Sterling E. Lanier – Hieros Reise (1973) – Klassische Phantastik I

Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Die Erde fünftausend Jahre nach dem heißen Tod aka Drittem Weltkrieg. Per Hiero Desteen ist Vollkämpfer und Priester der Universalkirche der Ottwah-Liga in Kanda aus der Republik Metz und ist von seinem Abt auf eine Queste geschickt worden. Zusammen mit seinem treuen Reittier Klootz – einem vier Meter hohen Ellk-Stier – und bald auch dem jungen Abgesandten einer intelligenten Bärenrasse namens Gorm kämpft er gegen die unheimlichen Unreinen mit ihren Verbündeten, den Lemut – eine Verballhornung von lethale Mutationen.

Das ist zwar eigentlich SF – mehr Post von der Apokalypse geht ja kaum – ist aber die abgedrehteste Fantasy, die man sich damals vorstellen konnte. Das Buch ist von 1973. Jede Menge wildester Mutationen, eine Menge davon von unfassbarer Größe – bärgroße Frösche, hausgroße Schwäne und vieles mehr – dazu noch Psi-Kräfte und eine Geschichte, die gar nicht so weit weg von James Bond ist. Schließlich ist Hiero in geheimer Mission unterwegs und ja, hin und wieder muss er auch Gewalt anwenden.

Dafür ist er von einer Heldenreise – trotz der Reise – recht weit weg. Als wir ihn treffen, ist er schon unterwegs und ganz nebenbei ist er auch fast ein Superheld. Geschulter Kämpfer, hervorragend seine Geisteskräfte nutzend und darin sogar ziemlich erfinderisch – ihm gelingt schon das meiste, was er sich vornimmt – andererseits schafft er es trotzdem, sich so weit in Schwierigektien zu bringen, dass es sogar an einer Stelle einen kleinen Gott aus der Maschine braucht, dass Hiero gut aus einer Klemme wieder herauskommt.

Also ist es gar nicht so richtig spannend? Nun, es gibt sicher viele Bücher mit einem besseren, clevereren Plot. Aber kaum eines mit so viel Phantasie. Natürlich basiert das alles auf den Horrorfilmen der Sechziger, in dem ständig irgendein Tier mutierte und dadurch zur Gefahr wurde – Lanier treibt es viel wilder, lässt schrecklich und gefährliche Mutationen nicht aus, spielt aber auch mit grandiosen Wundern der Natur, die eben auch durch die Mutationen ins Spiel der Welt gekommen sind. Wir sind ja auch fünftausend Jahre weiter, da kann ja auch viel passieren.

Lanier war in einigen Bereichen durchaus fortschrittlich. Hiero kommt aus einer Republik, das Zölibat ist lange abgeschafft, die Metz sind Nachkommen von sogenannten „Mestiken“ und die einzigen Weißen, die im Buch vorkommen, gehören zu einem Stamm von barbarischen Wilden.

Love Interest Lucare kommt dafür aus einem neofeudalistischen Kleinstaat, in dem etwas rückständige Christen in Harmonie mit den „Davids“ und den „Mumanen“ leben – und alle Einwohner sind schwarz.

Wichtig sind auch die „Elfer“, eine Art ökologischer Bruderschaft, die das elfte Gebot, nämlich die Erde und allem Leben auf ihr zu dienen, mit großer Konsequenz durchsetzen wollen.

Aber das alles ist ziemlich heteronormativ und sehr männlich. Es gibt quasi nur eine weibliche Figur und die ist der Love Interest. Der Bechdeltest geht hier richtig schief. Selbst die tierischen Begleiter sind alles Kerle.

Hieros Reise ist übrigens der erste Band einer Duologie, die als Trilogie geplant war. Es hatte mal eine gewisse Prominenz – schade eigentlich, dass es damals niemanden gab, der das Buch hätte verfilmen können und heute kennt es kaum noch jemand. Ich würde ja gerne mal sehen, wie ein Ellk durch eine Horde von bösartigen intelligenten Froschwesen pflügt.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Januar 13, 2022 in Nicht kategorisiert und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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