Von Therapeuten und Kampagnen …

Es war einmal ein Therapeut, oder besser, ein junger Mann, der sich einen Twitteraccount klickte und ihn „@deinTherapeut“ nannte. Bisschen große Fresse vielleicht, aber ich kenne Twitteraccounts, die vorgeben, sie wären Dr.s oder Prinzessinnen, also alles wie immer. Irgendwann folgte ich dem jungen Mann, denn er neigt dazu, immer mal wieder Fragen zu stellen, die zum Reflektieren einladen. Ich find Reflektieren ziemlich supi und mag es, wenn mich Menschen dazu einladen. Außerdem gibt es ein paar meist jüngere Menschen, denen ich folge, die mit Norman – ich habe keinen Bock, jedes Mal vom Therapeuten zu schreiben, also nutzen wir den Vornamen doch einfach, ist so gut wie jeder andere – hin und wieder interagierten.

Ansonsten verfolgte ich den Account auch nicht weiter. Klar, ich las irgendwann von der Geschichte mit seinem Vater – wer hat die nicht gelesen – und wie gesagt, ich beachtete das nicht weiter. Immer wieder stolperte ich aber auch über Accounts, die gegen Norman diverse Dinge vorbrachten, und da ist ja auch teilweise was dran. Da ist offenbar ein junger Mann, der eine narzisstische Ader hat. Gerne sehr hübsche Fotos von sich ins Internet stellt – er ist aber auch ein hübscher Kerl, oder? Als Hete kann man sowas ja nicht soo gut einschätzen, aber … egal btt. – gerne über sich und seine Gefühle und Probleme und so weiter spricht. Hier und da mit ein paar guten Einsichten, öfter auch eher so kalenderspruchmäßig, aber gut, wenn du richtig viel raushauen willst, ist auch manches Füllmaterial.

Es gab auch immer wieder das Argument, dass Norman ja doch ein Scharlatan sei, da er sich als Therapeuten bezeichnete und seinen Discordserver „Gruppentherapie“ nannte. Aber ich folgte ihm ja, und wenn man ihm folgt, bekommt man ja auch immer mal mit, dass er nie behauptet, ein echter Therapeut zu sein, Menschen auch immer wieder dazu auffordert, sich professionelle Hilfe zu suchen, solche Dinge. Klar, wenn man die Sache nur von außen betrachtet, mag das alles wichtiger klingen, als es ist, aber mir kam das bisher nie als problematisch vor.

Einen gewissen moralischen Pluspunkt bekam Norman dann, als ich sah, wie Sifftwitter und irgendwelche rechten Arschlöcher immer wieder verbal auf ihn losgingen. Ein junger homosexueller Mann, der sich bemüht, junge Menschen zu empowern, das ist für die Reaktion natürlich ein echtes Problem. Aber die Kampagne der Rechten wird sich ja sicherlich nicht in meine Blase fortsetzen, so dachte ich … und jetzt stehe ich da …

Grob gesehen teilt sich meine TL nämlich in Menschen unter 30 auf, die Norman eher positiv gegenüberstehen, und denen über 30, die plötzlich mit großer Vehemenz gegen ihn schießen. Das bringt mich natürlich ins Grübeln, ich bin deutlich ü30, ich weiß also, wo ich mich hin zu orientieren habe, aber ich mag mir durchaus auch selbst ein Bild machen.

Erstens kam heraus, dass Norman ein Buch über die Geschichte mit seinem wohnungslosen Dad schreibt. Das wird ihm natürlich als gierig und so weiter ausgelegt. Du darfst nämlich in Deutschland nicht einfach so Geld mit deiner Geschichte oder so verdienen, du musst dich ganz normal lohnarbeitsmäßig prostituieren, wie wir das alle machen. Ja, jeder würde sich überlegen, ob er das Buch nicht schreiben würde, aber wir haben diese Chance ja alle nicht und sind nicht mehr relativ mittellose 25 und deswegen würden wir das ja niemals tun. Habe solche Argumente schon mehrfach vorher gehört, ich war schließlich mal bei Piratens.

Okay, schauen wir mal weiter. Dann kam ein Account, gestern entstanden, wo jemand behauptete, dass der Vater nix von einem Buch wüsste und seinem Sohn verbieten wollte, Fotos von ihm zu veröffentlichen. Um die Sache zu belegen tat dieser Account erstmal was? Richtig, er veröffentlichte Bilder von Normans Vater. Was mich irritierte. Mich irritierte auch, dass dieser völlig neue Account gleich mit harten Bemerkungen einstieg, gar nicht mit Fragen oder irgendwas einstieg, sondern mit Forderungen. Gut, wenn ich jetzt Normans Vater getroffen hätte, und der mir erzählt hätte, dass er mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, und ob ich helfen könnte, dass sein Sohn ihn nicht für irgendwas ausnutzt, dann hätte ich mir sicherlich nicht einen neuen Twitteraccount gemacht und auch die Öffentlichkeit gesucht, um den Vater noch mal vorzuführen, ich hätte versucht, Norman selbst zu erreichen und wenn das nicht geholfen hätte, wäre ich mit dem Mann entweder zu einem Anwalt oder, um es dann auch richtig zu machen, zur Presse. So ein halbgarer Angriff auf Twitter klingt für mich hart nach Kampagne. Schon eine, bei der sich jemand eine gewisse Mühe macht, aber immer noch Kampagne.

Dann wurde behauptet, dass Norman wieder in Frankfurt wohnen würde und auch sonst alles erlogen sei, weil jemand die Autoreninfo bei seinem Verlag erfolgreich gefunden hatte. Aber in einer Info für ein Buch, das erst in einem halben Jahr erscheint, ist die Info natürlich auch so geschrieben, dass sie für das Veröffentlichungsdatum gilt. Also so würde ich das machen, wenn ich der veröffentlichende Verlag wäre, so kenne ich das auch von Verlagsinfos, aber für ein bisschen Aufregung auf Twitter reicht es, oder?

Und dann kamen Behauptungen über den Discordserver, der quasi im nächsten Moment verschwand. Da wurden jede Menge schlimmer Dinge verbreitet, ein erwachsener Mod namens „Daddy“, vermutlich ein Pädosexueller, der da auf Raubzug geht – bis mehrere Menschen aus der Community übereinstimmend sagten, der ist Supporter, kein Mod, und außerdem 16 Jahre alt, und heißt so, weil es sich durch einen Gag so entwickelt hat. Jo, ich wurde auch mal „Frog“ genannt, und ich bin noch nie ein Frosch gewesen, sowas gibt es. Und dann gäbe es da Nacktbilder von jugendlichen Usern. Jo, wenn du in einigen Gamerforen gewesen bist, dann weißt du ja schon mal, dass es in jeder Community, die einen gewissen Anteil an jungen Menschen hat, Nacktbilder gibt. Die Community meldete zurück, dass die Regeln eigene Bilder untersagten und da der übliche Tumblr-Kram gepostet wurde. Jo, Internet ist halt für Porn, ist ja jetzt nix essentiell Neues, oder?

Aber natürlich macht das Verschwinden des Discordservers die ganze Sache verdächtig.

I get it, ein solcher Server, auf dem sich ständig junge Menschen treffen, die oftmals gewisse psychische Probleme haben, ist ein zweischneidiges Schwert. Die Triggergefahr ist groß, noch gefährlicher ist es, dass da skrupellose Menschen reingehen und junge Menschen knallhart für Dinge ausnutzen, und die Community das nicht verhindern kann. Und natürlich gibt es eine Menge Menschen, die davon ausgehen, dass Norman diese Community genau dafür aufgebaut hat, und hey, ich habe mal ein Stück über Charles Manson geschrieben, es ist echt hart, was Menschen tun können, wenn sie andere von sich erstmal abhängig gemacht haben. Ich bin aber auch jemand mit einem positiven Menschenbild und ich geh erstmal nicht davon aus, dass Norman ein zweiter Charles Manson ist. Ja, so ein Server kann gefährlich sein, aber auch einer dieser Freiräume, wie ihn Menschen brauchen. Eine Community, in der man auf einander aufpasst, in der junge Menschen, die sonst nirgends Verständnis finden, plötzlich bei anderen mit ähnlichen Problemen nun doch mal Verständnis finden, klingt für mich nach einer guten Sache.

Wäre das nicht besser, wenn da jemand drauf aufpassen würde, der sich damit auskennt? Keine Ahnung, ich bin nur Pädagoge, kein Psychologe. Aber ich kenn die Geschichten, die mir Menschen erzählen, die mit Anorexie in Therapie waren. Die davon erzählen, wie gut Gruppen funktionieren, die von vorne bis hinten kontrolliert werden und die froh sind, wenn sie ihre Probleme trotz der Therapie überlebt haben. Ich glaube nicht an Kontrolle, ich glaube an Vertrauen. Ich weiß, dass ich da einer unpopulären pädagogischen Richtung angehöre, wir sind schließlich in einem von Preußen geprägten Deutschland, aber ich glaube an Vertrauen.

Ich sehe aber die Gefahr, dass wir älteren hier in sehr alte Denkfallen reintappen. Ist auch ein erstaunlich antifeministischer Zug feministischer Politik, wenn ich das mal so unverschämt erwähnen darf: Wir haben nämlich ein „Weißer Ritter“-Syndrom. Wo immer man sich vorstellt, dass junge Menschen und vor allem junge Mädchen irgendwo in Gefahr sein könnten, rüsten wir uns in weißer Platte, steigen auf Streiteinhorn und kommen zur Rettung. Natürlich sind alle, die dieser „Norman-Community“ angehören, arme sanfte Hascherl, die wir jetzt vor dem bösen Mann retten müssen – der ist ja auch noch homosexuell, und Homosexuellen sagt man ja schon immer Kindesmissbrauch nach, richtig?

Ich hasse das. Können wir nicht auch mal das mit Empowerment versuchen? Uns darum bemühen, jungen Menschen Freiheiten und Sicherheiten zu geben, aber sie nicht ständig durch Rettungsversuche und Kontrolle klein zu machen?

Zurück zum Discordserver – ich muss kurz einwerfen, ich bin relativ stark erkältet, ich kriege das mit dem stringenten Text nur so halb hin, sorry dafür -, der ja verschwunden ist, was vermutlich daher kommt, dass da schlimme Dinge passiert sind. Richtig?

Aber auch hier könnte es eine andere Sichtweise geben. Ich habe keine Ahnung, wie Discord so genau funktioniert, aber ich vermute, dass man so einen Server auf privat stellen kann, ihn aus dem normalen Bereich herausnehmen. Gestern passierte aus Sicht von Norman und seinen Mods – denn der muss ja doch ein paar Leute haben, die mit ihm diesen Server verwalten, schließlich sind da sicher die meisten online, wenn Norman arbeitet, Zeitverschiebung und so – folgendes: Wir werden von einer Kampagne angegriffen, der sich halb Twitter anschließt. Dann kommen plötzlich Tweets, die von schlimmen Dingen auf dem Discordserver berichten. Im nächsten Moment poppen 500 neue Menschen auf dem Server auf. Die natürlich alle in die Ecke mit den Nacktfotos rennen. Auf einem Server, der von seiner Community als ein Safespace verstanden wird. Wo extrem private Dinge reingeschrieben werden, denn viele in der Community sind sehr jung und gern auch ein Stück naiv und es geht die große Öffentlichkeit auch wirklich einen Scheiß an, was da so steht. Jo, da stell ich das Ding auch ab, oder auf privat oder wie auch immer, richtige Entscheidung. Jetzt ist der Server ganz weg, oder man hat sich anders organisiert, Norman hat auf jeden Fall den Server aus seiner Twitterbio gelöscht, klar sieht das verdächtig aus, kann aber auch einfach Selbst-

und Communityschutz sein.

Jo, jetzt kann es natürlich sein, dass ich total naiv bin, jetzt kann es natürlich sein, dass Norman wirklich eine Sekte aufbaut und es kann auch sein, dass ich einfach dadurch, dass ich Norman seit ein paar Monaten folge, schon selbst ganz hirngewaschen bin – ich gehe da  überall nicht von aus, aber klar, was weiß denn ich.

Aber trotzdem verstehe ich nicht, wie man sich als Linke und als Antifaschisten einer Sifftwitterkampagne anschließt und ohne wirklichen Einblick, ja ohne Einblick zu suchen, Norman und seine Community so verurteilt und angreift. Ich verstehe vor allem nicht, wieso man immer so verdammt arrogant ist, nur weil man ein paar Jahre länger auf diesem Planeten herumläuft und meint, man wüsste grundsätzlich alles besser und müsste junge Menschen vor sich selbst beschützen und den ganzen Scheiß. Vielleicht ist das ja einfach das Ambivalent von unseren Jugendclubs, von unseren Foren, von unseren Antifagruppen oder was auch immer. Vielleicht ist das einfach gerade ein neues Ding, für das wir eh zu alt sind. Vielleicht gibt es Dinge, bei denen wir qua Alter einfach mal die Fresse halten können und nicht in irgendeine wilde Hysterie ausbrechen müssen, weil wir so misstrauisch geworden sind, weil es ja heute eh nichts Gutes mehr gibt usw. Ich geh davon aus, dass sich alles aufklären wird, vielleicht in die eine, vielleicht in die andere Richtung. Ich geh auch davon aus, dass das Projekt “Gruppentherapie” sich ein wenig vom Normans Namen ablösen muss, damit man die verschiedenen Dinge nicht zu sehr miteinander vermischt. Aber wenn das eine lebendige Community ist, und das ist sie, wenn man ihren Mitgliedern glauben darf, dann kann sie für viele, die es brauchen, ein warmer Ort sein – ich meine, die gibt es schon länger, sie haben schon länger mit irgendwelchen rechten Arschlöchern zu tun, die sie immer wieder von ihrem Server gekickt haben, die wissen wohl, wie sie einigermaßen save klar kommen. Die haben auch nichts mit einem Buch und der Geschichte zwischen Norman und seinem Vater zu tun. Also wäre es ja auch eigentlich nett, sie nicht da reinzuziehen. Ich weiß auch nicht, ob Norman das richtig macht, dass er seine Geschichte so öffentlich hält, ich war mir bei der Frage nach Post Privacy oder nicht, noch nie ganz sicher, und ich denke, klar, es gibt sicherlich Dinge, die man kritisieren kann, wenn man da tieferen Einblick hat. Aber ohne diesen Einblick zu haben, sollte man sich doch hier und da mal ein Urteil verkneifen und sich nicht zu den Bütteln der Sifftwitterarschlöcher machen.

Advertisements

Patriarchat ist Abfall! … #menaretrash

(ich mag den Hashtag nicht besonders. 1. bin ich links, und ich weiß, dass kein Mensch Abfall ist – seine Taten und Gedanken mögen Abfall sein, aber keinem Menschen sollte man versuchen, seine Würde zu nehmen, in dem man ihn als Müll bezeichnet. 2. ich bin damit aufgewachsen, dass ich mich als männlich identifiziere, fühle mich also als Mann angesprochen, und ich finde nicht, dass ich Müll bin. Hey, ich bin kein Engel, aber ich versuche aktiv die Arschlochanteile in mir zu bekämpfen, ich bin manchmal ein Arsch, aber kein totaler Müll.)

#menaretrash ist eine Provokation, ein Hilfeschrei, ein Versuch, durch Aggression auf Dinge aufmerksam zu machen. Viele Reaktionen darauf lassen vermuten, dass es nötig ist.

Meine Sicht:

Nein, Männer sind nicht pauschal Abfall, und ich glaube auch nicht, dass das die Aussage sein soll. Aber:

Toxische Männlichkeit ist Abfall, jedes „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“, jedes „Jungs sind halt so.“ Abfall!

Rapeculture ist Abfall.

Männerrunden, die sich gegenseitig die besten Jobs und Geschäfte zuschustern, sind Abfall.

Genderpaygap ist Abfall.

Slutshaming ist Abfall.

Männerrechtlerei ist Abfall.

Krawatten sind Abfall.

Frauen nicht ernst nehmen ist Abfall.

„Schwul“, „Mädchen“, „F-Wort“ oder „Pussy“ als Schimpfworte, sind Abfall.

Kurz: Patriarchat ist Abfall. Is halt so …

Twitterbeef und Identität und so …

Ich möchte es ja eigentlich immer nur verstehen. Also eigentlich möglichst alles, in diesem Fall aber die Streitereien, die in den letzten Tagen auf Twitter so unterwegs waren. Grob gesagt, ging es dabei um „weiße Linke“ vs. „PoMo-Bubble“. Wobei ich den zweiten Begriff nicht wirklich verstehe. PoMo soll irgendwas mit „postmodern“ zu tun haben, und mit irgendwelchen Theorien, aber letztlich sehe ich da Menschen, die in irgendeiner Weise zu marginalisierten Gruppen gehören, und sich speziell auch auf Twitter provokant Gehör schaffen.

Jo, und die „weißen Linken“ sind halt die sozusagen alteingesessenen, vielfach Antifa-erfahrenen Menschen, die meist deutlich privilegierter sind. Beide Gruppe, so viel sollte eigentlich allen klar sein, sind prinzipiell Verbündete. Oder sollten Verbündete sein.

Jetzt wird den „weißen Linken“ – zu denen ich ja sicherlich auch irgendwie gehören soll, da weiß, links, Mann, also wie ich im letzten Blogpost schrieb, schwermehrfachprivilegiert – eine Menge Rassismus, Transphobie und so weiter vorgeworfen, und die fühlen sich dadurch schwer getroffen und reagieren emotional, und schon ist das wieder alles doof.

Auf der anderen Seite wird das oft provokante Auftreten der Marginalisierten als unkonstruktiv und unhöflich empfunden, manche fühlen sich vom Begriff „Alman“ oder „Kartoffel“ angegriffen – wobei ich mir da immer denke, wer sich vom Begriff Kartoffel angegriffen fühlt, ist vermutlich eine. Der Begriff „Alman“ hat mich auch getroffen, aber das war als der rechte Sifftwittermob den Begriff auf alles bezog, was er sonst Gutmenschen nannte. Aber wenn Menschen aus marginalisierten Gruppen diesen Begriff benutzen, finde ich ihn in Ordnung. Ich bemühe mich möglichst wenig almanlike zu sein, auf meine eigenen Vorurteile aufzupassen und sie in die Schranken zu weisen, halt die antirassistische Arbeit zu machen, die man so tun muss, wenn man antifaschistisch denkt. Ich kann ja nichts tun, um plötzlich nicht mehr weiß und damit privilegiert zu sein, also ist Reflexion Queen und ich halt auch weitgehend die Klappe.

Ich kann falsch liegen, ich versuch hier mein Glück, aber vermutlich ist der ganze Beef eigentlich eine Art Missverständnis. Man geht nämlich nicht nur von sehr verschiedenen persönlichen Erfahrungen aus, man hat auch eine völlig verschiedene politische Sozialisation. Und das große Stichwort ist wohl „Identität“. Für marginalisierte Gruppen ist es fast so etwas wie die einzige Chance, ihre Identität zu suchen, herauszustellen, zusammenzuarbeiten und sich ihre Rechte zu erkämpfen. Wer das nicht glaubt, schaue sich einfach mal die Bewegung an, die unter den Labeln „Queer“ oder „LGBTQI“ (waren das jetzt genug Buchstaben? Welche habe ich vergessen?) viel erreicht haben, auch wenn diese Gruppen immer noch marginalisiert sind. Es gäbe keinen CSD, wenn mensch sich nicht auf die eigene Identität besonnen und sich gegenüber heterosexuellen Menschen abgegrenzt hätte. Letztlich ist zwischen Begriffen wie „Hete“, „Cis“ und „Alman“ kein großer Unterschied, es sind die Begriffe, die Menschen für die anderen entwickeln, die nicht sie selbst sind.

Und das trifft auf die „weißen Linken“, deren Sozialisation immer die Ablehnung von Identität ist. Wenn ich mich auf meine Identität besinne, also darauf, dass ich deutsch bin und Mann und Hetero und Cis – also ziemlich -, dann lande ich bei der AfD, und da habe ich nun wirklich keinen Bock drauf. Als weißer Linker aufzuwachsen, heißt, mit der eigenen Identität zu brechen, sich der Verbrechen der Vorfahren zu schämen, alles abzulehnen, was deutsch ist, und als Mann natürlich, toxische Männlichkeit zu bekämpfen und so weiter.

Wo jetzt also die Identität der Marginalisierten auf die Ablehnung jeder Identität der weißen Linken trifft, wird es schwierig. Für mich ist zum Beispiel das Konzept „cultural appropriation“ als ich anfangs davon hörte, unglaublich kontraintuitiv gewesen. Warum sollte es für irgendwen ein Problem sein, wenn Weiße – ja, ist jetzt das am Häufigsten benutzte Beispiel vermutlich – Dreadlocks haben? Ich habe mit der Zeit verstanden, dass es hier quasi darum geht,dass die Privilegierten den Marginalisierten einen Teil ihrer Identität stehlen. Andere sagen, es ist dann ein Problem, wenn es nur Mode ist. Wenn eine weiße Reggaeverrückte Dreadlocks hat, weil sie diese Kultur und Musik verehrt, also nicht stiehlt, sondern sich davor verbeugt, dann ist es okay. Wieder andere … ach, seht selbst: https://www.youtube.com/watch?v=lHYls9e4mVM

Als jemand, der sich in der Kunst einigermaßen zu Hause fühlt, klingt es schrecklich, wenn ich nichts benutzen kann, was nicht meiner eigenen Kultur entsprungen ist. Wo fängt es an, wo hört es auf? Keine Posaunen im Orchester, weil die von den Türken übernommen wurden, als die vor Wien standen? (jep, ist polemisch, weiß ich, sry)

Ich habe in der Schule in mindestens fünf verschiedenen Sprachen gesungen, weil mein Musiklehrer sich wohl dachte, dass mensch anderen Menschen offener entgegen tritt, wenn mensch die Musik dieser Menschen kennt. Ich singe bis heute noch gerne „Dos Kelbl“, weil ich jiddisch wunderschön finde, und weil dieses traurige, schmerzhaft lebenslustige Lied immer wieder mein Herz berührt. Nach dem Konzept „Cultural appropriation“ sollte ich das besser nicht tun, da ich mir jüdische Kultur aneigne.

Man merkt, wie ich hier an diesem Punkt schwer ins Straucheln gerate. Ja, ich kann verstehen, dass es verletzend ist, wenn ich hingehe, mir ein fremdes Motiv, das anderen Menschen viel bedeutet, auf mein Shirt drucken lasse, ohne mich damit zu beschäftigen, ohne die Bedeutung zu kennen. Und das wäre auch nichts, was ich tun würde.

Aber ich tu mich, wie wahrscheinlich viele „weiße Linke“, mit Identität schwer. Denn das Konzept „Identität“ heißt ja immer Abgrenzung. Wir verachten Nazis, Konservative und den ganzen Rest dafür, dass sie andere Menschen ausschließen, wir haben damit Schwierigkeiten, dass Marginalisierte genau das auch tun wollen, andere ausschließen. Keine Frage, sie haben das Recht darauf, wir haben kein Recht darauf, von ihnen nicht ausgeschlossen zu werden, aber das wird immer ein Reibungspunkt sein.

Es mündet halt – und das vermutlich nicht nur gerade weil es sauwarm ist und eh alle kochendes Blut haben – sehr schnell in Aggressionen, weil es noch einen zweiten Punkt gibt, an dem die Sozialisation der „weißen Linken“ echt von Nachteil ist. Wir sind gewohnt, dass wir diskutieren. Meine Fresse, was haben wir alle mit unserem persönlichen Umfeld diskutiert, was diskutieren wir untereinander, versuchen andere dazu zu bringen zu differenzieren und zu akzeptieren. Wir sind ja auch ein bisschen arrogant mit unserer rationalen Art – also wir sind zumindest immer davon überzeugt, dass wir rational sind. Und wenn jetzt irgendwer aus einer marginalisierten Gruppe auf Provokation aus, oder vielleicht, auch das soll ja mal vorkommen, einfach mal ein bisschen pöbelt – ist das das gleiche? – , dann werden wir das gerne ausdiskutieren wollen.

Wenn ich als Mann bei einem feministischen Thema irgendwas ausdiskutieren will, dann nennt man das aber meistens zu Recht mansplainen und ich krieg dafür auf die Fresse. Und so geht es den „weißen Linken“ halt auch in der jetzigen Diskussion oft. Die eine Seite möchte auf Augenhöhe diskutieren, die andere Seite sagt: Es gibt keine Augenhöhe, ihr schaut immer auf uns herab, und deswegen ist jegliche Kritik an uns rassistisch. Klingt nach einem Teufelskreis? Ist es wahrscheinlich auch.

So, jetzt veröffentlich ich das, und bin mal gespannt, wie viele Menschen mich jetzt blocken … es ist ja auch heiß …

Diskriminierung, Fatshaming, wirre Gedanken

Ich bin schwermehrfachprivilegiert, weiß und Mann, und cis und hetero, also zumindest größtenteils. Und da ich ein bisschen verstanden habe, wie Diskriminierung funktioniert, red ich, wenn ich über sie rede, nicht über Rassismus oder Sexismus oder Homohass, nicht weil ich nichts dazu zu sagen hätte, im Sinn von, ich habe durchaus Meinungen zu allem Möglichen, sondern weil ich dazu nichts zu sagen habe, weil es sich für mich verbietet.

Als vor einigen Monaten mal wieder über Abtreibungen gesprochen wurde, habe ich mal geschrieben, dass ich nicht sehe, dass Männer da irgendwas mitzureden haben. Da bekam ich verständlicherweise Gegenwind, weil meine Unterstützung eingefordert wurde. Ja, ist ja richtig. Aber prinzipiell sehe ich das so, dass da kein Mann irgendwas mitreden sollte – so lange das nicht passiert, ist es schon sinnvoll, zu unterstützen und Menschen mit Uterus in ihrem Kampf um die Herrschaft über dieses Organ beizustehen. Und das eben ohne selbst irgendwelche Ansprüche zu haben. Meine private Meinung? Interessiert nicht. Meine Meinung als politischer Mensch: Die Paragraphen 218 und 219 sollte man aus dem Strafgesetzbuch löschen. Und danach können wir dann noch mal von vorne anfangen, und diese Diskussion vollständig Menschen mit Uterus überlassen …

Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Sorry, es sind über dreißig Grad hier und mein Hirn ist ein bisschen weich.

Also, wenn ich über Diskriminierung schreiben will, dann kann ich das nur in einem Bereich: Beim Fatshaming, also bei der Diskriminierung gegen dicke Menschen. Mein BMI ist zwar nicht mehr im Bereich von 50, wie er mal war, aber immer noch der 40 näher als der 30. Ich bin also immer noch hochadipös, und ich kann dazu was sagen, was es heißt, als Mensch zweiter Klasse angesehen zu werden, weil ich nicht der Norm entspreche.

Werde ich persönlich beleidigt? Ja, das kommt vor, aber zugegeben nicht sehr häufig – hey, ich bin ein weißer Mann Mitte vierzig – aua, die Altersangabe tut immer noch weh – so schnell werde ich nicht blöd angemacht. Außerdem bin ich knapp einsneunzig, das bringt einem schnell eine Ausstrahlung die sagt, hey, ich diskriminier lieber andere, die nach leichterer Beute aussehen. Aber es kommt vor. Klar.

Viel stärker ist aber die strukturelle Diskriminierung. Und damit meine ich noch nicht mal die Toiletten, in denen ich mich nicht drehen kann, die Stühle, auf die ich mich kaum wage zu setzen – boah, kennt ihr diese scheiß Korbstühle, die es meistens ausgerechnet in Eiscafés gibt? Ich meine in Eiscafés, die ja davon leben, dass sie uns dick machen! Und dann setzt du dich in so einen Stuhl und denkst dir, scheiße, wie komm ich hier wieder raus? Und wenn du dann aufstehst, muss dir erst mal wer diesen scheiß Stuhl ausziehen!

Ich red auch nicht davon, wie schwierig es ist, Klamotten zu finden, die nicht total langweilig sind. Man verbeiget noch lange vor der sechzig …

Das schlimmste sind die Bilder, die jedem in den Kopf gesetzt werden. Die Bilder, die ich natürlich auch selbst im Kopf habe. Jetzt mal ehrlich, in wie vielen Filmen und Serien und was man halt so sieht, sind denn dicke Menschen, die mehr sind, als der vielleicht nette humorvolle Sidekick, gerne mit viel Selbstironie – also jemand, der sich und alle anderen Dicken so richtig selbst in Fresse haut!

Kleiner Disclaimer zwischendurch, ich bringe hier eine eindeutig männliche Sicht, als Frau dick zu sein, fordert natürlich mehr Diskriminierung heraus, und wenn da noch eine nichtweiße Hautfarbe, eine Behinderung oder eine nicht heterosexuele Neigung dazu kommt, dann ist es alles schwieriger, als für mich – das ist mir klar. Ich jammer auf hohem Niveau und so.

Überlegt mal kurz, wie viel dicke Menschen ihr aus den Reihen der A-, B- oder meinetwegen auch C-Promis ihr kennt? Jo, und jetzt zieht davon mal alle ab, deren Job es ist, ständig für ihre Fettleibigkeit zu Kreuze zu kriechen. So, jetzt sind wir vermutlich auf zwei PolitikerInnen und einen Schriftsteller runter, oder?

Überlegt mal, wie oft ihr in Filmen schon gesehen habt, dass dicke Menschen Sex haben – nein, nicht die Fetischfilme auf Youporn, ich habe von denen gehört -, okay, habt ihr in eurer Erinnerung solche Szenen gefunden? Dann ist das schon viel. Und jetzt nur solcher Sex, der nicht durch Bezahlung oder durch Missbrauch zu Stande gekommen ist? Das wird schon schwierig, oder? Und jetzt noch alle Male rausnehmen, die den Sex mit dicken Menschen ins Komische zogen? Genau, dicke Menschen haben gar keinen Sex, richtig?

Sie können, natürlich bis auf wenigste Ausnahmen, keine Hauptrollen spielen, keine Leistung erbringen, und wie könnte mensch sich mit dicken Menschen identifizieren?

Jo, so funktioniert halt Diskriminierung auch. Und das, ohne die Horrorgeschichten aus den Arztpraxen – wenn du fett bist, hassen dich alle Internisten und Orthopäden mal ganz prinzipiell – oder zumindest kommt es einem so vor. Ohne einen Blick auf die Werbung, die mich so bleiben lassen will, wie ich bin.

Denn das hier soll nicht soo lang werden und eine Kleinigkeit wäre noch zu erzählen. Seit Anfang Mai letzten Jahres habe ich relativ viel abgenommen. Es ist inzwischen nicht mehr so weit von vierzig Kilo entfernt. Und ich rechne mir echt große Chancen aus, nächstes Jahr ohne allzu große Probleme das Sportabzeichen zu machen. Dann vielleicht nur noch übergewichtig und nicht mehr adipös. Man hat ja noch Ziele.

Und egal wie gut das Lob tut – ja, lobt mich, es ist wirklich gut! – manchmal denk ich mir schon, dass ich offenbar erst durch das Abnehmen für viele, auch aus meinem Umfeld, erst wirklich zu einem Menschen werde. Und das ist schon nicht immer nur lustig.

Aber das Schlimmste am Abnehmen ist was anderes. Ich muss ständig an mir arbeiten, um nicht mitzumachen. Fatshaming ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass ich mich selbst ständig dabei erwische, wie ich auf Menschen, deren Form ich mal übertraf, und inzwischen unterbiete, runterschauen will. Wie ich quasi den Wettbewerb im Kopf aufmache, wie ich anfange zu fragen, was gesund ist und was nicht, und ich bin kaum ein Jahr davon entfernt. Ich bin immer noch fett. Wir sind zum Verachten erzogen …

Tage, an denen man sich erinnert …

Ich muss hier gerade mal etwas in die Tastatur heulen. Ist ja eigentlich nicht meine Art, aber ich habe gestern Abend eine Mail bekommen, die mich stolz, traurig und eigentlich sogar total fertig macht. Ich mein, es ist toll, aber ich halte es kaum aus. Die Mail liest sich so:

Wollte mich kurz melden und mich einfach bedanken für deine Unterstützung und Inspiration. Sollte jetzt 8 Jahre her sein das ich dich kennen gelernt habe und ich hätte nie gedacht das für mich die ganze Schauspiel Geschichte mal ernst wird. Letztendlich hab ich’s einfach versucht, Recht spontan bei ner privaten Schauspielschule in Köln vorgesprochen, Glück gehabt und diese Woche den Ausbildungsvertrag unterschrieben. Also, danke das du mich in gewisser Weise dahin gebracht hast !“

Lieber F. es ist eher zehn Jahre her, du warst in der vierten Klasse, ein Clown und absolut bezaubernd. Und du machst das jetzt richtig, ziehst das durch. Meine Fresse, ist das gut.

Für die Leser, die hier einfach nur so reingeschlittert sind, ich habe etwa zehn Jahre lang Theater gemacht, mit Kindern und Jugendlichen und natürlich auch Erwachsenen. Das ist jetzt sechs Jahre her. Und es fehlt mir jeden Tag. Jeden verdammten Tag. Vor sechs Jahren hatte ich das Unglück, dass sich eine minderjährigen Schülerin in mich verliebte, und ich zu doof und zu geschmeichelt und auch ein bisschen zurückverliebt war, und auch wenn nichts passierte, und ich mir nur vorzuwerfen habe, mich nicht zurückgezogen zu haben – irgendwann, als ich ihr eine Rolle nicht geben wollte in einem Stück, dass ich schreiben wollte, erzählte sie dann Geschichten, die ein bisschen Wahrheit und viel Fantasie enthielten, ihre Eltern zeigten mich an. Die Sache verlief, wie sie verlaufen musste, die Staatsanwaltschaft stellte die Sache ein. Für Juristen die klarste Form eines Freispruchs, aber es half mir nichts.

Wo ich vorher eine kleine Schauspielschule quasi allein aufgebaut hatte, durfte ich nicht mehr arbeiten. Menschen, die ich als Freunde betrachtet hatte, schafften es nicht, zu mir zu stehen. Mir zu helfen, mich zurückzuholen, gegen die Geschichten, die kursierten, dafür hätte es auch von deren Seite Kraft gebraucht, und Mut, und das kann man ja auch irgendwie nicht von anderen erwarten, oder?

Naja, ich bin Autodidakt. Womit kann ich mich irgendwo bewerben? Ich weiß, wie schwer es ist, von Null aufzubauen, denn ich habe es gemacht. Jetzt, nach der ganzen Sache von Depressionen und Panikattacken ganz klein, habe ich diese Kraft nicht mehr. Also kann ich auch nicht einfach woanders hingehen und alles noch mal durchmachen, mit zwei jungen Menschen anfangen, und zehn Jahre später mehr als dreißig Darsteller in drei Kursen haben. Ja klar, versucht habe ich das. Aber wo kommst du mit so einem Ding mal eben so an? Und den Beruf zum Hobby machen?Einfach mal so neben der Arbeit (ja, ich arbeite auch heute hauptsächlich mit Jugendlichen, ich gebe Nachhilfe. Nein, das ist nicht, was ich tun will, aber irgendwovon muss man ja leben) sich im Amateurtheater engagieren, wo ich vor knapp zwanzig Jahren die erste Regie führte? Ja, ich denke immer mal wieder drüber nach. Aber es fehlt so sehr die Kraft.

F. ist nicht der erste, von meinen ganzen SchauspielerInnen, der das beruflich machen will. Eine studiert in Frankfurt, wenn mich nicht alles irrt, eine anderen, eine der ersten, ist heute Theaterpädagogin, und im Gegensatz zu mir ist sie das sogar ausgebildet. Liebe R., auch das macht mich stolz – auch wenn ich mir manchmal denke, du hast das angefangen, weil du es besser machen wolltest, als ich.

Das Herz, das vor Stolz bersten will, das bricht vorher. Und es bricht eigentlich jedes Mal, wenn das Theater mich berührt. Ich hatte da keinen Beruf gefunden, sondern eine Berufung, ja, manchmal muss es eben das Klischee sein, wenn es nun mal stimmt.

Hey F. Du hast das hier mal geschrieben: „Mit zitternden Händen schreibe ich diese Zeilen und muss und die alten Zeiten denken,wo mein liebstes Hobby,Theater spielen,noch mit dir war…Ich hab das gerade gelesen und heule wieder, wie ich damals geheult habe, als ich das las. Eine andere – Hallo J.! – schrieb damals: “Ich hoffe du kommst bald wieder und bringst diesen besonderen Zauber mit, sonst gehen wir alle noch ein!!“ Kann ich mich damit irgendwo bewerben? Mit meinem Zauber?

Es gibt Tage, die sind echt schwer zu ertragen … vor allem die, an denen man sich erinnert …