Anne McCaffrey – Die Welt der Drachen (1968) – Klassische Phantastik

Disclaimer: Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Lessa ist eigentlich eine Ruatha, sollte eigentlich die Baronin sein, aber der räuberische Emporkömmling Fax hält ihre Burg wie auch sechs andere. Ein Verbrechen gegen die Traditionen, denn auf Pern darf eigentlich je ein Baron, eine Baronin nur eine Burg halten und muss dafür sorgen, dass dort kein Grünzeug wächst. So sagen es die Traditionen.

Alles ändert sich, als eine Suche beginnt. Die Drachenreiter des Weyr Benden, des einzigen Weyrs, der noch bewohnt ist, suchen nach einer Partnerin für die bald schlüpfende Drachenkönigin.

Bronzereiter F’ler kommt mit seinem Geschwader und auf seinem Bronzedrachen Mnementh nach Ruatha und er entdeckt Lessa – und sie schafft es, Fax so zu provozieren, dass F’ler sich mit ihm duellieren muss – und der Drachenreiter siegt. Aber Lessa bekommt Ruatha nicht. Sie muss mit nach Benden und wird dort die neue Weyrherrin, denn Ramoth schlüpft und bindet sich an Lessa, es gibt eine neue goldene Drachenkönigin.

Das wird aber auch Zeit, denn der rote Wanderer ist zurück. Ein Himmelskörper, der nahe an Pern vorbei zieht und mörderische Sporen aussendet. Und nur Drachen können Pern vor den Sporen retten. Aber nur ein Weyr ist zu wenig. Lessa und F’ler müssen sich etwas einfallen lassen.

Also, eigentlich klingt alles an dieser Geschichte nach Fantasy, oder? Eine feudale Gesellschaft, Drachenreiter – aber auf der anderen Seite, wo ist die Magie und warum wissen die Menschen von Pern, dass sie auf einem Planeten leben und das ein anderer Himmelskörper für die Sporen verantwortlich ist? Da muss es doch mal großes Wissen gegeben haben. Andererseits, eine Gesellschaft, die über einigermaßen intelligente fliegende Reittiere von Elefantengröße verfügen, die auch durch das Dazwischen reisen können – was quasi einer Teleportation gleich kommt – kann sich den Planeten ja durchaus aus großer Höhe anschauen.

Aber ganz im Vertrauen, eigentlich ist der Pern-Zyklus Science Fiction, denn die Menschen von Pern sind die Nachkommen einer vergessenen Kolonisierung. Ist jetzt ein kleiner Spoiler, aber andererseits, das hier vorgestellte Buch ist über fünfzig Jahre alt.

Der Roman ist dementsprechend auch einigermaßen altmodisch erzählt. Anne McCaffrey lässt in einzelnen Szenen, die oft weite Zeitsprünge zwischen sich haben, stärker die Ereignisse Revue passieren, als dass sie uns wirklich an die Figuren bindet. Trotzdem sind die Hauptfiguren Lessa und F’ler schon interessante und sympathische Charaktere. Aber der Grund, warum man dieses Buch liest, ist der Weltenbau, der eine große Tiefe hat. Ein kompliziertes Gesellschaftssystem. Ein Überbau an Traditionen, Lehrgesängen und ein starkes Spannungsfeld zwischen Figuren, die mit Traditionen brechen und denen, die sie bewahren – und auf beiden Seiten gibt es Unsympathen und Held*innen. Usurpator Fax bricht mit den Traditionen und ist auf jeden Fall ein Arschloch, der ursprüngliche Weyrherr R’gul ist auch nicht besonders sympathisch, hält aber wenn möglich an allen Traditionen fest.

Der Roman besteht aus ursprünglich zwei längeren Erzählungen und das ist auch spürbar. Die zwei Geschichten sind in insgesamt vier Teile unterteils, der zweite endet damit, dass Lessas Königin Ramoth zum Paarungsflug abhebt und F’lers Drache Mnementh sie einholt und für den vielfarbigen Nachwuchs sorgt – wodurch F’ler Weyrherr wird. Ja, das ist eine recht zufällige Form der Qualifikation. Der zweite Teil handelt dann davon, wie der rote Wanderer näher kommt und die Drachen zum ersten Mal nach knapp fünfhundert Jahren wieder in den Einsatz müssen.

Wie sieht es hier mit Gleichberechtigung … ach, das ist wirklich schwer. Immerhin schafft der Roman so knapp den Bechdeltest, aber das ist bei einer weiblichen Hauptfigur ja machbar. Aber außer der goldenen Königin verbinden sich Drachen nur mit Kerlen, normalerweise fliegen Weyrherrinnen noch nicht mal – Lessa natürlich schon und das gegen den Willen von R’gul – und die Gilden, die auch einen Stellenwert haben, bestehen eigentlich auch nur aus Kerlen. Na ja, und Beziehungen gibt es natürlich auch nur hetero – tja.

Der Pern-Zyklus besteht wie die meisten Zyklen dieser Zeit aus Einzelromanen, die in der gleichen Welt spielen aber unterschiedliche Protagonist*innen haben. Die Welt der Drachen ist bei weitem nicht der stärkste dieser Romane, sondern der Erstling, der uns in diese Welt katapultiert, die gut ausgedacht und gezeichnet ist. Die symbiotische und telepathische Verbindung zwischen Drachen und ihren Reiter*innen hat Christopher Paolini sehr hübsch für Eragon kopiert – allerdings eher aus einem der späteren Romane. Der Pern-Zyklus ist heute leider einigermaßen vergessen, war aber einflussreich und ist gehört zu den modernen Klassikern der Phantastik.

Sterling E. Lanier – Hieros Reise (1973) – Klassische Phantastik I

Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Die Erde fünftausend Jahre nach dem heißen Tod aka Drittem Weltkrieg. Per Hiero Desteen ist Vollkämpfer und Priester der Universalkirche der Ottwah-Liga in Kanda aus der Republik Metz und ist von seinem Abt auf eine Queste geschickt worden. Zusammen mit seinem treuen Reittier Klootz – einem vier Meter hohen Ellk-Stier – und bald auch dem jungen Abgesandten einer intelligenten Bärenrasse namens Gorm kämpft er gegen die unheimlichen Unreinen mit ihren Verbündeten, den Lemut – eine Verballhornung von lethale Mutationen.

Das ist zwar eigentlich SF – mehr Post von der Apokalypse geht ja kaum – ist aber die abgedrehteste Fantasy, die man sich damals vorstellen konnte. Das Buch ist von 1973. Jede Menge wildester Mutationen, eine Menge davon von unfassbarer Größe – bärgroße Frösche, hausgroße Schwäne und vieles mehr – dazu noch Psi-Kräfte und eine Geschichte, die gar nicht so weit weg von James Bond ist. Schließlich ist Hiero in geheimer Mission unterwegs und ja, hin und wieder muss er auch Gewalt anwenden.

Dafür ist er von einer Heldenreise – trotz der Reise – recht weit weg. Als wir ihn treffen, ist er schon unterwegs und ganz nebenbei ist er auch fast ein Superheld. Geschulter Kämpfer, hervorragend seine Geisteskräfte nutzend und darin sogar ziemlich erfinderisch – ihm gelingt schon das meiste, was er sich vornimmt – andererseits schafft er es trotzdem, sich so weit in Schwierigektien zu bringen, dass es sogar an einer Stelle einen kleinen Gott aus der Maschine braucht, dass Hiero gut aus einer Klemme wieder herauskommt.

Also ist es gar nicht so richtig spannend? Nun, es gibt sicher viele Bücher mit einem besseren, clevereren Plot. Aber kaum eines mit so viel Phantasie. Natürlich basiert das alles auf den Horrorfilmen der Sechziger, in dem ständig irgendein Tier mutierte und dadurch zur Gefahr wurde – Lanier treibt es viel wilder, lässt schrecklich und gefährliche Mutationen nicht aus, spielt aber auch mit grandiosen Wundern der Natur, die eben auch durch die Mutationen ins Spiel der Welt gekommen sind. Wir sind ja auch fünftausend Jahre weiter, da kann ja auch viel passieren.

Lanier war in einigen Bereichen durchaus fortschrittlich. Hiero kommt aus einer Republik, das Zölibat ist lange abgeschafft, die Metz sind Nachkommen von sogenannten „Mestiken“ und die einzigen Weißen, die im Buch vorkommen, gehören zu einem Stamm von barbarischen Wilden.

Love Interest Lucare kommt dafür aus einem neofeudalistischen Kleinstaat, in dem etwas rückständige Christen in Harmonie mit den „Davids“ und den „Mumanen“ leben – und alle Einwohner sind schwarz.

Wichtig sind auch die „Elfer“, eine Art ökologischer Bruderschaft, die das elfte Gebot, nämlich die Erde und allem Leben auf ihr zu dienen, mit großer Konsequenz durchsetzen wollen.

Aber das alles ist ziemlich heteronormativ und sehr männlich. Es gibt quasi nur eine weibliche Figur und die ist der Love Interest. Der Bechdeltest geht hier richtig schief. Selbst die tierischen Begleiter sind alles Kerle.

Hieros Reise ist übrigens der erste Band einer Duologie, die als Trilogie geplant war. Es hatte mal eine gewisse Prominenz – schade eigentlich, dass es damals niemanden gab, der das Buch hätte verfilmen können und heute kennt es kaum noch jemand. Ich würde ja gerne mal sehen, wie ein Ellk durch eine Horde von bösartigen intelligenten Froschwesen pflügt.

West Side Story – Spielberg zeigt, wie es geht

What a ride! Okay, West Side Story ist – sorry an alle anderen Komponisten – musikalisch die absolute Veredelung des Genres Musical, im Musiktheater allenfalls noch von Carmen oder Don Giovanni eingefangen. Schlicht, eines der besten Stücke Musiktheater, die es je gegeben hat. Und dann kommt Steven Spielberg daher, ohne Zweifel einer der großen Regisseur*innen der letzten fünfzig Jahre, und macht zum ersten Mal Musiktheater in einer Verfilmung und sucht sich das Meisterwerk heraus – von dem es auch schon eine meisterliche Verfilmung gab, die freaking zehn Oscars abgeräumt hat, in Worten ZEHN, was den originalen Film von 1961 zu einem derhöchstbepreisten Filmen aller Zeiten macht. Wie viel Chuzpe muss man haben, sich da an einer neuen Verfilmung zu versuchen. Andererseits, wenn Spielberg nicht machen kann, was er will, wer dann?

Jetzt kenn ich das Stück einigermaßen … also, nein, ich kenne es in und auswendig, habe es mehrfach auf der Bühne gesehen, kenne den alten Film natürlich, habe vermutlich vier bis sechs verschiedene Aufnahmen auf CD und selbst mal auf einem Konzert die Hymne „Maria“ gesungen. Und dann war die erste Rezension, die ich auf YouTube sah, gar nicht mal überschwänglich. Und ich habe mit mir gerungen. Natürlich wollte ich den Film sehen, aber andererseits, wenn die Verfilmung nichts Neues gebracht hätte, den Stoff nicht getroffen hätte, oder gar die Gesangsleistungen mies gewesen wären, wie sehr hätte es mir das Herz gebrochen?

Auf Twitter bekam ich einen Tritt, dass ich das sehen müsse. Nun, dann habe ich das mal getan. Und ich war begeistert.

Ich halte mich nicht mit einer Inhaltsangabe auf, wer dieses Musical nicht kennt, soll halt die Bildungslücke aufholen. Und wer keine Musicals mag, ja, dann lies das hier halt nicht! Okay, wo fangen wir an?

Damit, dass das Viertel abgerissen werden soll, in dem Jets und Sharks sich so gern prügeln. Wir fangen mit Abrissbirnen an. Und warum ist das so großartig? Weil es den Konflikt zwischen den Jugendlichen noch mal anders unterfüttert. Weil es mehr Politik in die Geschichte bringt, weil das alles weniger beliebig klingt. Und weil es so eine tolle Idee ist, dass die Jets nicht nur wunderschön durch die Häuserschluchten tanzen, sondern mit einem Farbangriff ein Wandgemälde zerstören, dass den Sharks wichtig ist. Auch ein klares Signal: Die Jets sind die Aggressoren – ja, das wissen wir eigentlich schon aus der Musik heraus, aber das kommt bei den Inszenierungen oft gar nicht so genau raus. Schon in dieser ersten Sequenz bekommt die Geschichte viel mehr Tiefe. Hier und in so vielen anderen Momenten bleibt zu konstatieren: Spielberg nimmt das gute, ja teilweise grandiose Ausgangsmaterial und bringt es noch mal auf einen neuen Level.

Und diese Jets um ihren Anführer Riff – großartig Mike Faist! – sind etwas, was im Original auch nicht so richtig heraus kommt: Harte Jungs. Wirklich harte Jungs. Denen steht das Nasenbluten, dass sie sich holen, wenn sie sich mit den Sharks prügeln. Denen glaubt man jederzeit, dass sie auch anderen die Knochen brechen, wenn ihnen das was bringt. Und trotzdem – ja, es ist wirklich ein Musical für die Freunde des Musicals! – brechen sie in Tanz aus und so gut sie tanzen, so elegant sie sich drehen, sie haben immer das animalische und brutale in ihren Bewegungen. Tanz in einem Musicalfilm, und zwar der böse Tanz, der, bei dem Menschen einfach auf der Straßen anfangen zu tanzen, weil halt aus einer unsichtbaren Quelle diese großartige Musik spielt, so ziemlich das künstlichste, was es gibt – und die Übergänge sind so natürlich und es hat einen verrückten Hauch von Realität. Was ich sagen will: Es funktioniert! Es wirkt nie ironisch, oh ja, das ist überhaupt so eine besondere Qualität. Spielberg hat es einfach nicht mehr nötig, auch nur irgendwo dieser feigen Ironie zu fröhnen.

Das bedeutet Melodrama? Nein, aber der Film kratzt hier und da dran. Maria – Rachel Zegler, unfassbar süß und doch kraftvoll und was für eine Sängerin und so hübsch und verdammt, ich bin verliebt – und Tony – Ansel Elgort mit seinem schiefen Lächeln, mit diesem Blick, von dem man nie so ganz weiß, auf welchem Planeten der gerade lebt, und ja, der den Gesang auch wirklich ordentlich hinbekommt – dürfen sich so richtig ineinander verlieben. Wie magisch ist ihr erster Tanz denn bitte? Es gibt die volle Ladung Gefühle, also mit dem deutlich überladenen Vierzigtonner, und wer sich nicht auf Gefühle einlassen möchte oder wer einfach keine hat, sollte es halt lassen.

Ach ja, der Gesang, nur kurz: West Side Story ist dafür geschrieben, von Schauspieler*innen gesungen zu werden. Und selbst wenn man sich prinzipiell in Konzerten gerne daran erfreuen kann, wenn ein Tenor bei „Maria“ diesen unfassbar hohen Ton raushaut, der nicht in den ursprünglichen Noten steht (den da!), der hätte hier nicht hingehört. Was es hier an Gesang gibt, ist gut, musikalisch einwandfrei, aber es ist weder klassisch ausgebildet, noch das typische Belting des Musicals. Stimmen, die mit Reinhard Mey gesprochen, so klingen, als ob da jemand singt. Das ist nicht besonders aufregend, aber auch keine musikalischen Trainwrecks, wie die teilweise bei Cats und Les Miserables zu hören waren, hier muss sich kein Orchester den Singenden anpassen. Es ist völlig unprätentiös einfach gut gesungen.

Nee, das reicht noch nicht. Rita Moreno. Vor einer guten Woche neunzig Jahre alt geworden. War einst die Anita im Klassiker von 1961 – in diesem Film wird Anita von Ariana DeBose gespielt, und die ist auch eine Wucht! – und wie genial, spielt in der Neuauflage Valentina, die puertoricanische Witwe des Doc, der üblicherweise den Laden führt, in dem Tony arbeitet. Ihre Präsens zeigt den jüngeren Darstellenden, wo man so einen Hammer denn herholen kann und sie, die einst einen „Gringo“ heiratete, ist natürlich auch wieder ein Punkt, der die Geschichte wieder so einen bis drei Schritte tiefer macht. Also noch mal: Rita Moreno.

So, jetzt ein kurzer Rundumschlag: Die Ballszene ist quasi die aus dem alten Film, da kannst du ja auch nicht viel besser machen – und dann zaubert Spielberg das erste Aufeinandertreffen von Maria und Tony und es ist zerbrechlich und magisch! „Cool“ als rasante Kampfsequenz! „America“ fängt in der Wohnung von Anita und Maria an und wird zu einer riesigen Ensemblenummer, bei der die Straße zum Schauplatz wird und ein paar Kinder superniedlich die Choreo mittanzen – hier wird wirklich an allen Strippen gezogen. „One Hand, One Heart“ kriegt mich ja immer, es sind so viele gute Melodien, aber dieses schlichte Stückchen Musik verzaubert einfach – und wie clever, das hier in einer zum Museum gemachten Kirche spielen zu lassen. „I feel pretty“ im Warenhaus, in dem Maria putzt mit der ganzen Gegenüberstellung von der weißen Warenhauswelt und den puertoricanischen Arbeiterinnen – so deutlich , aber ohne Zeigefinger. Wir wissen, dass fast alles schon verloren ist, aber Maria darf noch mal glücklich sein und ihr Glück teilen. Und noch ein kleines Highlight: „Gee Officer Krupke“ passiert wirklich im Büro des gerade entnervt herausgelaufenen Officers. So viel stärker, als wenn es nur die Straße wäre.

Ach, und was für eine wunderbare Idee ist es, Anybodys als Rolle größer zu machen? Im Original ist das eine burschikose junge Frau, die auch ein Jet sein will – hier wird die Rolle von Iris Menas gespielt, und they ist selbst nonbinary. Damit bekommt die Rolle viel mehr Ernsthaftigkeit. Natürlich ist es in den 50ern erst recht schwierig für Menschen, die trans sind. Und diese Rolle darf heute einfach nicht mehr comic relief sein, weil auch hier einfach mehr Tiefe möglich ist. Ja, das ist ein Muster.

Und jetzt ganz ohne irgendwas zu spoilern – wenn man ein über sechzig Jahre altes Musical wirklich spoilern kann – muss ich noch etwas zum Schluss sagen. Ich habe oben schon gesagt, wie gut ich das Stück kenne. Und keine Frage, ich liebe das Musical und wer das bisher nicht gemerkt hat, muss das mit dem sinnentnehmenden Lesen noch mal üben. Aber was für mich noch nie funktioniert hat, ist der Schluss. Ja, das große tragische Ende, jada jada jada. Hat mich noch nie wirklich gepackt. Und dann saß ich im Kino und hatte einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Und ich wusste exakt, was kommen musste. Und dann kommt Spielberg halt trotzdem daher und packt ganz tief und drückt zu. Er weiß halt genau, was er tut, und in Sachen Gefühle gibt es vielleicht niemanden, der das wirklich noch besser kann.

Ja, muss ich noch mal sehen und nochmal und so …

Schwarzes Herz – keine Rezension

Es ist schon ein paar Tage her, dass ich Schwarzes Herz von Jasmina Kuhnke zu Ende gehört habe. Ich wollte erst nichts dazu schreiben, aber es bleibt ja ein Thema und ich muss mal kurz auch ein paar Gedanken versammeln. Dabei schreibe ich keine Rezension, weil ich nicht bewerten will.

  • Literatur mag die geschliffene Worte, die tiefe Geistigkeit und die gepflegte Langeweile. Das gibt es alles bei Kuhnke nicht. Die Sprache ist rau, der Ton oft aggro, die Messages sind klar und geradezu grell herausgearbeitet. Schwarzes Herz hat einen Level an Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit, wie es selten erreicht wird. Und die Messages sind natürlich unbequem. Hier ist eine Erzählerin, eine Frau, die sagt, wie sie unter Mysogynie, Rassismus, unter Tradition und Maskulinität gelitten hat. Die anklagt. Das rüttelt auf, hält den Spiegel vor und muss sehr unangenehm für die sein, die diese so toxischen Ideen und Werte verteidigen.
  • Die Person Jasmina Kuhnke ist vielfach bedroht worden, musste unter Coronabedingungen umziehen, weil sie nicht mehr sicher war, weil wir in deutschland zwar mit viel Personal Nazidemonstrationen schützen, aber nicht ihre Opfer. Das hat in Verbindung damit, dass ein Naziverlag auf der Frankfuter Buchmesse direkt neben der Bühne einen Stand hatte, auf der Kuhnke ihr Buch vorstellen sollte, zu ihrer Absage geführt. Menschen müssen in Deutschland Angst um ihr Leben haben, weil sie schwarz sind, jüdisch, muslimisch, queer – das ist leider ein Fakt und man hätte dafür sorgen können, dass es auf der FBM anders ist. Aber daran hatte die Messe kein Interesse. Und leider gab es im deutschsprachigen Feuilleton kaum etwas wichtigeres, als auch hier wieder der schwarzen Frau zu sagen, dass sie falsch liegt und dass sie aushalten muss. Das ist natürlich Unsinn. Die FBM ist Hausherrin, sie könnte dafür sorgen, dass Nazis und ihre Freunde dort nicht ausstellen dürfen. Sie könnte Rückgrat zeigen. Sie könnte sagen, nein, wir wollen uns nicht von Nazis auf den Wohnzimmertisch kacken lassen und schmeißen sie raus. Aber sie werten lieber Nazihetze zu Meinungen auf, die man aushalten muss und werfen damit marginalisierte Menschen unter den Bus. Zum Kotzen.
  • Roman … Steht drauf, ist ein Roman. Aber andererseits, folgt man Jasmina Kuhnke auf Twitter, dann erkennt man die großen Parallelen zwischen der namenlosen Erzählerin – es hat niemand einen Namen in diesem Buch, ich sollte das auch mal probieren, ich hasse das Erfinden von Namen – und der Autorin. Die gleiche Abstammung, die gleiche Profession, die Kinder und man fragt sich, wie viel Fiktion ist das denn nun? Für Kuhnke würde ich mir wünschen, dass wenigstens ein paar der Dinge, die die Erzählerin erleidet, erfunden sind. Aber es wirkt die ganze Zeit so, als ob das ihre eigene Lebensgeschichte ist und da nur Roman drauf steht, dass sie sich bei Fragen immer darauf hinausreden kann, dass Schwarzes Herz eben ein Roman ist, ein fiktives Werk. Das ändert nichts an der Qualität. Bei dem großartigen Saša Stanišić hatte ich auch nie das Gefühl, sein Erzähler sei er nicht selbst. Ich gebe aber zu, ich hatte mehr zu lachen. Aber auch Herkunft ist ein Roman und ein Lebensbericht und niemand spricht ihm die Qualität ab. Trotzdem verunsichern mich diese Romane immer ein bisschen. Mein Kopf kann nicht ohne Spekulation und eigentlich sollte ich nicht spekulieren wollen, was nun Realität ist und was Fiktion – und ich mach jetzt noch nicht mal das Fass auf, wessen Realität!
  • Keine Rezension: Eine klassische Rezension, so wie ich sie durchaus schon mal in diesem Blog veröffentliche, ist eine kritische und wertende Artikelform. Gerade das Gefühl, dass dieser Roman auch sehr stark ein Lebensbericht ist und die Selbsterkenntnis, dass ich zwar durchaus die Arroganz des Kritikers habe, über das zu urteilen, woran Menschen Jahre ihres Lebens gearbeitet haben, aber nicht genug Arroganz, über das Leben von anderen Menschen zu urteilen, sagen mir, dass ich hier keine Wertung abgeben möchte. Kein: Diese buch ist gut oder schlecht. Aber dringend, dass dieses Buch wichtig ist und in die Diskussion gehört.

Anarchie Déco – Eine Rezension

Eigentlich konnte das für mich nichts werden. Ich mag keine Krimis, aber Anarchie Déco ist zumindest teilweise einer. Und Urban Fantasy ist jetzt auch nicht der Punkt, wieso ich zu Büchern greife. Ich mag meine Fantasy in der anderen Welt. Aber geschichtliche Urban Fantasy? Nun ja, das finde ich von der Idee her schon recht spannend und … ach, ich fang einfach mal an:

Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ein Melting Pot, Ort von Kunst und Sex und allem dazwischen an jeder Ecke, aber auch Ort von Straßenschlachten zwischen Nazis und Monarchisten auf der einen und Kommunisten und Anarchisten auf der anderen Seite. Und wir fangen damit an, dass wir Nike Wehner kennenlernen, die in einer neuen Art der Physik involviert ist. Einer Art Magie. Wie sie dazu gekommen ist? Das wird elegant ausgeklammert.

Aber klar ist, man braucht Wissenschaft und Kunst, Mann und Frau, um gemeinsam Effekte auszulösen, die, na ja, eben magisch sind.

Nike ist Doktorandin und wird von ihrem Prof verpflichtet, neben ihren theoretischen Arbeiten über die Magie auch der Polizei zu helfen. Hier kommt der kurz vor der Pension stehende Kommissar Seidel ins Spiel. Und man braucht ja zu zaubern noch einen Künstler, und den findet der Prof. in Prag, von da kommt Sandor Černý, ein junger Bildhauer und polizeibekannter Anarchist. Glücklicherweise ist er nur der Prager Polizei als solcher bekannt.

Und jetzt brauchen wir noch ein paar weitere Magie ausübende Paare, unter anderem eines von der SA, und eine superreiche Architektin, eine versteinerte Vermieterin und einen in flüssigem Marmor ertrunkenen Kommunisten und schon haben wir eine ziemlich bunte Welt zusammen. Ach ja, und ein paar Leichen, also auf und die magischen Verbrechen aufklären, was?

Ich gehe gern mal auf die Barrikaden, wenn Protagonist*innen eher passiv sind. Man kann mich aber davon abhalten, in dem man den Weltenbau besonders spannend betreibt. Und der ist hier wirklich hervorragend. Eine Magie, die aus beschleunigten Elektronen und frisch gegossenen Bronzen besteht, ist schon echt faszinierend, oder? Und Charaktere mit einer Menge Facetten sind auch nicht übel. Nike, Halbägypterin und nicht ganz sicher, ob sie mit der Frauenrolle etwas anfangen kann, Sandor, der nichts anbrennen lässt und vermutlich bisexuell ist, dazu eine trans Frau, die Nike in Sachen Magie und Sexualität ein bisschen Beine macht. Ja, Diversität gibt es hier mit der ganzen Breitseite, aber nie so, dass man das Gefühl hat, es wäre gezwungen, es gibt keine Token, also diverse Charaktere die da sind, weil man halt Diversität braucht. Elegant stellen sich ja die Fragen über Sexualität und Gender, wenn das Magiesystem auf Dualität der Geschlechter basiert.

Dazu kommt natürlich diese Stadt Berlin, die eine wichtige Hauptrolle übernimmt. Und das auch nie nur in Sachen Namedropping – ich persönlich kenne mich in Berlin nicht aus, war nur einmal da und die namen sagen mir nur teilweise was -, es geht vor allem um die tolerante und weltoffene Komponente, um diesen kleinen Funken Freiheit in einer sehr unfreien Zeit. Der aber natürlich immer mit den sonstigen Verhältnissen im Land kontrastiert – und auch mit den Lebenswelten der Arbeiter, der Behörden und mit den zugewinnenden rechten Kräften. Und all das passiert. Die Zeit ist massiv antisemitisch und es gibt ein lebendiges jüdisches Leben. Die großen Köpfe der Zeit in Berlin sind größtenteils jüdisch. An diesem Sittenbild, wie man es leicht altmodisch, aber halt auch zur Zeit passend, nennen kann, gibt es nichts zu meckern, und wie schön kann man an einer ganzen Menge filmischer und anderer Erzählungen zum Thema anknüpfen. (Für mich sang öfter mal jemand „Willkommen, bienvennue, welcome!“ im Hintergrund)

Ja, Nike und Sandor sind teilweise recht passiv, insbesondere Nike. Und ja, das trübt es für mich ein bisschen, aber es wird immer wieder aufgefangen – durch tolle Charakterzeichnungen, einige wirklich witzige Momente und immer wieder durch die Faszination dieser MAgie. Für mich ist Fantasy immer dann am stärksten, wenn man eingeladen wird, daran zu glauben, sich vorzustellen, dass es manche Dinge wirklich gibt und was damit möglich wäre. Und das gelingt bei Anarchie Déco dem Autor*innenpaar J.C. Vogt. Sie gestalten eine Magie, die es bisher noch nicht gab, die ihre Wurzeln in Physik/Mathematik und der Kunst haben, die erlernbar ist, verstehbar, und doch eine weiche Magie, wie Sanderson sagen würde, weil die Regeln dieser Magie nicht klar werden – schlicht, weil die Magietreibenden selbst noch gar nicht so richtig wissen, wie dieses neue Ding funktioniert. Und damit schaffen sie etwas, was die Urban Fantasy mit ihren Werwölfen, Vampiren und was auch immer für seltsamen magischen Wesen sonst quasi nie schafft: Eine wiedererkennbare Welt, die sich auch absolut für zukünftige Abenteuer lohnt. (Der Vergleich zu Babylon Berlin wird gerne gezogen, es ist die gleiche Zeit. Ich fände eine Verfilmung spannend und ziemlich machbar.)

So richtig viel zu meckern gibt es nicht. Ein paar Perspektivsprünge waren mir speziell im Hörbuch zu abrupt, der zweite Prota Sandor hätte hier und da ein bisschen überzeugter von dem sein können, wofür er schon öfter Probleme mit der Polizei hatte. Heißt, der Teil mit der Anarchie hätte ein bisschen stärker durchleuchtet werden können. Nun, und ja, am Ende deusexmachiniert es ein bisschen. Nicht hart, aber doch spürbar.

Insgesamt ein sehr überzeugender Roman, tolle Charaktere, faszinierendes Worldbuilding, ach ja, und Einstein kommt auch drin vor. (So ein bisschen Namedropping musste halt doch sein.) Und da die Vögte ja eine der treibenden Kräfte in Sachen progressive Phantastik sind: Das hier ist, wie ich mir progressive Phantastik vorstelle. Diversität, aber nicht um ihrer selbst Willen. Politik, weil es nun mal eine sehr politische Zeit ist. Kein Zeigefinger, kein Holzpfahl, aber ein guter Roman.