Archiv für den Monat November 2014

Vom Fatshaming und dem Beleidigen von Nazis

Twitter ist mal wieder eskaliert und es wird über seltsame Sachen diskutiert. Ich unternehme einen Versuch, das alles einzuordnen.

Christopher @schmidtlepp Lauer twitterte vorgestern in Anlehnung an ein NPD-Wahlplakat, dass eine mollige Frau mit lustigen Haaren und den Spruch „Jung, frech, national!“ zeigt, eine Abwandlung in „Jung, frech, adipös!“ Fand er in dem Moment sicher einen lustigen Spruch, passiert. Wie einige andere, machte auch ich ihn darauf aufmerksam, dass Fatshaming nicht gegen Nazis hilft. Er antwortete zwar nicht mir, aber anderen mit vehementer Verteidigung seines Tweets. Später eskalierte die Diskussion noch kräftig und, ojeh, sie eskalierte schnell.

Erstmal, ich hasse Fatshaming. Ich bin selbst recht voluminös und weiß, wie es ist, aufgrund seiner Figur diskriminiert zu werden. Desweiteren: Ich mag Christopher Lauer, ich mag auch seinen aggressiven Stil mit politischen Gegnern umzugehen, und daran hat sich auch nichts geändert. Ich gehe stark davon aus, dass jedes, und ich meine damit alles und jedes, Fehler macht und nicht immer total aufmerksam ist. Bin ich auch nicht. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man alles zu ernst nehmen sollte. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass Christopher die Kritik angenommen hätte. Aber ich weiß auch, dass das schwer ist.

Desweiteren: Ich habe kein Interesse und keinen Grund, die NPD-Kandidatin in irgendeiner Weise zu verteidigen. Würde ich nie tun. Es geht nämlich gar nicht um diese Nazi – wie dekliniert man eigentlich Nazis? Der Nazi, die Nazi, das Nazi? -, es geht mir um unsere eigenen Methoden. Die Frau ist in der NPD und kandidiert für solche. Das ist eine menschenfeindliche Entscheidung, denn die NPD ist eine menschenfeindliche Partei. Natürlich gibt es keine Verteidigung für diese Frau, denn sie stellt sich außerhalb eines menschlichen Wertekanons. Wenn sie für diese Partei kandidiert, dann führt ihr Menschen- und Weltbild klar in Richtung Auschwitz.

Sie ist eine Vertreterin des ausufernden Supremacy-Gedankens. Irgendwer ist besser als andere Menschen, weil irgendwas ist. Diese Supremacy-Ideologie äußert sich in Rassismus und Homohass, in Antisemitismus und Nationalismus, aber eben auch in Sexismus und Fatshaming. Irgendeine Frau wegen ihres rundlichen Äußeren anzugreifen ist letztlich Supremacy – also genau das, was diese spezielle Frau und ihre Partei selbst verkörpert.

Klar kann man jetzt sagen, hey, wir schlagen sie dann halt mit ihren eigenen Waffen. Ich seh das anders. Ich möchte nicht, dass wir deren Waffen benutzen. Ich möchte nicht, dass wir menschenfeindlich werden, weil sie menschenfeindlich sind. Das Opfer wäre zu groß.

Bevor das jetzt wieder ausufert. Ich werfe Christopher jetzt nicht vor, ein „Schlankheitsnazi“ zu sein, und Frauen sollen entscheiden, ob sie ihm vorwerfen wollen, ein Sexist zu sein. In unserer Gesellschaft ist es Usus, über dicke Menschen zu lachen und sie zu diskriminieren, das ist tief verankert und wird medial ständig transportiert. Ebenso wird uns unser ganzes Leben lang eingeprügelt, Frauen auf ihr Äußeres zu reduzieren. Da fällt jedes mal drauf rein. Und wenn ich sofort darauf geantwortet habe, dann war das einfach sachliche Kritik, kein persönlicher Angriff. Man geht da automatisch in Verteidigungshaltung, und das ist auch normal. Also: ich halte den Tweet für ein falsches Signal, aber weder entfolge ich @schmidtlepp deswegen, noch halte ich ihn jetzt für einen bösen Menschen.

Aber eine Sache sollte eigentlich klar sein. Nicht, wie die Frau aussieht, ist das Problem, was sie denkt, ist das Problem. Und jeder Versuch, sie lächerlich zu machen – gilt übrigens ähnlich für jeden Versuch, sich über Nazis mit ableistischem Gelächter und „Boah, sind die doof!“-Schreien zu erheben – lenkt davon ab, dass sie menschenfeindlichen Scheiß vertritt. Das ist das Problem!

Quick – Blizzcon 2014 Tag I

Diese Nacht war der Beginn der Blizzcon, der Hausmesse des Computerspielgiganten Blizzard. Mit dem virtuelle Ticket war ich zeitweise direkt dabei, ein paar Sachen habe ich heute im Laufe des Tages nachgeschaut. Hier ein kurzer Bericht:
Opening:
(Man verzeihe mir, dass ich die Namen der Protagonisten nicht recherchiere, ich geb lieber weiter, was es so alles gab.) In der großen Zeremonie wurde natürlich zwanzig Jahre Warcraft und zehn Jahre World of Warcraft beschworen. Die vermutlich allgemein bekannteste Fantasyspielwelt überhaupt steht aber gar nicht so sehr im Mittelpunkt der diesjährigen Blizzcon, weil der vielfache beschworene vierte Teil von Warcraft nicht kommt – ein bisschen schade ist das schon – und weil in WoW das neue AddOn kurz vor der Tür steht, da gibt es also nichts so unbedingt Neues zu verkünden.
Nur im Kartenspielableger Hearthstone gibt es eine bald eintreffende Neuerung, die 120 neuen Karten von Goblins gegen Gnome, der ersten Erweiterung für Hearthstone. Das dazugehörende Kamingespräch habe ich aber noch nicht gesehen, kommt noch.
Interessant war, dass im Opening recht deutlich auf das Gamergate referiert wurde, dass klar gemacht wurde, dass Gamer sich auf die Gemeinsamkeiten und nicht auf das Trennende konzentrieren sollen, dass die widerlichen Verhaltensweisen, die das Gamergate ans Licht gebracht hat, von der Blizzardcommunity nicht geteilt werden sollen. Ich hätte mir das sogar noch ein bisschen deutlicher gewünscht – zumal sich ja auch Blizzard manchmal sehr testosterongesteuert gibt.
Die zweite eher kleine Ankündigung betrifft Starcraft II, das mit Legacy of the Void nun endlich zum Abschluss kommt. Dieser dritte Teil soll eine Protosskampagne spielbar machen, die mindestens so umfangreich wird, wie Heart of the Swarm – das aber aufgrund der fehlenden Länge auch hier und da kritisiert worden war. Die ersten Bilder aus Cutscenes und Kampagnenspiel waren auch schon sehr hübsch anzusehen. Blizzard hat in jedem Bereich wirklich gute Konzeptkünstler unterwegs und diese Legacy, dieser Abschluss der Serie wird ein Pflichtkauf. Allerdings geht das bisher gezeigte – die Neuerungen für Mehrspieler kommen erst diese Nacht – in eine Richtung, die sagt, dass wir genau das kriegen, was zu erwarten ist, eine gute Geschichte, einige gut Kampagnenmissionen, aber nichts sensationell Neues.
Für Diablo gibt es erst diese Nacht ein Panel, dort ist nicht mit zu viel Neuem zu rechnen.
Ein großes Ding ist natürlich im Moment Heroes of the Storm, das im Januar in die Closed Beta gehen soll. So closed wird die aber nicht sein, sind doch jetzt schon viele tausend Spieler in der Technical Alpha unterwegs – ich auch. In einem Trailer wurde neue Champions angekündigt, Warcraft schickt Jaina, Thrall und Sylvanas ins Rennen, und aus Blizzards Konsolenvergangenheit werden die Lost Vikings der erste Held, der aus drei Helden besteht. Dazu gibt es noch zwei bis drei neue Maps. Heroes kommt immer mehr ins Rollen. Dem geneigten Beobachter fällt allerdings auf, dass Starcraft und Diablo keine neuen Heroes bekommen.
Ach ja, und war da noch was? Genau, die ganz große Ankündigung war ja auch noch. Overwatch kommt! Blizzard macht jetzt auch in Shooter und das in einem neuen Franchise, denn Overwatch ist in einer relativ fantastischen Zukunft ungefähr in sechzig Jahren auf der Erde angesiedelt. Das Spiel soll rein auf PvP und 6er-Team-Maps ausgelegt werden. Besonderheit? Es gibt wie in Mobas sehr unterschiedliche Helden mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, die über die Variationen, die bei Team Fortress oder ähnlichen Shootern bekannt sind, hinausgehen sollen. Mich betrifft dieses Spiel eher weniger, Shooter mag ich nicht sonderlich – aber zugegeben, der Cinematic Trailer ist beeindruckend und witzig gemacht, das Gameplay sieht natürlich schon enorm gut aus, scheinbar funktioniert ja eh alles, was Blizz so anpackt.
Nun gut, morgen mehr.

Quick – Streik

Ach, eigentlich geht es mich ja nichts an – ich fahre nur im Schnitt einmal im Jahr mit der Bahn, alles, was ich mitbekomme, ist der eine oder andere dickere Verkehr. Hab ich es gut. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen frustriert und sauer sind, denn so ein Bahnstreik tut weh. Und das ist gut so. Er soll nämlich weh tun.
Das Streikrecht ist eine Art legaler Erpressung. Das klingt komisch, das klingt sogar irgendwie unzeitgemäß und grob. Warum gibt es denn diesen Dinosaurier noch? Ich mein, jetzt mal im Ernst, Streik, das klingt doch nach den großen Arbeitskämpfen der 80er Jahre, in denen monatelang kein Auto produziert wurde, vor allem klingt es eher nach England oder Frankreich, mit der deutschen Arbeitsmentalität passt das doch gar nicht zusammen – BULLSHIT! B.F. BULLSHIT!
Das Streikrecht ist absolut notwendig, weil Arbeitnehmer in immerwährender Erpressung durch ihre Arbeitgeber stehen. Entweder du arbeitest und gehorchst, oder du verschwindest hier! Und das bedeutet bei ARGE und Tafel betteln gehen. Das ist Erpressung pur, da ist jeder Streik harmlos gegen.
Das Streikrecht ist also nur ein Minimalausgleich im Machtgefüge.
Wenn wir uns vorstellen, es gäbe ein ausreichendes BGE, dann wäre das eine andere Sache, denn Menschen würden weder stigmatisiert noch in ernste Not geraten, wenn sie nicht arbeiteten. Dann wäre die Machtposition der Arbeitgeber deutlich geringer. Auch dann noch müsste es ein Streikrecht geben, denn die Macht wäre noch immer nicht ausgeglichen. Aber es könnte etwas anders gestrickt werden, mit höheren Hürden vielleicht.
Irgendwann mal hat man sich gedacht, naja, streiken ist ja schön und gut, aber in einigen Bereichen ist das doch eher doof. Zum Beispiel, wenn Kommunikation dadurch lahmgelegt wird, oder Transport. Deswegen hatte die Bahn mal Beamte, die Post auch. Beamte dürfen nicht streiken, die sind dem Staat durch Eid verpflichtet und wer das auf sich nimmt, der ist aus dem normalen Leben eh raus. Das hatte durchaus was für sich, es gab da sinnvolle Begründungen für.
Und dann wurde der ganze Sums privatisiert, was zumindest das Telefonieren deutlich billiger gemacht hat. Bei der Bahn hat man einfach aufgehört zu investieren und vernünftig für Nachwuchs zu sorgen, und jetzt sind natürlich auch die Lokführer keine Beamten, die man zur Arbeit an ihren Eide erinnern darf. Jetzt passieren im Fernverkehr die Streiks, die man früher im öffentlichen Nahverkehr ja auch schon immer hatte. Man kann deswegen sauer sein und rumheulen, völlig in Ordnung, aber der Vorwurf deswegen sollte nie an die Gewerkschaften gehen, die nur ihren Job machen. Die Idioten, die alles privatisieren, was nicht niet- und nagelfest ist, die gehören an dern Pranger. Die Bahn, und ihr Besitzer, der Staat, haben zu verantworten, dass die GDL einen Grund hat, in Streik zu treten. Macht eure Ausfälle einfach gleich beim Kanzleramt geltend. Oder bei der SPD, ich mein, privatisiert hat doch schließlich Rot-Grün, oder?
Wenn die Gewerkschaften übrigens seit 98 nicht alle den Schwanz eingezogen hätten und ihren eigentlichen Job, nämlich die Rechte der Arbeitnehmer zu schützen und weiterzuentwickeln, dauerhaft bestreikt hätten, dann wären wir Streiks gewohnt, dann würden die Situation jetzt auch deutlich gelassener betrachten.
Drum, auch wenn es nervt wie sau, seit bitte solidarisch mit allen Streiks, die euch so vors Näschen kommen. Und fallt bitte nicht auf die Panikmache rein, die von den Medien hochgekocht wird. Falt nicht auf die Kampagne rein, die da gefahren wird. Die Medienmacht ist beim Kapital, und das Kapital findet Streiks naturgegeben doof. Was da momentan für eine Hexenjagd auf Lokführer abgeht, ist wirklich schlimm. Als ob es nur noch RTL und Springer gäbe, so einhellig ist man momentan antigewerkschaftlich. Das ist richtig mies. Und davon sollte man sich nicht anstecken lassen.