Archiv für den Monat Dezember 2012

Zwei Texte …

Ich habe in den letzten Tage mal auswärts geschrieben, nämlich für den NRW-Landesverband, und wollte die Texte hier mal rebloggen, falls sie irgendwer noch nicht gesehen hat. Der erste entstand auf meine Anregung hin und ein Absatz stammt von Manfred Schramm, einige weitere Ideen sind von Wilk Spieker – somit ist der Text ein Gemeinschaftsprojekt des AK Bildung NRW. Der zweite Text war das 23. Türchen unseres Adventskalenders:

 

Inklusion für ein Jahr exkludiert!

Inklusion verschiebt sich um ein Jahr? Wohl eher um ein Jahrzehnt! Die Landesregierung hat den Rechtsanspruch auf Inklusion um ein Jahr verschoben. Eigentlich müssten wir das begrüßen, forderte der AK Bildungspolitik der NRW-Piraten doch schon im Januar, dass man Inklusion unbedingt machen sollte, aber richtig und nicht im ruinösen Schnellverfahren.

Mit der 9. Schulrechtsänderung will Rot-Grün mit möglichst geringen Änderungen im Schulsystem in die Inklusion starten. Das ist ein guter Gedanke, aber er sollte nicht dazu führen, dass für Eltern und Schüler freie Schulwahl und Rechtssicherheit Fremdworte werden. Und noch weniger kann es im Interesse einer Inklusion sein, dass Anträge auf Überprüfung von Förderbedarf einfach großflächig abgelehnt werden, um den Rechtsanspruch auf Förderung zu nehmen, und letztlich damit eine Menge Geld zu sparen. Das passiert jetzt schon, und man fragt sich, ob Schulämter das aus eigenem Interesse oder nach Weisung machen.

Das ist eine “kalte Inklusion”: Kommunen füllen leere Schulen mit Förderschülern ohne die Finanzierung eben der Förderung sicher zu stellen. Dazu passt, dass Kommunen und Kreise schon jetzt Förderschulen zusammenlegen und somit reduzieren, obwohl nach wie vor die Landesmittel für die Inklusion fehlen. Der Ausschluß von Teilhabe an Bildung und somit die Entrechtung ist für viele betroffene Kinder die zwangsläufige Folge.

Besonders perfide ist die Folge für einen ganzen Jahrgang betroffener Kinder, die in 2013 zur Förderschule gewiesen werden: sie müssen auch nach einem möglicherweise in 2014 endlich geltenden Rechtsanspruch auf inklusive Schule weiterhin die Förderschule besuchen. Ein Recht für Eltern und Schüler auf einen Wechsel nach der Einschulung in die Förderschule ist auch im nun aufgeschobenen Gesetzentwurf nicht vorgesehen. Jugendamt und Schulaufsichtsbehörde hingegen haben das Recht, einen Schulwechsel in beide Richtungen durchzusetzen, notfalls gegen den elterlichen Willen mit drastischen Folgen bis hin zum Entzug des elterlichen Sorgerechts. Man möchte sich nicht vorstellen, welche Auswüchse hier denkbar sind.

Insgesamt erscheint die Schulsituation in NRW damit verworrener, als man sich das mit normaler Schulbildung vorstellen kann. Inklusion wird nicht nur um ein Jahr verschoben, es ist bisher ja weder angestrebt noch gar gelungen, die Schüler ohne Förderbedarf zu inkludieren. Wie überall in Deutschland, wird auch in NRW sozial ausgegrenzt und aussortiert, was das Zeug hält. Erkenntnisse der pädagogischen Forschung, der Hirnforschung und der Psychologie werden systematisch übergangen, Inklusion wird eher als Sparmaßnahme gedacht, denn als eine wirkliche Chance für unsere Gesellschaft.

Etablierte Bildungspolitik spart sich den Gedanken, dass eine Investition in die Bildung in der Zukunft Früchte tragen würde, verwaltet lieber den Notstand und arbeitet sich an alten Ideologien ab!

Autoren: Holger Hennig/Manfred Schramm

 

Was Netzneutralität und BGE gemeinsam haben

Für manche ist es immer noch überraschend, aber wenn man die Politik der Piraten zu Ende denkt, dann kommt man immer mal wieder auf dieses Wort „Plattformneutralität“. Was steckt dahinter?

Zunächst klingt es verdächtig nach Netzneutralität – und ja, das hilft uns auch weiter: Netzneutralität beschreibt den Zustand, dass jede Information, jedes Datenpaket von den Providern in gleicher Geschwindigkeit und Qualität beim Nutzer ankommt. Also dass der Tweet vom Papst, die Rede von Frau Merkel und der neueste Upload bei der Pornoseite Eures Vertrauens unzensiert und unsortiert bei Euch ankommen, wenn ihr das wollt. Alles mit den gleichen technischen Voraussetzungen – ein Kernanliegen unserer Partei, darf auch gerne Verfassungsrang bekommen.

Und diese Gleichheit, mit der Datenpakete ankommen, wollen wir auch auf anderen Plattformen installieren. Zum Beispiel haben wir keinen Bock darauf, dass christliche Datenpakete immer noch viel schneller in die Köpfe der Menschen geschickt werden, als die anderer Religionen, oder noch schlimmer, als die Datenpakete der Aufklärung und des Humanismus. Also wollen wir echten Laizismus, eine echte Trennung von Staat und Kirchen – ja, ist ein Fernziel.

Oder in Sachen Bildung: Kein Schulsystem selektiert so stark wie das deutsche. Und das hat noch nicht mal mit irgendeinem Bundesland zu tun, das gilt für alle. Wir wollen aber die guten Schulen eben nicht nur für die, die es sich leisten können, das Abitur nur für die, deren Eltern es auch schon hatten. Die Datenpakete mit der Bildung, die so wichtig ist, sollten bei allen gleich ankommen. Das letzte, was wir brauchen, sind Barrieren!

Apropos Barrierefreiheit. Genau darum geht es eben auch. Piraten sind im Internet sozialisiert. Optimalerweise haben wir erfahren, dass wir ohne Ansehen der Person behandelt wurden, uns eine Welt geschaffen haben, die uns keine Barrieren in den Weg gestellt hat. Wir wollen das auf allen Plattformen. Deswegen fühlen sich Menschen aus dem Transgenderbereich bei uns eben so wohl, wie Menschen mit Behinderungen, deswegen gibt es bei uns echte Fortschritte in der Politik, die solche Minderheiten angehen.

Aber das ist auch der Hintergrund für unseren Traum vom BGE. Es geht nicht darum, dass Menschen fürs Nichtstun bezahlt werden – das nennt man Zinsgewinne, dafür ist die FDP zuständig. Es geht darum, dass alle Menschen einen gleichberechtigten und barrierefreien Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe bekommen. Eine durch und durch liberale Forderung, die Befreiung von der Herrschaft des Geldes.

Und wenn wir nun über Probleme nachdenken, für die wir noch keine Lösung haben, dann denken wir an Plattformneutralität und finden einen anderen, einen neuen Zugang zu Problemen, und lösen sie auf piratige Art.

 Autor: Hollarius
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Ein paar Gedanken zu einem bedenklichen Interview

Habe gerade dieses Interview der TAZ mit Bernhard Witthaut gelesen, seines Zeichens Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft. Un das ist wirklich bedenklich.
Ein paar Merkwürdigkeiten sind offensichtlich:
Da gibt es die Verbindung davon, dass alle einverstanden sein müssen, wenn sie kontrolliert werden, es aber ein Problem und eine Vorverurteilung sind, wenn die Polizei von einer unabhängigen Stelle kontrolliert würde. Herzlichen Glückwunsch, die Polizei ist also gleicher als ihre Mitbürger.
Oder die Nummer mit: „Ich verstehe den Vorwurf nicht.“ – Meine Güte, hätte die Polizei nicht jemanden zum Vorsitzenden ihrer Gewerkschaft wählen können, der die deutsche Sprache beherrscht? Die Frage ist eindeutig, und sie wird nicht beantwortet, und ich gehe davon aus, dass das Absicht ist.
Ich kann allerdings verstehen, dass Witthaut den „institutionellen Rassismus“ vehement ins Land der Märchen verbannen will. Sinnvoller wäre es allerdings, speziell wenn man an die rassistischen Polizeikarikaturen (http://wp.me/pclSX-j7) denkt – wie war das? gab es da nicht einen Kalender der Polizeigewerkschaft? Viel sinnvoller wäre es doch, da mal ernsthaft drüber nachzudenken, den Vorwurf erst mal ernsthaft zu analysieren – aber vehement zurückweisen ist einfacher, dann braucht man sich da keine Gedanken mehr drüber machen.
Aber der Knaller verbirgt sich hinter folgender Antwort auf vorhergehende Frage:
„Das ist weit weniger als im gesellschaftlichen Schnitt. Warum hinkt die Polizei hinterher? –
Unsere Anforderungen sind hoch, auch die gesundheitlichen.“ Merkt ihr selbst? Nicht? Okay: Das Argument ist, wenn man Herrn Witthaut zugesteht, dass er meint, was er sagt: Nicht originär deutsche Aspiranten sind, wie man ja weiß, weniger gesund, als die deutschen. Kommt das irgendwem bekannt vor? Ja, richtig, es erinnert an die Argumente eines Gerhard Wagner, seines Zeichens einst Reichsärzteführer, der 1935 eine Rede gehalten hat, die zu den Nürnberger Rassegesetzen führte. Nach seinen Gedanken hatten Juden nämlich häufiger Erbkrankheiten, und deshalb … ach, das könnt ihr in Geschichtsbüchern nachlesen, ihr solltet es sogar! Es ist doch interessant, dass solche eine Idee bis heute nachwirkt. (Mir fällt gerade auf, dass „Witthaut“ offenkundig von „Weißer Haut“ kommt – sehr sprechender Name, gefällt mir)
Nun also, Herr Witthaut, sie haben in diesem Interview eindrucksvoll bewisen, dass rassistische Gedankenmuster bei der Polizei verbreitet sind. Sie sollten da dringend was dran machen!

Ich mach das dann mal mit der Kandidatur …

Oh nein, nicht noch einer! Richtig, den Gedanken habe ich inzwischen ja eigentlich auch. Die Liste der Menschen, die auf die Landesliste für die Bundestagswahl wollen, schwillt stetig an. Man kann dort auch illustre Gestalten finden, aber ehrlich gesagt nicht so viele, von denen ich jetzt sagen würde: Ja, richtig, den oder die muss ich unbedingt wählen.

Ist das ein Grund, selbst den Hut in den Ring zu werfen? – Nein, erstens habe ich keinen Hut, zweitens muss es mir unglaublich egal sein, wer so alles auf der Liste steht, wenn ich mir nicht sicher bin, dass ich das selbst wirklich will und kann. Also das mit dem Mandat. Ich habe vor einem Jahr auch für die Liste in Münster kandidiert, wäre also gerne einer der heute 20Piraten gewesen. Und damals, als ich noch viel unbedarfter an die Sache gegangen bin, als mir auch klar war, dass ich keine Chance hatte, die aber nutzen wollte, da habe ich gesagt, nein, Bundestag, das wäre nichts für mich. Tja, da stehe ich jetzt doof da. Aber in der Zwischenzeit ist viel passiert. Und durch fantasievolle Erzählungen einer Schülerin wurde mein Leben größtenteils zerstört. Jetzt bin ich an einem Neuanfangspunkt. Das Verfahren ist eingestellt, ich bin unschuldig, freigesprochen, wie man es immer auch nennen mag, und ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich sage: Hallo Welt, ich war acht Monate ganz unten, aber jetzt möchte ich zurück, ich lebe noch, auch wenn sich da vielleicht manche drüber ärgern. Will heißen, ich bin auch bereit, ganz neue Ufer aufzusuchen.

Ich hätte diese ganze Krise nicht durchgestanden, wenn ich die Partei nicht gehabt hätte. Ich versuche jetzt, der Partei ein bisschen was zurück zu geben, und ich bin durchaus der Meinung, dass ein guter Wahlkampf ein Mittel zu diesem Zweck sein könnte. Ich habe auch den Vorteil, dass ich nicht auf Familie Rücksicht nehmen muss, und ja, ich gebe es gern in aller Offenheit zu, ich bin armer Künstler, ein paar Jahre wirklich gut zu verdienen, das wäre durchaus nichts, was ich total doof fände.

Die Arbeitsbelastung aushalten, ja, das kriege ich hin, die Reiserei wird mir ein bisschen auf den Zeiger gehen, aber das klappt schon. Und kann ich mit Shitstorms umgehen? Ich bin damit fertig geworden, dass man mir Missbrauch vorgeworfen hat, mir, der ich mein Geld seit Jahren nur mit dem Unterrichten von Jugendlichen und Kindern verdiene. Ich glaube, kein Shitstorm kann so brutal sein, wie von den Medien mit Namen und Bild mit einem solchen Vorwurf herumgezeigt zu werden. Und wenn doch, ach, das kriege ich jetzt auch hin.

Was kann ich? Hm, ich habe ein abgebrochenes Studium, ich habe es nicht abgebrochen, weil ich nicht recherchieren oder schnell große Mengen von Inhalten mir aneignen kann, sondern weil ich es mir letztlich nicht leisten konnte zu studieren. Das mit dem Recherchieren habe ich dann ja auch als freier Journalist einige Zeit gemacht, so lange, wie man als Freier noch ohne Werbung sein Geld verdienen konnte und dann wurde eine Redaktion geschlossen, und ich habe mir andere Tätigkeitenfelder gesucht. Der Journalismus hat mir erstens gezeigt, wie die Medien arbeiten und denken – und ich habe mir auch eine ganz brauchbare Schreibe zugelegt. Und sehr aufnahmefähig war ich dabei auch immer. Vielleicht wäre das ja gar nicht so unpraktisch für einen MdB.

Ich habe jahrelang, inzwischen ungefähr mein halbes Leben Nachhilfe gegeben. Junge Menschen durchs Abitur gebracht, weil unser Bildungssystem genau das ja fördert. Ich würde gerne den nah an prekär bezahlten Job des Nachhilfelehrers abschaffen, das Schulsystem so umbauen, dass wir die Nachhilfe nicht mehr brauchen – aber ich habe dabei auch etwas gelernt. Ich kann komplexe Zusammenhänge nicht nur selbst verstehen, ich kann sie so erklären, dass die meisten sie verstehen können.

Und dann habe ich Theater gemacht, einige Jahre, so lang, dass ich als Autodidakt irgendwann in Anspruch genommen habe, Regisseur und Theaterpädagoge zu sein. Der Teil der Politik, die Show ist, könnte davon profitieren – laut 20Piraten ist das Plenum immer nur Show, die Politik wird in den Ausschüssen und auf den Fluren gemacht. Vielleicht ist es dann ja nicht so falsch, wenn jemand dabei ist, der sich mit Show auskennt. Nebenbei, ja, ich kann vortragen, ich kann vorlesen, ich kann im Notfall auch singen – ich mein, wer weiß, wofür es gut ist. Aber vor allem weiß ich, was Timing ist, vor allem weiß ich, wie man Pointen setzt, wie man provoziert und ich schreibe nicht nur diesen Blog, ich habe auch mehr als ein Dutzend Theaterstücke geschrieben – ich versteh was davon, das gesprochene Wort vorzuproduzieren.

Inhalt, ach ja, der Inhalt, okay, da ist der Hauptgrund, weshalb ich eigentlich gar nicht die Sache mit dem Bundestag wollte. Ich habe mich bisher in Sachen Kultur und Bildung engagiert – klassische Landesthemen. Mein Blog kennt solche Themen, und ganz viele innerparteiliche Sachen – ich gebe gerne zu, in anderen Themen bin ich oft nicht so zu Hause. Aber ich war schon der Liebling einiger Lehrer, weil ich so verdammt neugierig bin. Ich kann mich auch für viele andere Sachen interessieren – und das muss nichts Innenpolitisches sein, was eh, da Kernthemen, überlaufen sein wird. Aber Ausschüsse im Bereich Entwicklungspolitik oder Landwirtschaft finde ich genauso interessant, wie in meinen eigenen Spezialthemen Kultur und Bildung.  Und in allen vier Bereichen gibt es Ausschüsse, ich bin da also gar nicht so schlecht aufgestellt.

Aber so irre das klingen mag, es ist nicht in erster Linie der Inhalt, der mich kandidieren lässt, der ist wichtig, aber ich bin mir sicher, den würden andere auch hinbekommen. Aber in einer Sache habe ich kein Vertrauen mehr, das würde ich lieber selbst machen. Ich hatte das in Münster so verstanden, dass wir uns einen Hack vorgenommen hatten. Wir wollten da in den Landtag und das Geschäft dort verstehen lernen, und dann darüber aufklären. Ich gehe jetzt davon aus, dass die 20Piraten das mit dem Verstehen geschafft haben, aber leider haben sie keine Zeit, uns das Ganze zu erklären – und wenn ich jetzt sage, dass sie ihre Prioritäten falsch gesetzt haben, weil sie lieber Minister anzeigen, als mal ein vernünftiges Wörterbuch „Landtäglich – Deutsch“ zu erstellen, dann bin ich mir der Polemik bewusst. Ich wollte ja auch nur darauf hinweisen, dass ich Polemik auch kann. Back to topic: Ich möchte, dass eine Bundestagspiratenfraktion vom ersten Tag an Gegenöffentlichkeit macht, erklärt, was man macht. Tägliche Blogeinträge, Videoblogs, Podcasts, das ganze Programm, und auch immer schön auf Social Media gestreut. Ich möchte der Mahner in jeder FraSi sein: „Und wer denkt an die Gegenöffentlichkeit?“ – auch wenn ich damit sicher sehr bald allen auf den Sack gehen werde. Ich möchte die Herrschaftssprache der Politik entschlüsseln und die Politik damit auch entzaubern – die 20Piraten – naja, viele davon –  haben sich lieber integriert, die sprechen jetzt auch schon politisch und nicht mehr piratig. Ich find das schade.

Disclaimer: Ich bin mir bewusst, dass mich jetzt viele aus den Stammtischen der 20Piraten nicht mehr wählen werden, aber hey, das ist genauso unglücklich, wie der Umstand, dass ich erst 2011 in die Partei eingetreten bin, eigentlich bin ich eh unwählbar! Aber sagte ich bereits, dass ich mich eher ungern unterkriegen lasse? Und das mich nicht mehr so viel schreckt?

Es gibt ja genug, für das mich einige steinigen werden. Zum Beispiel bin ich fürs BGE, aber auch dafür, das erst dann groß zu verkaufen, wenn ein paar mehr Menschen die Idee verstehen. Zum Beispiel bin ich für eine SMV – nicht unbedingt mit LQFB, weil ich die Software auch nicht so intuitiv finde, um  hier einen kleinen Euphemismus zu verwenden – aber prinzipiell muss das sein, denn der letzte BPT hat gezeigt, dass eine solche Veranstaltung nicht sehr effektiv ist.  Ich neige auch sonst zum Querulantentum.  Ich sage meine Meinung, nicht ohne Rücksicht auf Verluste, aber selbstbewusst und manchmal eher undiplomatisch.

Aber auf der anderen Seite kann ich durchaus ausgleichend sein, bin Teamplayer so lange man mit mir zusammen spielt. Ich verstehe etwas von Gruppendynamik, ich kann Menschen motivieren und ganz nebenbei, ich kann Kritik annehmen, kann mich von Argumenten umstimmen lassen – das ist nicht einfach, aber ich weigere mich standhaft unflexibel zu werden. Und ich habe Humor – also manchmal, und vor allem, ich nehme mich selbst nicht zu ernst. Das was ich mach, das nehme ich ernst, aber mich selbst? Nein, das überlasse ich kleineren Egos.

Wer wissen will, was ich wozu denke, der mag hier im Blog stöbern, der mag die Podcasts hören, die ich mit @ThoroughT bastel – der übrigens kein Pirat ist – oder mich im Kandidatenportal grillen. Ansonsten gibt es auch meine Nummer oder Mail-Addy hier im Impressum oder im Wiki.

Der Traum von einer diskriminierungsfreien Welt

Ich schreibe gerade an einem anderen Projekt, dafür ist der folgende Text entstanden, den ich aus Gründen mal vorab veröffentlichen möchte:

 

Heute schon diskriminiert? Nein, dann habt Ihr einen guten Tag. Denn wir alle machen es ständig. Ich für meinen Teil habe da ein jahrelanges Lernen hinter mir, und ich bin mir darüber im Klaren, dass ich mich immer noch häufig bei rassistischen und sexistischen und sonst was für Gedanken erwische – und eigentlich war ich schon vor dem Lernprozess ein Mensch, dem solche Gedanken zuwider waren, wenn sie öffentlich geäußert wurden. Ich mochte schon als Kind keine Judenwitze, über die mit den Äthiopiern konnte ich in den Achtzigern nicht so richtig lachen und Blondinenwitze verfingen sich mit ihrer Frauenfeindlichkeit nicht bei mir.

Trotzdem habe ich erst so richtig die Augen aufbekommen, als ich „Deutschland Schwarz Weiss“ von Noah Sow las. Anhand des Rassismus kriegt man da schmerzhaft und eindeutig um die Ohren gehauen, was man für tradierte beschissene Muster im Kopf hat. Sollte man auch tun.

Ich habe mich selbst überprüft, habe mich gefragt, ob ich diese Gedanken habe, die, dass People of Colour (PoC) automatisch dümmer sind, aber schnell laufen und gut singen können, die Gedanken, dass ich Angst haben muss, wenn jemand orientalisch wirkt, die, dass Asiaten weniger individuell als Europäer sind. Und ich habe gemerkt, klar habe ich solche Vorurteile. Meistens nur irgendwo tief verkramt, aber manchmal kommen solche Gedanken, und ich habe keine Ahnung, warum ich diese Atavismen im Kopf habe. Aber wir sind alle Kinder unserer Erziehung, und ich bin in den 70ern geboren, als „ausländische Mitbürger“ noch „Kanaken“ waren. Und wie oft sind diese Rassismen in der Sportberichterstattung wiederholt worden, dass nur Schwarze schnell laufen können? Oder höher mit einem Basketball springen?

Wir sind umgeben von Rassismus. Wir sind auch umgeben von Homophobie – die auch noch euphemisiert benannt ist, haben doch Homosexuelle deutlich mehr Grund zur Angst vor Homophoben las Homophobe vor den berüchtigten Schwulenkommandos, die Heteros nachts durch die Stadt hetzen – ihr bekommt die Ironie mit? Danke, das ist auch besser so!

Das gleiche Problem besteht übrigens im Bereich der Islamophobie, die nichts anderes als eine Form des Rassismus ist, nichts anderes als sinnloser Hass. Und wie gleichen sich die Texte und Argumente? Nehmt einen antiislamischen Text von heute, setzt für „Islamisierung“ „Verjudung“ ein und ihr wisst, welch Geistes Kind die Autoren sind. Und natürlich gibt es auch hier keine Phobie – ha, das klingt ja sogar wie eine kleine psychische Störung. Hass ist aber keine psychische Störung, Hass ist bewusstes Tun.

Wir sind natürlich, und das in einem Maße, wie es uns vermutlich nur äußerst selten klar wird, von Sexismus umgeben. Patriarchale Strukturen haben sich nicht nur seit Jahrtausenden in unserer Kultur eingegraben, sie sind auch bei aller Arbeit seit ´68 heute nicht zurückgedrängt. Ja es ist in den letzten dreißig Jahren mit Sicherheit wieder schlimmer geworden. Deutschlands erfolgreichster Comedian lebt vom Sexismus, es wird in Kinderklamotten gegendert, dass es weh tut und insgesamt rollensortiert, wie zuletzt in den frühen Sechzigern. Und die Frauen wundern sich immer noch, dass sie weniger verdienen – Sexismus ist System und die Frauen lassen es zu, ja, sie bestätigen das System, weil ihre Form des Wehrens wohl auch die falsche ist. Aber ich werde hier nicht die Feminismusdebatte aufmachen, ich kann sie nicht lösen. Es ist auch nicht so einfach, ich bin biologisch männlich, nehme diese Rolle auch an und ich bin auch noch heterosexuell. Das heißt, ich bin auch gar nicht wirklich berechtigt, bei der Gleichberechtigung mitzureden, ich muss erst mal dafür sorgen, dass ich meine eigenen Sexismen in den Griff bekomme.

Immerhin weiß ich schon von ziemlich früher Jugend an, was es heißt, diskriminiert zu werden. Ich gehöre zu einer gar nicht so geringen Zahl an Menschen, die zum Abschuss allgemein frei gegeben sind. Ich bin dick. Und noch nicht mal ein bisschen, sondern schon ziemlich. So habe ich auf der einen Seite das Weißer-Mann-Privileg, das natürlich gewaltig ist, auf der anderen Seite weiß ich aber eben auch, was es heißt, selbst diskriminiert zu werden.

Und das Diskriminieren von Übergewichtigen ist Volkssport, es ist ja auch unglaublich praktisch. Wir haben hier einen ganz ähnlichen Mechanismus wie bei der sexualfeindlichen Religion. Diese erzählt Menschen in ihrer leidenschaftlichsten Zeit, sie sollten bis zur Ehe warten und auch ja nicht Hand an sich legen. Das führt automatisch zu Verstößen gegen die auferlegten Regeln und somit zu Machtgewinn bei den Erwachsenen, speziell natürlich bei den Geistlichen, auf jeden Fall bei allen, die im gesellschaftlichen und religiösen Status höher stehen. Bei Übergewichtigen – schon das Wort ist scheiße, ich bin nicht übergewichtig, ich habe genauso viel Gewicht, wie ich nun mal habe, da ist nichts „über“, das ist alles ich! – gibt es jede Menge Vorschriften, die von der Gesellschaft auferlegt bekommt, und die man mit seinem Gewicht bricht. Man hat also gefälligst immer ein schlechtes Gewissen zu haben – es sei denn, man macht sich selbst zum Vollclown, wie Herr Calmund das macht. Dann darf man sogar einen Halbpromistatus besitzen – oder man hat genug Geld und Macht, dann braucht man sich natürlich auch nicht rechtfertigen. Aber die Sache ist ja die, dass es in unserer Gesellschaft mit dem vielen billigen schlechten Essen sehr leicht ist, fett zu werden. Und es ist dann eben nicht so leicht, das zurückzudrehen, und anstatt dass die Gesellschaft sagt, hey, ist okay, sei wie du bist, du darfst, passiert das Gegenteil. Du wirst schief angeschaut, nein, du wirst definitiv diskriminiert – ich vermute, für Frauen ist es noch eine Stufe schlimmer als für Männer, allerdings kommen die wahrscheinlich dann immer noch besser an Sex – aber so sehr ins Detail wollte ich gar nicht und vielleicht war das auch gerade nur ein sexistisches Vorurteil, denn was weiß ich über den Sex von dicken Frauen?

Bist du fett, kriegst du einen Job nur, wenn du deutlich besser als der Rest bist, man traut dir keine Belastbarkeit zu, man traut dir keinen schnellen Geist zu. Dafür traut man dir allerdings alles Mögliche andere zu, aber das würde jetzt auch wieder zu weit führen. Nur so viel: Es ist nicht von Vorteil, wenn du mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten willst, wenn du fett, männlich und ledig bist. Richtig doofe Kombo.

Mir ist übrigens durch so einige Sachen klar geworden, dass es durchaus nicht so ist, dass Diskriminierung nur in eine Richtung geht. Ja, als weißer Mann habe ich unglaubliche Privilegien, Männerbünde fort he win. Aber in der Öffentlichkeit muss jeder Vater überlegen, ob er seine zehnjährige Tochter noch an der Hand halten darf – meine Nichte ist zwölf und manchmal anhänglich, ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Öffentlichkeit meine Hand nicht zurückziehen würde.

Ja, an dieser Stelle gibt es Diskriminierung gegen Männer. Ich weiß, an viel mehr Stellen werden Frauen diskriminiert, aber das macht dieses Problem nicht weg.

Eines noch vor dem großen Fazit: Auch wenn es wehtut, man muss gerade in diesem Bereich ein verdammtes Mal auf Entschuldigungen verzichten – noch besser ist es, Entschuldigungen überhaupt zu meiden! – und sich nicht versuchen herauszureden, wenn man beim Diskriminieren „erwischt“ wurde. Jeder, der sich damit mal ernsthaft beschäftigt hat, weiß, dass niemand vor dem Diskriminieren gefeit ist. Also bitte nicht ausflüchten. Keine Wortklaubereien, wieso dieses oder jenes gar nicht so gemeint war. Kein: „Mein Kumpel ist schwul, also kann ich doch nicht schwulenfeindlich sein!“ Wenn ihr diskriminiert, dann ist das nicht schön, aber wir tun das alle. Wenn wir die Kritik einfach annehmen und damit nicht weiter machen, dann hilft das. Wenn wir abstreiten, ausflüchten und Entschuldigungen suchen, dann machen wir mit der Diskriminierung weiter.

Ich träume von einer Welt ohne Diskriminierung und ich finde, das ist eine Utopie, die man nicht hoch genug halten kann. Und auch wenn es sicherlich für immer eine Utopie bleiben muss, und auch wenn es zum Beispiel genauso eine Utopie ist, irgendeinen Teil der Gesellschaft diskriminierungsfrei zu gestalten, so sollte es doch für jeden ein Ziel sein, so etwas zu erreichen.

Funktionieren kann das nur, wenn man sich immer wieder klar macht, dass all die Kategorien, die Schubladen, in die man Menschen einsortiert, Unsinn sind. Egal wie Mensch ist, wie  Mensch aussieht, woher die Eltern  stammen, welches Geschlecht Mensch biologisch erfüllt und welches es für sich wählt, egal wie ihre Körperform ist und welche Körperteile er hat oder nicht hat. Das ändert doch nichts daran, dass Mensch Mensch ist. Und als solches sind Menschen schlicht und einfach gleich zu behandeln. Es darf keine Ausschlusskriterien geben, weil die alle heißen, dass es eine Seite gibt, die Zugang hat, und die denen, die keinen Zugang haben, ein Leid tun, wie ich es gerade mal von Goethe klauen möchte. Da wird Schaden angerichtet. Und da helfen keine guten Tipps, da hilft kein Aushalten, der Schaden wird mit jeder Diskriminierung angerichtet. Und alles, was man tun kann, ist versuchen, selbst so wenig wie möglich zum Täter zu werden.

Der Albtraum ist vorbei – Mein Verfahren ist eingestellt …

Ich habe eben einen Text geschrieben, da war alles, was mich heute bewegt noch total frisch. In der totalen Emotionalität habe ich geschrieben:

Für viele wird diese Überschrift jetzt kryptisch sein, aber ich muss da gerade mal etwas herausschreien: DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT!!!!1elf!!!! Ich bin noch etwas emotional, die Last von fast acht Monaten ist gerade von mir abgefallen. Ich werde das noch verarbeiten müssen. Ich habe auch immer noch Tränen in den Augen, ich kann noch nicht so richtig frei atmen, es ist alles noch zu frisch. Ich stand eben beim Bäcker an der Theke, als meine Anwältin anrief, und mir verkündete, dass ich dieses Jahr Weihnachten einfach mal um zehn Tage vorziehen dürfte.

(Der Autor in mir möchte das jetzt mal irgendwie strukturiert haben.)

Was für ein Verfahren, wozu hast du eine Anwältin? – Nun, vor knapp acht Monaten zeigten mich die Eltern einer Schülerin an. Es ging um Missbrauch einer Anvertrauten, die „Opfer“-anwältin sprach sogar von Kindesmissbrauch. Jetzt kann man sich in einem solchen Fall so unschuldig fühlen wie man will, die Welt bricht trotzdem zusammen. Genau das passierte. Ich wurde aus dem Haus ausgesperrt, dessen Theaterarbeit ich die letzten Jahre geprägt habe, ich durfte bald gar nicht mehr arbeiten. Und weil ich auch noch Direktkandidat bei der Landtagswahl war, fand ein Journalist es auch noch lustig, das gegen mich eingeleitete Ermittlungsverfahren nicht nur in die Zeitung zu bringen, nein, er nannte mich auch noch mit vollem Namen, die BLÖD entblödete sich natürlich desweiteren auch nicht, auch noch das Foto aus meinem Wikiprofil zu klauen (Hallo? Urheberrecht? Leistungsschutzrecht? Und überhaupt?) und mich gleich so der Welt zu präsentieren. Danke! Großartige journalistische Arbeit! NICHT! (Ihr merkt, ich bin immer noch etwas emotional, aber das geht halt gerade auch nicht anders.)

Ich bin Künstler, sogar piratiger Künstler, so hat es mir bis zu diesem Tage im Mai eigentlich noch nie was ausgemacht, was wer über mich sagt. Ich lebe nicht mit kunstvoll errichteten Fassaden, ich kehre mein Innerstes in meinen Texten und Stücken und auch im ganz normalen Leben recht gern und häufig nach außen. Aber hier ging es natürlich um etwas anderes. Werden in Zukunft, nachdem so viel Scheiße über mich gekübelt wurde, noch Eltern mir ihre Kinder anvertrauen? Eine Frage, die ich gerade nicht beantworten kann, und ein Grund, warum ich mich zwar jetzt frei fühle, aber ich weiß natürlich, dass noch viele Berge vor mir liegen, über die ich rüber muss.

Ich habe ein Jahr durchlitten, dass mehr als düster war. Wer sich einen Eindruck machen will, kann ja in Phantasmorghul ein bisschen kramen. Mein Künstlerblog hat mich in den dunkelsten Momenten irgendwie über Wasser gehalten, weil ich dort alles verarbeiten konnte, was da in mir an Depression, an Verzweiflung war. Und es gab Freunde, die mir geholfen haben, Familie, die für mich da war. Ich weiß nicht, ob ich ohne die alle noch da wäre. Und es gibt da eine Partei. Und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, waren fast durchgehend positiv. Vor allem gab es da viele Menschen, mit denen ich, egal ob sie etwas davon wussten oder nicht, vertraut zusammenarbeiten konnte. Und das hat unendlich gut getan.

(Ist da jetzt eine Struktur? – Nein, egal!)

Also jetzt eingestellt, Mangel an Beweisen, oder was? – Nein, ich bin leider kein Jurist, oder auch glücklicherweise, und ich habe vergessen, wie der Fachterminus ist. Ihr dürft ihn gerne in die Kommentare schreiben, wenn ihr ihn wisst. Gemeint ist auf jeden Fall, dass die Staatsanwaltschaft nicht genug an meine Schuld glaubt, dass sie eine Hauptverhandlung beantragt. Das entspricht einem Freispruch vor Gericht. Es heißt schlicht und einfach, dass ich unschuldig bin. So, jetzt überrascht mich das natürlich nicht. Seit Monaten sage ich, dass das Verfahren eingestellt werden wird, ich weiß ja, dass ich unschuldig bin. Aber es ist keine Frage von Überraschung, wer mal auch nur einen kleinen Einblick in die Justiz findet, der kann es durchaus mit der Angst bekommen. Da geht es nämlich gar nicht so rational zu, wie wir uns das wünschen würden. Letztlich gibt es in einem solchen Fall nicht so fürchterlich viele Beweise. Es kommt also darauf an, wem mehr geglaubt wird. Jetzt habe ich bis heute keine Aussage gemacht – weil meine Anwältin das für die beste Taktik hielt -, und ich werde es auch nicht tun, weil ich den Schorf nicht abreißen will, der sich so gerade über meinen Wunden gebildet hat. Mir reicht es, dass ich nicht nur selbst weiß, dass ich unschuldig bin, sondern das jetzt auch von der Staatsanwaltschaft noch schriftlich bekomme.

Jetzt könnte ich noch lange klagen, zum Beispiel über die zehntausend Euro, die mich der Spaß wohl insgesamt kostet, dass ich völlig pleite bin und nicht weiß, wie lange mein Auto noch fährt. Aber das Klagen ist jetzt vorbei, denn ich bin frei. Der Vorwurf ist weg. Und das ist ein Weihnachtsgeschenk, wie ich noch keines hatte. Meine Fresse, tut das gut.

Jetzt ist es fast Weihnachten, und zu jedem Weihnachten gehört für mich „Ist das Leben nicht schön?“, der Weihnachtsklassiker, den ich mal auf eine Bühne gebracht habe, mit dem ich viele Menschen begeistert und glücklich gemacht habe. Jetzt wünsche ich mir nur noch einen Engel – ja, ich weiß, ich glaube nicht an so was 😉 – einen Engel wie Clarence, der mir mein Leben zurückgibt.

„Clarence! Clarence! Ich will leben! Bitte Clarence, ich will leben, gib mir mein Leben zurück!“