen – vielleicht benehmen könnten. Das würde ja bedeuten, dass sie Äußerungen aus Rücksicht unterlassen sollten. Nee, die sollten einfach nicht so eine Scheiße im Kopf haben.

Heroes oft he Storm habe ich von Alpha an gespielt, habe es auch mit verschiedenen Leuten zusammen gespielt, mit denen ich in anderen Spielen schon zusammen gespielt habe. Aber irgendwann suchte ich nach einer festen Gruppe für die Teamliga. Heroes ist mehr als LoL und andere Mobas ein Spiel, das man im Team gewinnt und einzeln verliert. Ich heuerte bei einer größeren Spielgemeinschaft an, und verließ sie nach einer guten Woche wieder. Ich hatte einfach kein Bock mit Menschen zusammen zu spielen, die sich über Flüchtlinge und Muslime ausließen. Ich hatte keinen Bock mehr darauf, dass es allen egal war.

Und was immer mich auch geritten hat, jetzt spiele ich mit großem Spaß World of Tanks. Und richtig, ein Spiel, in dem man mit hauptsächlich dem zweiten Weltkrieg zeitlich zugehörigen Panzern auf vom Krieg zerstörtem Gelände aufeinander los geht, zieht natürlich spezielles Volk an. Es ist mehr als anstrengend. Kaum ein Tag, an dem kein Teammate oder Gegner im Chat mit „Heil“ grüßt, oder die Gegner, die ihn gerade abgeschossen haben, als „Juden“ beschimpft. Da fahren Clans rum, deren Symbole gerne Deutschnationales zitieren. Da gibt es Streamer, die ne 88 an ihren Namen dran pappen, und älter als Jahrgang 1988 scheinen. Oder irgendwas mit dem „Eisernen Kreuz“ im Channelnamen tragen. Widerliche Nazibrut allerorten. Und ein Youtuber, dessen Videos ich eigentlich gerne sehe, verharmlost antisemitische Scheiße als „Schwarzen Humor“, nachdem er ein Video löscht, in dem seine Teammates Witze übers Vergasen machten. Es tut ihm leid, wenn sich davon Menschen angegriffen fühlen. Ich kotze so sehr.

Ja, ich – deutsch, weiß, männlich, hetero – brauche mich nicht betroffen fühlen. Aber da gibt es ein Problem: Ich bin auch Mensch, und das ist mir sogar einen großen Teil wichtiger, als die paar zufälligen Eigenschaften davor. Und als Mensch bin ich immer betroffen, wenn menschenfeindliche Scheißköpfe ihre Sprüche klopfen.

Ich wünsche mir jetzt einfach mal was. Ich wünsche mir Clans, Gilden und Clubs, in denen Frauen, Transmenschen und Männer aller bekannten sexuellen Ausrichtungen und aller möglichen und unmöglichen Hautfarben miteinander diese ganzen Arschlöcher der Gamingszene aufmischen. In denen sich keine Frau hinter einem männlich klingenden Pseudonym verstecken muss, in denen niemand Verletzungen runterschlucken muss, weil wieder irgendwer stumpfe Vorurteile und undifferenzierte Weltbilder vor sich her tragen muss. Ich wünsch mir einen Clan, der als Tankantifa den ganzen Militaristen und Nazis den Arsch aufreißt. Ich will keine ekligen Überraschungen mehr in Chats und VoIP-Räumen. Es muss doch auch anders gehen.

Von Moral und Politik …

Also mal ehrlich: Ich halte mich ja nicht für einen wirklich guten Menschen. Ich weiß ziemlich genau um meine Schwächen, und ich weiß auch, dass ich in der einen oder anderen Situation, in der kein Nachdenken war, anders reagiert habe, als ich eigentlich hätte reagieren wollen, wenn ich wirklich über das hätte nachdenken können, was ich da tat. Ich halte auch nicht viel von Kategorien, wie Gut und Böse. Das ist was für DnD – da war ich gern chaotisch gut, also linksanarchistisch, was ja irgendwie zu mir passt.

In der Realität ist das mit Gut und Böse echt schwierig. Irgendwie hat ja niemand das Gefühl: „hey, ich mach hier gerade was richtig Fieses und ich find das gut. Weil ich so ein böses Arschloch bin!“ Das denkt doch keiner, oder? Oder wenn doch, dann vielleicht, weil da pathologisch wirklich was mit der Psyche nicht stimmt. Aber die „Normalen“, die psychisch Gesunden, die denken doch sowas nicht. Das ist doch was für die Klischees der Literatur, oder? So ein richtig fieser Bösewicht, so ein Uriah Heep, wie ihn Dickens erschuf, trifft man sonst nicht.

Aber man findet etwas anderes, und interessanterweise ist mir das letztens in einem Youtube-Kommentar mal wieder begegnet, der mir das sehr klar machte. Irgendwie ging es um Harry Potter, und das er im Film den mächtigsten aller Zauberstäbe, den Elderstab, zerbricht, und dessen Macht freiwillig aufgibt. Der Kommentator meinte, das sei halt total unrealistisch, das würde „niemand tun“. Sieht man das ganze unter ethischen Gesichtspunkten ist die Entscheidung der Figur Harry Potter allerdings ganz einfach: Behält er den Stab, dann könnte er einerseits der Versuchung der Macht erliegen, andererseits könnte er selbst besiegt werden, und dann könnte irgendwer diesen Elderstab nutzen und damit Unfug treiben. Da ist es sicherlich am Sinnvollsten, diesen Stab zu zerbrechen, oder ihn – wie es im Buch geschieht – anders unschädlich zu machen. Harry hat Zeit, darüber nachzudenken und er kommt zu dem einfachen Entschluss, den Stab zu zerbrechen.

Der Kommentator kann sich nicht vorstellen, dass jemand solch einen ethisch einfachen Schritt geht. Er kann sich nicht vorstellen, dass irgendwer nicht so freundlichen Beweggründen wie Gier und Selbstsucht nachgeben wird. Offenbar hat dieser Kommentator für sich keinerlei ethische Entscheidungen getroffen, die irgendeine Substanz haben. Ich kenn den nicht persönlich, aber seine Äußerung ist so schön entlarvend, dass man ein leises Urteil abgeben kann. So spricht nämlich ein Arschloch. Und ja, ich bin davon überzeugt, dass der sich total normal fühlt und natürlich ist er auch überzeugt, dass alle anderen auch so denken, wie er denkt. Der wird von sich glaube, dass er ein guter Kerl ist, weil er für sich die Entscheidung getroffen hat, dass er zwar keine tieferen ethischen Einsichten haben will, aber das total okay ist, weil alle anderen auch so denken.

Ich habe da eine Überraschung: Es gibt Menschen, die andere Entscheidungen treffen. Ihr könnt diese Menschen gerne naiv nennen und Träumer und was man sonst so zu hören bekommt, aber diese Menschen wollen einfach keine Arschlöcher zu sein. Davon gibt es eine Menge, auch wenn sie vermutlich nicht die Mehrheit bilden.

Und das hat eine klare politische Seite. Ich weiß, dass man mir hier Arroganz vorwerfen wird, aber es ist leider so einfach: Dieses Arschloch-Sein ist politisch rechts und konservativ und neoliberal und all das, was menschenfeindlich als politische Leitfigur hat. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass die Skandale, die es immer mal wieder um Politiker gibt, weil sie sich bereichern, weil sie betrügen oder schwarze Kassen unterhalten, fast ausschließlich konservative und rechte Politiker betreffen. Das sind Menschen, deren ethischer Horizont wie folgt lautet: Ich mach, was für mich gut ist, und was die Fassade erhält. Dabei mach ich auch alles, was eigentlich nicht geht, so lange mich dabei keiner erwischen kann. Ich bin kein großer Fan von SPD und Grünen und bin mir relativ sicher, dass es auch unter Politikern der Linken Arschlöcher gibt – aber deren Anteil ist einfach bei den rechten und konservativen Parteien um ein Vielfaches größer.

Und dann ist es auch kein Wunder, wenn diese Menschen von CxU und AfD Angst vor Fremden haben und nach Law und Order schreien. Sie vermuten wie der Kommentator oben, dass alle anderen genauso ethisch unterentwickelt sind, wie sie selbst. Deswegen wollen sie alles verbieten, deswegen schreien sie nach Sicherheit, deswegen sind sie irrational.

Die Entscheidung, links zu sein und zu denken, ist eine ethsiche. Oh ja, dafür darf man mir gerne Arroganz vorwerfen, das wird sicherlich einfacher sein, als darüber nachzudenken oder gar selbst sich um eine konsistente Ethik zu bemühen. Ich zitiere hier mal den @ThoroughT, der mir eben schrieb: „Wir leben in Zeiten, wo Leute bis aufs Blut ausbeuten als etwas geschmackloser Geschäftssinn gilt, aber die korrekte Aussage, man wäre ethisch besser unterwegs als so jemand, Arroganz heißt.“

In diesem Sinne sollten wir öfters arrogant sein, in dem Sinne dürft ihr uns gerne arrogant nennen.

Tag der Befreiung

Ich reblogge hier einen Text, den ich vor zwei Jahren mal einer marginalen Partei, deren Mitglied ich da noch war, zur Veröffentlichung übergab. Stand damals auf deren Bundesseite und brachte jede Menge Hasskommentare von Menschen ein, die diesen Text als antideutsche Stimmungsmache diskreditierten, damit sie nicht über ihr eigenes Verhältnis zum Faschismus nachdenken mussten. Ich habe den Text leicht überarbeitet, viel musste aber nicht angepasst werden, um heute genauso gültig zu sein, wie vor zwei Jahren.

Vor 71 Jahren wurde Deutschland, wurde Europa von der Naziherrschaft endgültig befreit. Ein Datum mit mehr Grund zu feiern, gibt es in der Geschichte kaum. Auch wenn unseren Vorfahren vor 71 Jahren vermutlich nur selten zum Feiern zumute war. Heute sollte dieser Tag ein Feiertag sein, der höchste Feiertag im Lande mit Partys in jeder Fußgängerzone.

Damals wird ein großer Teil der Menschen die Befreiung vom Krieg, das Nachlassen von Gefahr für Leib und Leben, schon irgendwie gefeiert haben. Das wird für viele eine gute Nachricht gewesen sein, aber für noch mehr eine Nachricht des Schreckens, denn jetzt musste man sich mit den Verbrechen beschäftigen, die man begangen hatte, gegen die man nichts getan hatte, mit den Geschichten, die man verdrängt hatte, mit den Schrecken, die man nicht wahrhaben wollte.

Für eine kleine Minderheit ging an diesem 8. Mai eine Sonne mehr auf. Für die Befreiten aus den KZs, für die Menschen im Untergrund, die Versteckten und Flüchtenden, die, die verfolgt worden waren, weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, Kommunisten oder Sozialdemokraten, weil sie im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrheit ihre Religion ernst nahmen, oder weil sie einfach zu viel Freiheitsdrang für eine Diktatur gezeigt hatten. Menschen, die in innerer Emigration eine lange Zeit unglücklich gelebt hatten, konnten wieder zu ihren Meinungen stehen, ihre Musik hören oder zu ihren Göttern beten.

Die schweigende Mehrheit hatte mitgemacht, die Konservativen hatten die Nazis an die Macht gebracht und die Mitte, das Bürgertum hatte genauso politisch versagt wie das Militär und das Geld. Tausende politisch Andersdenkender waren ermordet worden, von den Kommunisten in den Moor-KZs der 30er bis zu den Edelweißpiraten in den Strafkompanien der letzten Kriegsjahre. Die fliehen konnten, waren geflohen, aber wer konnte schon fliehen.

Nach dem 8. Mai 1945 musste die Zivilisation wiederhergestellt werden, man ahndete zumindest die schlimmsten Verbrechen und man einigte sich in den darauffolgenden Jahren auf ein paar Formeln, die für lange Zeit gültig blieben. Darunter »Von deutschem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen.« Durch die Schrecken von zwei Weltkriegen war Deutschland irgendwie pazifistisch geworden, und wenn heute Gauck und Steinmeier an diesem Staatspazifismus immer weiter herumsägen, bis nichts mehr davon übrig bleibt, dann muss das erschrecken.

Aber die Schrecken der heutigen Zeit, die an die damaligen gemahnen, sind Legion. Wir können nicht mehr alles sagen, was wir wollen, denn die Geheimdienste hören uns ab. Und wieder versagt die politische Mitte, die meint, sie hätte ja nichts zu verbergen. Minderheiten müssen in diesem Land wieder Angst haben, denn Verfassungsschutz und Polizei sind auf dem rechten Auge so blind, wie sie es schon in der Weimarer Republik waren. Die Morde des NSU schreien uns das ins Gesicht, und die Tatsache, dass für dessen Morde und deren Vertuschung und Nichtaufklärung niemand politische Verantwortung übernommen hat, zeigt, dass sich daran auch nichts ändern wird. Pegida und der ganze völkische Rest an widerlicher Zurschaustellung wird von der Polizei geschützt, die antifaschistischen Gegendemos eingekesselt und kriminalisiert. AfD und Teile der CxU schüren nationalistischen und rassistischen Hass, der von den Medien euphemistisch in »Ressentiments« umgestaltet wird.

Sich an Geschichte zu erinnern, und möglichst auch daraus zu lernen, muss zu einer verantwortungsvollen Politik gehören. Und die Geschichtsvergessenen, die seit Jahrzehnten endlich Schlussstriche ziehen wollen, müssen bekämpft werden. Das ist keine politisch akzeptable Haltung. Wir dürfen auch nicht alles einen »Godwin« nennen, was daran erinnert, dass es auch heute noch Nazis gibt – dass es auch heute noch die Konservativen gibt, die damals den Nazis den Steigbügel hielten. Die Geschichte lehrt es uns, wenn wir ihr zuhören, wenn wir es uns nicht einfach machen und lieber Verschwörungstheorien und einfachen Lösungen zu glauben.

Der Tag der Befreiung ist ein ungemein politischer Tag. Ohne ihn gäbe es kein Grundgesetz und nicht die darin hoch angelegte Messlatte der Menschenrechte. Wir werden von Menschen regiert, die reihenweise mit ihren Gesetzen am Verfassungsgericht scheitern, dessen Aufgabe es ist, das Grundgesetz zu schützen. Der Tag der Befreiung ist eine Aufforderung, politisch zu sein, für Menschenrechte zu streiten, gegen Überwachung und Polizeistaat, gegen Faschismus in all seinen Verkleidungen.

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