Der Fall Bivsi

Ich will gar nicht viel erklären, wer das nicht mitverfolgt hat, kann hier mal schauen. Oder mal googlen, geht ja.

Also, Bivsi ist wieder in ihrer Heimat, in Deutschland, wo sie geboren wurde. Das ist toll. Und der Fall ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie bigott unsere Medien, und durchaus auch unsere Gesellschaft, sind, oder auch ist. Denn dieser Fall zeigt ja eigentlich, wie unser Rechtsstaat langsam aber konsequent arbeitet.

Bivsi wurde zwar in Deutschland geboren, aber der Asylantrag ihrer Eltern wurde abgelehnt, und geht man nur nach dem, was so viele ständig hochhalten, müsste der Fall Bivsi eigentlich ein Skandal sein. Denn man hat doch jetzt alles Mögliche in Bewegung gesetzt, damit das Mädchen wieder zurück konnte. Da gehen Behörden, die sie und ihre Eltern fröhlich abgeschoben haben, her und suchen proaktiv Umwege, über die sie zurück kann. Und alle so yeah!

Man verstehe mich nicht falsch ich auch so yeah, ich freue mich für die Familie, alles gut. Aber hier wird ein Einzelfall groß gefeiert, Politiker gebärden sich als Wohltäter. Die Medien freuen sich. Die gleichen Medien, die sonst über Abschiebezahlen berichten, ohne dass ihnen dabei schlecht wird. Ein Mädchen samt ihren Eltern darf zurück. Von den  Geflüchteten, die nach Afghanistan in die Fänge der Taliban abgeschoben werden, berichtet niemand. Oder von denen, die zu Hunderten im Mittelmeer ertrinken, mit der ausdrücklichen Zustimmung unserer Regierung.

Der Fall Bivsi beruhigt jetzt die Gemüter – bis auf vielleicht die Gemüter von ein paar Nazis, die schäumen, aber die schäumen ja eh immer. Aber wir sollten nicht beruhigt sein, denn es ist schlicht nicht in Ordnung, dass wir das Menschenrecht auf Asyl mit Füßen treten. Die ganze Diskussion ist so vergiftet und krank, Rassisten und rassistische Politik werden gefeiert, und die Medien überschlagen sich ständig, solche Leute zu hoffieren und ihnen Plattformen ohne Ende zu geben. Da dürfen wir uns von so einem Fall Bivsi einfach nicht beruhigen lassen.

Noch zwei Dinge wären zu überlegen. Erstens: Wäre der Fall Bivsi für die Medien genauso schön gewesen, wenn ihre Eltern nicht Nepalesen, sondern Nigerianer gewesen wären? Allgemein ist der Rassismus gegenüber Asiaten weniger ausgeprägt als gegenüber Schwarzen. Zweitens: Man kann sich denken, was die Konsequenz aus diesem Fall ist. Nicht, dass Menschen weniger abgeschoben werden, nicht, dass auch nur die Menschen nicht abgeschoben werden, die gut integriert sind – und warum zum Teufel soll das ein Grund sein, Menschen eher ihre Menschenrechte zuzugestehen, als anderen? – die Konsequenz wird sein, dass niemand mehr so dumm ist, Schüler aus ihrer Klasse heraus abzuschieben. Die Behörden kommen dann halt nicht mehr um elf, sondern morgens um halb fünf. Mit solchen Zeiten hat man in Deutschland viel Erfahrung.

#wennGuteswenigerwird – I – Abenteuer abnehmen

Dieser Text entstand über einen Zeitraum von etwa drei Wochen, das sei nur vorausgeschickt, falls die eine oder andere Zahl im Text verwundert.

Wenn man den großartigen Jochen Malmsheimer darauf anspricht, dass er zugenommen habe, antwortet er laut seinem Bühnenprogramm mit „Wenn Gutes mehr wird, kann ich da nichts Schlimmes dran finden.“ Die Wahl meines Hashtags möchte ich weniger als Arroganz – die da eh ironisiert wird – verstanden wissen, sondern als Hommage.

Ich nehme nun also ab. Inzwischen seit gut zwei Monaten und heute, da ich den ersten Teil dieses Blogsposts schreibe, stehe ich bei 12,3 kg weniger, als an dem Morgen, an dem ich im Krankenhaus gewogen wurde. Der Wert, den die Krankenschwester ablas, erschreckte mich – ich war mir sicher gewesen, dass mein Gewicht nicht gar so hoch sein würde, aber eine Waage hatte ich sicher über ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Die Zahl, die ich da hörte, ist der erste Grund, weshalb ich abnehmen wollte, der zweite ist natürlich der Grund, weshalb ich im Krankenhaus war. Eine eigentlich eher harmlose Herzrhythmusstörung, „unangenehm, aber nicht gefährlich“, wie die Stationsärztin meinte. Ich habe gute Blutwerte, mein Blutdruck ist trotz eines Gewichtes weit jenseits der drei Zentner geradezu vorbildlich, die Arterien sind frei.

Dennoch gab es einen Satz meines Hausarztes, der mich endgültig antrieb, was zu ändern. Er sagte was von Goggo-Motor und S-Klasse-Chassis, ich denke, man kann verstehen, was er meinte. Er befürchtete eine beginnende Herzinsuffizienz, und meinte auch, dass sowas dazu führen kann, dass man morgens aufwacht und nicht mehr lebt. Ich habe dann etwa eine Stunde darüber nachgedacht, ob es das ist, was ich will – es gab in den letzten Jahren durchaus einige Momente, in denen ich darüber nachgedacht habe, ob ich noch länger verweilen möchte – und dann habe ich mich zu leben entschieden.

Also habe ich angefangen, mit leichtem Training dafür zu sorgen, dass der Motor etwas kräftiger wird, und auch angefangen, erstmal den ganzen Kram aus dem Kofferraum rauszuwerfen. Die Untergrenzen, die ich mir gesetzt habe, sind 25 kg in diesem und genauso viel im nächsten Jahr – wenn ich in dem gleichen Tempo weiter abnehmen würde, in dem ich das gerade tu, würde ich diese fünfzig Kilo fast schon in diesem Jahr abnehmen können, aber mir ist klar, dass die Geschwindigkeit, in der ich momentan schmelze, sicher nicht über mehr als ein halbes Jahr zu halten ist.

Über lange Zeit war ich bei recht hohem Gewicht relativ leistungsfähig. Spielte manchmal Fußball mit Kollegen, war häufiger mal zu Fuß unterwegs und weil ich viel mit Theater machte und jede Woche einige Male Gruppen aufwärmte, blieb ich in brauchbarer Balance. Doch Dinge änderten sich, es gab existenzielle Niederschläge, die mit meiner Psyche einiges machten, was ich nie erfahren wollte – und aus Frust wurde mehr Gewicht und weniger Bewegung. Wenn ich früher Sport gemacht hatte, war es mir immer darum gegangen, meinen Fitnesslevel zu verbessern – über mein Gewicht hatte ich nie ernsthaft nachgedacht. Ich fand es nicht schlimm, fett zu sein, ich finde es auch heute nicht schlimm. Und das Letzte, was mich interessiert, ist mein Aussehen – es gibt daher von mir auch keine Vorher-Nachher-Bilder.

Aber jetzt habe ich die Aufgabe, ernsthaft abzunehmen, und als jemand, dessen Problemlösung eigentlich bis auf emotionale Beziehungsmomente, immer sehr rational und mathematisch strukturiert funktioniert, habe ich mich an diese Aufgabe gemacht.

Ein paar Tage später, 14,4 kg Abnahme bisher.

Ich habe mit dem Entschluss, die Aufgabe anzugehen, zwei Dinge für mich festgelegt. Ich habe unnötige Süßigkeiten aus dem Plan verbannt und festgelegt, dass ich abends keine Kohlenhydrate mehr zu mir nehme. Und damit habe ich schon die erste Krücke erwähnt, die mir hilft, so einigermaßen im Plan zu bleiben. Abends keine Kohlenhydrate bedeutet nicht, dass ich ein großer Fan von Low Carb bin. Es bedeutet auch nicht, dass ich sonst total auf Kohlenhydrate verzichte – gerade Frühstück ist bei mir immer eher süß – aber es bedeute, dass ich mir sehr genau überlegen muss, was abends geht, und dass alles, was man aus Langeweile isst, schon mal raus ist. Abends keine Schokolade, keine Gummibärchen, keine Chips – und mal ganz ehrlich, abends isst man doch genau davon am meisten, oder?

Aber Snacks habe ich mir gerade am Anfang immer viele für den Abend gemacht. Ein Teller voll kleinen Tomaten, Paprika-und Kohlrabistreifen, Gurken und Zwiebeln, teilweise ein bisschen Frischkäsedipp dazu, manchmal in einen Salat verwandelt. Dazu hin und wieder ein paar Nüsse oder ein paar Brocken Käse. Ich habe mir vorgenommen, abzunehmen und dabei satt zu sein, denn wenn ich irgendwas nicht will, dann ist das Heißhunger – und bisher habe ich den fast vollständig vermeiden können. Und wenn ich an den Kühlschrank gehe, dann für eine Scheibe Schinken oder mageren Bratenaufschnitt – nein, Vegetarier werde ich mit der Ernährungsumstellung auch nicht. Ich schaffe es in einem Bereich von 1500 bis 1800 Kalorien zu bleiben, annähernd jeden Tag. In den gut siebzig Tagen seit der Umstellung, habe ich an exakt vier Abenden überhaupt Kohlenhydrate zu mir genommen – also außer den kleinen Mengen, die auch in den Lebensmitteln drin sind, die ich so abends esse, aber die sind nicht der Rede wert. Zweimal war das ein kleines Eis im Kino, zweimal Einladungen zum Essen. Und da ich mich extrem bemühe, nicht in den hirnverbrannten Kategorien des Christentums zu denken – diese Kohlenhydrate also keine Sünden waren -, ist das auch kein Problem. Erstens hat sich mein Magen langsam daran gewöhnt, dass er nicht mehr so viel bekommt, was dazu führt, dass ich deutlich weniger auch bei Einladungen esse, als ich das vor gut zwei Monaten getan hätte, andererseits weiß ich ja was ich tu, ich kann dann halt auch mal ein Mittagessen ausfallen lassen. Abgesehen davon – mein andauerndes Kaloriendefizit ist so hoch, dass ich ein gutes Abendessen nicht fürchten muss.

Wenn man einmal so ein wenig hinter die Kulissen des Stoffwechsels geschaut hat, wird mir zumindest ein bisschen schwummrig bei der Überlegung, was ich alles gegessen haben muss, um überhaupt so schwer zu werden. Selbst an Tagen, an denen ich wenig körperliche Anstrengung auf mich nehme, habe ich weit über einen Kalorienverbrauch von weit über dreitausend, mit Sport schaffe ich immer die viertausend. Also laut der App, die meine Schritte zählt und die mein genaues Gewicht kennt. Mein Eindruck war, dass diese Zahl viel zu hoch sein muss, die App muss spinnen. Ich fragte eine Freundin, die zufällig ihres Zeichens Internistin ist, und die findet die Zahlen der App nicht unrealistisch.

Will heißen, dass ich um die zweitausend Kalorien weniger zu mir nehme, als ich verbrauche. Die habe ich früher zum größten Teil durch Süßkram aufgefüllt. Und wenn man jetzt völlig zu Recht fragt, ob ich das vermisse … nun, jein. Ich vermisse auf jeden Fall die Freude beim Einkaufen, wenn man sich ein paar schöne Dinge in den Wagen legt, ich vermisse immer mal wieder den einen oder anderen Geschmack. Aber wenn man ehrlich ist, vieles, was man so inhaliert, schmeckt man doch gar nicht wirklich. Vielleicht bei den ersten zwei Hand voll Gummibärchen, aber danach? Dafür habe ich ja auch kein Sodbrennen mehr. Hübsch oder? Der Körper schreit einen immer wieder an, dass man übertreibt, und die Reaktion ist eine Tablette, die das Sodbrennen mindert. Ja, es gibt Aspekte, über die man ruhig früher mal hätte nachdenken können.

Nein, die Masse an Süßkram vermisse ich nicht, und die kleinen Momente, wo es einfach Schoki sein muss? Oder die Chips total locken? Die sind auch kein Problem. Erstens, weil ich mir eine Tafel Schokolade pro Woche leiste, meistens herbe, die auch jetzt gerade vor mir im Schreibtisch liegt. Meistens reicht die sogar für mehr als eine Woche. Ich denke nicht jeden Tag daran, dass die da liegt. Und ich erlaube mir zweitens so jeden zweiten oder dritten Tag eine Kleinigkeit, die nicht auf der Liste für diätische Lebensmittel steht. Eine Cola (höchsten 0,5 Liter), oder ein Eis, einmal habe ich mir auch eine Packung Chips gekauft, diese vier mal 50-Gramm-Packung, sowas ist wunderbar. Weil eine 50-Gramm-Tüte so um die dreihundert Kalorien liegt (uh, habe ich das noch richtig im Kopf, es war auf jeden Fall nicht viel mehr) und gerade Chips dieses Problem haben, dass es extrem schwierig ist, aufzuhören, wenn man einmal angefangen hat. Also öffne ich einmal alle paar Tage so ein Chipstütchen und vertilge den gesamten Inhalt und habe meine Lust auf Chips erstmal befriedigt. Das ist viel besser, als die üblichen Tüten mit mindestens zweihundert Gramm.

Überhaupt sind die Packungen echt so ein Problem, dreihundert Gramm Haribo-Zeugs, große Schokoladentafeln von zwei- oder dreihundert Gramm, dieser ganze Kram, der in Familienpackungen angeboten wird, und den du dann alleine frisst. Ich vertage mal und schreibe bald weiter.

Wieder ein paar Tage später, 15,2 Kilogramm Abnahme bisher.

Um den Gedanken zu Ende zu führen. Das Problem beim Süßkram sind die billigen Mengen, die aus dem leckeren Happen zwischendurch eine riesige Kalorienmenge machen. Und der Trick, mit dem ich abnehme, ist nun mal der, dass ich deutlich weniger zu mir nehme, als ich verbrauche – also muss ich von wirklich großen Kalorienmengen fern halten. Ich weiß, das klingt viel einfacher, als es dann wirklich ist. Kleine Mengen gibt es aber nur an der Kasse als Quengelware, also zumindest in Discountern, denn da geht es ja immer um die Menge. Die kleinen Packungen sind auch im Verhältnis deutlich teurer.

Überhaupt macht das Einkaufen einfach keinen Spaß mehr. Also speziell in Geschäften, bei denen man automatisch durch die Süßigkeitenregale geschleust wird. Seit ich meine Ernährung umgestellt habe, kann ich noch besser verstehen, welche Probleme es trockenen Alkoholikern macht, dass man in jedem Supermarkt, und speziell an der Kasse, harten Alkohol in allen möglichen Mengen angeboten bekommt. Warum eigentlich? Haben wir zu wenige Alkoholtote pro Jahr?

Back to topic: Ich persönlich nehme keine Drogen, also trinke und rauche ich nicht, und zu dem Rest bin ich auch nie gekommen. Meine einzige Droge, und das habe ich auch schon immer so artikuliert, ist Zucker. Ich bin jetzt auf Entzug. (also mal mehr und mal weniger) Ich umgehe größere Zuckermengen. Nehme Kohlenhydrate möglichst nicht in ihrer puren raffinierten Form zu mir – ja, das halte ich nicht immer durch – aber vor allem halte ich die Menge gering. Und man glaubt gar nicht, wie geil der Inhalt einer Dose Cola schmeckt, wenn man seit Tagen kaum etwas wirklich Süßes zu sich genommen hat. Aber eben auch hier die Menge! Die Menge ist so wichtig. Ja, diese Flaschen mit 1,5 Litern sind total praktisch. Aber nicht, wenn du die allein wegschlürfst. Die Angebote, die du in jedem Supermarkt hinterhergeworfen kriegst, sagen: Hier, noch mal tausend Kalorien für nen Euro, du willst doch billige Kalorien, oder? ODER? – ja, eigentlich will ich schon, oder zumindest ein Teil von mir will das.

Ein paar Tage später, 16,4 Kilogramm.

Ohne Sport geht es übrigens aus zwei Gründen für mich nicht. Ich habe im letzten Monat ein paar Tage nicht viel gemacht, weil es mörderisch warm war und weil meine Schulter das eine oder andere Desaster auslöst. Ja, ich habe in der Zeit auch abgenommen, und gar nicht mal so unfassbar langsamer. Aber mit Sport ist es besser, erstens weil es schneller geht, zweitens weil ich mein Herz trainieren will, drittens weil ich nicht zu viel Muskelmasse mit weghungern will. Ich bin mit meinem Gewicht ja immer einigermaßen gut klar gekommen. Dafür braucht es auch nicht unbeträchtliche Muskeln, die ich gerne auch dann erhalten möchte, wenn sie nicht mehr so viel Gewicht bewegen müssen.

Momentan bin ich allerdings sehr einseitig, ich mach Nordic Walking, oder wie mal jemand witzelte, Betreutes Gehen. Da ich es meinen Gelenken kaum zumuten kann, wieder zu joggen – was ich früher durchaus gemacht habe, wie oben schon geschrieben, ich habe immer wieder mal relativ regelmäßig Sport gemacht, um meine Fitness auf einen brauchbaren Level zu bringen – bin ich auf die Stöcke angewiesen, um einerseits auch etwas längere Strecken angehen zu können, und damit ich nicht gar so langsam unterwegs bin. Mit Nordic Walking komme ich kaum aus der Puste – was mir auch annähernd verboten ist – aber ich komme zumindest ab leichten Steigungen so einigermaßen an die anaerobe Grenze heran, grüße sie wenigstens von Weitem, was fürs Herz halt ganz gut ist. Jetzt, nach gut zwei Monaten Training, steige ich Treppen, wie seit wahrscheinlich zehn Jahren nicht mehr, mein Schritt hat sich auch beim normalen Gehen deutlich vergrößert, und Strecken über fünf Kilometer Länge können mich im Moment nicht schrecken. Dabei bin ich noch dabei, Streckenlängen und Geschwindigkeiten zu erhöhen, ich weiß, dass letzteres beim Nordic Walking irgendwann schwierig wird, aber noch habe ich vor allem am Berg gute Ausbaumöglichkeiten.

Ja, die Steigungen. Ich wohne im Bergischen, hier gibt es kaum Strecken ohne ordentlich Höhenmeter, und um mal ein paar Zahlen in den Raum zu werfen, in den letzten elf Tagen bin ich knapp vierzig Kilometer unterwegs gewesen, habe dafür gut neun Stunden gebraucht und bin 920 Höhenmeter bergauf gelaufen. Dazu gehören neben einigen Einheiten Nordic Walking auch ein paar Spaziergänge, ich tracke jede Strecke von mehr als einem Kilometer, wenn ich daran denke. Noch ein paar weitere Zahlen, für 6,5 Kilometer mit 150 Höhenmetern habe ich heute Morgen eine Stunde und 23 Minuten gebraucht – mein Doc meint, sowas wäre in meiner Gewichtsklasse ziemlich gut. Ich möchte ja gerne im nächsten Jahr die Fitness erreicht haben, um mal wieder ne richtige Bergwanderung angehen zu können. Mal schauen, ob das was wird.

Und wie fühle ich mich so? Eigentlich nicht viel anders als vorher auch. Ja, ist jetzt unspektakulär, aber auch wenn ich im Moment etwas andere Prioritäten als sonst pflege, hat sich mein Leben nicht sehr stark geändert. Ich brauche relativ viel Zeit für Sport und ich investiere auch mehr in die Zubereitung von den Speisen, die ich dann doch esse. Ach so, ja eine Kleidungsgröße habe ich auch eingebüßt – das ist ganz nett, ich kann wieder Sachen tragen, die eigentlich schon ausrangiert waren. Und der Gürtel hat drei neue Löcher, braucht bald ein viertes. Aber so wirklich verändert hat sich nicht viel. Ich bin halt auch nach über 16 Kilo Abnahme noch fett. Da helfen ein paar Punkte weniger im BMI auch nicht. Vielleicht sieht das anders aus, wenn da noch ein paar Punkte mehr weg sind, vielleicht braucht es die 20 Kilo, vielleicht die 30, bis ich weniger das Gefühl habe, dass ich nur eine Version meiner selbst bin, die etwas fitter ist.

Momentan hadere ich eher damit, dass ich mich mit Medikamenten und dem ständigen Kaloriendefizit geistig auf jeden Fall weniger leistungsfähig bin. Oft müde, nicht sehr konzentrationsfähig – und nebenbei kommen natürlich die Wehwehchen, die damit zusammenhängen, dass ich vier bis fünfmal in der Woche Sport mache – was ja leicht ungewohnt ist. Ich kann also gar nicht sagen, dass ich mich im Moment sagenhaft besser fühle, als meinetwegen vor einem halben Jahr. Was aber an der Absicht, dass recht lange durchzuziehen, ja meine Ernährung im Großen und Ganzen so für immer weiterzuführen, nichts ändert. Ich brauche deswegen wahrscheinlich länger für mein Fernstudium, gleich mehrfach Selbstdisziplin zu zeigen ist halt auch besonders schwierig. Aber Gesundheit geht an dieser Stelle auch einfach vor, also ist das okay so.

G20 – Wieviel ist inszeniert, welche Bilder sind gewünscht?

Seit anderthalb Tagen gibt es Bilder aus Hamburg, die um die Welt gehen. Das waren zuerst vor allem Bilder von einer enthemmten Polizei, von der übereinstimmend wirklich alle Medien sagten, dass alle Gewalt von ihr ausging. Dann gestern brennende Autos, geplünderte Supermärkte und Polizisten mit automatischen Gewehren. Die ersten Kommentatoren sprachen von Bürgerkrieg und relativierten damit alles, was in Syrien vor sich geht, und alles ist nun sauer auf die „linken Chaoten“. Es funktioniert also alles so, wie die Polizeitaktik es ganz offenbar wollte.
Die Indizien sind ja eigentlich eindeutig. Die Demo „Welcome to hell“ vom Donnerstagabend wurde mit fast keinen Auflagen genehmigt, und schon vorher sagten viele, dass es dafür nur einen Grund geben konnte, diese Demo sollte niemals losmarschieren. So kam es auch. Man konnte lesen, dass sich die Organisatoren mit der Polizei abgesprochen hatte, dass Sonnenbrillen und Mützen erlaubt seien, nur die Mundpartie nicht verhüllt werden dürfe, alles wegen des Vermummungsverbotes, das seit Mitte der 80er das Grundrecht der Versammlungsfreiheit stark relativiert. Der überwiegende Teil der Demonstranten legte nun also Schals und Tücher ab, und ohne jede Verhältnismäßigkeit zu wahren, ging die Polizei trotzdem in den Nahkampf. Das Vermummungsverbot ist nichts anderes als ein Feigenblatt, mit der von staatlicher Seite jegliche Eskalationsstrategie begründet werden kann.
Nun hat man also die friedliche Demonstration der Menschen, von denen man weiß, dass sie durchaus auch unfriedlichen Demonstrationen nicht abgeneigt sind, mit brutaler Gewalt auseinandergetrieben. Mit Wasserwerfern, mit chemischen Kampfstoffen, mit Schlagstöcken – und ich weiß nicht wie viele Videos ich gesehen habe, wo Polizisten auf wehrlose, unbewaffnete Menschen einschlagen, die ihre Hände zum Zeichen der Gewaltlosigkeit erhoben haben, es waren auf jeden Fall einige. Die Gewalt der Polizei, unprovoziert und nicht zu rechtfertigen, erzeugte Gegengewalt. Natürlich waren die, die nicht nur am Demonstrieren gehindert worden waren, sondern auch noch oftmals verletzt und mit gereizten Atemwegen geschlagen, nun wütend. Das entschuldigt nichts, was dann passierte, war aber folgerichtig und sicherlich auch von der Einsatzleitung so zumindest einkalkuliert.
Die brennenden Autos sind ein Zeichen, aber nicht für eine völlig enthemmte Demonstrantenschar, sondern dafür, dass die Polizei Bilder wollte. Die Menschen aus dem schwarzen Block, die aus ganz Europa angereist waren, um zu demonstrieren und damit gegen das System zu kämpfen, sind für eine gewisse Gewaltaffinität bekannt und obwohl man ihnen nicht erlaubt hatte, auch nur fünf Meter weit friedlich demonstrierend zu ziehen, war es offenbar für die Polizei völlig in Ordnung, sie randalieren und Autos anzünden zu lassen. Über Stunden waren da Menschen unterwegs, die Spaß daran hatten, Sachen anzuzünden und zu zerstören, und die Polizei, die mit vielen tausend Einsatzkräften in der Stadt ist, interessierte sich dafür offenbar einen Scheiß – naja, entweder das, oder das muss der hoffnungslos inkompetenteste Haufen der Polizeigeschichte sein.

Hier hat ein Hamburger Gamingyoutuber ein Video gemacht, in dem man sieht, wie der Straßenverkehr Slalom durch brennende Autos fährt. Da ist kein gefährlicher schwarzer Block in der Nähe, da würde niemand Einsatzkräfte daran hindern, die Brände schlicht zu löschen – aber nichts passiert. Das Bild ist offenbar zu gut, um es zu beseitigen. Die Gefahr für den Straßenverkehr? Aber es brennt doch gerade so schön …
Die Wirkung ist kalkulierbar und natürlich werden am Anfang nächster Woche die ewiggestrigen Politiker noch mehr Einschnitte in die Grundrechte fordern. Heute gab es schon Forderungen, autonome Zentren wie die Rote Flora zu schließen. Dort wurden übrigens gestern verletzte Demonstranten behandelt, davon gab es ja genug. Versuche, das Grundrecht auf Versammlungs- und Demonstrationsrecht weiter zu kastrieren, werden kommen, Menschen-und Bürgerrechte sind nach brennenden Autos immer in Gefahr. Diese Angriffe gegen Sachen – so doof sie sind – werden jetzt schon vielfach höher gehängt, als die tausendfachen Angriffe auf die Gesundheit friedlicher Demonstranten in den letzten beiden Tagen durch die Polizei. Und irgendwas sagt in meinem Hinterkopf immer noch, dass Sachschäden weniger schwer wiegen, als verletzte Menschen. Aber schlimmer noch, die brennenden Autos werden medial mehr ausgeschlachtet werden, als NSU-Morde und brennende Heime für Geflüchtete. Weil es schon immer so war.
Von daher ist zumindest bisher, die politische Strategie der Polizei voll aufgegangen. Ich hoffe, das heute noch bessere Bilder die Proteste gegen G20 in ein vernünftiges Licht rücken.

Verbot heißer Höschen?

Bin eben über ein Interview in der Zeit gestolpert (hier). Habe mich geärgert, und zwar hart geärgert. Weil da wieder so ein Erziehungsexperte spricht, der ganz offenbar absolut antiemanzipatorisch denkt.

Also, worum geht es? Da werden spezielle Kleidungsstücke verboten, und es sind natürlich nur knappe Höschen und tiefe Ausschnitte für Mädchen und junge Frauen. Ich bezweifel hart, dass irgendwer problematisiert, wenn an Tagen wie dem heutigen bei 32 Grad im Schatten Jungen und junge Männer oben Ohne im Unterricht sitzen. Aber es sind Ausschnitte und Hotpants, über die nicht nur gesprochen wird, sondern die gleich verboten werden. Von evangelikalen Privatschulen kennt man sowas – nun gut, dass eine solche Schule eigentlich in einem säkularen Staat nicht geduldet werden dürfte, sollte eh klar sein -, auf öffentlichen Schulen ist das eigentlich seit einigen Jahrzehnten nicht mehr üblich.

Aber es geht ja hier nicht nur um einen Rückschritt, hier kann mensch doch wirklich mal kurz darüber sinnieren, was solche Verbote ausdrücken, und was sie anrichten. Die Aussage ist eindeutig. Der weibliche Körper ist anders als der männliche, unbedingt zu verhüllen, zumindest einige Teile, weil der Anblick dieser Teile beim anderen Geschlecht dazu führt, dass man abgelenkt ist, wahrscheinlich werden auch Blutstau und feuchte Tagträume befürchtet – und natürlich könnte es sein, dass sich irgendwelche männlichen Wesen nicht beherrschen können.  Kurz, ein solches Verbot ist nichts anderes als ein klarer Beweis für die vorhandene Rape Culture.

Was richten solche Verbote an? Natürlich verstärken sie schon ohne tatsächliche Anwendung das Slutshaming – Mädchen, die gerne ein bisschen mehr frische Luft haben, werden problematisiert, weibliche Körper werden problematisiert. Ich finde ja, das Problem sind die Kerle, die ihre Augen oder gar ihre Hände nicht bei sich halten können. Wird das Verbot dann wirklich angewendet, dann muss die Lehrerschaft entweder Schülerinnen dazu zwingen, mehr anzuziehen – was peinlich ist und auch ein Temperaturproblem darstellen kann – oder sie müssen sie nach Hause schicken – und das ist nicht nur peinlich, sondern auch kompliziert wegen Versicherung und so weiter, und es fährt kein Schulbus und Eltern müssen ihre Kinder abholen, sind aber eigentlich arbeiten, welche Freude. Schülerinnen werden gebrandmarkt und bloßgestellt – also lieber Herr Experte, ich könnte das aus pädagogischer Sicht nicht unterstützen, ich halte das für alle Lernenden schlecht, und wenn es sich dann noch auf ein Geschlecht konzentriert, dann ist es sogar noch sexistische Diskriminierung.

Aber was ist denn jetzt mit den großartigen Argumenten für das Verbot: Mitschüler werden abgelenkt, und männliche Lehrer auch. Zum Ersten: In der Pubertät werden alle Lernenden ständig abgelenkt. Das ist ja auch der Grund, warum Beschulung in der Mittelstufe oft eh schon relativ sinnlos ist. Und da machen dann auch ein paar Zentimeter mehr oder weniger Stoff nicht viel aus. Allerdings wird durch das Verbot die Sexualisierung von Mädchenkörpern natürlich gesteigert – will sagen, so ein Verbot betont noch mal, wie spannend es zum Beispiel ist, wenn männchen ein bisschen Slip oder einen BH-Träger zu sehen bekommt. Wenn man die Ablenkung minimieren wollte, würde man die Schüler einfach von frühester Jugend an ein paar Mal im Jahr ins FKK schicken, dann wäre das alles gar nicht mehr so spannend und man könnte mit deutlich weniger Ablenkung unterrichten. Zum Zweiten: Oh, ich bin gerade jetzt, wo es so warm ist, quasi täglich damit konfrontiert. Ich weiß also, wie ich mich als männlicher heterosexueller Lehrer fühle, wenn ich in Dekolletés oder auf knappe Höschen blicke. Und ja, manchmal sieht man, egal ob man das will oder nicht, Dinge, die eine erotische Wirkung haben – denn keine Professionalität der Welt macht jemanden zu einem nichtsexuellen Wesen -, und wo ist jetzt das Problem? Dann habe ich halt gerade was Anregendes gesehen, und? Jetzt kommen Professionalität und Anstand ins Spiel. Die Professionalität, die Beruf und Freizeit trennt, und der Anstand, der auch sonst meinen Trieb so weit beherrscht, dass ich nicht im Park über Frauen herfalle. Kurz, es ist nicht schlimm, dass Lernende sexuelle Wesen sind und das auch Lehrende sexuelle Wesen sind, es ist eine Tatsache und jeder muss einen Weg finden, damit umzugehen – das schaffen eigentlich auch alle. Ist nicht so schwer. Braucht es keine Verbote für. Die machen es nur schwerer.

Jetzt heißt es im Interview, dass Schülerinnen vor sich selbst geschützt werden sollen. Richtig, das Argument muss natürlich auch noch kommen. Es sagt, dass Kinder und Jugendliche ja so unmündig und dumm sind, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und sie brauchen ja immer unseren Schutz. Einen Scheiß brauchen die! Ja, es gibt diese Momente, in denen sich Pubertiere seltsam anziehen, sich Frisuren machen, die spektakulär hässlich sind und sich zu bunt anmalen. Deswegen sind sie ja Pubertiere. Die lernen daran. Das ist normal. Und richtig, es gibt im Leben von einigen Zwölfjährigen den Tag, an dem das neue Top doch luftiger ist, als gedacht und frau sich den ganzen Tag unwohl fühlt, weil sie darauf achten muss, dass ihr keiner von der Seite auf die Nippel sehen kann. Auch aus diesem Tag lernt frau, so vermute ich – auch wenn es sicherlich besser wäre, wenn weibliche Nippel die gleiche Beachtung und Aufregung verursachen würden, wie männliche Nippel, also keine. Junge Menschen lernen aus Fehlern, und auch wenn es für die Erziehenden und Lehrenden viel praktischer wäre, wenn sie sich nicht mit den Fehlern der jungen Menschen auseinandersetzen müssten, es geht hier nicht um Bequemlichkeit.

PS Lieber Herr Dehnert, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nazi-Shirts und einem tiefen Ausschnitt, sowas sollte man nicht der billigen Provokation wegen gleichsetzen.

Zehn Dinge, die eine linke Partei sagen müsste, damit wir sie ernst nehmen können

  1. Wir koalieren nicht mit Konservativen, Neoliberalen und schon gar nicht mit Faschisten.
  2. Links ist die Zukunft. Wir fragen neue Fragen und beantworten sie nicht mit alten Antworten. Die Gesellschaft verändert sich, und nur mit linker Politik verändert sie sich zum Guten.
  3. Jeder Mensch braucht ein Einkommen, von dem sich leben lässt. Die menschenverachtende Praxis von Hartz 4 und Agenda 2010 muss abgeschafft werden.
  4. Der Kapitalismus hat gezeigt, dass er außer Destruktion nicht viele Talente hat. Selbstverständlich diskutieren wir, wie das momentane Wirtschaftssystem reformiert und letztlich überwunden werden kann.
  5. Links ist international. Wir wollen bessere Politik nicht nur für das Land, in dem wir leben, sondern für die ganze Welt.
  6. Wenn das Klima für nachfolgende Generationen noch lebenswert und überlebbar sein soll, dann müssen wir jetzt radikal umschwenken. Da darf es keine Kompromisse und keine Rücksicht geben.
  7. Wir müssen aufhören, Kinder und Jugendliche zu braven Konsumenten auszubilden, wir brauchen große Investitionen in eine echte Bildung, in der nicht Geschwindigkeit und Scheinkompetenz zählt, sondern die Fähigkeit zu kritischem und kreativen Denken, damit sie mit den Fehlern unserer Generationen erfolgreich umgehen können.
  8. Von uns geht Frieden aus. Bewaffnete Einsätze der Bundeswehr müssen die absolute Ausnahme sein, humanitäre Einsätze ohne Waffen sind unsere Pflicht. Nur wenn wieder ein Auschwitz oder Treblinka zu verhindern ist, müssen Waffen sprechen. Ansonsten darf die Bundeswehr nur Verteidigungsarmee sein.
  9. Vielfalt ist unsere Stärke. Woher ein Mensch stammt, sagt nichts über ihn aus. Wir treten dem Hass entgegen, wir treten der Angst entgegen, beteiligen uns nicht an Abschiebungen und Schikanen gegen Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Wir wollen den Asylparagrafen im Grundgesetz wieder so umfassend gültig machen, wie er einst war.
  10. Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber allen, die unsere Vorfahren so barbarisch verfolgten und ermordeten. Egal ob Juden, ob Sinti oder Roma, wenn wir als deutsche Gesellschaft etwas tun können, damit die Nachfahren derer, an denen unsere Vorfahren so schreckliche Verbrechen begangen, heute weniger Leid erfahren, dann ist das unsere Pflicht.