Dumplin‘ – Ein Glücksfilm

Ja, ich habe auf Netflix Dumplin geschaut. Ich gehe davon aus, dass ihr, liebe Lesende, den Film entweder auch gesehen habt oder euch Spoiler egal sind. Denn das, was ich dazu schreiben will, kann sich nicht um Spoiler herum schreiben.

Die Inhaltsangabe fällt mir interessanterweise schwer. Es geht um eine junge Frau mit dem hoffentlich seltenen Namen Willodean, die das schwere Los hat, eine leicht überkandidelte ehemalige Schönheitskönigin zur Mutter zu haben. Die geliebte Tante ist vor gar nicht langer Zeit gestorben – und Tante und Nichte einte das Schicksal, nicht schlank zu sein. Willowdean, kurz Will, hat damit ein bisschen Halt verloren, aber sie steht nicht völlig verzweifelt da. Sie hat Ellen, ihre beste Freundin seit Kindertagen, sie schwärmt für Bo, den – für einen Teenager extrem männlichen – Typen, der mit ihr in einem Diner jobbt, und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist auch nicht schlechter, als das unzähliger anderer Teenager.

Dann aber gibt es zwei Gründe, warum sie bei der Misswahl, die ihre Mutter jedes Jahr organisiert, in diesem Jahr mitmachen wird. Der eine ist profan. Ihre Mutter, mit der Sensibilität, die Müttern von Teenagern oft eigen ist, nennt sie in der Öffentlichkeit Dumplin – Klöpschen. Und sie findet einen Hinweis darauf, dass ihre Tante Lucy bei dem gleichen Wettbewerb mitmachen wollte, den ihre Mutter dann gewann. Sie weiß nicht, warum Lucy das nicht durchgezogen hat, aber sie ist sich sicher, dass sie das durchziehen will. Und natürlich, dass sie damit ihrer Mutter etwas beweisen will.

Von ihr mitgezogen meldet sich nicht nur die hübsche und schlanke Ellen mit an, sondern auch die Rebellin Hannah – „Nieder mit dem Patriarchat!“ – und die wie Will nicht schlanke Millie, die aus sehr behütet christlichem Hause kommt und die Unterschrift der Mutter fälscht, um mitzumachen.

Während Ellen und Millie richtig Spaß an der Sache haben, und bei Hannah nie ganz klar wird, was sie eigentlich dabei will – außer vielleicht, für ein wenig Ärger sorgen -, ist Will nur mit halbem Herzen dabei, vor allem, da sie nicht damit umgehen kann, dass Bo sich auch für sie interessiert. Sie ist schlicht überfordert, als Bo sie küsst, rennt panisch weg.

Erst über Umwege und über eine wunderbare Redneck-Transvestitenbar mit Dolly Parton-Abend, in der Tante Lucy oft zu Gast war, und wo man sich liebevoll an sie erinnert, bekommt Will Motivation und Selbstvertrauen, so in die Misswahl zu starten, als ob sie sie gewinnen wollte.

Was hat bisher nicht gepasst? Was an dieser Inhaltsangabe ist so, wie es noch nie irgendwo war? Richtig, die Hauptfigur ist nicht schlank und will das auch gar nicht unbedingt ändern. Und trotzdem ist sie die Hauptfigur. Ich mein, es ist sonst ja schon fast zu viel verlangt, wenn es eine nicht schlanke Nebenfigur nicht ausschließlich für den Comic Relief zuständig ist, sich nicht, da nicht schlank, stets selbst demütigt.

Und da war noch was. Ja, Bo, der hübsche maskuline Bo verliebt sich in Willowdean. Einfach so. Er muss nicht umworben werden, er braucht keine große Epiphanie, in der er erkennt, dass „das dicke Mädchen ein Herz aus Gold“ hat, oder wie das passende Klischee gerade heißt. Er verliebt sich einfach in diese tolle junge Frau. Fertig. Braucht es mehr? Aber wie besonders ist das? Es klingt eigentlich völlig normal, dass es dazu nicht mehr braucht, als passende Charaktere, Menschen, die sich voneinander angezogen fühlen. Aber weil Will nicht schlank ist, erwartet man die ganze Zeit ein „ABER“, das nicht kommt. Weil mensch noch nie gesehen hat, dass das auch geht. Dass sich ein schlanker hübscher Mensch in einen nicht schlanken Menschen verliebt, ohne ein Aber, ohne Hintergedanken, ohne doch mindestens von diesem das Leben gerettet bekommen zu haben. Und ohne von diesem mit aller Macht umworben worden zu sein. Ja, das passiert sonst auch immer wieder in Filmen, aber eben nie, wenn da ein Mensch bei ist, der nicht schlank ist.

Warum ist jetzt dieser gar nicht so sehr mit Handlung gefüllte und eigentlich ein bisschen zu freundliche Film ein solches Must see? Also zumindest für Menschen, die nicht schlank sind? Ja, weil er eben ein Glücksfilm ist. Wie stark jedes nicht schlanke Mensch diskrimiert wird, fällt eben unglaublich stark auf, wenn es dann mal einen Film gibt, der das nicht macht. Und das könnte natürlich zum Gegenteil führen. Denn eigentlich wäre es ja auch absolut richtig, Wut und Rebellion gegen diese Diskriminierung aufzubauen und das ist ja auch da, aber während mensch diesen Film sieht, laufen halt wirklich ohne Scheiß Tränen des Glücks übers Gesicht. Meine Fresse, was tut dieser Film gut.

Und das mag einigermaßen bescheuert klingen, aber dadurch habe ich erst verstanden, was Filme mit schwarzen oder homosexuellen Hauptdarstellern bewirken, warum Frauen weibliche Actionheldinnen so sehr brauchen. Ich habe das vorher immer irgendwie verstanden, aber Dumplin lässt mich das nicht intellektuell verstehen, sondern emotional.

Wir brauchen mehr solche Filme, Filme, die auf so schlichte Art mit Diskriminierungen aufräumen, die Menschen Kraft und Glück schenken, weil sie einfach unsichtbare Menschen sichtbar machen. Bitte mehr davon, bitte.

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Wahlnachlese – Die Linke hat verloren

Die Europawahl ist nun Vergangenheit, Union und SPD wurden für ihre katastrophale Umweltpolitik hart abgestraft – nicht so hart, wie wir uns das wünschen würden, aber immerhin. Die Grünen haben profitiert, die Linken nicht. Das mag teilweise daran liegen, dass die Grünen halt schon die Umweltpolitik im Namen haben, oder daran, dass sie als Vertreter des neoliberalen Mainstreams – denn seien wir mal ehrlich, die Grünen sind schon lange nicht mehr links – deutlich weniger medialen Gegenwind und weit mehr Beachtung finden als wir Linken.

Aber was uns eigentlich klar sein muss, und was wir halt auch mal klar machen müssen: Der Klimawandel ist ein Ergebnis des Kapitalismus und ohne einen gesunden Antikapitalismus wird eine Wende in Sachen Klima schlicht unmöglich. Wer wissen will, wie wirkungsvoll die Grünen für das Klima sind, sollte nicht vergessen, dass bis vor recht kurzer Zeit die Grünen mit in der NRW-Regierung waren und ziemlich exakt nichts gegen die Braunkohle getan haben.

Also braucht es linke Politik so dringend wie nie, und Die Linke hat mit dieser Vorlage sogar noch Prozente verloren. Warum ist das so? Warum sind wir bei den Erstwählern nur einen Prozentpunkt vor der SPD, was läuft da schief?

Weil wir ungefähr genauso modern und progressiv wie Union und SPD daher kommen. Weil wir nicht im neuen Jahrtausend angekommen sind und es wichtiger ist, alle Konzepte der Vergangenheit noch mal hervorzukramen, anstatt endlich Visionen zu haben und zu leben. Linke Visionen, linke Ideen.

Im Heute ankommen.

Wir sind zu großen Teilen noch nicht in der digitalen Welt angekommen. Und das ist kein Vorwurf an die, die selbst nicht in der digitalen Welt aufgewachsen sind, oder auch selbst nicht darin leben. Das ist absolut okay. Aber dann muss die Partei auf die hören, die es sind. Dass das Internet ein Kern des heutigen Lebens ist, darf nicht unterschätzt werden – was passiert, wenn man das tut … ach, googelt einfach mal „Rezo“, falls ihr noch nichts davon gehört habt.Die Digitalisierung stellt alles in Frage, und wir sollten die Antworten geben.

Also keine Angst vor Technik, keine Scheu, sondern immer weiter denken, wie wir neue Techniken nutzen können, um die Welt besser zu machen, und wie wir es den reichen verleiden können, durch diese Technik noch reicher zu werden.

Mythos Arbeit

Wir sind immer noch so in die gute alte Arbeit verliebt, dass wir die heutige Lebenswelt oft nicht verstehen. Vor dreißig Jahren haben linke Gewerkschaften noch von der 30-Stunden-Woche geträumt, haben von Maschinensteuer gesprochen und davon, dass Arbeit halt immer weniger wird, wenn viele Dinge, die früher viel Anstrengung gekostet haben, so oft von Maschinen übernommen werden können. Heute hört man auch aus linken Kreisen immer wieder dass dieser und jener Arbeitsplatz erhalten werden muss. Nein, nicht die Arbeit ist das Wichtige, sondern dass Menschen gut versorgt sind, dass Menschen in Würde und ohne existenzielle Ängste leben können. Heißt das BGE? Ja klar, ist das überhaupt noch eine Frage?

Völker hört die Signale

Richtig, da steht nicht: Deutsches Volk, hör das Signal. Und könnten wir jetzt mit Nationen, Grenzen und dem ganzen Quark endlich mal aufhören? Es gibt immer noch Menschen in der Linken, die es sinnvoll finden, von Obergrenzen zu sprechen und Angst vor Menschen zu schüren, die zufällig woanders geboren wurden. Könnten wir jetzt endgültig damit aufhören, könnten wir die Begriffe bitte der AfD überlassen, da gehören sie hin. Links ist international.

Natürlich machen wir Politik hier, aber das heißt nicht, dass wir irgendein Leben bei uns irgendeinem Menschen anderswo auf der Erde vorziehen können. Und wenn wir uns dem Pazifismus verschreiben, dann müssen wir auch die ersten sein, die Geflüchteten ohne Wenn und Aber die Tür öffnen, denn warum fliehen Menschen? Wegen deutschen Waffen, wegen den großen Firmen, die fast immer auch in Deutschland Geld verdienen, wegen Naturkatastrophen, die wir mitzuverantworten haben. Du kannst „Refugees Welcome“ nicht unterschreiben, nun ja, aber warum nennst du dich dann links?

Linke und Umwelt

Die Linke und Politik für die Umwelt passt ganz ausgezeichnet zusammen. Natürlich müssen wir immer darauf dringen, dass wir durch Umweltpolitik nicht neue finanzielle Barrieren aufbauen, aber etwas anderes als eine konsequente Klimapolitik ist schlicht und einfach nicht mehr begründbar. Wir müssen jetzt was radikal ändern – und hey, wir werden so oft radikal genannt, dass wir da doch eigentlich die Experten für sein sollten -, damit die Menschheit überhaupt noch eine längere Verweildauer auf diesem Planeten hat. Und das sollte durchaus unser Ziel sein. Nach uns die Sintflut kann keine linke Einstellung sein, auch wenn viele unserer Mitglieder die wirklich schlimmen Folgen des Klimawandels nicht mehr selbst erleben werden.

Radikale Nachhaltigkeit, radikaler Umweltschutz, radikale soziale Gerechtigkeit – wenn wir das vertreten und wir es dann auch noch schaffen, dass einer breiten Öffentlichkeit zu erzählen, dann werden nicht mehr nur die Grünen von dem verdienten Niedergang der GroKo profitieren. Aber das müssen wir auch wollen.

Kurzer Rant: Wir schauen auf die falsche Seite!

Könnte sein, dass ich gerade in Rantlaune gerate, aber manchmal muss das auch. Also, der Auslöser.: Ein Journalist einer großen Zeitung hat anderthalb Jahre lang einen Faschisten begleitet und mit ihm gesoffen und daraus ein fühliges Portrait gemacht. Das tat wohl Not.

Rantanfang

Ich habe es nicht gelesen. Ich weigere mich einfach. Ich kann es nicht mehr ab. Ich kotze jedes Mal, wenn einer von diesen Faschos bei Illner oder Plasberg auf der Couch sitzt, ich sehe es nicht mehr ein, dass wir immer auf die falsche Seite schauen.

Mensch könnte ja auch einfach mal eine alleinerziehende Frau mit behindertem Kind, die von Hartz 4 lebt, weil es nun mal nicht anders geht, anderthalb Jahre lang begleiten. Genug zu schrieben gibt das bestimmt für ein ganzes Jahr. Oder Menschen begleiten, die in unserer Gesellschaft an jeder Ecke aushelfen und gegen den ganzen menschenfeindlichen Wahnsinn, der von AfD und Konsorten beschworen wird, arbeiten, kämpfen und leiden.

Ja, aber wir machen ja auch Reportagen über Greta! Der Einwand wird kommen, aber das ist mir egal. Wenn Menschen wie Greta Thunberg porträtiert werden, sind die Medien nur darauf aus, ihre Fehler zu sehen – von denen sie, da menschlich, sicherlich welche hat. Aber bei Faschisten sieht man erstmal supergroßzügig über deren größten Fehler hinweg – nämlich dass sie menschenfeindliche Arschlöcher sind.Ihre Vorgänger, ja, unsere Vorfahren, haben Millionen Menschen vergast. Ich habe am Samstag noch in Esther Bejarano eine der letzten Überlebenden gesehen, die noch davon berichten kann. Wie muss sich diese alte Dame, die mit 94 noch auf der Bühne steht, um gegen Nazis aufzuklären und immer wieder ihre Geschichte zu erzählen, fühlen, wenn eine große Zeitung davon schreibt, wie es ist, mit einem Typen zu saufen, dessen Denken wieder nach Auschwitz führt?

Wir schauen einfach lieber auf die Täter als auf die Opfer, ich mein, ist klar, schließlich sind wir ja das Tätervolk, ist scheinbar bei uns so drin. Jeden Sonntag Tatort, schauen, wie es nur um die Täter geht. Und in History geht es um Hitlers Helfer, natürlich immer mit ein bisschen faszinierter Abscheu, nie um Hitlers Opfer oder Hilters Gegner. Hitlers Gegner, also Antifaschisten, sind in diesem Land halt Nestbeschmutzer und immer ein bisschen suspekt, richtig?

Opfer sind uns halt egal. Ist so ein Traditionsding, vermute ich mal. In dieser Gesellschaft sind wir einfach traditionell scheiße.

Rantende.

Fantasy und das Dritte Reich

Es passiert immer mal wieder, dass die Urban Fantasy, die in der heutigen Zeit spielt und dementsprechend auch unsere Geschichte in ihre Universen integrieren muss, auch das Dritte Reich samt Hitler und Shoah und dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. In der bekanntesten Fantasyreihe aller Zeiten ist es Grindelwald, der von Albus Dumbledore ausgerechnet 1945 besiegt wurde – womit mehr oder weniger klar eine Verbindung eines Schwarzmagiers zu den Nazis geschaffen wird.

Noch deutlicher macht es die Fernsehserie Grimm, die ich momentan so ein bisschen binge. (ja, ich weiß, eher guilty pleasure als wirklich gut). Hier gibt es in der ersten Staffel eine Folge, in denen es um drei magische Münzen geht, die auch noch ein Hakenkreuz auf einer Seite zeigen. In den letzten Bildern der Folge sieht Grimm Hitler mit genau diesen bösen Münzen, die offenbar aus Menschen, oder noch genauer, aus Wesen, machtgierige Wahnsinnige machen. Und ganz kurz sieht man auch, dass Hitler selbst ein Blutbader war – eine Art Werwolf.

Mich fragt ja keiner, aber wenn ich Redakteur dieser Folge gewesen wäre, hätte ich dringend abgeraten. Mit Geschichte in solcher Art überhaupt herumzuspielen ist nicht ungefährlich, aber gerade bei Hitler finde ich es sehr problematisch. Hier steckt die Idee hinter, dass Nazis eine besonders fiese Art von Menschen ist, die in ihrer Zeit quasi gewaltsam die Macht an sich brachten und die Menschen zu den Verbrechen verführten, die einzigartig in der Geschichte stehen.

Und genau das ist halt wirklich Unsinn. Hitler war kein übernatürliches Monster, er war ein Mensch mit monströsen Ansichten und Ideen, und diese wurden von Millionen geteilt und ausgeführt. Alles keine übersinnlichen Monster, sondern unsere Vorfahren, die willentlich aus den gleichen Ideen heraus, aus denen gestern in Neuseeland ein Nazimörder 49 Menschen in Christchurch erschoss, Millionen Menschen erschossen und vergast haben. Nein, das waren keine Blutbader – auch wenn sich solche Wesen, wenn es sie gäbe, in Nazideutschland sicher sauwohl gefühlt hätten.

Es ist, wie es so oft mit dem Dritten Reich ist, man kann dieses Thema nicht einfach mal so bewegen, nicht einfach so zu Unterhaltung machen – es ist viel zu einfach Nazis zu verharmlosen, und wenn es auf dieser Welt eine Ideenwelt gibt, die wir nie verharmlosen sollten, dann die der Nazis.

Von Therapeuten und Kampagnen …

Es war einmal ein Therapeut, oder besser, ein junger Mann, der sich einen Twitteraccount klickte und ihn „@deinTherapeut“ nannte. Bisschen große Fresse vielleicht, aber ich kenne Twitteraccounts, die vorgeben, sie wären Dr.s oder Prinzessinnen, also alles wie immer. Irgendwann folgte ich dem jungen Mann, denn er neigt dazu, immer mal wieder Fragen zu stellen, die zum Reflektieren einladen. Ich find Reflektieren ziemlich supi und mag es, wenn mich Menschen dazu einladen. Außerdem gibt es ein paar meist jüngere Menschen, denen ich folge, die mit Norman – ich habe keinen Bock, jedes Mal vom Therapeuten zu schreiben, also nutzen wir den Vornamen doch einfach, ist so gut wie jeder andere – hin und wieder interagierten.

Ansonsten verfolgte ich den Account auch nicht weiter. Klar, ich las irgendwann von der Geschichte mit seinem Vater – wer hat die nicht gelesen – und wie gesagt, ich beachtete das nicht weiter. Immer wieder stolperte ich aber auch über Accounts, die gegen Norman diverse Dinge vorbrachten, und da ist ja auch teilweise was dran. Da ist offenbar ein junger Mann, der eine narzisstische Ader hat. Gerne sehr hübsche Fotos von sich ins Internet stellt – er ist aber auch ein hübscher Kerl, oder? Als Hete kann man sowas ja nicht soo gut einschätzen, aber … egal btt. – gerne über sich und seine Gefühle und Probleme und so weiter spricht. Hier und da mit ein paar guten Einsichten, öfter auch eher so kalenderspruchmäßig, aber gut, wenn du richtig viel raushauen willst, ist auch manches Füllmaterial.

Es gab auch immer wieder das Argument, dass Norman ja doch ein Scharlatan sei, da er sich als Therapeuten bezeichnete und seinen Discordserver „Gruppentherapie“ nannte. Aber ich folgte ihm ja, und wenn man ihm folgt, bekommt man ja auch immer mal mit, dass er nie behauptet, ein echter Therapeut zu sein, Menschen auch immer wieder dazu auffordert, sich professionelle Hilfe zu suchen, solche Dinge. Klar, wenn man die Sache nur von außen betrachtet, mag das alles wichtiger klingen, als es ist, aber mir kam das bisher nie als problematisch vor.

Einen gewissen moralischen Pluspunkt bekam Norman dann, als ich sah, wie Sifftwitter und irgendwelche rechten Arschlöcher immer wieder verbal auf ihn losgingen. Ein junger homosexueller Mann, der sich bemüht, junge Menschen zu empowern, das ist für die Reaktion natürlich ein echtes Problem. Aber die Kampagne der Rechten wird sich ja sicherlich nicht in meine Blase fortsetzen, so dachte ich … und jetzt stehe ich da …

Grob gesehen teilt sich meine TL nämlich in Menschen unter 30 auf, die Norman eher positiv gegenüberstehen, und denen über 30, die plötzlich mit großer Vehemenz gegen ihn schießen. Das bringt mich natürlich ins Grübeln, ich bin deutlich ü30, ich weiß also, wo ich mich hin zu orientieren habe, aber ich mag mir durchaus auch selbst ein Bild machen.

Erstens kam heraus, dass Norman ein Buch über die Geschichte mit seinem wohnungslosen Dad schreibt. Das wird ihm natürlich als gierig und so weiter ausgelegt. Du darfst nämlich in Deutschland nicht einfach so Geld mit deiner Geschichte oder so verdienen, du musst dich ganz normal lohnarbeitsmäßig prostituieren, wie wir das alle machen. Ja, jeder würde sich überlegen, ob er das Buch nicht schreiben würde, aber wir haben diese Chance ja alle nicht und sind nicht mehr relativ mittellose 25 und deswegen würden wir das ja niemals tun. Habe solche Argumente schon mehrfach vorher gehört, ich war schließlich mal bei Piratens.

Okay, schauen wir mal weiter. Dann kam ein Account, gestern entstanden, wo jemand behauptete, dass der Vater nix von einem Buch wüsste und seinem Sohn verbieten wollte, Fotos von ihm zu veröffentlichen. Um die Sache zu belegen tat dieser Account erstmal was? Richtig, er veröffentlichte Bilder von Normans Vater. Was mich irritierte. Mich irritierte auch, dass dieser völlig neue Account gleich mit harten Bemerkungen einstieg, gar nicht mit Fragen oder irgendwas einstieg, sondern mit Forderungen. Gut, wenn ich jetzt Normans Vater getroffen hätte, und der mir erzählt hätte, dass er mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, und ob ich helfen könnte, dass sein Sohn ihn nicht für irgendwas ausnutzt, dann hätte ich mir sicherlich nicht einen neuen Twitteraccount gemacht und auch die Öffentlichkeit gesucht, um den Vater noch mal vorzuführen, ich hätte versucht, Norman selbst zu erreichen und wenn das nicht geholfen hätte, wäre ich mit dem Mann entweder zu einem Anwalt oder, um es dann auch richtig zu machen, zur Presse. So ein halbgarer Angriff auf Twitter klingt für mich hart nach Kampagne. Schon eine, bei der sich jemand eine gewisse Mühe macht, aber immer noch Kampagne.

Dann wurde behauptet, dass Norman wieder in Frankfurt wohnen würde und auch sonst alles erlogen sei, weil jemand die Autoreninfo bei seinem Verlag erfolgreich gefunden hatte. Aber in einer Info für ein Buch, das erst in einem halben Jahr erscheint, ist die Info natürlich auch so geschrieben, dass sie für das Veröffentlichungsdatum gilt. Also so würde ich das machen, wenn ich der veröffentlichende Verlag wäre, so kenne ich das auch von Verlagsinfos, aber für ein bisschen Aufregung auf Twitter reicht es, oder?

Und dann kamen Behauptungen über den Discordserver, der quasi im nächsten Moment verschwand. Da wurden jede Menge schlimmer Dinge verbreitet, ein erwachsener Mod namens „Daddy“, vermutlich ein Pädosexueller, der da auf Raubzug geht – bis mehrere Menschen aus der Community übereinstimmend sagten, der ist Supporter, kein Mod, und außerdem 16 Jahre alt, und heißt so, weil es sich durch einen Gag so entwickelt hat. Jo, ich wurde auch mal „Frog“ genannt, und ich bin noch nie ein Frosch gewesen, sowas gibt es. Und dann gäbe es da Nacktbilder von jugendlichen Usern. Jo, wenn du in einigen Gamerforen gewesen bist, dann weißt du ja schon mal, dass es in jeder Community, die einen gewissen Anteil an jungen Menschen hat, Nacktbilder gibt. Die Community meldete zurück, dass die Regeln eigene Bilder untersagten und da der übliche Tumblr-Kram gepostet wurde. Jo, Internet ist halt für Porn, ist ja jetzt nix essentiell Neues, oder?

Aber natürlich macht das Verschwinden des Discordservers die ganze Sache verdächtig.

I get it, ein solcher Server, auf dem sich ständig junge Menschen treffen, die oftmals gewisse psychische Probleme haben, ist ein zweischneidiges Schwert. Die Triggergefahr ist groß, noch gefährlicher ist es, dass da skrupellose Menschen reingehen und junge Menschen knallhart für Dinge ausnutzen, und die Community das nicht verhindern kann. Und natürlich gibt es eine Menge Menschen, die davon ausgehen, dass Norman diese Community genau dafür aufgebaut hat, und hey, ich habe mal ein Stück über Charles Manson geschrieben, es ist echt hart, was Menschen tun können, wenn sie andere von sich erstmal abhängig gemacht haben. Ich bin aber auch jemand mit einem positiven Menschenbild und ich geh erstmal nicht davon aus, dass Norman ein zweiter Charles Manson ist. Ja, so ein Server kann gefährlich sein, aber auch einer dieser Freiräume, wie ihn Menschen brauchen. Eine Community, in der man auf einander aufpasst, in der junge Menschen, die sonst nirgends Verständnis finden, plötzlich bei anderen mit ähnlichen Problemen nun doch mal Verständnis finden, klingt für mich nach einer guten Sache.

Wäre das nicht besser, wenn da jemand drauf aufpassen würde, der sich damit auskennt? Keine Ahnung, ich bin nur Pädagoge, kein Psychologe. Aber ich kenn die Geschichten, die mir Menschen erzählen, die mit Anorexie in Therapie waren. Die davon erzählen, wie gut Gruppen funktionieren, die von vorne bis hinten kontrolliert werden und die froh sind, wenn sie ihre Probleme trotz der Therapie überlebt haben. Ich glaube nicht an Kontrolle, ich glaube an Vertrauen. Ich weiß, dass ich da einer unpopulären pädagogischen Richtung angehöre, wir sind schließlich in einem von Preußen geprägten Deutschland, aber ich glaube an Vertrauen.

Ich sehe aber die Gefahr, dass wir älteren hier in sehr alte Denkfallen reintappen. Ist auch ein erstaunlich antifeministischer Zug feministischer Politik, wenn ich das mal so unverschämt erwähnen darf: Wir haben nämlich ein „Weißer Ritter“-Syndrom. Wo immer man sich vorstellt, dass junge Menschen und vor allem junge Mädchen irgendwo in Gefahr sein könnten, rüsten wir uns in weißer Platte, steigen auf Streiteinhorn und kommen zur Rettung. Natürlich sind alle, die dieser „Norman-Community“ angehören, arme sanfte Hascherl, die wir jetzt vor dem bösen Mann retten müssen – der ist ja auch noch homosexuell, und Homosexuellen sagt man ja schon immer Kindesmissbrauch nach, richtig?

Ich hasse das. Können wir nicht auch mal das mit Empowerment versuchen? Uns darum bemühen, jungen Menschen Freiheiten und Sicherheiten zu geben, aber sie nicht ständig durch Rettungsversuche und Kontrolle klein zu machen?

Zurück zum Discordserver – ich muss kurz einwerfen, ich bin relativ stark erkältet, ich kriege das mit dem stringenten Text nur so halb hin, sorry dafür -, der ja verschwunden ist, was vermutlich daher kommt, dass da schlimme Dinge passiert sind. Richtig?

Aber auch hier könnte es eine andere Sichtweise geben. Ich habe keine Ahnung, wie Discord so genau funktioniert, aber ich vermute, dass man so einen Server auf privat stellen kann, ihn aus dem normalen Bereich herausnehmen. Gestern passierte aus Sicht von Norman und seinen Mods – denn der muss ja doch ein paar Leute haben, die mit ihm diesen Server verwalten, schließlich sind da sicher die meisten online, wenn Norman arbeitet, Zeitverschiebung und so – folgendes: Wir werden von einer Kampagne angegriffen, der sich halb Twitter anschließt. Dann kommen plötzlich Tweets, die von schlimmen Dingen auf dem Discordserver berichten. Im nächsten Moment poppen 500 neue Menschen auf dem Server auf. Die natürlich alle in die Ecke mit den Nacktfotos rennen. Auf einem Server, der von seiner Community als ein Safespace verstanden wird. Wo extrem private Dinge reingeschrieben werden, denn viele in der Community sind sehr jung und gern auch ein Stück naiv und es geht die große Öffentlichkeit auch wirklich einen Scheiß an, was da so steht. Jo, da stell ich das Ding auch ab, oder auf privat oder wie auch immer, richtige Entscheidung. Jetzt ist der Server ganz weg, oder man hat sich anders organisiert, Norman hat auf jeden Fall den Server aus seiner Twitterbio gelöscht, klar sieht das verdächtig aus, kann aber auch einfach Selbst-

und Communityschutz sein.

Jo, jetzt kann es natürlich sein, dass ich total naiv bin, jetzt kann es natürlich sein, dass Norman wirklich eine Sekte aufbaut und es kann auch sein, dass ich einfach dadurch, dass ich Norman seit ein paar Monaten folge, schon selbst ganz hirngewaschen bin – ich gehe da  überall nicht von aus, aber klar, was weiß denn ich.

Aber trotzdem verstehe ich nicht, wie man sich als Linke und als Antifaschisten einer Sifftwitterkampagne anschließt und ohne wirklichen Einblick, ja ohne Einblick zu suchen, Norman und seine Community so verurteilt und angreift. Ich verstehe vor allem nicht, wieso man immer so verdammt arrogant ist, nur weil man ein paar Jahre länger auf diesem Planeten herumläuft und meint, man wüsste grundsätzlich alles besser und müsste junge Menschen vor sich selbst beschützen und den ganzen Scheiß. Vielleicht ist das ja einfach das Ambivalent von unseren Jugendclubs, von unseren Foren, von unseren Antifagruppen oder was auch immer. Vielleicht ist das einfach gerade ein neues Ding, für das wir eh zu alt sind. Vielleicht gibt es Dinge, bei denen wir qua Alter einfach mal die Fresse halten können und nicht in irgendeine wilde Hysterie ausbrechen müssen, weil wir so misstrauisch geworden sind, weil es ja heute eh nichts Gutes mehr gibt usw. Ich geh davon aus, dass sich alles aufklären wird, vielleicht in die eine, vielleicht in die andere Richtung. Ich geh auch davon aus, dass das Projekt “Gruppentherapie” sich ein wenig vom Normans Namen ablösen muss, damit man die verschiedenen Dinge nicht zu sehr miteinander vermischt. Aber wenn das eine lebendige Community ist, und das ist sie, wenn man ihren Mitgliedern glauben darf, dann kann sie für viele, die es brauchen, ein warmer Ort sein – ich meine, die gibt es schon länger, sie haben schon länger mit irgendwelchen rechten Arschlöchern zu tun, die sie immer wieder von ihrem Server gekickt haben, die wissen wohl, wie sie einigermaßen save klar kommen. Die haben auch nichts mit einem Buch und der Geschichte zwischen Norman und seinem Vater zu tun. Also wäre es ja auch eigentlich nett, sie nicht da reinzuziehen. Ich weiß auch nicht, ob Norman das richtig macht, dass er seine Geschichte so öffentlich hält, ich war mir bei der Frage nach Post Privacy oder nicht, noch nie ganz sicher, und ich denke, klar, es gibt sicherlich Dinge, die man kritisieren kann, wenn man da tieferen Einblick hat. Aber ohne diesen Einblick zu haben, sollte man sich doch hier und da mal ein Urteil verkneifen und sich nicht zu den Bütteln der Sifftwitterarschlöcher machen.